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Unterscheiden lernen in den 1960er und beginnenden 1970er Jahren. Erinnerung an persönliche Wendepunkte.

21. Juli 2022
in Feuilleton, Geschichte, Wissenschaft
Unterscheiden lernen in den 1960er und beginnenden 1970er Jahren. Erinnerung an persönliche Wendepunkte.

Gastautor: Gerhard Oberkofler, geb. 1941, Dr. phil., Universitätsprofessor i.R. für Geschichte an der Universität Innsbruck 

Einfügung in das Gegebene

Seit Wintersemester 1959/60 als 18-jähriger Student der Geschichte an der „Universitas Leopoldino – Franciscea“ in Innsbruck war ich ohne Wenn und Aber eingegliedert in einem römisch-katholischen, konservativen, kleinbürgerlichen Kontext. Das Institut für Geschichte war mit seiner Bibliothek und seinen Professorenzimmern im zweiten und dritten Stock des Hauptgebäudes untergebracht. Vier Ordinarien Franz Hampl (1910–2000; Alte Geschichte), Karl Pivec (1905–1974; Mittelalter), Hans Kramer (1906–1992; Neuzeit) und Franz Huter (1899–1997; österreichische Geschichte und Wirtschaftsgeschichte) spiegelten bei allen Nuancen in ihrer Lehre die Interessen der herrschenden Klasse wider. Das wurde von den Hörern und den wenigen Hörerinnen, von denen die große Mehrheit österreichischer Herkunft war, nicht hinterfragt, jedenfalls nicht öffentlich. Auf alle rhetorischen Fragen gab es sichere, eventuell lamentierende Antworten, Zweifel gab es nicht. Zeitgeschichte wurde nicht unterrichtet. Die habsburgische Dynastie mit ihren Clans wurde mit dem in der Gesellschaft überall präsenten Ethizismus der von ihr profitierenden Katholischen Kirche, welches die ausgebeuteten und unterdrückten Menschen ruhigstellen sollte, getarnt. Der Strang des Bösen war hinter einer Wand von Heuchelei verborgen. Die dialektisch-materiellen Bedingungen für die Entwicklung der kulturellen und ideologischen Kräfte wurden nirgends angesprochen, Karl Marx (1818–1883) und Friedrich Engels (1820–1895) blieben unbekannte Namen. Das Ausbildungsziel für die heranwachsende Generation der Historiker war, nicht nach neuen Ideen in der Herangehensweise zur überlieferten Herrschaftsgeschichte zu suchen, sondern Herrschaftsideologie historisch zu begründen und der nächsten Generation weiterzugeben. Das vermittelte Denken war bei aller Ansammlung gelehrten Wissens dekadent. Die Arbeiter waren Gegenstand wirtschaftlichen Kalküls oder Ware und spielten als Menschen keine Rolle. Daran hat sich im Heute mit seiner Cancel Culture, die in ihrer Gewissheit nur noch Ja oder Nein kennt, nichts geändert. Es ist vielleicht ein kennzeichnendes Signum, dass sich an dem in goldenen Lettern über den Haupteingang zur Erinnerung an Kaiser Leopold I. (1640–1795) und Kaiser Franz I. (1768–1835) als Gründer (1669) und Wiederbegründer (1826) der Universität angebrachten Schriftzug „Universitas Leopoldino – Franciscea“ bis zur Gegenwart niemand stört. Der eine Kaiser hat die Juden aus Wien vertrieben (1669/1670), der andere hat Demokraten und Intellektuelle hinrichten lassen. 

Im ersten Halbjahr 1963, also in meinem siebten Semester, habe ich den Rechtshistoriker an der Juristenfakultät Nikolaus Grass (1913–1999) kennengelernt. Er hatte seine mit Büchern überbordende Residenz im Erdgeschoß des Hauptgebäudes der Universität. Auf der Aushangtafel des Historischen Instituts war im Jänner 1963 eine Einladung von Nikolaus Grass an Studierende der Geschichte affichiert, sich als „wissenschaftliche Hilfskraft“ an seinem Institut zu bewerben. Weil ich mit meiner von Hans Kramer vorgeschlagenen und übernommenen Doktorarbeit über die Geschichte der Volks- und Fachschulen seit den Landesschulgesetzen (1869/1870) bis zum ersten Weltkrieg im sich industrialisierenden Vorarlberg, für die ich in den Archiven in Bregenz (Landesarchiv), Feldkirch (Diözesanarchiv) und Innsbruck (Archiv der Statthalterei für Tirol und Vorarlberg) Materialien gesammelt habe und arbeitstechnisch nicht recht weiterkam, habe ich mich spontan und mutig zwei Stockwerke nach unten begeben. Nikolaus Grass selbst hat mir gleich mehrere Seiten in die Olivetti-Schreibmaschine diktiert und mich hernach mit Handschlag und ohne Vertrag als WHK formlos angestellt. Jeder Mensch ist zunächst ein Produkt mehr des Zufalls als der Leistung und jedenfalls habe ich mich diesem Zufall mit Elan unterworfen. 

