HomeFeuilletonSport„Pepi, lass mi eine!“ – Peter Elstner 1940-2021

„Pepi, lass mi eine!“ – Peter Elstner 1940–2021

Mit Peter Elstner verstarb eine ORF-Reporterlegende, die insbesondere für ihre skurrile Aussperrung aus der ÖFB-Kabine im Herbst 1989 in Österreich weltberühmt wurde und bleiben wird.

Am 20. Juni 2021 verunglückte der Journalist und Moderator Peter Elstner tödlich bei einem Badeunfall in der Wiener Neuen Donau. Der 81-jährige war als langjähriges Mitglied der Sportredaktion des ORF einem großen Publikum bekannt – seinen regelrechten Kultstatus verdankte er seinen – misslungenen – Interviewversuchen im Zuge des letzten Pflichtspiels der Fußballnationalmannschaft der DDR, das in der WM-Qualifikation gegen Österreich stattfand.

Von der SPÖ-Zeitung zum ORF

Geboren wurde Elstner am 12. April 1940 im deutsch besetzten und annektierten Wien, etwas mehr als ein halbes Jahr nach Beginn des Zweiten Weltkrieges. Einer seiner Schulkollegen war Heinz Prüller, der insbesondere als Formel-1-Kommentator ebenfalls ein prominenter Kollege werden sollte. Auf Prüllers Vermittlung begann Elstner seine journalistische Laufbahn 1962 bei der damals sozialdemokratischen Tageszeitung „Express“, die später von der „Kronen Zeitung“ geschluckt wurde. 

In den 1970er Jahren begann Elstner seine Tätigkeit für den ORF, ab 1978 war er fixes Mitglied der Sportredaktion. 1980 übernahm er die Leitung des Fußball-Ressorts, er begleitete mehrere Welt- und Europameisterschaften. Im Bereich des Wintersports war v.a. das Skispringen Elstners Domäne, das er im Weltcup, bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen kommentierte. Aber z.B. auch das historische österreichische Staffelgold im Langlaufen bei der Nordischen WM 1999 wurde von ihm begeistert durch den Zielsprint getragen. Elstner gehörte über Jahre gemeinsam mit Sigi Bergmann, Robert Seeger und Prüller zu jenem geschätzten Fixinventar der ORF-Sportübertragungen, das Leben und Menschlichkeit in den immer mehr stromlinienförmigen Profisport brachte. Im Jahr 2001 ging er bezüglich des ORF in den Ruhestand, 2004 gab er ein Comeback beim Privatsender ATV, bis 2018 war er Mediencoach beim SK Rapid Wien, seinem Lieblingsverein.

Neben seiner Tätigkeit als Sportreporter war Elstner auch im Kunst- und Kulturbereich aktiv. Er stand selbst als Sänger auf der Bühne und war Kuratoriumsmitglied der Opernfestspiele von St. Margarethen. Mit seinen Auftritten in der ORF-Comedy-Reihe „Tohuwabohu“ von Helmut Zenker bewies Elstner in den 1990er Jahren Humor und komödiantisches Talent.

Scheitern mit Sympathiewerten

Von unfreiwilligem Humor begleitet war Elstners berühmtester Auftritt, der zum kollektiven Gedächtnis der österreichischen Medien- und Sportgeschichte gehört: Am 15. November 1989 kam es im Wiener Praterstadion zum finalen und entscheidenden WM-Qualifikationsmatch zwischen den Fußballteams Österreichs und der DDR – für letztere war es das allerletzte Pflichtspiel. Die Mannschaft des ÖFB landete vor 57.000 Zuschauern einen 3:0‑Sieg, wobei alle Tore von Toni Polster erzielt wurden (2., 23., 61.). Damit schloss Österreich die Gruppe als Zweiter hinter der UdSSR ab und qualifizierte sich für die WM in Italien 1990, während die DDR – immerhin mit Spielern wie Sammer, Kirsten, Thom und Doll sowie mit Trainer Ede Geyer – zu Hause bleiben musste. Bemerkenswert war jedoch vor allem, was nach dem Spiel geschah.

ÖFB-Teamchef Josef Hickersberger war bereits im Vorfeld mit der medialen Berichterstattung über seine Arbeit und seine Mannschaft unzufrieden – er monierte ungerechtfertigte, unfaire Kritik (nicht zuletzt an Polster) und fehlendes Vertrauen. Nach dem souveränen Sieg zahlten es die ÖFB-Verantwortlichen zurück, und der Leidtragende war Peter Elstner: Das ganze Stadion und das TV-Publikum waren enthusiasmiert durch den Triumph und die erfolgreiche WM-Qualifikation, und ORF-Reporter Elstner hatte die Aufgabe, die Stimmung wiederzugeben – er ging mit einem Kamerateam zur österreichischen Kabine, um Interviews zu machen und Bilder einzufangen. Doch Hickersberger weigerte sich vehement, Elstner einzulassen, was zu skurrilen Szenen führte. Wiederholtes Klopfen an die Tür, das Hineinrufen durch den Türspalt, Bitten und Flehen, als Kapitän Zsak oder Andi Herzog in die Kabine gingen, führten zu keinem Erfolg, Pepi Hickersberger blieb gnadenlos – live auf Sendung und vor einem Millionenpublikum stand der verzweifelte Elstner gut fünfzehn Minuten vor der Tür, ohne Gehör zu finden. Es war ein Scheitern, das amüsierte und gewiss auch einen kleinen Aufstand Hickersbergers und der Spieler gegen die Medienmacht darstellte. Für Elstner und den ORF war es freilich eine überaus peinliche Situation, im Nachhinein nahmen es dann natürlich auch diese mit Humor – und die Szenen haben bis heute Kultstatus.

Dass es damals ausgerechnet Elstner traf, war Zufall: Er war gewiss nicht auf den Mund gefallen und konnte auch unbequeme Fragen stellen, doch er war selbst durch und durch Fan und ein herzensguter Mensch, der 1989 etwas unglücklich und stellvertretend für eine ganze Branche den begossenen Pudel vor der ÖFB-Kabine geben musste. Aber auch gerade diese Ereignisse trugen zur Beliebtheit von Elstner bei, der u.a. diese Vorkommnisse 2019 in seinem Buch „Pepi, lass mi eine!“ auf durchaus humorvolle Weise reflektierte.

Nun ist Peter Elstner im Alter von 81 Jahren verstorben. Seine professionellen Tätigkeiten, seine ansteckende Begeisterung am ORF-Mikrophon – und eben auch seine sympathischen „Hoppalas“ – werden noch länger im Gedächtnis bleiben.

Quelle: Der Standard

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