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Schicht im Schacht auf Schalke

Vier Runden sind in der deutschen Fußballbundesliga noch zu spielen, doch für den FC Schalke 04 gehen schon jetzt die Lichter aus: Der Abstieg ist amtlich.

Gelsenkirchen. Was sich schon die ganze Saison 2020/21 über abzeichnete – sie begann mit einem 0:8 gegen Bayern München –, ist mit dem 30. Spieltag der deutschen Fußballbundesliga mathematisch fix: Der FC Schalke 04 steigt in die zweite Liga ab. Nach der 0:1‑Niederlage gegen Arminia Bielefeld im NRW-Kellerduell ist es dem Traditionsklub aus Gelsenkirchen rechnerisch und real nicht mehr möglich, den rettenden 15. oder wenigstens den dahinterliegenden Relegationsplatz zu erreichen. Man verbleibt mit lediglich 13 Punkten – das sind halb so viele wie der Vorletzte hat – abgeschlagen am Tabellenende. Nur wenige Teams waren in der Bundesligageschichte chancenloser (Stichwort Tasmania) – und das ist es auch, was die Fans der Königsblauen besonders verärgert: Es gab kein Aufbäumen, keinen Kampf, keine Leidenschaft, kein Erzwingen, keinen unbedingten Willen – all die Eigenschaften, die den Mythos Schalke ausmachen, fehlten in der kompletten Saison. Auch die Vereinsführung war nicht in der Lage, das Ruder herumzureißen: Fünf Trainer wurden verbraucht – darunter nochmals Huub Stevens –, und auch namentlich prominente Spielerzugänge wie Mustafi, Huntelaar und Kolašinac brachten nichts.

Damit steht Schalke also der unrühmliche Abstieg in die 2. Bundesliga bevor, der vierte nach 1981, 1983 und 1988. Dabei war die jüngere Vergangenheit vielversprechend: 2018/19 spielte man noch in der UEFA Champions League, 2011 stand man sogar im CL-Semifinale, im selben Jahr gelang der fünfte nationale Pokalsieg, 2013/14 wurde Schalke noch Vizemeister. Der größte Erfolg stammt aus dem Jahr 1997 mit dem Sieg im UEFA-Cup. Umso erstaunlicher der nunmehrige Absturz des Traditionsvereins. Natürlich, die deutschen Meisterschaften, die man errungen hat, liegen schon länger zurück – der letzte diesbezügliche Titelgewinn gelang 1958. Von 1934 bis 1942 wurde Schalke sogar sechsmal Meister, wenngleich unter den Begleiterscheinungen des NS-Faschismus und von diesem propagandistisch missbraucht. Hier liegt übrigens auch die Verbindung Schalkes zum österreichischen Fußball: Das Endspiel um die deutsche Fußballmeisterschaft am 22. Juni 1941 im Berliner Olympiastadion brachte Titelverteidiger Schalke und Rapid Wien zusammen – die Hütteldorfer siegten nach 0:3‑Rückstand noch mit 4:3 und sind der einzige deutsche Meister aus der annektierten „Ostmark“. Das historische Datum war freilich auch jenes des deutsch-faschistischen Überfalls auf die UdSSR, und Rapid-Stürmer Franz Binder, der im Finalspiel binnen zehn Minuten einen entscheidenden Hattrick erzielt hatte, fand sich bald in Wehrmachtsuniform an der Ostfront wieder…

Doch zurück zu Schalkes Gegenwart. Der Profifußball ist durch und durch der kapitalistischen Profitmacherei unterworfen, auch ohne abgehobene „Super League“ – dafür sorgen die momentan besonders heuchlerische UEFA ebenso wie DFB/DFL. Insofern repräsentiert der FC Schalke – wie übrigens auch Rapid Wien – in Wirklichkeit längst nicht mehr jenen „Arbeiterfußball“, der ihnen unterstellt wurde und wird. Trotzdem sind es dieser Mythos, die Verbundenheit mit dem Bergbau im Ruhrgebiet sowie die „proletarische“ Anhängerschaft, die S04 zu etwas ganz Besonderem machen, das in der 1. Bundesliga fehlen wird – gerade dann, wenn die CL-Plätze ohnedies nur noch an Münchner Millionäre, ein Wolfsburger Konzernteam und ein Leipziger PR-Franchise gehen. Insofern kann man nur hoffen, dass den „Knappen“ in der Saison 2021/22 der sofortige Wiederaufstieg gelingt – aber dafür braucht Schalke nun zuerst einmal so etwas wie eine Fußballmannschaft.

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