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Home Feuilleton Geschichte

Zum 95. Geburtstag von Ernesto Che Guevara

14. Juni 2023
in Geschichte, Wissenschaft
Zum 95. Geburtstag von Ernesto Che Guevara

Am heutigen 14. Juni wäre Ernesto „Che“ Guevara de la Serna (1928–1967) 95 Jahre alt geworden. Der argentinisch-kubanische Revolutionär ist – auch aufgrund seines frühen Todes als Guerillero – zu einer Ikone des lateinamerikanischen und weltweiten Befreiungskampfes der Völker geworden. Hierbei wurde und wird aber auch viel Missbrauch betrieben: Selbst manche Sozialdemokraten, „linke“ Revisionisten und sonstige Antikommunisten versuchen, Che Guevaras Werk und Wirken zu verfälschen und ihn auf diese Weise für sich zu vereinnahmen, um aus seiner Popularität Vorteile zu ziehen. Wir nützen daher den Anlass des 95. Geburtstages für eine politisch-ideologische Zurechtrückung, indem wir Che Guevaras Schrift „Die marxistisch-leninistische Partei“ dokumentieren.

Ernesto Che Guevara: Die marxistisch-leninistische Partei (1963)

Diese kleine Schrift soll die Aktivisten der Partei in weite und immens reiche Erbe der marxistisch-leninistischen Ideen einführen.

Die Auswahl der behandelten Themen ist einfach. Es handelt sich um ein Kapitel aus dem Handbuch des Marxismus-Leninismus von O. V. Kuusinen und um Reden Fidel Castros. Diese Zusammenstellung ist sinnvoll, weil in dem Kapitel des Handbuches die Erfahrungen der Bruderparteien dargestellt werden und ein allgemeines Schema geboten wird, wie eine marxistisch-leninistische Partei handeln soll; und in den Reden des Genossen Fidel sieht man, veranschaulicht (manchmal in autobiographischer Manier) vom Initiator der Revolution, die politische Geschichte unseres Landes vorbeiziehen.

Und gerade diese beiden Bereiche sind aufs engste miteinander gekoppelt: die allgemeine Theorie als Ausdruck der Erfahrungen der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und der marxistisch-leninistischen Parteien der ganzen Erde und die praktische Anwendung dieser allgemeinen Theorie auf unsere speziellen Bedingungen. Aus den Eigentümlichkeiten, die bestimmend für den Ablauf der sozialen Begebenheiten in dieser Zone der Erde waren, dürfen wir nun nicht folgern, dass historische Ausnahmen vorliegen; sondern einfach: in den allgemeinen theoretischen Rahmen – als Ergebnis der Erfahrung – fügt sich der besondere Fall der kubanischen Situation und liefert der weltweiten Arbeiterbewegung neue Einsichten.

Das vorliegende Handbuch macht einleuchtend, was eine marxistisch-leninistische Partei ist: „Ein freiwilliger Bund gleichgesinnter Menschen, die sich zusammengeschlossen haben, um die marxistische Weltanschauung zu verwirklichen und die historische Mission der Arbeiterklasse tu erfüllen.“- Das Handbuch erläutert überdies, dass eine Partei nicht von den Massen isoliert leben kann, dass sie in ständigem Kontakt mit dem Volk stehen muss, dass sie Kritik und Selbstkritik praktizieren und sehr streng mit eigenen Fehlern verfahren sollte. Weiter, dass eine Partei nicht nur auf negativen Kampfparolen gegen irgend etwas aufgebaut sein darf, sondern vielmehr auf positiven Konzeptionen eines Kampfes für etwas; dass also die marxistischen Parteien nicht die Hände in den Schoß legen dürfen, in der Hoffnung, dass die objektiven und subjektiven Bedingungen, die sich im komplexen Mechanismus des Klassenkampfes entwickeln, alle notwendigen Voraussetzungen erfüllen, bis die Macht wie eine reife Frucht in die Hände des Volkes fällt. Das Handbuch deutet uns auch die führende Rolle der Partei als Vorkämpferin der Arbeiterklasse, die den Weg zum Sieg kennt und den Vormarsch zu neuen gesellschaftlichen Positionen beschleunigen kann. Besonders wird betont, dass es sogar in Zeiten revolutionärer Rückschläge notwendig ist, Methoden des Rückzuges zu kennen und zu wissen, wie man die Kader erhält, um den nächsten Aufschwung ausnutzen und um so weiter vorstoßen zu können auf das eigentliche Ziel der Partei in der ersten revolutionären Phase: die Eroberung der Macht. Es ist selbstverständlich, dass diese Partei eine Klassenpartei ist. Eine marxistisch-leninistische Partei könnte schwerlich etwas anderes sein. Ihre Mission ist es, den kürzesten Weg zur Diktatur des Proletariats zu finden, und ihre tapfersten Kämpf er, ihre leitenden Kader und ihre Taktik entstammen der Arbeiterklasse.