In meinem Semester als Hilfskraft von Nikolaus Grass habe ich ungemein viel aufgenommen. Viel war von der Almbewirtschaftung die Rede und immer ging es darum, dass unabhängig von den Besitzverhältnissen das Leben Vorrang hat. Mir war das eine bedeutende Lehre für das Leben. Die oft von Kommentaren zum aktuellen Universitätsgeschehen unterbrochenen Diktate oder die handgeschriebenen, zusammengeklebten Konzepte von Nikolaus Grass haben mich konkret in den Alltag eines permanent publizierenden Historikers eingeführt. Erstmals hörte ich von Nikolaus Grass, dass von dem von den Studenten als Prüfer gefürchteten Strafrechtsprofessor Friedrich Nowakowski (1914–1987) aus seiner Wiener Zeit der Satz überliefert ist, „diesen Kopf hole ich mir auch noch“. Die Dimension dieser Bemerkung zu Nowakowski, dessen Institut auf derselben Ebene wie jenes von Grass war und der früher als Nikolaus Grass zum Ordinarius aufgestiegen ist, blieb mir damals verschlossen. 

Nach Abschluss des Studiums mit dem Doktorat (1964) absolvierte ich den 9‑monatigen Präsenzdienst beim österreichischen Bundesheer und hernach das Vorbereitungsjahr des sich als Kaderschmiede zelebrierenden Instituts für Österreichische Geschichtsforschung mit Aufnahmsprüfung (1967). Deren Leader waren Heinrich Appelt (1910–1998; Mittelalter), Heinrich Fichtenau (1912–2000; Historische Hilfswissenschaften), Alphons Lhotsky (1903–1968; österreichische Geschichte und Quellenkunde) und Erich Zöllner (1916–1996; österreichische Geschichte). Ein Widerspruch zur Lehre in Innsbruck war für mich nicht erkennbar, sie war durch die spezifische Institutsatmosphäre nur intensiver. Bei der Darstellung der Kriege wurden Raubkriege, Freiheitskriege, Verteidigungskriege und Bürgerkriege nicht nach den Interessen der werktätigen Massen der Völker unterschieden. Die Stellung zu einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen zwei Klassen im Klassenkampf kann aber gegenüber einem Raubkrieg nicht unterschiedslos sein. Als Hausarbeit des Instituts hat mir Fichtenau wegen meiner paläographischen Aufmerksamkeit die Untersuchung der Schrift im katholischen Chur vorgeschlagen. Dazu ist es nicht gekommen, weil mich im Sommer 1967 Franz Huter zuhause anrief und am Telefon fragte, ob ich nicht zu ihm als Assistent kommen könne. Meine Aufgabe sei das in devastierte Kellerräume des Hauptgebäudes deponierte Universitätsarchiv Innsbruck zu ordnen und zu entwickeln. Stellenausschreibungen hat es in diesen Jahren noch nicht gegeben, ich galt offenkundig als gut verwendbar. Jedenfalls habe ich alsogleich zugesagt.

