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Papst empfängt Azow-Ehefrauen

Eine weitreichende mediale Kampagne von Ehefrauen der in Azowstal verschanzten Azow-Soldaten führte sie bis zum Vertreter Gottes auf Erden höchstpersönlich, um das lädierte Image ihrer faschistischen Ehemänner aufzupolieren. Abgesehen von der medialen Reichweite und des offenkundigen Geschichtsrevisionismus brachte das Treffen aber nur wenige Ergebnisse.

Vatikanstadt. Der Papst empfing zwei Frauen von ukrainischen Soldaten in Rom. Sie durften über ihre Probleme reden und darüber, wie schwer es ihre Ehemänner im Kriegsgebiet hätten. Eine bewegende Szene, die für Menschen, die die Abenteuer des Papstes stets nachverfolgen, gewiss als besonders rührend empfunden worden ist. Nur blöd, dass sich der Papst dabei wissentlich oder unwissentlich zwei Faschistinnen ins Haus geholt hat. Tatsächlich handelt es sich bei den Ehemännern der zwei Frauen außerdem nicht um einfache Soldaten, sondern um ranghohe Offiziere des Azow-Bataillons.

Auf Tournee

Die beiden Frauen heißen Julia Fedosiuk und Katerina Prokopenko. Sie sind Teil eines größeren Gespanns von Ehefrauen, deren Männer regulär im Azow-Bataillon kämpfen, morden, foltern und etwa seit dem Jahr 2014, ohne irgendwelche Repressalien befürchten zu müssen, Kriegsverbrechen verüben.


Die Frauen der Azow-Faschisten werden seit Kriegsausbruch mehr in den Vordergrund gerückt – man hat schnell eine Marketingkampagne aus dem Hut gezaubert und die Frauen als Opfer stilisiert, die sich um das Wohlbefinden ihrer heldenhaften Männer sorgen, die ebenfalls Opfer sind. Von einem Rampenlicht zum nächsten wurden die Frauen durch die ganze Westukraine gekarrt, um mehr Menschen für den Krieg zu begeistern. Die beiden Obengenannten wurden nach Italien entsandt, wo sie unzählige Interviews geben durften und mithalfen, das neue Image der Azow-Meute zu verkaufen: Widerstandskämpfer, Helden, richtige Männer und richtige Nationalisten – aber keine Nazis. Nazis wären sie schon lange nicht mehr – alles nur russische Propaganda, versteht sich. Der Subtext des PR-Auftritts lautet dabei stets: Die NATO möge doch endlich eingreifen und den III. Weltkrieg vom Zaun brechen, anstatt nur zuzusehen, wie wir leiden müssen. Vordergründig wurde um Hilfe und Öffentlichkeit für die damals noch im Stahlwerk Azowstal verschanzten Mördertruppen gebeten, die sich neben Mord und Folter auch der Geiselnahme von ukrainischen Zivilistinnen und Zivilisiten schuldig gemacht haben.

Himmlischer Beistand

Auch an den Papst wurde ein Hilfsappell gerichtet und dieser antwortete prompt. Sie wurden zur Audienz gebeten, gemeinsam mit ihnen hätten noch zwei Azow-Ehefrauen aus Polen anreisen sollen. Leider jedoch verspäteten sich die Letzteren und kamen nicht bis zum Papst. Italienischen Medien zufolge hätten die Frauen ihre übliche Show abgezogen und der Papst hätte ihnen daraufhin eine Bibelgeschichte erzählt. Die Wahl von Papst Franziskus fiel dabei auf das Alte Testament, genaugenommen auf das Buch Judit. Darin wird die Geschichte der Israelitin Judit erzählt, die dem assyrischen Oberbefehlshaber Holofernes den Kopf abschneidet und so ihr Volk rettet. Die blutige Szene dürfte den meisten Menschen entweder aus der Bibel selbst oder vom bekannten Gemälde von Gentileschi bekannt sein, das in den Uffizien in Florenz ausgestellt ist. Franziskus kommentierte Judits Tat und sagte zu den angereisten Frauen:

„Mit ihrer schlauen Art war sie in der Lage, dem Diktator, der gegen das Land vorging, die Kehle durchzuschneiden. Diese Frau war mutig.“

Inwieweit eine makabre Geschichte aus dem Alten Testament für die Völkerverständigung und Nächstenliebe dienlich sein soll, steht indes auf einem anderen Blatt Papier. Nach der Niederlage der Azow-Meute in Azowstal ist ohnehin klar, dass ihnen auch der Papst „als dritte Partei“ im Konflikt nicht helfen konnte, „ein Verfahren einzuleiten“, um ihre Ehemänner „herauszuholen“. Das wäre in der Tat auch nicht möglich gewesen und die Show der ukrainischen Frauen entpuppt sich als weitreichender, sehr verstörender Marketing-Gag, um Faschisten als Gutmenschen dastehen zu lassen. 

