HomeKlassenkampfDiskussion um Schabbat-Öffnung in Israels Handelsbranche

Diskussion um Schabbat-Öffnung in Israels Handelsbranche

Die Stadtregierung von Tel Aviv will vermehrt Geschäfte am heiligen Schabbat aufsperren lassen – dies ist nicht nur aus religiöser Sicht problematisch, sondern liegt auch nicht im Interesse der Arbeiter und Angestellten im Handel.

Tel Aviv. In der israelischen Küstenmetropole Tel Aviv ist ein Streit über die Öffnung von Geschäften am Schabbat (oder Sabbat) entbrannt. Wie die Zeitung „Haaretz“ berichtet, hat die sozialdemokratisch geführte Stadtregierung unter Awoda-Bürgermeister Ron Huldai eine Ausweitung der Ausnahmelizenzen von bislang 164 auf 273 Standorte beschlossen. Diese Erweiterung der Ladenöffnungszeiten ist mehrfach problematisch. Da wäre zunächst die religiöse Komponente: Der Schabbat ist als siebenter Tag der Woche heilig und Gott gewidmet, somit mit verschiedenen religiösen Ritualen verbunden – allerdings ist der Schabbat, der von Sonnenuntergang am Freitag bis Einbruch der Dunkelheit am Samstag reicht, daher auch ein Ruhetag, an dem keine Arbeit verrichtet werden soll. Insofern ist eine „Schabbat-Öffnung“ bei Geschäften eine heikle Angelegenheit gegenüber gläubigen Juden und Jüdinnen, wie ja auch im Christentum der Sonntag als „Tag des Herrn“ arbeitsfrei sein soll. Beides leitet sich aus dem dritten Gebot Mosis ab.

Nachteile für kleine Betriebe

Nun sind zwar rund 90 Prozent der 460.000 Einwohner und Einwohnerinnen Tel Avivs jüdisch, doch gilt die Stadt als mehrheitlich liberal und säkular. Von daher ist die Diskussion über die „Schabbat-Öffnung“ keineswegs nur eine religiöse, sondern generiert auch anderweitige Kritik an der Entscheidung der Stadtregierung, die ursprünglich sogar 360 Lizenzen vergeben wollte. Einerseits ist der kapitalistische Händlerverband – im Gegensatz zu ähnlichen europäischen Diskussionen über den Sonntag – ironischer Weise selbst nicht so recht von der Ausweitung der Öffnungszeiten überzeugt: Sein Vorsitzender Schlomi Ben-Gur befürchtet negative Auswirkungen, nämlich Vorteile größerer Läden und Ketten, während kleinere Geschäfte und Einzelhändler vermehrt unter Druck kämen und potenziell in den Ruin getrieben werden könnten. Zwar wird zugestanden, dass es beschränkte Schabbat-Öffnungen als Dienstleistung geben könne, die gegenüber nichtreligiösen Menschen sowie der muslimischen und christlichen Minderheit zweckmäßig sein würde, doch der grundsätzliche Ruhetag solle aufrecht bleiben.

Recht der Arbeiterschaft auf Ruhezeiten

Andererseits geht es natürlich auch und vor allem um die Rechte der Arbeiter und Angestellten: So wie sich in den christlich dominierten Ländern aus dem sonntäglichen Ruhetag ein grundsätzlicher Anspruch auf arbeitsfreie Zeit am Wochenende entwickelte, gilt ähnliches für den jüdischen Schabbat in Israel. Eine kontinuierliche Ausweitung der Ladenöffnungszeiten wird unweigerlich dazu führen, dass Handelsangestellte vermehrt am Schabbat zur Arbeit erscheinen müssen. In diesem Fall ist es allemal notwendig, dass diese Dienstzeiten an anderen Wochentagen durch Ruhezeiten kompensiert und für Schabbat-Arbeit Lohnzuschläge zugestanden werden. Man kann sich allerdings ausmalen, dass dies mit allerlei inoffiziellen „Regelungen“ und Druck seitens der Arbeitgeberseite umgangen werden wird, wenn sich die israelische Arbeiterklasse nicht erfolgreich zur Wehr setzt. Dass der Schabbat – wie der Sonntag in Europa – grundsätzlich frei bleiben soll, liegt nicht nur im Interesse eines gottgefälligen Lebens, sondern noch vielmehr in jenem der arbeitenden Menschen.

Quelle: ORF

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