HomeWeitere RessortsKommentar„All Together Now“ – NeulehrerInnenfest der Stadt Wien

„All Together Now“ – NeulehrerInnenfest der Stadt Wien

Wer sich als Lehrerin oder Lehrer oft einmal gefragt hat, wie es dazu kommen kann, dass so viele Verordnungen, Erlässe und Maßnahmen der Bildungsdirektion und des Bildungsministeriums an der Lebensrealität des Schulalltags vorbeigehen, bekam am vergangenen Mittwoch beim NeulehrerInnenfest die Antwort darauf. – Ein Erlebnisbericht.

Mittwochabend waren Neulehrinnen und Neulehrer von der Bildungsdirektion und der Stadt Wien zum NeulehrerInnenfest in den Festsaal des Wiener Rathauses geladen. Unter dem Motto „All Together Now“ sollte den Lehrberufseinsteigern für ihre Berufswahl gedankt werden. Das ist natürlich erstmal eine nette Geste und Idee. Auch Bildungsdirektor Heinrich Himmer (SPÖ) verkündete, dass es ihm wichtig sei, bereits am Beginn der Lehrkarriere zu danken und nicht erst am Ende.

Im Laufe des Abends musste man sich aber als Gast dieser Veranstaltung schon hin und wieder fragen, warum manche Rahmenbedingungen und Programmpunkte so gestaltet wurden, wie sie gestaltet waren. Als Moderator führte Alfons Haider durch den Abend, durchaus eine Überraschung, den bekannten Schauspieler und Moderator auf der Bühne zu sehen. Haider interviewte neben Bildungsdirektor Himmer auch den NEOS-Vizebürgermeister Christoph Wiederkehr, der das Amt des Stadtrats für Bildung innehat. Zusammen sprachen die Herrschaften von einem Idealbild des Schulalltags, welches schmerzlich weit entfernt von der tatsächlichen Realität an den Schulen liegt – wie wir bereits ausführlich berichteten. Es fällt schwer, Wiederkehr oder Himmer zu glauben, dass sie tatsächlich für ein Schulwesen sind, in welchem der Geldbeutel der Eltern nicht über die Zukunft des Kindes entscheidet. Das wird klar, wenn wir uns nicht nur aktuelle Entwicklungen ansehen (steigende Nachhilfekosten usw.), sondern uns auch die letzten zwei Jahre Pandemie-Schulalltag vor Augen führen, in denen gerade Kinder abgehängt wurden und den Anschluss verloren haben, deren Elternhaus nicht für das Distance Learning-Equipment aufkommen konnte oder keine Ressourcen hatte, mit dem Kind zu lernen, weil die Arbeit in den systemrelevanten Berufen niemals stillstand. 

