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Die gekaufte Wissenschaft

Fünf Sechstel der Forschung sind in Deutschland weisungsgebunden, auch an den Universitäten forscht bereits jede/r zweite Professor/in im Dienste der Geldgeber. Kommt es in der Großindustrie zu einem Zielkonflikt zwischen Gewinn und Wahrheit, siegt praktisch immer der Gewinn.

BRD. In Deutschland ist momentan nur etwa ein Sechstel der gesamten Forschung frei, fünf Sechstel sind weisungsgebundene Forschung, der größte Teil davon im Dienste der Industrie, ein kleinerer Teil durch detaillierte staatsbürokratische Vorgaben. Anders ausgedrückt: Von den gut 700.000 Menschen, die in Deutschland forschen (Vollzeitäquivalente) können weit über 500.000 nicht ihren eigenen Forschungsfragen nachgehen, sondern bekommen Vorgaben von der Konzernleitung oder anderen Stabsstellen, worüber sie zu forschen haben.

Jeder zweite Forschungseuro an Unis von Auftraggebern

In den allermeisten Fällen geht es dabei um die Frage, wie die Gewinne maximiert werden können, und nicht darum, was gut für Land und Leute ist. Selbst an den staatlichen Hochschulen steht nur mehr etwa jeder zweite Forschungseuro für freie Forschung zur Verfügung, die andere Hälfte wird über Drittmittelgeber vorgeschrieben. Selbst an den Universitäten und Fachhochschulen kann also nur mehr etwa jeder zweite Professor frei forschen, und jeder zweite forscht über das, was mit dem Drittmittelgeber vereinbart wurde. Die freie Forschung hat in den letzten etwa 30 Jahren in Deutschland stark abgenommen.

Je stärker die Gewinnorientierung, umso schlimmer die Ergebnisse

Das Problem ist, dass der allergrößte (und in den letzten Jahren immer weiter steigende) Teil der Forschung im Dienste der Gewinnmaximierung steht. Gewinnmaximierung und Wahrheit haben aber nichts miteinander zu tun, im Gegenteil. Je stärker die Gewinnorientierung der Forschung, umso schlimmer die Ergebnisse für Land und Leute, wie das Beispiel Dieselskandal beeindruckend zeigt (aber auch viele Dutzend weitere Beispiele).

Wenn es in der Großindustrie zu einem Zielkonflikt zwischen Gewinn und Wahrheit kommt, siegt praktisch immer der Gewinn. Konkret: Wenn die Wahrheit gesagt wird, dass Dieselemissionen ungesund sind und nicht unter ein gewisses Mindestmaß reduziert werden können, dann führt man eine Lügensoftware ein, die scheinbar das Gegenteil zeigt. Der Dieselskandal hat Zigtausende Menschenleben gekostet – aber die Gewinne der Autokonzerne dramatisch erhöht. Wenn dieses Industrieprinzip – Gewinn vor Wahrheit – in unsere Universitäts- und Fachhochschulforschung einzieht, was es seit mehreren Jahrzehnten ganz massiv tut, dann ist das in größtmöglichem Maße schädlich für Mensch, Tier und Umwelt.

…wo man buchstäblich über Leichen geht…

Ein anderer Klassiker ist die Zigarettenindustrie, die jahrzehntelang über (stillschweigend) gekaufte und gefälschte, scheinbar unabhängige Universitätsforschung „wissenschaftlich bewiesen“ hat, dass Rauchen oder Passivrauchen gar nicht wirklich gesundheitsschädigend ist. Das hat die Gewinne um viele hundert Milliarden Dollar erhöht und Millionen Menschen den vorzeitigen Tod gebracht und noch viel mehr Menschen Krankheit und Leid. Die Gesundheitsfolgen sind den Konzernlenkern bzw. den großen Aktionären dahinter normalerweise reichlich egal, Hauptsache die Rendite stimmt.

Aber nicht nur die Auto- oder Tabakindustrie arbeiten nach diesem Prinzip, sondern viele, wenn nicht alle großen Industriezweige. Besonders prominent ist die Pharmaindustrie, wo das Prinzip Gewinn vor Wahrheit seit Jahrzehnten die Grundmaxime ist und wo man buchstäblich über Leichen geht, um die Gewinne zu erhöhen. Aber auch aus der Chemieindustrie (Stichwort Glyphosat, Holzschutzmittel, Dioxin) und der Lebensmittelindustrie (Big Food, Big Sugar), gibt es viele Beispiele für korrumpierte Forschung, ebenso aus der Medienindustrie und vielen vielen anderen Branchen.

Kapitalismus überwinden

Es gilt letztlich für alle nach dem Gewinnmaximierungsprinzip arbeitenden Konzerne. Gewinnmaximierung ist der Tod aller unabhängigen Wahrheitsfindung. In dem Maße, in dem gewinnmaximierende Konzerne über Geld- oder Lobbykanäle Einfluss auf unsere Hochschulforschung gewinnen, in dem Maße wird die Forschung korrumpiert und meistens für uns schädlich. Und genau das geschieht in den letzten Jahrzehnten in immer größerem Umfang.

Da im Kapitalismus gesetzmäßig alles dem Profit untergeordnet wird, kann es eine Forschung, die dem Interesse der Menschen, und nicht der Konzerne dient, erst in einer Gesellschaft geben, die den Kapitalismus überwunden hat, dem Sozialismus.

Quelle: heise​.de (Der Text wurde dem Buch „Gekaufte Wissenschaft. Wie uns manipulierte Hochschulforschung schadet und was wir dagegen tun können“ von Christian Kreiß entnommen.)

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