„Wir werden Sie vernichten!“

Es hat sich ergeben, dass ich etwa zwei Jahre nach meinem Dienstantritt als erste wissenschaftliche Publikation an dem von Franz Huter ehrenamtlich geleiteten Universitätsarchiv eine von Franz Huter herausgegebene Darstellung über die geschichtlichen Fächer an der Innsbrucker Universität publizieren konnte (Herbst 1969). Das mit Akten des Ministeriums für Kultus und Unterricht (Staatsarchiv) und des Universitätsarchivs dargestellte akademische Leben mit seinen Botschaften der in ihrer Zeit berühmten und heute längst vergessenen Professoren waren für den Verfasser kein Gang mit geneigtem Kopf durch einen Heldenfriedhof. Vor allem die ideologische und institutionelle Einordnung des berühmten Papsthistorikers Ludwig von Pastor (1854–1928) in die Geschichte der österreichischen Geschichtswissenschaft wurde aus den traditionell katholisch-konservativen Kreisen massiv abgelehnt, in Innsbruck besonders von Nikolaus Grass und dem an der Jesuitenfakultät lehrenden Kirchenhistoriker Ferdinand Maaß SJ (1902–1973). Sechs Professoren der philosophischen Fakultät forderten mit einem Schreiben an den damaligen Rektor Emerich Coreth SJ (1919–2006) diesen dringend auf, dieses Buch aus dem Handel zu nehmen (16.5.1970). „Wir werden Sie vernichten!“, war die mir schriftlich mitgeteilte Losung. Erika Weinzierl (1925–2014) war in ihrem Gutachten zu meiner Habilitationsbewerbung anderer Meinung (16.9.1977): „An der Universität Innsbruck haben in diesem knappen Jahrhundert gerade in den historischen Fächern nicht wenige Professoren gelehrt, die weit über Österreichs Grenzen hinaus Ansehen erlangt und zur Entwicklung ihrer Disziplin viel beigetragen haben. Ludwig von Pastor, der – wie Oberkofler mit Recht bemerkt, allerdings nicht der ‚Historischen Schule Innsbruck‘ im engeren Sinn zugerechnet werden kann – und Michael Mayr [(1864–1922)] wurden schließlich sogar einflussreiche Politiker. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn die Geschichte der Geschichtswissenschaft an allen österreichischen Universitäten so gründlich untersucht wäre wie in Innsbruck durch Dr. Oberkofler.“ In den Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung ist diese Episode Jahrzehnte später als beispielhaft für in der österreichischen Geschichtswissenschaft mögliche Rezensionskartelle erörtert worden (2013). 

