Im Nordosten Syriens vollzieht sich derzeit eine tiefgreifende Machtverschiebung. Nach schweren Gefechten um strategische Städte, Öl- und Gasfelder sowie zentrale Wasserinfrastruktur kündigte die islamistische Regierung in Damaskus, hervorgegangen aus dem früheren al-Qaida-Ableger Hayat Tahrir al-Sham (HTS), einen umfassenden Waffenstillstand mit den kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) an. Gleichzeitig deuten militärische Entwicklungen darauf hin, dass die HTS-Regierung ihre Kontrolle über bislang autonom verwaltete kurdische Gebiete systematisch ausbaut.
Die jüngsten Kämpfe konzentrierten sich auf die Provinzen Aleppo, Rakka und Deir al-Zor – Regionen, die für die wirtschaftliche und strategische Stabilität Syriens von zentraler Bedeutung sind. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zogen sich Einheiten der SDF aus den größten Öl- und Gasfeldern des Landes zurück, darunter aus dem al-Omar-Ölfeld und dem Tanak-Feld in Deir al-Zor. Diese Gebiete galten über Jahre als wirtschaftliches Rückgrat der kurdischen Selbstverwaltung im Nordosten.
Parallel dazu meldeten staatliche Medien der islamistischen HTS-Regierung die Einnahme der Stadt Tabqa westlich von Rakka, einschließlich des Euphrat-Staudamms – der größten Strom- und Wasserquelle Syriens. Die SDF bestätigten zwar Rückzüge aus mehreren Orten, bestritten jedoch, die vollständige Kontrolle über Tabqa verloren zu haben. Wie in früheren Phasen des syrischen Krieges stehen widersprüchliche Darstellungen beider Seiten nebeneinander.
Militärischer Druck und Zusammenbruch alter Absprachen
Auslöser der Eskalation war das Scheitern eines bereits im März 2025 angekündigten Abkommens zwischen der HTS-Regierung und der SDF. Dieses sollte eine schrittweise Integration der kurdischen Kräfte in staatliche Strukturen ermöglichen. Stattdessen weitete die islamistische Führung in Damaskus in den letzten Tagen ihren militärischen Vorstoß aus. Regierungstruppen und verbündete Milizen rückten in mehrheitlich kurdisch verwaltete Gebiete vor, während die SDF ihre Einheiten ostwärts hinter den Euphrat verlegten.
In mehreren Städten kam es zu schweren Gefechten, Raketenbeschuss und Artillerieangriffen. Beide Seiten meldeten Tote und warfen einander Vertragsbruch vor. Brücken über den Euphrat wurden zerstört, zeitweise fiel die Wasserversorgung in Rakka aus. Ausgangssperren und militärische Sperrzonen prägten das Bild einer Region, die sich erneut am Rand eines größeren Flächenbrandes befindet.
Hinzu kommt die Gefahr eines Wiedererstarkens des „Islamischen Staates“. Kurdische Stellen warnten vor Sicherheitslücken in Gefängnissen und Lagern wie al-Hol und Roj, in denen zehntausende mutmaßliche IS-Mitglieder und deren Angehörige festgehalten werden. Angriffe von IS-Schläferzellen auf SDF-Stellungen wurden bereits gemeldet.
Die Rolle der USA: Mehr als nur Anti-IS-Partner
Die SDF waren über ein Jahrzehnt hinweg der wichtigste lokale Partner der USA in Syrien. Washington unterstützte sie nicht nur im Kampf gegen den „Islamischen Staat“, sondern auch als Gegengewicht zum Regime von Baschar al-Assad, das schließlich von der islamistischen HTS-Bewegung gestürzt wurde. Mit amerikanischer militärischer, logistischer und politischer Hilfe errichteten die Kurden im Nordosten Syriens eine weitgehend autonome Selbstverwaltung.
Mit dem Machtwechsel in Damaskus und dem Aufstieg der HTS-Regierung geriet dieses Arrangement jedoch zunehmend unter Druck. Zwar rief das US-Zentralkommando zuletzt zur Deeskalation zwischen HTS-Kräften und SDF auf, doch gleichzeitig signalisierte Washington Unterstützung für eine territoriale Einheit Syriens unter der neuen Führung. Diese doppelte Linie verstärkt bei den Kurden die Sorge, politisch isoliert zu werden.