Der Abend nahm eine sehr zynische Wendung, als der Kabarettist Andreas Ferner die Bühne betrat, der sonst mit dem Programm „Chill amal, Fessor“ Abende füllt. Auch wenn Humor, Stand-up-Comedy und Satire natürlich Geschmackssache sind und nicht objektiv als gut oder schlecht bewertet werden können, so kann man doch erkennen,worauf der Fokus von Ferners Programm und „Witzen“ lag. Das Ziel der Witze von Ferner, der hauptberuflich als Lehrer arbeitet, waren nicht sich selbst und damit seinen Berufsstand und seine Vorgesetzten aufs Korn zu nehmen, sondern in erster Linie Schülerinnen und Schüler, die in seinem Programm weniger als Menschen, sondern als unmündige Idioten dargestellt wurden. Der schreckliche Alltag der Pandemie, in welcher auch Schülerinnen und Schüler erkrankten und immer noch erkranken, Familienmitglieder verloren haben und ihrer Bildung und Freizeit beraubt wurden, wurde vom Kabarettisten als müde Ausrede der faulen SchülerInnen weggelacht. Das Lachen blieb allerdings sehr einseitig und die Aufmerksamkeit für das oft einfach geschmackslose Bühnenprogramm ebbte so schnell ab, dass sogar Alfons Haider zum Schimpfen auf die Bühne kommen musste, um die LehrerInnen im Saal daran zu erinnern, still zu sein – lustiger Weise war dies der eigentlich einzige Moment im Programm von Ferner, der tatsächlich gelungene Satire darstellte, wenn auch unbeabsichtigt. Was definitiv nicht lustig, sondern grotesk war, war seine fünfminütige „Parodie“ auf einen erfundenen Wiener Schüler namens Abdullah aus Favoriten. In gebrochenem Deutsch, das wohl ein Versuch war, die Jugendsprache zu treffen, aber vielmehr einen offen rassistischen Angriff auf Schüler bildungsferner und sozial benachteiligter Haushalte darstellte, wurde dann ein Lied über Helikoptereltern angestimmt. Das Mitsingen des Publikums hielt sich auch nach lautstarken Motivationsversuchen Ferners in Grenzen – was aber nicht weiter verwunderlich war, da davor bereits jeder Applaus nur dann zu Stande kam, wenn der Kabarettist darum gefragt bzw. gebettelt hat. Ein Tipp für Ferner wäre, sich in Zukunft besser über sein Publikum zu informieren, denn seine Witze wären eventuell noch vor 30 Jahren angekommen, von der jüngeren Lehrergeneration wurden sie aber glücklicherweise Großteils abgelehnt. 

Was man aber Andreas Ferner und den Veranstaltern des Abends bzw. den Programmgestaltern lassen muss, ist Folgendes: Sie haben erfolgreich vermittelt, wie das Menschen– und Schülerbild im kapitalistischen Schulalltag aussieht. Die Schüler werden in erster Linie als unmündige Menschen angesehen, die für den Alltag in der Lohnarbeit und als Befehlsempfänger von Chefs fit gemacht werden müssen. Es bleibt zu hoffen, dass die vielen anwesenden Schülerinnen und Schüler, die allerdings nicht als Gäste, sondern als Arbeitskräfte geladen waren, sich darüber Gedanken machen, ob Schule auch anders und befreit von der Verwertungs- und Profitlogik des Kapitalismus existieren kann. Es spricht nämlich auch Bände, dass an diesem Abend keine Catering- oder Servicefirma den Getränkeausschank und die Buffetbetreuung (wo es fast ausschließlich Fleisch gab, die vegetarische Option war nach Augenblicken bereits weg) übernahm, sondern die Schülerinnen und Schüler der HLW Berghaidengasse. Auf Nachfrage wurde bestätigt, dass die Schülerinnen und Schüler für die anstrengende Arbeit als Servicekräfte nicht entlohnt wurden. Diese Tatsache allein sollte noch nicht genug sein, denn der Fachvorstand dieser Schule, Daniel Stöckl, ließ sich dafür, dass er seine Schülerinnen und Schüler zum gratis Hackeln einteilte, noch von Wiederkehr und Himmer auf der Bühne gratulieren. Was die Veranstalter als Honorar für Alfons Haider gezahlt haben, anstatt die arbeitenden Schülerinnen und Schüler zu entlohnen, bleibt eine offene Frage, die hier aber nicht unerwähnt bleiben sollte.

Die Stadt Wien und die Bildungsdirektion haben an diesem Abend, wenn auch wohl nicht beabsichtigt, vermittelt, wie sie Bildung, das Lehrersein und das Schülersein sehen. Die wahren Herausforderungen, Probleme und Schwierigkeiten, die in der Schule tagtäglich auftreten, wurden entweder totgeschwiegen oder geschmacklos persifliert und damit sogar noch ins Lächerliche gezogen. Wie auch im Schulalltag zogen an diesem Abend die Schülerinnen und Schüler den Kürzeren und die Lehrerschaft sollte wohl mit Freigetränken, Chili und Frankfurtern befriedet werden – denn das ist immerhin billiger, als sich der vielen Problemen tatsächlich anzunehmen oder am Ende sogar noch die hart arbeitenden Lehrerinnen und Lehrer gerechter zu entlohnen.

BILDQUELLEZdA
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