Nach dem Schiffbruch lernen zu urteilen und zu handeln

Mein 1969 veröffentlichtes Buch wurde von mir zuerst als ein akademischer Schiffbruch empfunden, aus dem es galt, selbständig wieder aufzustehen. Im universitären Alltag hielt Franz Huter eine ruhige und schützende Hand über mich. Seit 1969 durfte ich in dem von ihm nach Hermann Wopfner (1876–1963) herausgegebenen Jahrbuch „Tiroler Heimat“ universitätsgeschichtliche Studien veröffentlichen. Ich begann mich neben österreichischer Universitätsgeschichte seit Anfang der 1970er Jahre in meiner Freizeit mit der Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung zu beschäftigen. In der Mittagspause besuchte ich zu diesem Zweck das Tiroler Landesarchiv und das Archiv des Landesgerichts. Kopierapparate gab es zu dieser Zeit keine, es musste alles mit Hand exzerpiert werden. An den vom Staatsapparat angelegten Akten, die Bilder der Amtshandlungen sind, lernte ich bei aller Kleinheit des Tiroler Raumes und der Anzahl der handelnden Personen zu unterscheiden, wer im Interesse der weit überwiegenden Mehrheit der Menschen handelt. Diese Unterscheidung ist mit den Jahren gewachsen und hat sich gefestigt. Damit war ein historisches Urteil naheliegend. Das Ergebnis war eine Broschüre „Februar 1934. Die historische Entwicklung am Beispiel Tirols“, die ich ohne Tarnfarbe und mit meinem vom Gewissen getragenen Wissen vereinbar niedergeschrieben habe. Theoretische Kenntnis des historischen Materialismus hatte ich gar keine. Schon im Vorfeld der durch Initiative von Herbert Salcher (1919–2021) als Obmann der Tiroler Sozialdemokratischen Partei ermöglichten Drucklegung (1974) hat sich mir gezeigt, welche ideologische Grabenkämpfe es bei der Aufarbeitung der Geschichte der Arbeiterbewegung gibt und dass die Unterschiede, nicht die Gemeinsamkeiten im Vordergrund stehen. Karl R. Stadler (1913–1987), (SPÖ-) Chefhistoriker des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung in Linz, wollte mein Typoskript kaufen, aber nicht drucken (16.7.1973): „Wir haben nun Ihre Arbeit gelesen – ich sowohl wie zwei meiner engsten und erfahrensten Mitarbeiter. Leider fällt sie nicht so aus, wie ich es mir erwartet hatte. Die Schwierigkeiten mit dem Material haben Sie glänzend überwunden: Sie fanden eine Menge interessanter Fakten, die allein schon den Arbeitsaufwand Wert waren. Man muss Ihnen bezeugen, dass Sie sich Ihre Aufgabe nicht leicht gemacht haben, wenngleich ein Gutteil der von Ihnen verwendeten Literatur gänzlich irrelevant ist. Die Arbeit ist flüssig geschrieben, vielleicht zu flüssig, weil Sie damit allzu sehr in die Nähe eines Pamphletes kamen und die Wissenschaft vernachlässigten. Die Gesinnung allein ist keine Garantie für ernsthafte Arbeit; die beiden müssen gekoppelt werden. Ihr Brief hätte schon eine Warnung sein müssen; Ihre ‚freimütige Auseinandersetzung mit dem Rechtssozialismus‘, ein legitimes Unterfangen, gerät auf die falsche Bahn, wenn Sie sich ausgerechnet auf Lenin [(1870–1924)] berufen, der – gewollt oder ungewollt – eine Partei begründet hat, die der großen europäischen Arbeiterbewegung diametral entgegen gesetzte Positionen einnimmt und für eine Staatsform steht, die – zumindest unter Stalin [(1878–1953)] – zu den ärgsten und blutigsten Tyranneien der Welt zählte. Sie aber sehen nicht die Realität der leninistischen Entwicklung, sondern übernehmen kritiklos deren Verdammung der ‚verderbten Ideologie‘ der demokratischen Sozialisten, die Sie – in Erweiterung Ihrer Fehde mit Karl Kautsky [(1854–1938)] – pauschaliter als ‚Renegaten‘ abtun. Die litaneiartige Wiederholung ritualistischer Phrasen (‚Rechtssozialistische Führung‘, ‚die revolutionäre Arbeiterpartei‘ statt KPÖ, der ‚verräterische Opportunismus‘ der Reformisten usw.); die kuriose Auswahl Ihrer Quellen (darunter Walter Ulbricht [(1893–1973)]!); […] Was tun, um ausnahmsweise mit Lenin zu sprechen. Sind Sie bereit, die ganze Arbeit umzuschreiben? Natürlich würde ich gerne eine Studie über die Tiroler Arbeiterbewegung in meiner Reihe veröffentlichen, aber sie müsste schon in Konzept und Stil über das Niveau des Neuen Forums hinausgehen. Lassen Sie mich bitte wissen, was Sie vorhaben, und glauben Sie mir, dass uns diese herbe Kritik nicht leicht fällt. Die Geschichte der Arbeiterbewegung muss ernsthaft, wissenschaftlich betrieben werden und jeglicher gegnerischen Kritik standhalten. […].“ Stadlers Auffassung unterscheidet sich weder inhaltlich noch im Sprachstil von jener des Altnazis und Chefredakteurs der „Tiroler Tageszeitung“ Hans Thür (1920–2003), der in seiner Kolumne meine Februarbroschüre aggressiv anzeigte (5.11.1974): „… aber vielleicht ist G. Oberkofler dennoch Wissenschaftler – etwa im Sinne des von Stalin praktizierten wissenschaftlichen Sozialismus“.

Die gedruckte Februarbroschüre war für Wiener Kommunisten wie Leopold Hornik (1900–1976), der zu den Begründern der Kommunistischen Partei Österreichs gehörte, und Eduard Rabofsky (1911–1994) Anstoß mit mir, der bis dahin keinen lebenden Kommunisten je begegnet ist, Kontakt aufzunehmen. Vor allem die Begegnung mit dem Widerstandskämpfer und Juristen der Arbeiterklasse Eduard Rabofsky war lebensprägend. Seine Auffassung, dass er alles vom Standpunkt der österreichischen und internationalen Arbeiterklasse aus beurteilte, wurde in der intensiven Zusammenarbeit mit ihm zu meiner Lebensmaxime. Ich wurde vom Urteilen ins Handeln kommend Kommunist. 

Josef Scherbaum, ein mir unbekannter Arbeiter, hat mir aus Innsbruck nach der Lektüre der Februarbroschüre geschrieben (12.9.1974): „Ohne selbst Partei zu werden ist es Ihnen gelungen, die damaligen Ereignisse dokumentarisch zu untermauern und ein Stück Arbeitergeschichte so zu schildern, dass ich als Leser alsbald um 40 Jahre zurückversetzt wurde.

