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Flora goes vegan

Überdüngung, industrielle Landwirtschaft und globaler Raubbau des Kapitalismus drohen die relativ kleine Gruppe der fleischfressenden Pflanzen auszurotten

Amsterdam. Wie eine aktuelle Studie der botanischen Zeitschrift „Global Ecology and Conservation“ darlegt, gibt es in der Pflanzenwelt einen Trend zum Veganismus. Keine Sorge, es kommt eher nicht zu Kannibalismus innerhalb der Plantae, zumindest nicht direkt, denn die meisten Vertreter sind ja ohnedies autotroph. Es zeigt sich aber gewissermaßen ein Verzicht auf tierische Produkte. Dieser ist allerdings nicht gerade freiwillig und eigentlich geht es um Folgendes: Fleischfressende Pflanzen sind weltweit vom Aussterben bedroht. Sorry für die effekthascherische und leicht irreführende Überschrift. Die Anführung der potenziellen Extinktion erscheint zudem zunächst vom wissenschaftlichen Standpunkt ein wenig überraschend, denn die Karnivoren unter dem Grünzeug sind ja eigentlich Überlebenskünstler: Gerade aus Mangel an Nährstoffen in ihrer Umgebung verlegten sie sich evolutionär auf alternative Nahrungsquellen, insbesondere Insekten, aber auch Frösche und kleine Nagetiere (und dann doch: Algen). Dadurch existieren sie v.a. in eher lebensfeindlichen Umgebungen wie in Sümpfen, Mooren oder auch auf blanken Felsen oder Sand, im tiefen und dunklen Regenwald, auf saurer oder basischer Erde. Es ist nicht frei von Ironie, dass ihnen ihre biologische Nische und ihre seltsamen Sonderbedürfnisse nun zum Verhängnis werden, doch hintergründig ist es freilich menschliches Handeln, das der berühmten Venusfliegenfalle und ihren Kolleginnen bedrohlich zusetzt. Also eher Eradikation als Extinktion. Jedenfalls: Etwa 25 Prozent aller fleischfressenden Pflanzen könnten in absehbarer Zeit auszusterben.

„Feed me, Seymour!“

Nein, es handelt sich nicht schon wieder um den Klimawandel – der kann auch nicht alles. Unbeteiligt ist er zwar nicht (etwa durch Hitze und Dürre), doch in der Hauptsache geht es um anderes: Tatsächlich sind fleischfressende Pflanzen in aller Regel auf nährstoffarme Böden angewiesen, weswegen es gerade die massive Überdüngung ist, die den 860 bekannten Arten (davon 16 in Mitteleuropa) zu schaffen macht. Diese Überdüngung stammt zum Teil aus der stetig ausgeweiteten industriellen Landwirtschaft, die ihre Böden maximal für Plantagen (und Viehzucht) nutzbar machen will – dies trifft etwa insbesondere auf Brasilien oder Indonesien zu, wo es viele karnivoren Arten gibt. Doch auch Stickstoff und Staub aus Schornsteinen und motorisiertem Verkehr – also Aspekte der Umweltverschmutzung – tragen dazu bei, dass den spezialisierten Zoophagen der Flora das Leben und Überleben erschwert wird. Zu guter Letzt kommt natürlich noch die Tatsache hinzu, dass der Mensch einen immens steigenden Flächenverbrauch aufweist: Mit neuen technischen und methodischen Möglichkeiten werden auch zuvor unzugängliche Gebiete erschlossen und nutzbar gemacht, um die kapitalistische Produktion und Rohstoffgewinnung sowie Baugründe auszuweiten. Damit fallen die fleischfressenden Pflanzen vermehrt um ihre geschützten Biotope um, aber auch um ihre Nahrungsquellen. Es zeigt sich, dass jeder menschliche Eingriff in die Flora und Fauna Konsequenzen hat, die mitunter zunächst klein und unbedeutend erscheinen mögen (wer braucht schon fleischfressende Pflanzen?), aber relevante Kettenreaktionen verursachen können. Insofern wäre man gut beraten, nicht alles dem rücksichtslosen, zerstörerischen und nimmersatten Profitprimat des kapitalistischen Horrorladens unterzuordnen, sondern sensible Lebensräume zu erhalten: Im biologischen und ökologischen Gesamtzusammenhang steht der Mensch nämlich nicht außerhalb der Natur und ist auf deren Gleichgewicht und Funktionieren angewiesen.

Quelle: Global Ecology and Conservation

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