Wer sind die Azow-Frauen?

Katerina Prokopenko ist niemand anderes als die Frau des Azow-Kommandanten Denys Prokopenko, Oberstleutnant des Azow-Bataillons, seit 2014 mit der Waffe in der Hand. Über ihren Mann und seine Verstrickungen im Neo-Nazi-Milieu befragt, antwortete sie unlängst in einem Interview:

„Das ist Propaganda. Wenn die Verteidigung des eigenen Landes gegen äußere Angriffe bedeutet, Nationalist zu sein, dann ja, dann ist Denys ein Nationalist: Wie kann man sich Ukrainer nennen, wenn man nicht bereit ist, seinem Land bis in den Tod zu folgen?“

Nazis könnten die Azow-Leute auch gar nicht sein, denn es gäbe darin auch „Juden, Aseris und Krimtataren.“ In der Tat gibt es aber Fotos, die im Internet kursieren und gerade Katerina Prokopenkos Ideologie belegen: Auf einem Foto steht sie gemeinsam mit zwei anderen Frauen in Pose mit Hitlergruß und auf einem anderen schwenkt sie ziemlich eindeutig eine Wehrmacht-Fahne mit Hakenkreuz grinsend in die Kamera. Man hätte sie also, bevor man ein kitschiges Interview mit ihr führt, einfach nur googeln müssen, um ihre wahren Beweggründe ersichtlich zu machen.

Die Möglichkeit eines Friedens auf diplomatischem Wege schlug sie im selben suggestiv märtyrerhaften Ton mit der Begründung aus, dass ein Frieden für sie ja eine Erniedrigung bedeuten würde:

„Wie können wir uns an den Tisch setzen und über einen Friedensvorschlag verhandeln, der für uns nach den Massakern an der Zivilbevölkerung, die wir erlitten haben, erniedrigend ist?“

Auch der Verlust ihres Ehemannes ist in den Kontext des ukrainischen Opfermythos einzuordnen: Wenn ihre Ehemänner sterben würden, „wird es nicht umsonst gewesen sein“, so Katerina Prokopenko, denn „sie werden sich für ihr Land geopfert haben“.

Julia Fedosiuk, die andere Frau im Bunde, hat einen weniger prominenten Mann, ist aber selbst in ihrer Freizeit (also zwischen einem Medienauftritt und dem nächsten) auf Social-Media aktiv. In Interviews rückt sie eher in den Hintergrund und auf Gruppenfotos übernimmt sie den Schmollpart, um Sorge auszudrücken. Auf Instagram dagegen lebt sie ihre Gewaltphantasien aus: Als Waffenfanatikerin tritt sie dort für liberalere Waffengesetze ein und posiert bewaffnet in Uniformen, ruft seit 2014 immer wieder für den heiligen Krieg gegen die sogenannten Separatisten im Donbass auf oder postet mal eben Fotos ihrer Lieblingsbücher (Hitlers Mein Kampf). Nichts freue sie so sehr, „als wenn russische Soldaten sterben“, schrieb sie dort unlängst.

Hitlerleserinnen, Uniform- und Kriegsfetischistinnen, Frauen, die das Massaker am eigenen Volk mitgetragen haben, unverhohlene Nazis – alles hat Platz bei Papst Franziskus, denn auch er weiß, was sich im Moment gut verkauft. Dass neben den zwei Frauen auch ein Sprecher der Band Pussy Riot zur selben Zeit beim Papst vorsprach, soll nicht unerwähnt bleiben, denn es sagt viel über die Band aus, die weniger wegen ihrer Musik als mehr wegen ihres medial wirksamen Aktivismus bekannt wurde und sich nicht schämt, in diesem Kontext mitgenannt zu werden. Es sagt aber auch viel über den Papst aus, denn die Band wurde ja bekannt durch ihre kurzweilige „Kirchenschändung“ und die darauffolgende Inhaftierung, die dem Papst eigentlich missfallen dürfte. Aber es war ja auch keine katholische Kirche, in der das sogenannte „Punkgebet“ ausgesprochen wurde.

Quellen: Reuters/Today/Corriere della Sera/Huffington Post

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