Die raschen militärischen Verschiebungen in Nordostsyrien markieren mehr als eine lokale Eskalation. Innerhalb weniger Tage verlor die kurdisch dominierte Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens (DAANES) weite Teile ihres Einflussgebiets. Für den Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Türkei (TKP), Kemal Okuyan, sind diese Entwicklungen kein überraschender Zusammenbruch, sondern das Ergebnis langfristiger politischer Fehlkalkulationen – sowohl der kurdischen Akteure als auch der regionalen Mächte.
Ausgangspunkt der jüngsten Eskalation war die Einnahme kurdischer Viertel in Aleppo durch Truppen der syrischen Übergangsregierung, die von Hayat Tahrir al-Sham (HTS) getragen wird. Kurz darauf brach ein ohnehin fragiler Waffenstillstand zwischen HTS und den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) zusammen. Ein Treffen zwischen HTS-Führer Ahmed al-Sharaa und SDF-Oberkommandant Mazlum Abdi blieb ergebnislos, während sich die Kämpfe rasch auf den Nordosten des Landes ausweiteten.
„Kein Verrat, sondern ein brüchiges Bündnis“
Manche interpretieren das Umschwänken der arabischen Stämme auf die Seite der islamistischen Regierung als Verrat, das ist jedoch falsch. Die DAANES hatte in Regionen wie Deir az-Zor von Beginn an auf fragile Zweckbündnisse gesetzt. Diese seien weniger politisch motiviert gewesen als durch kurzfristige Interessen zusammengehalten worden. Beispielhaft kann die Karriere Ahmed Khbeil, alias Abu Khawla angeführt werden. Dieser begann seine Karriere als Krimineller bevor er 2013 eine Brigade für die sogenannte Frei Syrische Armee (FSA) aufbaute. Anschließend schloß er sich den Islamischen Staat an, nach der Ermordung seines Bruders flüchtete er kurzzeitig in die Türkei. Nach seiner Rückkehr schloß er sich wiederum der SDF an, bis er 2023 wegen kriminellen Aktivitäten von den SDF verhaftet wurde. Der rasche Zusammenbruch dieser Allianzen zeigt, dass es nie eine stabile gesellschaftliche Basis für die kurdisch dominierte Ordnung in den arabisch geprägten Gebieten gegeben habe.
Tatsächlich verloren die SDF binnen weniger Stunden die Kontrolle über große Teile des östlichen Euphrattals, strategisch wichtige Ölfelder sowie schließlich auch Raqqa. Selbst der einflussreiche Shammar-Stamm entzog der Selbstverwaltung öffentlich seine Unterstützung und stellte sich hinter die islamistische Übergangsregierung in Damaskus. Ganze arabische Einheiten der SDF lösten sich auf.
Kritik an der Rolle der USA und Israels
Im Zentrum von Okuyans Analyse steht die Rolle externer Mächte. Die SDF hätten – so seine Kritik – darauf gesetzt, durch ihre Nähe zu den USA und indirekt zu Israel politische und militärische Absicherung zu erhalten. Diese Erwartung sei grundlegend falsch gewesen. Die USA betrieben kein konsistentes „Syrien-Projekt“, sondern nutzten wechselnde lokale Akteure entsprechend ihrer Interessen. Loyalität sei dabei zweitrangig.
Besonders scharf weist Okuyan die verbreitete Erzählung zurück, Washington habe die Kurden „verraten“. Die USA würden niemanden verraten, argumentiert er, sondern rein imperialistisch handeln. Unterstützung gelte nur solange, wie sie strategisch nützlich sei – etwa im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ oder zur Legitimation internationaler Interventionen.
Auch die Türkei Teil des Spiels
Zugleich richtet Okuyan den Blick auf Ankara. In der türkischen Öffentlichkeit werde die Zusammenarbeit der SDF mit den USA kritisiert, während ausgeblendet werde, dass auch die Türkei seit Jahren eng mit Washington und der NATO kooperiere und ja auch NATO-Mitglied ist. Ankara sei Teil jener internationalen Koalition gewesen, die auf einen Machtwechsel in Syrien hingearbeitet habe – mit US-Zustimmung und in einem Umfeld, in dem auch israelische Interessen eine Rolle spielten.
„Es gibt nicht nur einen Akteur, der sich auf die USA stützt“, so Okuyan sinngemäß. Die Türkei habe selbst aktiv Rollen übernommen und versuche nun, ihre Position als sicherheitspolitischer Schlüsselstaat zwischen Europa, den USA und dem Nahen Osten auszubauen. Außenminister Hakan Fidan sei dabei eine zentrale Figur, die offen von einer „vollständigen Übereinstimmung“ mit Washington spreche.
„Erfolgreiche israelische Operation“
Okuyan interpretiert die aktuellen Lage als Teil einer erfolgreichen israelischen Strategie. Die Zersplitterung Syriens, die Schwächung Irans und die Kontrolle instabiler Konflikte lägen im Interesse Israels. Die Türkei habe sich – bewusst oder unbewusst – in diese Dynamik einbinden lassen. Entscheidend sei daher nicht, wer militärisch vorstoße, sondern welche politischen Zugeständnisse Ankara im Gegenzug mache.
Keine stabile Ordnung in Sicht
Internationale Vermittlungsversuche laufen parallel zu den Kämpfen. HTS-nahe Medien berichteten von einem Telefonat zwischen Übergangspräsident al-Sharaa und US-Präsident Donald Trump, in dem die territoriale Einheit Syriens, der Kampf gegen den IS und die Rechte der Kurden thematisiert worden seien. Zugleich wächst die Sorge um die mögliche Freilassung tausender inhaftierter IS-Kämpfer durch die arabischen Stämme und islamistischen Verbände der HTS-Regierung in Damaskus. Die Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad warnte vor einer Wiederholung früherer Gräueltaten.
Für Okuyan deutet jedoch wenig auf eine nachhaltige Stabilisierung hin. Weder eine von Dschihadisten geprägte Übergangsregierung noch eine von Großmächten abhängige kurdische Autonomie könnten eine friedliche Ordnung hervorbringen. Stattdessen drohe eine Phase „kontrollierter Instabilität“, in der Konflikte bewusst steuerbar gehalten würden – zum Nutzen und im Interesse externer Akteure.
Quelle: soL/soL/Der Standard


















































