Man kann sich kaum vorstellen, dass die Errichtung des Sozialismus durch eine Partei der bürgerlichen Klasse verwirklicht wird, durch eine Partei also, die zu einem erheblichen Teil aus Ausbeutern besteht, die nun beauftragt wären, die politische Marschrichtung der Partei festzulegen. Es liegt auf der Hand, dass eine Gruppierung dieser Art nur auf der Stufe einer nationalen Befreiung den Kampf anführen kann, also nur bis zu einem gewissen politischen Moment und das auch nur unter ganz bestimmten Umständen. Schon im nächsten historischen Augenblick würde sich diese revolutionäre Klasse in eine reaktionäre verwandeln; es ergäben sich neue Bedingungen, die das Auftreten der marxistisch-leninistischen Partei als Führung des revolutionären Kampfes erforderten. Und in Lateinamerika ist es schon praktisch unmöglich, von Befreiungsbewegungen zu sprechen, die von der Bourgeoisie geführt werden. Die kubanische Revolution hat die politischen Kräfte polarisiert: konfrontiert mit der Alternative, sich für das Volk oder den Imperialismus zu entscheiden, wählen die labilen nationalen Bourgeoisien den Imperialismus und verraten so endgültig ihre Nationen. Dadurch geht fast vollständig die Chance verloren, dass sich in diesem Bereich der Erde ein friedlicher Übergang zum Sozialismus vollzieht.

Wenn die marxistisch-leninistische Partei fähig ist, bestimmte historische Etappen vorauszusehen, wenn sie weiter imstande ist, zur Avantgarde eines Volkes zu werden, das die Etappe der nationalen Befreiung noch nicht hinter sich hat – es handelt sich dabei um unsere kolonisierten Länder -, dann wird diese Partei einen doppelten historischen Auftrag erfüllt haben und wird dem Aufbau des Sozialismus durch größere Kraft und mehr Ansehen beim Volk gewachsen sein.

Dazu kommt die kubanische Erfahrung, eine komplexe Erfahrung, betrachtet man das Neue, das sie enthält und den Elan, den sie während dieser Epoche der Entstehung einer amerikanischen Revolution in sich birgt. Eine Erfahrung auch wegen des Reichtums an Lehren, die sich aus ihren Fehlern ergeben und die öffentlich analysiert und korrigiert wurden.

Ganz besonders wichtig sind die Reden des Genossen Fidel über die PURSC und über die bei den ORI (Organizaciones Revolucionarias Integradas) angewandten Arbeitsmethoden, die zwei wichtige Wegstrecken unserer Entwicklung markieren. Die erste der Reden ist die offene Beichte eines vollkommenen Revolutionärs, der den Höhepunkt in der Entwicklung seines Denkens erreicht hat und nun der Welt offen sein Glaubensbekenntnis zum Marxismus-Leninismus vorträgt. Das tut er aber nicht in Form einer bloß verbalen Bejahung, sondern indem er seine Motive hervorhebt und die wesentlichsten Umstände seiner Entwicklung, Entwicklung der revolutionären Bewegung und der Partei in eine Richtung betont, die konsequenterweise zur Konstituierung der PURSC führen musste.

