HomeFeuilletonGeschichteVor 10 Jahren: Der Mord an Tahir Muhamedzjanow

Vor 10 Jahren: Der Mord an Tahir Muhamedzjanow

Vor zehn Jahren verlor die organisierte Arbeiterbewegung Kasachstans eine wichtige Führungsfigur. Sein Tod lässt immer noch viele offene Fragen zurück.

Schachtinsk. Am 5. Juni jährte sich der Todestag von Tahir Muhamedzjanow. Er war Vorsitzender der Gewerkschaft Žanartu, stellvertretender Vorsitzender der öffentlichen Vereinigung Schachterskaja sem’ja (zu Deutsch: Bergarbeiterfamilie) und stellvertretender Vorsitzender der Sozialistischen Bewegung Kasachstans. Er wurde von einer Genossin in seiner Wohnung in Schachtinsk, einer Industriestadt im Gebiet Karaganda, am 5. Juni 2012 tot aufgefunden. Die Menschen, die ihn persönlich gekannt und mit ihm gekämpft haben, halten an der Version der vorsätzlichen Vergiftung fest. Im kasachischen Kontext ist die Theorie der Vergiftung auch mehr als plausibel.

Das Motiv

Kurz vor seinem Tod nahm Tahir nämlich an einem Treffen von Žanartu-Gewerkschaftern in Jezkazgan teil, bei dem sich Bergarbeiter und Metallarbeiter des Konzerns Kazakhmys versammelt hatten. Dabei wurden Vorbereitungen für größere Aktivitäten mit den Bergarbeitern des auch in Kasachstan operierenden Stahlriesens ArcelorMittal in Schachtinsk besprochen. Eigentlich sollte Tahir im Juni 2012 einen neuen Bergarbeiterstreik anführen, was mit großer Wahrscheinlichkeit den Anlass für seine Liquidierung bot. Auch sonst war Tahir Muhamedzjanows politisch exponiert.

Im November 2010 nahm Tahir etwa an der Gründungsversammlung der unabhängigen Gewerkschaft Žanartu teil und wurde bald Mitglied des Zentralausschusses der Organisation. Im Mai 2011 beteiligte er sich an der Gründung der Sozialistischen Bewegung Kasachstans und wurde zum Mitglied des Politischen Rates und zu einem der fünf Ko-Vorsitzenden der Partei gewählt. 

Sein Leben war also mit gewerkschafts- und parteipolitischer Arbeit ausgefüllt – mit seinem Tod hinterließ er nicht nur eine schmerzliche Lücke im Herzen seiner Genossinnen und Genossen, sondern auch in der politischen Arbeit, die fortan ohne seinen Fleiß und Tatendrang erledigt werden musste.

Der Fund

Natalja Tomilowa, Vorsitzende der Bergarbeiterfamilie, kann sich noch lebhaft an den Tag erinnern, als sie ihren Genossen und Stellvertreter leblos vorfand. Ihr zufolge war die Wohnungstür an jenem Tag von innen abgeriegelt. Als sie sich Zugang zur Wohnung Tahirs verschaffte, fand sie ihn reglos auf dem Boden liegend. Tahir, zum damaligen Zeitpunkt 51 Jahre alt, lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden in der Nähe des Balkons.

„Er lag in einer Blutlache“, erinnert sich Natalja zurück. „Ich schaute mich im Zimmer um. Es gab keine Anzeichen eines Kampfes. Alle Gegenstände waren an ihrem Platz. Tahirs Körper wies keine blauen Flecken, Abschürfungen oder andere Wunden auf. Unsere Genossen fanden auch eine leere Wodkaflasche und zwei Gläser. Die zweite Person, die Tahirs Gast gewesen war, war nicht mehr da“, so Natalja Tomilowa.

