Start Politik ÖVP-Gebetskreis im Parlament: Politischer Katholizismus reloaded

ÖVP-Gebetskreis im Parlament: Politischer Katholizismus reloaded

Die „christlichsoziale“ Kanzlerpartei missbraucht das Hohe Haus für eine religiöse Feier. Damit unterstreicht sie ihr reaktionäres Weltbild, das mit dem katholischen Fundamentalismus verbunden ist.

Wien. Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka und Bundesratspräsidentin Andrea Eder-Gitschthaler (beide ÖVP) veranstalten am 8. Dezember eine gemeinsame „Gebetsfeier“ im Parlament. Unter dem Motto „Hoffnung in der Krise“ hat die Kurz-Regierung offenbar jede Hoffnung gegenüber dem eigenen weltlichen Krisenmanagement verloren und setzt stattdessen auf Frömmigkeit und heilige Geisterbeschwörung, auf dass der Herrgott helfe. Neben Inputs der beiden parlamentarischen Kammervorsitzenden wird auch die ehemalige steirische Landhauptfrau Waltraud Klasnic (ÖVP) sprechen, außerdem predigt Georg Mayr-Melnhof, Pastoralassistent zu St. Blasius in Salzburg. Der Spross der schwerreichen, ehemals „adeligen“ Unternehmer- und Grundherrenfamilie Mayr-Melnhof ist Gründer der „Loretto-Bewegung“, die sich dem katholischen Bekehrungseifer verschrieben hat. Kardinal Christoph Schönborn wird mit einer Videobotschaft vertreten sein. Kultusministerin Susanne Raab (ÖVP, angeblich auch für Frauen und Integration zuständig) wird mit einer Lesung (aus der Bibel?) sowie Gebeten (!) angekündigt. Zum Drüberstreuen moderiert die ganze Angelegenheit die NR-Abgeordnete Gudrun Kugler (ÖVP), bekannt als Verfechterin des wahren katholischen Glaubens, weswegen sie sich gegen Homosexuellenrechte und den Schwangerschaftsabbruch engagiert. Ihr Ehemann ist ehemaliger Pressesprecher von Opus Dei, gemeinsam mit dem erzreaktionären früheren Salzburger Weihbischof Andreas Laun hat sie eine katholische Dating-Plattform gegründet (bitte, nur fürs Heiraten natürlich, nicht für vor- oder außereheliche Unzucht!). Und damit auch die Untertanen erfahren, dass für sie nur „ora et labora“ auf der ÖVP-Agenda steht, wird es sogar einen Livestream aus dem Parlament geben.

Zurück in die Vergangenheit mit der ÖVP

Realität und Satire sind nicht mehr zweifelsfrei unterscheidbar. Es steht wohl ein überaus bizarres spirituelles Event bevor, das selbstverständlich durch die Meinungsfreiheit gedeckt ist. Man soll ja auch nicht den privaten Glauben des Einzelnen geringschätzen. Aber im Parlament? Mehr noch: Als dezidiert parlamentarische Veranstaltung? Man ist geneigt, sich skeptisch am Kopf zu kratzen. Was haben religiöse Gebete im Hohen Haus der laizistischen Republik verloren? Die „neue“ ÖVP, die sich im türkisen Gewand gerne „modern“ gibt, ist offenbar genau das nicht im Geringsten: Die Trennung von Kirche und Staat gilt nicht, solange es die Römisch-Katholische ist. Man möchte meinen, der politische Katholizismus hätte in Österreich schon genug angerichtet, schließlich war die katholische Kirche neben der Vorläuferpartei der ÖVP die tragende Säule des Austrofaschismus. Bei den „christlichsozialen“ Nachfolgern von Prälat Seipel sowie den faschistischen Diktatoren und Mördern Dollfuß und Schuschnigg will man aber eben in vielen Bereichen zurück in die Vergangenheit, u.a. bei Frauenrechten und dem Familienbild, beim Untertanenverständnis, im Kampf gegen die progressive und emanzipatorische Arbeiterbewegung oder auch einfach gegen den liberal-demokratischen Rechtsstaat und die säkulare Gesellschaft. Dies und nichts Anderes ist der Zweck einer parlamentarischen Gebetsveranstaltung zum 8. Dezember, dem dogmatischen katholischen Feiertag zu Mariä Empfängnis. Es bleibt zu hoffen, dass sich wenigstens SPÖ und NEOS diesem absurden Vorhaben verweigern. Bei den Grünen hat man ja schon jede Hoffnung und jeden Glauben aufgegeben – da wird womöglich eine mit ihren ÖVP-Patriarchen solidarische Abordnung ein paar „Ave Maria“ über sich ergehen lassen: Hände falten, Goschen halten!

Quelle: Der Standard

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