Er analysiert die reaktionären Auffassungen, die seine Umwelt ihm eingetrichtert hatte. Er erzählt, wie er instinktiv gegen diese Ansichten angekämpft hat, wie dieser Kampf ihn geprägt hat; er berichtet auch von seinen Zweifeln und erklärt ihr Warum und ihre Lösung.

In dieser Zeit stellte die „Bewegung des 26. Juli“ etwas Neues dar, das äußerst schwer zu definieren ist. Fidel Castro, der Held von Moncada, der Inhaftierte der Isla de Pinos, trainiert einen Expeditionstrupp, der die Aufgabe hat, die Küste der Oriente-Provinz zu erreichen, hier die Revolution zu entfachen und diese Provinz gleich zu Beginn von der übrigen Insel abzutrennen, oder aber (je nach den objektiven Gegebenheiten) in offenen Schlachten unaufhaltsam bis nach Havanna selbst vorzudringen.

Die Wirklichkeit stürzte auf uns ein. Die notwendigen subjektiven Voraussetzungen für unseren Kampf waren gar nicht alle in der Weise gegeben; wir hatten auch nicht alle Regeln des revolutionären Krieges befolgt, deren Studium wir nun nachträglich in einem zweijährigen harten Kampf mit unserem Blut und mit dem Blut unserer Genossen bezahlten. Wir wurden geschlagen, und dann begann die entscheidende Phase unseres revolutionären Aufbruchs. jetzt zeigte sich seine wirkliche Stärke, sein eigentliches historisches Verdienst; wir wurden uns über begangene taktische Fehler klar und begriffen, dass einige grundlegende subjektive Voraussetzungen fehlten. Das Volk war sich zwar der Notwendigkeit einer Verbesserung bewusst, aber es zweifelte daran, dass diese durchführbar sei. Diese Zweifel zu entkräften war unsere Aufgabe, und in der Sierra Maestra begann der lange Prozess, der zur Auslösung der revolutionären Bewegung auf der ganzen Insel führt, der ununterbrochen Unruhen erzeugt und überall revolutionäre Brände legt.

Das beginnt sich mit den Taten des Revolutionsheeres zu zeigen, dass durch den Glauben und den Enthusiasmus des Volkes auf den richtigen Weg gebracht – in günstigem Kampfterrain seine Kraft durch den i adäquaten Einsatz seiner Waffen vermehren und eines Tages die feindliche Armee vernichten kann. Dies ist eine wichtige Lektion in unserer Geschichte. Vor Erringung des Sieges hat sich das Kräfteverhältnis allmählich verändert, bis es außerordentlich günstig für die Revolution geworden war; die notwendigen subjektiven Voraussetzungen waren geschaffen. Die für die Macht entscheidende Krise wurde ausgelöst. Das rüstet Amerika mit einer neuen „revolutionären“ Erfahrung aus und zeigt, dass die fundamentalen Voraussagen des Marxismus-Leninismus immer eintreten. Dieser Ablauf demonstriert aber auch, dass die Aufgabe der revolutionären Kader und der Parteien darin besteht, aller erforderlichen Voraussetzungen für die Sicherung der Macht zu schaffen und sich nicht wieder in Zuschauer des revolutionären Elans zu verwandeln, der langsam im Volk wächst.

Und weiter: wenn die Notwendigkeit aufgezeigt wird, dass die bewaffneten Kerne, die die Volkssouveränität verteidigen, vor Überraschungen, vor Angriffen und Vernichtungsschlägen sicher sein müssen, wird deutlich, dass sich der revolutionäre Kampf auf einem für den Guerrilla taktisch günstigen Gelände abspielen sollte, also in den unzugänglichsten ländlichen Distrikten. Das ist ein weiterer Beitrag der Revolution zu unserem amerikanischen Befreiungskampf: vom Land zur Stadt, vom kleinen zum großen, so wurde die revolutionäre Bewegung geschaffen, die schließlich in Havanna siegte.

