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Studie attestiert Hauskatzen Schrumpfgehirne

Die Domestizierung der Falbkatze führte zu einer evolutionären Verkleinerung des Gehirnvolumens bei den Tieren: Die heutige Hauskatze kommt mit weniger grauen Zellen aus als ihre wilden Verwandten.

Wien/London. Nein, keine Sorge: Unsere Fellnasenlieblinge verblöden nicht. Zwar mag dies das eine oder andere zeitverschwendende und halblustige „Fail!“-Video mit Cat Content suggerieren, doch dabei handelt es sich um individuelle Fehlleistungen ohne wissenschaftliche Aussagekraft. Auch sei davon abgeraten, dubiose Online-„IQ-Tests“ für Katzen auszufüllen und daraus Schlüsse auf die Geisteskraft der Heimmiezen zu ziehen, denn diese Fragebögen verraten in Wirklichkeit mehr über das leichtgläubige Herrchen oder Frauchen.

Nichtsdestotrotz: Eine Studie von Wissenschaftlern der Universität Wien, die im britischen Magazin „Royal Society Open Science“ publiziert wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass die Gehirne von Hauskatzen (Felis catus) erheblich kleiner sind als jene von europäischen Wildkatzen (Felis silvestris) und Falbkatzen (Felis lybica). Die mehr oder minder domestizierten Mitbewohner unserer Häuser und Wohnungen stammen übrigens von den letztgenannten ab, womit der Vergleich mit der einheimischen Wildkatze, der einen Unterschied von 25 Prozent Gehirnvolumen ergibt, ohnedies ein bissel unfair ist. Die Diskrepanz zu den direkten Vorfahren, der afrikanischen Falbkatze, implizierte jedoch, dass die Zähmung durch den Menschen bei den nunmehrigen Hauskatzen eine evolutionäre Entwicklung in Richtung kleinerer Schädel und Gehirne mit sich brachte.

Warum das so war, ist nicht gänzlich klar. Die Studie bietet diesbezüglich Hypothesen an, die noch zu verifizieren sind. Eine Möglichkeit besteht darin, dass im Hintergrund eine reduzierte Funktion bestimmter Stammzellen („Neuralleistenzellen“) indirekte Auswirkungen auf die Bildung von Stresshormonen haben. In diesem Fall ginge diese „Unter-“ oder „Rückentwicklung“ tatsächlich Hand in Hand mit der Zweckmäßigkeit im Rahmen der Domestikation oder zumindest eines gedeihlichen Zusammenlebens mit Menschen, dass Hauskatzen weniger aggressiv und weniger schreckhaft sind als wilde Vorfahren – also eben zahm. Wildkatzen hingegen waren und sind auf ein anderes, höheres Level der neurologisch bedingten Wach- und Aufmerksamkeit angewiesen, um in einer feindlicheren Umgebung als Menschenwohnungen zu überleben. Ein anderer Erklärungsversuch wäre, dass Hauskatzen deshalb an Gehirnvolumen verloren haben, um im Gegenzug ein besseres und umfassenderes Verdauungssystem zu entwickeln – denn das von Menschen bereitgestellte Futter ist offenbar eine größere Herausforderung und bekanntermaßen oft geradezu eine Zumutung für den Katzenmagen und ‑darm als natürliche Nahrung, d.h. Jagdbeute in der Wildnis.

Wie dem auch sei – aus all dem geht nicht zwingend hervor, dass Hauskatzen nun generell dümmer als Wildkatzen wären. Sie haben sich im Zuge der Kulturfolge und Domestizierung lediglich entsprechend den neuen Bedingungen und Anforderungen angepasst, wenngleich dies einen gewissen menschlichen Eingriff in die Evolution bedeutet. Ähnliches gilt natürlich auch für die Entwicklung vom Wolf zum Hund oder die Herausbildung von tatsächlichen Nutztieren wie Hausrindern – hier ist der menschliche Eingriff durch gezielte Zuchtmaßnahmen jedoch direkter und folgenreicher sowie, etwa im Falle der Milchkühe, auch fragwürdiger, weil mit körperlichen Beschwerden und Leid für die Tiere verbunden. Allerdings muss man wissen: Der moderne Mensch (Homo sapiens) hat eben auch ein signifikant geringeres Gehirnvolumen als der Neandertaler – aber das soll jetzt keine Ausrede sein.

Quelle: ORF

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