Wie Washington hatte auch Israel sowohl die Islamisten als auch die Kurden gegen Baschar al-Assad unterstützt, im Gegenzug hatte die SDF Israel im Kampf gegen die sogenannte Achse des Widerstands, die vom Iran angeführt wird, während des Gaza Krieges unterstützt. Angesichts dessen, dass die HTS-Regierung Willens scheint, die immer weitreichendere Besetzung syrischen Territoriums durch die israelische Armee hinzunehmen, scheinen die Kurden für Israel überflüssig geworden zu sein.
Angekündigter Waffenstillstand und harte Bedingungen
Vor diesem Hintergrund erklärte HTS-Führer und Präsident Ahmad al-Sharaa, man habe mit der SDF einen umfassenden Waffenstillstand vereinbart. Nach Darstellung der staatlichen Nachrichtenagentur SANA soll dieser auf allen Fronten gelten und den Weg für eine vollständige Eingliederung der kurdisch kontrollierten Gebiete in den Machtbereich der islamistischen Regierung ebnen.
Die veröffentlichten Eckpunkte des Abkommens sind weitreichend:
Die SDF sollen sich vollständig östlich des Euphrat zurückziehen, die Provinzen Rakka und Deir al-Zor administrativ und militärisch an Damaskus übergeben und sämtliche Öl‑, Gas- und Wasseranlagen an den Staat abtreten. Die kurdischen Streitkräfte würden als geschlossene Organisation aufgelöst; ihre Kämpfer dürften nur noch individuell in Armee oder Sicherheitsdienste der HTS-Regierung eintreten. Zudem sollen alle nicht-syrischen PKK-Kader das Land verlassen.
Von Seiten der SDF gibt es bislang keine offizielle Bestätigung dieser Vereinbarung. Kurdische Vertreter äußerten Zweifel an der Umsetzbarkeit und warnten davor, dass das Abkommen faktisch das Ende der Selbstverwaltung bedeuten würde.
Politische Zugeständnisse mit begrenzter Wirkung
Flankierend kündigte Präsident al-Sharaa kulturelle Zugeständnisse an. Kurdisch wurde erstmals seit der Unabhängigkeit Syriens als „nationale Sprache“ anerkannt, staatenlose Kurden sollen eingebürgert werden. Analysten bewerten diese Schritte jedoch vor allem als symbolisch. Während kulturelle Rechte ausgeweitet würden, konsolidiere die islamistische Regierung gleichzeitig ihre militärische und administrative Kontrolle über den Nordosten.
Ein weiterer, von Medien kolportierter Umsetzungsplan sieht vor, SDF-Oberkommandeur Mazlum Abdi als Gouverneur der Provinz Haseke einzusetzen und kurdische Vertreter in einzelne Regierungsämter einzubinden. Auch dieses Angebot soll von der SDF-Führung abgelehnt worden sein.
Ungewisse Zukunft für Rojava
Ob der angekündigte Waffenstillstand tatsächlich hält, ist offen. Zu oft wurden in Syrien in den vergangenen Jahren Vereinbarungen verkündet, während die Kämpfe am Boden weitergingen. Klar ist jedoch, dass die islamistische HTS-Regierung entschlossen ist, ihre Herrschaft auf das gesamte Staatsgebiet auszudehnen – notfalls mit militärischer Gewalt und Rückendeckung durch die Türkei.
Für die kurdische Selbstverwaltung in Rojava steht damit mehr auf dem Spiel als einzelne Städte oder Ressourcen. Es geht um den Fortbestand eines politischen Projekts, das mit westlicher Unterstützung im Schatten des Bürgerkriegs entstanden ist und nun von einer neuen, islamistisch geprägten Machtelite in Damaskus zurückgedrängt wird. Die kommenden Wochen dürften zeigen, ob der angekündigte Waffenstillstand ein realer Wendepunkt ist – oder lediglich eine Zwischenstation auf dem Weg zu einer vollständigen Machtübernahme.
Quelle: L’Orient Today/soL/soL/soL


















































































