HomeInternationalesErneut Kindergräber auf katholischem Internatsgelände in Kanada entdeckt

Erneut Kindergräber auf katholischem Internatsgelände in Kanada entdeckt

Nachdem bereits Ende Mai auf dem Gelände eines ehemaligen katholischen Internats nahe der Kleinstadt Kamloops in der Provinz British Columbia die sterblichen Überreste von 215 indigenen Kindern entdeckt worden waren, sorgt nun ein weiterer Fund für Erschütterung.

Kanada. In der Provinz Saskatchewan stieß man auf dem Gelände des früheren Internats Marieval auf insgesamt 751 nicht gekennzeichnete Gräber. Zurzeit ist noch unklar, ob es sich dabei ausschließlich um Kindergräber handelt oder auch Erwachsene dort begraben liegen. Es steht jedoch fest, dass es der größte derartige Fund in Kanada bis dato ist. Seit der Entdeckung der Überreste von indigenen Kindern in Kamloops im Mai wird in Kanada aktiv nach Kinderleichen in der Umgebung von ehemaligen kirchlichen Internaten gesucht.

Das Internat Marieval war von 1899 bis 1997 in Betrieb und bis in die Achtzigerjahre im Besitz der katholischen Kirche, danach wurde es von Vertreterinnen und Vertretern des indigenen Volkes der Cowessess übernommen. 1999 wurde es abgerissen und durch eine Tagesschule ersetzt. Es war eines von vielen Internaten, sogenannten „residential schools“, in denen indigene Kinder untergebracht wurden, nachdem sie ihren Familien entrissen worden waren. In diesen kirchlichen Schulen wurde sodann alles getan, um die Kinder und Jugendlichen ihrer Kultur und Sprache zu berauben, und ihnen stattdessen die Kultur und Traditionen der europäischen Kolonialisten aufzuzwingen und ihnen Englisch und Französisch beizubringen. Viele der Kinder und Jugendlichen wurden in diesen Schulen misshandelt und sexuell missbraucht. Die Heime sind für zahlreiche soziale Probleme verantwortlich, mit denen indigene Communities noch heute konfrontiert sind. So sind Alkoholismus, Drogenkonsum, Depressionen, häusliche Gewalt und erhöhte Selbstmordraten Spätfolgen dieser systematischen und gewaltvollen Unterdrückung von indigenen Kindern und Jugendlichen in Kanada.

Insgesamt waren ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis 1996 wohl zirka 150.000 Kinder in solchen „residential schools“ untergebracht. Bislang ging man von mindestens 3200 Kindern und Jugendlichen aus, die hier frühzeitig verstorben sind, die meisten an Tuberkulose. Die beiden Funde jedoch sorgen für Unsicherheit ob der Richtigkeit dieser Zahl.

Indigene Organisationen verlangen eine umfassende Aufklärung der Umstände. Sie fordern vom Vatikan außerdem sowohl eine offizielle Entschuldigung, als auch die Herausgabe aller relevanten Dokumente zu den Vorgängen in den Internaten. Dieser antwortete bislang noch nicht auf die Anfrage. Erst 2018 lehnte es Papst Franziskus explizit ab, eine offizielle Entschuldigung für diese Vorgänge zu veröffentlichen.

Quelle: derstandard​.at

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