Als Mitglied der sozialistischen Arbeiterjugend und der Alarmabteilung des Schutzbundes, also als junger, politisch interessierter Mensch, war ich mit den geschilderten Ereignissen doch ein wenig konfrontiert und von meiner Warte aus gesehen kann ich nur sagen: Hätte ein Zeitgenosse zur Feder gegriffen, er hätte das Geschehen um 1934 nicht lebendiger und urteilskräftiger zu Papier bringen können. Darf ich noch folgenden Gedankengang hinzufügen. Der militärische Aufstand der Arbeiterschaft hätte 1934 nur dann eine geringe Chance gehabt, wenn er von einem lückenlosen in ganz Österreich durchgeführten Generalstreik begleitet gewesen wäre. Ein solcher Generalstreik war aber nicht mehr realisierbar, weil die Arbeiterschaft zu ihrer politischen Führung schon weitgehend das Vertrauen verloren hatte. Ja, im Jahre 1918, als die Massen noch begeisterungsfähig durch die Straßen von Wien zogen und die Welt des Bürgertums in seinen Grundfesten erschüttert war, da hätten die sozialistischen Führer zu sich selbst und zur Arbeiterschaft mehr Vertrauen haben müssen. Den stereotypen Hinweis auf die uns rings umgebende feindliche bürgerliche Welt, kann ich nicht gelten lassen, denn die Chance war ja nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland und Frankreich vertan. Aber Deutschland, Frankreich und Österreich hätten ein Wirtschaftspotential ergeben, das allein schon Garant dafür gewesen wäre, dass man sich heute um Europa keine Sorgen machen müsste. Ich würde es für richtig finden, wenn wenigstens jeder Funktionär der SPÖ dieses Buch in die Hand bekäme, denn es gibt erstens einen umfassenden Einblick in einen dramatischen Abschnitt der Arbeitergeschichte in Tirol und zweitens könnte es eine Mahnung zur steten Wachsamkeit sein, um zu verhindern, dass Reaktion und Faschismus je wieder Macht über unser politisches Geschehen gewinnen.“

Der in Wien lebende Jesuit Johannes Kleinhappl (1893–1979), der wegen seiner Nähe zum Marxismus seine Professur an der Innsbrucker Katholisch-Theologischen Fakultät Ende 1947 verlassen hat müssen, hat mir aus Anlass der Februarbroschüre aufmunternd geschrieben (9.7.1974): „[…] Ich habe Ihre Arbeit in einem Zuge gelesen, sie hat mich nicht früher losgelassen. Man bekommt aus ihr ein wirkliches Bild der damaligen Vorgänge und vor allem von den Ursachen, die zu den damaligen Vorgängen geführt haben. Ich bewundere Ihre Mühe, die Sie sich gemacht haben, Ihre Quellen zu finden und auszuschöpfen. Ich brächte es heute nicht mehr zusammen. Für mich ist es bedrückend zu sehen, wie Amtskirche und Bürgertum, trotz allem, immer einig sind, wenn es für das Eigentum und gegen die Arbeit geht. Darin hat sich leider auch heute noch nichts geändert. Es wäre sehr zu wünschen, dass Ihre Arbeit auch in die Hände der ‚anderen‘ käme, damit man ihre Äußerungen erhielte und so wissen könnte, wie sie heute über die damaligen Geschehnisse denken. Das wäre gewiss wertvoll und aufschlussreich“. Es war das meine erste Begegnung mit der Befreiungstheologie, mit deren Mission im Interesse der Armen ich mich seit der am 16. November 1989 erfolgten Ermordung von sechs Jesuitenpatres in El Salvador, darunter die beiden ehemaligen Studenten der Innsbrucker Theologie Ignacio Ellacuría (1930–1989) und Segundo Montes (1933–1989), intensiv zu beschäftigen begonnen habe. Hier nebstbei erzählt, mein Antrag an den Innsbrucker Akademischen Senat auf Anbringung einer Gedenktafel am Universitätsdenkmal wurde 1989 akzeptiert. Die damalige Dekanin Herlinde Pissarek-Hudelist (1932–1994) hat mir geschrieben (14.12.1989): „Sehr geehrter Herr Kollege! Wie ich Ihnen bereits telefonisch angekündigt habe, darf ich Ihnen mitteilen, dass Ihr Vorschlag für eine Gedenktafel für die Professoren Dr. Ignacio Ellacuría SJ und Dr. Segundo Montes SJ vom gesamten Jesuitenkolleg und dessen Rektor und von mir als Dekanin der Theologischen Fakultät mit aufrichtiger Dankbarkeit entgegengenommen wurde“. Dagegen wurde die von mir beantragte Einrichtung von jährlichen Gedächtnisvorlesungen für diese ermordeten Jesuitenpatres 2015 von der sich dem europäischen Wertekanon anpassenden Innsbrucker Theologie ausdrücklich abgelehnt. Ich habe dazu in der „Die Presse“ einen Artikel „Opportunismus anstatt Theologie der Befreiung“ geschrieben. 

