Wien. Die jüngst veröffentlichte Studie der Statistik Austria bestätigt, was Betroffene und die kritische Sozialforschung seit Jahrzehnten wissen: Menschen mit Behinderung sind im Kapitalismus strukturell benachteiligt. Sie verfügen über geringere Einkommen, sind häufiger arbeitslos, schlechter ausgebildet, wohnen öfter unter prekären Bedingungen und sind überdurchschnittlich armutsgefährdet. Doch diese Realität ist kein bedauerlicher Zufall, kein individuelles Schicksal und schon gar kein „Naturgesetz“. Sie ist das Ergebnis eines Systems, das den Wert des Menschen an seiner ökonomischen Verwertbarkeit, anhand der Arbeitskraft misst.
Im Jahr 2024 verfügten Personen ohne Behinderung im Schnitt über ein Nettohaushaltseinkommen von 39.636 Euro, Menschen mit Behinderung hingegen nur über 34.572 Euro. Diese Differenz ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Ordnung, in der Arbeitskraft die zentrale Währung ist – und zwar jene Arbeitskraft, die möglichst flexibel, leistungsfähig, gesund und störungsfrei verwertbar ist. Wer diesem Ideal nicht entspricht, wird aussortiert, marginalisiert oder in schlecht bezahlte, prekäre Beschäftigungsverhältnisse gedrängt.
Der Arbeitsmarkt kennt keine Gleichwertigkeit der Menschen, sondern nur unterschiedliche Grade ihrer ökonomischen Nutzbarkeit und Profit. Menschen mit Behinderung gelten in dieser Logik vielfach als „Kostenfaktor“, als weniger produktiv, als Risiko für Betriebe. Die Folge sind höhere Arbeitslosigkeit, geringere Einkommen und ein systematischer Ausschluss von gesellschaftlichem Reichtum, der kollektiv erarbeitet wird, aber privat angeeignet bleibt.
Besonders deutlich zeigt sich diese strukturelle Gewalt im Bildungsbereich. Der Bericht verweist darauf, dass fast 30 Prozent der Menschen mit Behinderung maximal die Pflichtschule abgeschlossen haben, während nur ein sehr geringer Anteil über einen akademischen Abschluss verfügt. Hier zeigt sich ein selektives und Ungleichheiten reproduzierendes Bildungssystem. Die neuerliche Planung von Sonderschulen zum Beispiel im Oberösterreich zeigt, dass Exklusion politisch gewollt und institutionell abgesichert ist. Anstatt Barrieren abzubauen, werden sie zementiert.
Die Trennung beginnt früh – und sie wirkt lebenslang. Wer früh aus dem allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen wird, hat schlechtere Chancen am Arbeitsmarkt, geringere Einkommen und ein erhöhtes Armutsrisiko. Armut von Menschen mit Behinderung wird so nicht nur hingenommen, sondern aktiv produziert – durch politische Entscheidungen, ökonomische Interessen und eine Gesellschaftsordnung, die Leistung über Menschlichkeit stellt. Solange gesellschaftliche Teilhabe vom Verkauf der eigenen Arbeitskraft abhängt, solange Profit über Bedürfnisse gestellt wird, solange Menschen nach ihrer Produktivität bewertet werden, wird es keine echte Gleichstellung geben, und zwar für viele gesellschaftliche Gruppen.
Quelle: ORF




















































