An anderer Stelle erklärt Fidel deutlich: Grundbedingung für den Revolutionär ist es, die Realität richtig zu erkennen. Auf den Streik im April eingehend, erklärt er, dass wir ihn zu jenem Zeitpunkt nicht zutreffend zu interpretieren wussten und darum eine vernichtende Niederlage erlitten. Warum wurde der April-Streik ausgerufen? Weil innerhalb der revolutionären Bewegung Widersprüche auftauchten, Widersprüche zwischen dem „Gebirge“ und der „Ebene“; diese Widersprüche wurden bei der Analyse der Faktoren deutlich, die entscheidend für einen bewaffneten Kampf waren und die bei beiden Gruppen geradezu diametral verschieden ausfielen.

Das „Gebirge“ war willens, die Armee, so oft es nötig sein sollte, zu schlagen, Schlacht auf Schlacht zu gewinnen, sich seine Waffen selbst zu besorgen und eines Tages die vollständige Übernahme der Macht mit Hilfe des Rebellenheeres zu erreichen. Die „Ebene“ war Parteigänger eines allgemeinen, bewaffneten Kampfes im ganzen Land – als Höhepunkt war an einen revolutionären Generalstreik gedacht -, der die Batista-Diktatur vertreiben, die Autorität von „Zivilisten“ als Regierende sichern und das neue Heer in ein „apolitisches“ Instrument verwandeln sollte.

Das Gegeneinander dieser Positionen dauerte an und stellte nicht gerade ein Optimum für die Einheitlichkeit des Kommandos dar, die in Augenblicken wie diesen unbedingt erforderlich ist. Der April-Streik war von der „Ebene“ vorbereitet und beschlossen, mit Zustimmung der Leitung des „Gebirges), die sich nicht in der Lage sah, ihn zu vermindern, obschon sie ernste Zweifel über sein Resultat hegte; auch die PSP (Partido Socialista Popular) meldete nachdrücklich Vorbehalte an und sagte die bestehende Gefahr voraus. Die revolutionären Comandante begaben sich ins Flachland, um Hilfe zu leisten, und so begann Camilo Cienfuegos, unser unvergesslicher Genosse, erste Streifzüge ins Gebiet um Bayamo zu unternehmen.

Die Wurzeln der erwähnten Differenzen sitzen aber tiefer als in nur taktischen Diskrepanzen: die Guerrilleros waren ideologisch bereits proletarisch eingestellt und dachten in Kategorien der besitzlosen Klasse; die „Ebene“ hingegen blieb kleinbürgerlich, hatte potentielle Verräter in ihrer Führung, und war entscheidend von der Umwelt beeinflusst, in der sie sich entfaltete.

Das war nur ein peripherer Streit um innere Kontrolle im Rahmen des umfassenden Kampfes um die Macht. Die letzten Ereignisse in Algerien lassen sich in Analogie zur kubanischen Revolution erklären: der revolutionäre Flügel lässt sich nicht von der Macht verdrängen und kämpft darum, sie voll und ganz zu erobern; die Befreiungsarmee ist die legitime Vertreterin einer siegreichen Revolution.

Diese Konfrontationen wiederholten sich periodisch, und die Einheit der Macht (allerdings noch nicht von allen respektiert) wurde erst gesichert, als Fidel einige Monate nach dem Sieg der Revolution zum Premierminister ernannt wurde. Was hatten wir nun bis zu diesem Augenblick getan? Wir hatten das Recht erworben, anzufangen, wie Fidel es nennen würde. Wir hatten in dem tödlichen Kampf gegen das etablierte Regime auf Cuba, vertreten durch den Diktator Fulgencio Batista, nur einen ersten Höhepunkt erreicht. Die Tatsache aber, dass wir konsequent einem revolutionären Programm folgten, das darauf abzielte, den Lebensstandard unserer Gesellschaft zu heben und sie so rasch wie möglich aus ihren ökonomischen Fesseln zu befreien, führte uns zwangsweise in einen frontalen Zusammenstoß mit dem Imperialismus.