Von der öffentlich gewordenen, ziemlich aggressiven Kampagne gegen mich und mein Buch „Die geschichtlichen Fächer“ erhielt im Sommer am Achensee in Tirol Eduard Winter (1896–1982) Kenntnis. Eduard Winter hat in Innsbruck Theologie studiert und als Professor in Prag mit Bernard Bolzano (1781–1848) einen Leitstern seines Lebens gefunden. Seit 1947 war Winter, dem ein Professur in Wien verweigert worden ist, Professor für Osteuropageschichte in Halle, seit 1951 in Berlin (DDR). Er veröffentlichte fundamentale Arbeiten zur geistigen Entwicklung aller, insbesondere der slawischen Völker der Donaumonarchie. Eduard Winter lud mich im Sommer 1970 ein, ihn am Achensee zu besuchen, was ich getan habe. Die Begegnung mit ihm war nicht nur belehrend, sondern ungemein herausfordernd. Aus Berlin schreibt Eduard Winter (9.4.1973): „Lieber Gerhard! So darf ich Dich als treuer Schüler, ja geistiger Sohn, nennen; gerade in der Zeitspanne in der Du eine tiefe Enttäuschung erlebt hast; zur Aufmunterung, zum Zeichen, dass Du verstanden wirst, dass an dich geglaubt wird. Du bist ganz am richtigen Weg! Nur darfst Du jetzt nicht nervös werden oder gar zu zweifeln beginnen. Umgekehrt: es ist gut, dass gleich am Anfang große Schwierigkeiten auftauchen, scheinbar unübersteigbare Hindernisse. Lerne da immer von Laotse (6. Jhd. v. u. Z.), der auf das Wasser verweist. Frontal wird das Wasser nur im letzten und bei höchster Ansammlung an Kraft durchbrechen; aber gewöhnlich weicht es frontalen Hindernissen aus, umgeht sie. Schau Dir so ein Bächlein an: welche Zickzackwege läuft es, aber in der Richtung bleibt es. Halte Dir eine bescheidene, halbwegs sichere Basis und von da aus agiere stetig, klug ausweichend und Du wirst das Angestrebte: eine Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung, sicher, wenn auch nicht in absoluter Vollkommenheit – die gibt es gar nicht – erreichen. Denke deswegen nicht zu sehr an den Haifischteich, das würde Dich unsicher machen und Unsicherheit wäre tödlich. Ich glaube, ich hätte auch im Haifischteich etwas erreicht, denn Haie gibt es überall, wenn ich Dir auch recht gebe, viel schwieriger und wahrscheinlich viel weniger wäre das Ergebnis meiner Arbeit gewesen. Gesellschaftliche Verhältnisse sind sehr wichtig. Meist ist aber gerade der Druck für Leistung nötig. Ich hätte bei weitem nicht das geleistet, was ich geleistet, verhältnismäßig ist es nicht soviel, als es nach außen vor allem für Dich vielleicht aussieht, wenn nicht Widerstände gewesen wären, immer Widerstände gewesen wären, wie ich aus meinen Vorarbeiten zu einer Selbstbiographie mit Staunen immer wieder sehe. Aber Widerstände reizten mich gerade sie zu überwinden, durch Leistung und immer wieder durch Leistung. Das ist wie im Kartenspiel – ich hatte freilich dazu wenig Zeit – aber wie ich es mir einbilde, Trumpf, Trumpf, Trumpf! Das kostet natürlich sehr viel Kraft. Höchste Ökonomie der Kräfte tut not. Viel verdanke ich meiner Frau, die mir sehr viel bei dieser Ökonomie durch Hilfe, Geduld und Liebe geholfen hat. Dass [Wilhelm] Frank [(1916–1999)] Schiffbruch gelitten hat, ist natürlich ein Unglück. Man darf es ihm nicht anrechnen, er ging jedenfalls mit besten Vorsätzen an das Zähmen der Haie, aber kann man Haie zähmen? Man muss sehr vorsichtig sein und die eigene Klugheit nicht überschätzen. Aber an Deinem Programm halte fest! Ich werde Dich immer beraten, so gut ich das bei der Entfernung, die selbst in Maurach zu dem Haifischteich besteht, möglich ist. Dass Du das Pferd beim Schwanz aufzäumst, ist kein Fehler, bekanntlich tun dies auch erfahrene Gauchos. Die Arbeit bekommt eine Aktualität, die der Forschung zu Gute kommt, wenn sie nicht nur ad hoc ist. Alles Weitere und Nähere in mündlichen Gesprächen, auf die sich Mitte Juni freut Dein väterlicher Freund“. Eduard Winter gehört zu den bewusst in die Vergessenheit gedrängten Historikern, vor allem weil sein humanistischer Blick auf den Osten Europas wissenschaftlich aktuell ist.

