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Unterdrückt und missbraucht: Frauen im Vatikan

Ein Reportage-Roman des italienischen Vatikanisten Salvatore Cernuzio enthüllt die grausame sektenähnliche Lebensrealität von Nonnen. Sie sind ständiger Entbehrung, psychischer Schikane und mitunter sexuellem Missbrauch ausgesetzt. Im Alter sind sie auf sich selbst gestellt.

Vatikanstadt. Missbrauch in der katholischen Kirche ist eine häufig, aber immer noch zu wenig diskutierte Thematik. Zu oft vergreifen sich die amtlichen Gottesdelegierten an Kindern und Jugendlichen, oft, aber nicht immer, traut sich jemand, darüber zu sprechen und die Sache auch publik zu machen (trotz möglicher Repressalien). Wovon man seltener hört, ist die Lage der Ordensschwestern, die unbezahlte Arbeit leisten und sich dabei von Oberinnen und Pfarren auf unterschiedliche Weise vor allem psychologisch, aber auch physisch missbrauchen lassen müssen.

Dieses Thema wurde bisher erfolgreich unter den Teppich gekehrt und die Klosterfrauen sind bei der Frage der Menschen‑, und, vor allen Dingen Frauenrechten, nicht berücksichtigt worden. Sie haben ihr früheres Leben aufgegeben, um ganz Dienerinnen Gottes zu sein – und das in den emanzipatorisch weit zurückgebliebenen Parametern der katholischen Kirche. Ein in Italien unlängst erschienenes Buch, Il velo del silenzio (Der Schleier des Schweigens) von Salvatore Cernuzio versucht diese Mauer des Schweigens zu durchbrechen. Er selbst ist Vatikanist und schreibt für Vatican News, ein Nachrichtenportal, das, wie der Name schon sagt, News aus dem Vatikan für Menschen veröffentlicht, die genug Glauben in sich tragen, um sich dadurch informiert zu fühlen. Jedenfalls kann man Cernuzio durch diese Randinformation als glaubwürdige Quelle betrachten, aus der mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gerade die Stimme des Teufels spricht.

Sektenähnliche Zustände

Nonnen werden in der übrigen Gesellschaft kaum registriert. Sie ziehen ihr Ding durch und man kümmert sich nicht besonders um sie. Sie sind da und doch ist es, als gehörten sie zu einem Paralleluniversum, das sich ungläubige, andersgläubige oder nur mäßig gläubige Menschen schwer vorzustellen vermögen. Ihr Leben ist hart. Sie arbeiten von früh bis spät für ein Heilsversprechen und müssen sich allerhand Schikanen gefallen lassen, die sich in feudalen Gruppendynamiken eben so ergeben. Ihr Leben spielt sich in Wirklichkeit so ab, wie es Menschen beschreiben würden, die aus Sekten ausgetreten sind und ihr Schicksal in Reportagen und Interviews enthüllen, um mit der psychischen Belastung fertigzuwerden. Mit dem Eintritt ins Kloster hört ihr bisheriges Leben auf zu existieren.

Um diese Frauen gefügig zu machen, wird ihre Identität schon beim Eintritt ins Kloster gelöscht. Alles was sie äußerlich ausgezeichnet hat, wird ihr genommen: Die Frisur, Brillenform, Schuh- und Kleidungsstil bis hin zur Unterwäsche. Darüber, wer sie vorher waren und was sie als Menschen ausgemacht hat, darf unter Strafandrohung nicht gesprochen werden. Zwischenmenschliche Beziehungen außerhalb der Klostermauern sollen gar nicht erst entstehen, Privatsphäre in den Gotteshäusern gibt es nicht. Post und Nachrichten aus der Außenwelt werden systematisch abgefangen, gelesen und überprüft, genauso wie alles Verschriftlichte, was die verschwiegenen Mauern verlässt. Familienbesuche sind ebenso wie private Telefonate mit Familienangehörigen nicht gern gesehen und nur in beschränkter Anzahl möglich. In großen Schlafsälen untergebracht, bekommen sie nur rationierte Kost, die wenig Abwechslung bietet, was sich auf die Dauer auch auf die Gesundheit auswirkt. Für so gut wie alles muss stets um Erlaubnis gebeten werden, selbst der Gang zur Toilette muss bei der Schwester Oberin vermeldet werden.