Anschläge, Morddrohungen und Überfälle

In einer Todesanzeige, die vom Zentralkomitee der Gewerkschaft Žanartu und dem Politischen Rat der Sozialistischen Bewegung Kasachstans unterzeichnet wurde, hieß es damals:
„Dieser seltsame Tod eines gesunden 51-jährigen Mannes erweckt ernste Verdachtsmomente, zumal er vor kurzem erneut Morddrohungen von ‚Unbekannten‘ erhalten hatte.“

Obwohl das Motiv durch die politische Exponiertheit des Gewerkschafters und Kommunisten gegeben ist und der Tod durch Vergiftung naheliegt, blieb die tatsächliche Todesursache bis heute offiziell ungeklärt. Nach Angaben seiner Bergarbeiterkollegen erhielt er vor seinem Tod Droh-SMS von nicht identifizierten Nummern. Außerdem wurde er zu Lebzeiten mehrmals von mit Messern bewaffneten Männern überfallen und bedroht.

Tahir Muhamedzjanow hat lange Zeit als Bergarbeiter gearbeitet und sich dann vermehrt der politischen Arbeit zugewandt. Die Aktivistinnen und Aktivisten der Bergarbeiterfamilie setzten sich für die Rechte der Bergarbeiterinnen und Bergarbeiter und die Rechte ihrer Familien ein, und diese Tätigkeit blieb nicht unbemerkt. Die Bergarbeiterfamilie wurde immerfort unter Druck gesetzt.

Der Druck gipfelte sogar in einem Bombenanschlag auf die Garage und das Auto von Tahir am 10. Oktober 2010. Der Anschlag stand in direktem Zusammenhang mit den sozialen Aktivitäten der Bergarbeiterfamilie, andere Aktivistinnen und Aktivisten wurden ebenfalls ständig bedroht. Im März 2011, also einige Monate nach dem Bombenanschlag, wurden Muhamedzjanows Dokumente auf einem Müllhaufen am Stadtrand von Schachtinsk gefunden. Er hatte sie vor der Explosion in der Garage aufbewahrt. Offenbar waren die Dokumente, einschließlich des im letzten Jahr von ihm zusammengestellten Archivs, vor der Explosion aus der Garage entfernt und nach einer Durchsuchung wieder entsorgt worden.

Nach seinem Tod schrieb die russische Organisation ROTFront (Rossijskij ob’edinennyj front) deshalb:

„Tahir Muhamedzjanow war als anerkannter und konsequenter Verfechter der Rechte der Bergarbeiter bekannt. Deshalb wurde mehr als einmal versucht, ihn zu töten…
Sie haben sein Auto in die Luft gejagt, ihn bedroht und versucht, ihn in eine psychiatrische Anstalt zu sperren.“

Politischer Aktivismus in Kasachstan

Der Kampf für Arbeitsrechte von Ölarbeiterinnen und Ölarbeitern, Bergarbeiterinnen und Bergarbeitern, ist in Kasachstan lebensgefährlich. Schon vor dem Massaker von Schangaösen, in dessen Zuge Arbeiterdemonstrationen gewaltsam niedergeschlagen und 70 Demonstrantinnen und Demonstranten von der Polizei umgebracht wurden, wurde während eines monatelangen Streiks ein aktiver Gewerkschafter, Žaksylyk Turbayew, an seinem Arbeitsplatz ermordet: Der Mord ereignete sich nach einer Gewerkschaftssitzung, auf der Turbayew die Neuwahl des Vorsitzenden der Gewerkschaftsorganisation angeregt hatte, der nach Ansicht der Arbeiterinnen und Arbeiter die Politik der Unternehmer betrieb. Drei Wochen später wurde die Tochter von Kudaibergen Karabalajew, dem Vorsitzenden des Gewerkschaftsausschusses des Ozenmunaigas-Konzerns, ermordet aufgefunden. Dass der Kampf weitergeht und zuletzt nur durch russische Hilfe blutig niedergeschlagen werden konnte, zeigten die Vorfälle im Jänner dieses Jahres. 

Quellen: socialismkz​.info / rotfront / ZdA

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