Welche Werte und Ideale vermittelt eine österreichische Universität? 

Was können die Studenten und Studentinnen von der an den Universitäten etablierten „Österreichischen Geschichte“ erwarten? Am Ende meines aktiven Berufslebens habe ich 2002 dazu verallgemeinert geschrieben: „Was dürfen sich die Studierenden an Werten und Idealen von der Universität Innsbruck erwarten?“, und veröffentlicht: „Nichts, jedenfalls nicht, was über die tagaus, tagein von den Massenmedien angebotenen Werte und Ideale hinausgeht. Die Studenten sollten deshalb vor allem die Gelegenheit nützen, zu lernen, sich zuverlässiges Fachwissen aneignen, ihr selbständiges kritisches Denken entwickeln und ihr Studium als eine gesellschaftlich nützliche Tätigkeit ansehen. Diese banale Aufforderung stößt allerdings auf die Barrieren der bürgerlichen Gesellschaft, weil der künftige Marktwert des Absolventen sich nicht im gemeinsamen Lernen für eine gemeinsame planmäßig zu gestaltende humanistische Zukunft niederschlägt, sondern im gegenseitigen Konkurrenzkampf mit der ihm eigenen Käuflichkeit. Diese reale Situation muss den Studenten deutlich sein, auch wenn der Firlefanz des Universitätszaubers und die dazu gehörigen universitären Glaubensbekenntnisse die Gegensätze verwischen. Nehmen wir die Hauptfrage der Gegenwart. Die geheiligten Mythen unserer Gesellschaft sind Menschenwürde, Menschenrechte, Gerechtigkeit oder Demokratie. […] Dabei wird stillschweigend bis offensiv akzeptiert, dass mit Hilfe der Atombombe, des Geldes und der modernen Kommunikationsmittel das imperiale Kommando die USA samt EU übernommen hat: Angriffskriege werden also zu humanitären Interventionen umgefälscht, von Erfolg gekrönte Staatsverbrechen werden als Heldentaten gerühmt. Für den Fortbestand der weltweiten Macht- bzw. Ohnmacht-Verhältnisse in Wirtschaft wie Politik und der bestehenden Verfügungsgewalt über Medien und Militär, deren Ergebnis Hunger und Kriege im Alltag der Weltbevölkerung ist, wird mehr oder weniger offen Partei genommen. Das hängt damit zusammen, dass diese Professoren sich selbst zu den ideologischen Führungskadern unserer spätkapitalistischen Gesellschaft rechnen, zumal es sich für sie auch tatsächlich rechnet. […] Haben sich maßgebliche Vertreter der Sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, zu deren Repräsentanten ein zugleich als Altrektor, Vorsitzender des katholischen Universitäts-Pfarrgemeinderates, Tiroler Hypo-Aufsichtsratsmitglied, Mitglied der Batliner-Stiftung, Kronenzeitungskolumnist, Geschichtsdesigner und Professor verkleideter Kommis zählt, zu den realen Problemen der arbeitenden Massen je geäußert? […] Mögen sich also die Studenten an der Universität keinen Illusionen hingeben! Vor allem mögen die Studenten, wenn ihnen von Seiten der Universitätskanzeln Werte und Ideale gepredigt werden, selbständig deren Funktion im historischen Prozess überdenken oder am besten überhaupt weghören“. Es wird den Leser nicht überraschen, dass der damalige Rektor der Innsbrucker Universität seine Rechtsabteilung (Zentrale Dienste) den Auftrag gegeben hat, zu überprüfen, ob dieser Artikel eine strafrechtliche Verfolgung des Verfassers möglich mache. Diese hat davon mit Bezugnahme auf die gesetzlichen Möglichkeiten abgeraten (6.11.2002). 