Psychischer Missbrauch, öffentliche Demütigung

Beschwerden oder auch nur Verbesserungsanregungen werden von den Vorgesetzten systematisch überhört und kleingeredet – zur Antwort bekommen die Frauen meistens nur diesen Satz zu hören: „Du bist nicht folgsam, du willst nicht heiliggesprochen werden, du hast nicht die Berufung.“
Ein Satz, der für Auswärtige wenig Sinn ergeben mag, der aber die Frauen dort trifft, wo es schmerzt. Sie hören ihn in verschiedenen Formen immer wieder. Ziel ist es, die Frauen untertänig zu machen durch halb ausgesprochene Beschuldigungen und um unbewusstes Schuldbewusstsein entstehen zu lassen: Sie sind selbst schuld, wenn sie den Ansprüchen Gottes niemals gerecht werden können.

Und die Ansprüche des Herrn kennen nur die Vorgesetzten zur Gänze.
Cernuzio fasst die Erfahrungen vieler Klosterfrauen zusammen und betont, dass „die spartanischen Zustände, wie die Rasur der Haare auf 5 Zentimeter oder dass man zum Duschen und für eine Monatsbinde um Erlaubnis bitten muss,“ von den Schwestern zumeist als nicht so schwerwiegend empfunden wird, als „das Fehlen jeglicher Menschlichkeit, die im Laufe der Zeit erdrückend wirkt“.

Den befragten Nonnen zufolge wird man ständig angeschrien und andauernd für Nichtigkeiten bestraft. Die Bestrafungen sind dabei psychologischer Natur, die Frauen werden laut Cernuzio nicht gerade geschlagen, aber die Bestrafungen reichen von Nahrungs- bis zum Erholungsentzug und sie werden immer durch ein öffentliches Lächerlichmachen des Opfers eingeleitet. Für die Oberinnen reicht dabei schon ein „angeschaltet gebliebenes Licht“ oder ein „Schmutzfleck auf dem Boden“, um ihren Untergebenen ihre Macht spüren zu lassen. Es spielen sich grausame Gruppendynamiken ab, an denen sich oft auch Mitschwestern aus Gewohnheit oder aus der Hoffnung daraus für sich gezogener Vorteile beteiligen. Aus der öffentlichen Demütigung erwächst nicht immer Solidarität, sondern auch Mobbing und soziale Schmähung:

„Sie sagten mir, ich sei zu weinerlich und sie begannen, mich auszugrenzen. Sie gingen einkaufen und ließen mich zu Hause, wie ein Aschenputtel. Wenn sie in den Pausen schwatzten und scherzten und ich in ihre Nähe kam, hörten sie auf zu reden“, so der Bericht einer Nonne, die sich der Oberin zufolge ein wenig zu oft beschwert hatte.

„Alles nur Launen“

Bei Krankheit werden die Frauen selbst mit 40 Grad Fieber strengstens beäugt, da die Krankheit ja nur vorgeschoben sein könnte, um die Arbeit zu schwänzen. Und die Arbeit ist sehr wichtig für die Oberinnen, sie muss um jeden Preis ausgepresst werden von Menschen, die Arbeits- und Frauenrechte nur aus weiter Ferne kennen. Eine Schwester berichtete Cernuzio, dass die Frauen nur schwer und selten zu Ärztinnen und Ärzten kämen, da es die Oberinnen seien, die für gewöhnlich im Fall von Krankheit die Diagnosen stellen:

„Es gab etwas, das mich in meinem Institut immer empört hat: Diese Art von Allmacht der Oberinnen über die Gesundheit der Schwestern. Sie entscheiden für uns, wie es uns geht, wie unser Befinden sein sollte, ob wir eine Behandlung brauchen oder nicht, mit welcher Art von Therapie wir zurechtkommen. Einmal hatte ich zum Beispiel starke Schmerzen in meinem Knie. Ich habe über die Schmerzen geklagt, aber es war die Oberin, die mich diagnostiziert hat, kein Arzt. Sie sagte mir, es läge an meinem Rücken, weil ich schlecht gearbeitet hätte. Ich bestand darauf, bis sie überzeugt war, mich zu einem Spezialisten zu schicken, der bei einer Ultraschalluntersuchung einen Erguss im Knie feststellte. Bei einer anderen Gelegenheit habe ich gemeinsam mit einer anderen Schwester mich dafür stark gemacht, dass ein Mädchen, das seltsame Blasen auf der Haut hatte, in die Notaufnahme geschickt werden sollte. Die Oberin meinte, dass eine Salbe ausreichen würde. Wir haben sie selbst hingebracht und es stellte sich heraus, dass es eine allergische Reaktion war.“

Hartgesottene Oberinnen also, die die Schwestern in altertümlicher Manier gesundheitlich abhärten wollen? Oberinnen, die vielleicht aus subjektiver Erfahrung wissen, dass der Sprung ins kalte Wasser am frühen Morgen mehr für die Gesundheit bewirkt, als jede Form von Schulmedizin? Weit gefehlt. Tatsächlich berichten die Schwestern von eklatanter Ungleichbehandlung, was die medizinische Versorgung anbelangt:

„Ich könnte Ihnen viele Beispiele dafür nennen, dass man sich überhaupt nicht um die körperliche Gesundheit der Schwestern kümmert, geschweige denn um ihre psychische Gesundheit. Es gab Frauen, die Blutproben machen und sie aus der eigenen Tasche zahlen mussten, weil sie vom Institut eine lächerlich geringe Summe erhielten, über die sie sogar Rechenschaft ablegen mussten. Es gab solche, die zum Augen- oder Zahnarzt gehen mussten und dafür keine Erlaubnis erhielten, weil man „sparen“ musste. Die Oberin hatte übrigens im Krankenhaus gearbeitet und kannte viele Ärzte, aber sie blieb stur. Für sie waren das alles nur Launen.“ Diese Behandlung galt aber nicht für alle: „Nur mit denen, die sie nicht mochte. Sie selbst suchte nur die besten Spezialisten auf und bat uns sogar, sie dabei zu begleiten. Natürlich alles auf Kosten der Gemeinschaft. Einige Nonnen, die zu ihren Günstlingen gehörten, wurden zu Privatärzten gebracht. Ich hingegen musste alles über die öffentliche Gesundheitsversorgung machen.“

Ähnliches spiele sich auch bei der Bekleidung der Frauen ab. Während die Schwestern, bis auf das Gesicht verhüllt zwar, jedoch im Grunde leicht- bzw. dünnbekleidet ihren Dienst am Herrn antreten müssen mit den einzigen Kleidern, die sie haben, enthält der Kleiderschrank der Frau Oberin dicke Woll- und Kaschmirsachen. Diese wurden klammheimlich vom Geld des Konvents angeschafft, während den normalen Schwestern jede Bitte um wärmere Kleidung unter dem Vorwand des Sparens und der Askese versagt bleibt. Auch hierüber muss nämlich die Vorgesetzte entscheiden und die entscheidet sich zumeist dagegen oder eben nach Sympathie.

Frauen selbst schuld an sexuellem Missbrauch

Zu diesen Schikanen gesellt sich den befragten Klosterfrauen zufolge häufig männlicherseits der sexuelle Missbrauch hinzu. Priester können sich demnach an den Frauen problemlos vergreifen, sie sind ihnen im Grunde wehrlos ausgeliefert. Ein Opfer dieses Missbrauchs erzählte Cernuzio über eine solche Erfahrung. Sie sei sofort zur Oberin gerannt und hätte ihr die Sache dargelegt. Die Reaktion der Oberin war schockierend:
„Sie blieb teilnahmslos, aber das könnte auch mein Eindruck gewesen sein. Was mich erschütterte, war ihre Antwort: Sie sagte mir, dass sich auch andere über ähnliche Probleme beschwert hätten und dass es offensichtlich so sei, dass wir Schwestern die Priester dazu provozierten.“ 

Priester, die sich über ihr Zölibat hinwegsetzen, haben ein leichtes Spiel. Sie können sich nach Bedarf bedienen, ihr Verbrechen wird von der Oberin gedeckt und die Frauen haben niemanden, an den sie sich wenden können. Entweder sie sind selbst schuld oder ihnen wird gar nicht erst geglaubt.

Ausgenutzt, isoliert und ohne Perspektive

Den Erkenntnissen der Reportage zufolge haben viele Frauen nach einer gewissen Zeit die Nase voll von der Verwahrlosung, den Entbehrungen, der psychischen Folter und je nach Vorlieben der Priester, auch des sexuellen Missbrauchs – insgesamt also von einem erniedrigten, geknechteten, verlassenen, und verächtlichen Dasein. Sie wagen den Schritt und verlassen den Konvent, doch zurück in der Realität erwartet sie das Schicksal von aus Sekten Ausgetretenen: Sozial isoliert, ohne Freundschaften, mit häufig zerbrochenen Familienverhältnissen, mittellos und ohne Ausbildung, d.h. unvorbereitet für die seelenlose Verwurstungsmaschine, die sich da kapitalistischer Arbeitsmarkt nennt. Sie haben jahrelang für die katholische Kirche geschuftet, oft auch ein Leben lang, und es erwartet sie keine Pension, für die Mindestsicherung kommen sie nicht infrage. Ihr Leben haben sie einem Ideal gewidmet, jedoch bleibt ihnen im Alter nichts mehr als der Glaube.

Quelle: Il Fatto Quotidiano

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