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Koks fürs Katzenklo

An einem Containerterminal des Hamburger Hafens wurde abermals eine große Menge Kokain sichergestellt. Die kapitalistische Drogenverschiffung trotzt nicht nur Corona-Pandemie und Wirtschaftskrise, sondern stellt auch den gesellschaftlichen Bedingungen kein gutes Zeugnis aus.

Hamburg. Wie vor kurzem bekannt wurde, haben die deutschen Zollbehörden im Hamburger Hafen neuerlich einen spektakulären Drogenfund gemacht: In einem peruanischen Container mit Katzenstreu waren 1,8 Tonnen Kokain versteckt. Man könnte auch der Frage nachgehen, weshalb, bei allem Verständnis für die kapitalistische Globalisierung, Tiereinstreu um die halbe Welt verschifft werden muss, doch bleiben wir beim Rauschmittel: Dessen südamerikanischer Produktionsstandort ist immerhin agrarpolitisch und sein europäischer Absatzmarkt kundenorientiert zu rechtfertigen. Beinahe 400 Millionen Euro hätte man mit dem Verkauf der entdeckten Menge lukrieren können – des Kokains, nicht des Katzenstreus –, womit schon deutlich wird, welch immenser Wirtschaftszeig dahintersteckt: Erst im Juni waren im Hafen der Hansestadt bereits 1,5 Tonnen gefunden worden – und man möchte gar nicht wissen, was alles eben genau nicht gefunden wird und in Europa (und andernorts) unters Volk kommt. 

Partydrogen für die „Eliten“

Wobei Kokain nun freilich nicht gerade eine weit verbreitete „Volksdroge“ ist, sondern eher ein „Partyspaß“ für betuchtere Zusammenkünfte und Wichtigtuer, die sich noch wichtiger vorkommen wollen. Und so ist es auch kein Zufall, dass es eine gewisse gesteigerte Kokain-Affinität in gehobenen Wirtschaftskreisen, aber auch in Teilen der etablierten Politik gibt, wie man aus ausreichend dokumentierten Fällen weiß. Zuletzt geisterten durch die österreichischen Medien Beispiele von Kokainmissbrauch rund um den Ibiza-geschädigten Ex-FPÖ-Politiker und ehemaligen Strache-Kumpel Johann Gudenus, um das Döblinger Lokal eines Promi-Gastronomen aus dem Freundeskreis von Bundeskanzler Kurz sowie um einen ÖVP-Spitzenmanager der Staatsholding ÖBAG, der nebenbei auch von Korruptionsermittlungen betroffen ist. Man muss schließlich auch bedenken, dass Kokain ja nicht ganz so billig wie Katzenstreu kommt.

Volksdrogen für die Arbeiterklasse

Nun, was sich die gesellschaftlichen „Eliten“ durch die Nase ziehen und ins Hirn blasen, ist eine Sache, was für das gemeine Volk bestimmt ist, eine andere. Die österreichische „Volksdroge Nr. 1“ bleibt – neben Nikotin, wenn man das miteinbeziehen möchte – der Alkohol, mit dem vollkommen legal gedealt wird. Über zehn Liter Ethanol, freilich verdünnt in Bier, Wein und härteren Spirituosen, trinkt jeder Österreicher jährlich. Mindestens 350.000 Menschen gelten hierzulande als alkoholkrank, über 700.000 haben ein problematisches Trinkverhalten. Rund 8.000 Menschen sterben in Österreich jedes Jahr an den Folgen des Alkoholmissbrauchs – demgegenüber machen sich die ca. 200 Todesopfer aufgrund illegalen Drogenmissbrauchs relativ gering aus. Doch auch dieser ist natürlich ein Problem: Etwa 35.000 Personen weisen einen regelmäßigen und überaus gefährlichen Konsum von Opioiden auf, insbesondere von Heroin. Daneben spielen natürlich auch Cannabis (freilich weniger gefährlich), MDMA-Varianten und nicht zu vergessen der Medikamentenmissbrauch eine größere Rolle.

Negative gesellschaftliche Konsequenzen

Die Konsequenzen sind bekannt. Neben akuten drogenbedingten Unfällen geht es um mittel- und langfristige Folgen für die Konsumenten und deren Umfeld sowie für die gesamte Gesellschaft: Gesundheitsgefährdung, Begleiterkrankungen, reduzierte Lebenserwartung, soziale, familiäre und psychologische Problemstellungen, Arbeitsunfähigkeit und Existenzzerstörung, finanzielle Schwierigkeiten und kriminelle Kontakte – durchwegs Dinge, derer sich eine verantwortungsvolle Gesellschaft ernsthaft annehmen sollte. Das tut der Kapitalismus mitsamt seinem bürgerlichen Staat freilich nicht oder viel zu begrenzt und lediglich ausgewählt punktuell. Neben der ideologischen und freizeitverknüpften Be- und Vernebelung der Menschen und ihres Bewusstseins, braucht es nämlich auch das ganz reale „Opium fürs Volk“, um willfährige Untertanen, willenlose Arbeitskräfte und das eine oder andere Ablenkungsmanöver zu erhalten. Wer berauscht oder gar abhängig ist, wird nicht in der Lage sein, seine eigene gesellschaftliche Lage zu erkennen und dagegen organisiert vorzugehen. „Ein trinkender Arbeiter denkt nicht, ein denkender Arbeiter trinkt nicht“, lautet ein alter Slogan der sozialdemokratischen Abstinenzbewegung. Nun muss man freilich nicht gänzlicher Enthaltsamkeit das Wort reden (denn so funktioniert der Mensch nun mal nicht), aber zumindest einem verantwortungsvollen Umgang, v.a. mit Alkohol. In anderen Bereichen kann man wohl auch über eine Entkriminalisierung diskutieren, aber unterm Strich ist klar, insbesondere in Bezug auf die „harten Drogen“: Zwar gehören sie nicht ins Katzenklo, denn dies gefährdet das Tierwohl – aber sie die Toilette runterzuspülen, wäre schon der richtige Ansatz, nämlich nicht erst, wenn gerade die Cops an die Tür klopfen.

Befreiung vom Rauschzustand

Die Herrschenden der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft haben jedoch ein gewisses Interesse am Status quo, im Gegensatz zur Arbeiterklasse: Um für seine Befreiung zu kämpfen, benötigt man einen freien Kopf sowie alle physischen und geistigen Kräfte. Es ist keine Freiheit, jederzeit und überall die Drogen konsumieren zu können, die man will (oder glaubt zu wollen), sondern Freiheit bedeuten solche gesellschaftlichen Bedingungen, wo Drogenmissbrauch an Relevanz verliert: Weil viele individuelle und kollektive Probleme, die der Kapitalismus verursacht, gelöst werden können und die freie Entfaltung des Menschen ohne nur scheinbare und vorübergehende Bewusstseinsänderung, sondern durch tatsächliche Veränderung des Seins und dann auch des Bewusstseins auf nachhaltige gesellschaftliche Weise ermöglicht wird. Damit werden Kapazitäten und Ressourcen frei für Produktives, die bislang für Zerstörung verwendet werden, in Lateinamerika wie in Europa. Die Drogenfahnder vom Hamburger Hafen können sich dann auch anderen Dingen widmen. Und die Katzen sind im Sozialismus sowieso glücklicher.

Quelle: Süddeutsche Zeitung

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