Dass ich nach 1989/1990 überhaupt noch an der Universität Dienst machen durfte, verdanke ich dem als Rektor amtierenden Juristen Rainer Sprung (1936–2008). Er hat eine aus der Hochschülerschaft kommende Aufforderung, mich als Kommunist von der Universität zu entfernen, mit rechtsstaatlicher und fachlicher Begründung zurückgewiesen und mir davon persönlich mit der Bemerkung Mitteilung gemacht (21. 2. 1990): „Erlauben Sie mir darüber hinaus, sehr geehrter Herr Professor, Sie meines persönlichen uneingeschränkten Vertrauens zu versichern. […] Ihres pflichtgetreuen Einsatzes als Leiter des Universitäts-Archivs bin ich mir mit steter Dankbarkeit bewusst.“ 

Einem Professor i. R. nachgetreten

Seit den 1990er Jahren ändern sich in Europa mit seinem deutschen Zentrum die Zeitumstände und mit ihnen im vorauseilenden Gehorsam die österreichischen Universitätsleitungen. Duldung gehört der Vergangenheit an. Zu einem wissenschaftlichen Beitrag an der offiziellen Festschrift der Universität Innsbruck aus Anlass ihres 350-jährigen Jubiläums (2019) wurde ich von den beiden vom Rektor mit deren Herausgabe beauftragten deutschen Mitgliedern seiner Geschichtefirma demonstrativ nicht eingeladen. Im Oktober 2019 wurde mir über Nacht und ohne jede vorherige Verständigung der bis dahin von mir benützte Universitätsaccount @uibk.ac.at durch den Rektor der „Universitas Leopoldino – Franciscea“ entzogen. Unmittelbarer Anlass war dem Vernehmen nach (- eine mündliche oder schriftliche Begründung habe ich nicht erhalten -) meine in einer österreichischen Tageszeitung publizierte Kritik an der heuchlerischen und mit „deutscher Gewissheit“ durchgezogenen, der österreichischen Geschichte widersprechenden Denkmalinszenierung.

Postscriptum

Wikipedia, das bei der Darstellung von Lebensläufen „westlichen Werten“ folgt, listet meine monografisch erschienenen Bücher auf. Unter diesen finden sich solche, die wissenschaftsbiografische Studien zur Entwicklung der österreichischen Historiographie sind und mein Buch über die „geschichtlichen Fächer“ von 1969 inhaltlich in vielen Bereichen erweitern und anders darstellen. Besonders darf ich auf die im StudienVerlag (Markus Hatzer) veröffentlichten Biografien von Nikolaus Grass, Alphons Huber, Franz Huter, Hans Kramer, Kleo Pleyer, Eduard Rabofsky (österreichische Zeitgeschichte), Samuel Steinherz, Käthe Spiegel und Leo (Jonas Leib) Stern und Eduard Winter, dessen Erinnerungen seit 1945 ich herausgegeben habe, hinweisen. Über die Verfasserin der ersten historisch-materialistischen Darstellung der österreichischen Geschichte Eva Priester habe ich eine Biografie geschrieben. Ihr Name stand und steht außerhalb des Kanons der etablierten HistorikerInnen der österreichischen Geschichte. Über Konrad Farner habe ich einen historisch-materialistischen Zugang zur schweizerischen Geschichte gefunden. Mein vollständiges Schriftenverzeichnis mit allen Artikeln bis 2011 ist abgedruckt in: Hans Mikosch / Anja Oberkofler (Hrsg.): Gegen üble Tradition, für revolutionär Neues. Festschrift für Gerhard Oberkofler. StudienVerlag Innsbruck / Wien / Bozen 2012, S. 247‑2011. 

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Schlagworte: Gerhard OberkoflerGeschichteInnsbruckUniversität Innsbruck

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