Für Entwicklung und Vertiefung unserer Ideologie war der Imperialismus ein ausschlaggebender Faktor. Jeder Schlag, den er uns versetzte, präzisierte unsere Position; jedesmal, wenn die Yankees darauf reagierten, indem sie irgendwelche Maßnahmen gegen Cuba einleiteten, mussten wir die entsprechende Gegenmaßnahme treffen. Auf diese Weise konkretisierte sich die Revolution.

Die PSP fügte sich in diese Frontstellung ein; die alte revolutionäre Garde und die Genossen, die durch den Kampf in der Sierra zur Macht gekommen waren, begannen sich zu vereinigen. Schon damals warnte Fidel allerdings vor möglichen Gefahren des Sektierertums und kritisierte jeden, der einem anderen seine 15 oder 20 Jahre Kampferfahrung unter die Nase rieb, aber auch die Sektiererei der ländlichen oder städtischen Guerrilla.

In der Zeit des bewaffneten Kampfes gab es eine Gruppe von Genossen, die bemüht waren, die Revolution vor dem scheinbaren „caudillismo“ Fidels zu bewahren; damit begingen sie den gleichen Fehler, der sich später in den Spaltungsepoche wiederholen sollte. Sie verwechselten die großen Verdienste des Initiatoren der Revolution und seine unleugbaren Führungsqualitäten mit einem bloß individuellen Streben nach uneingeschränkter Unterstützung durch seine Untergebenen und nach der Errichtung eines tyrannischen Systems. Das war ein Streit mit falschen Voraussetzungen, der von einer Fraktion der Genossen angeheizt wurde und der nicht einmal am i. Januar 1959 sein Ende fand oder in der Stunde, als Fidel Ministerpräsident wurde, sondern erst viel später, nachdem der rechte Flügel der „Bewegung des 26. Juli“ zerschlagen worden war. Auf diese Weise, weil sie gegen den Volkswillen opponiert hatten, stürzten Manuel Urrutia, José Miró Cardona, Manuel Ray, Hubert Matos, David Salvador und ein Haufen anderer Verräter.

Nach dem Sieg gegen den rechten Flügel musste notwendigerweise eine Partei aufgebaut werden: die Einheitspartei der PURSC, unter den neuen Gegebenheiten Exponent des Marxismus-Leninismus in Cuba. Sie sollte eine mit den Massen in Kontakt stehende Organisation sein, aus ausgewählten Kadern gebildet, mit einem zentralisierten und doch gleichzeitig elastischen Aufbau. Und für all das haben wir blind auf die Autorität vertraut, die die PSP in vielen Kampfjahren gewonnen hatte und ließen unsere revolutionären Kriterien deshalb völlig außer Acht. So wurden Reihen von Voraussetzungen geschaffen, um das Sektierertum zu schüren.

Während des Aufbaus übernahm Genosse Anibal Escalante die Organisation, und es begann eine – wenn auch glücklicherweise nur kurze – finstere Zeit für unsere Entwicklung. Er vergriff sich in den Führungsmethoden; die Partei verlor ihre wesentliche Qualität der Kooperation mit den Massen, der Anwendung des demokratischen Zentralismus und des Opferwillens.

Dadurch, dass manchmal wahrhaft jongliert wurde, gelangten Leute ohne Erfahrung und Verdienst in Spitzenpositionen, allein weil sie sich der herrschenden Situation angepasst hatten.

Die ORI verspielten ihre Funktion als ideologischer Motor – und die damit verbundene Kontrolle des gesamten Produktionsapparates – und wurden zu einem reinen Verwaltungsapparat. Unter diesen Umständen erlahmten die zur Wachsamkeit Berufenen, die aus der Provinz hätten kommen sollen, um die vielen Probleme zu beschreiben, die es dort gab, weil diejenigen, die die Arbeit der administrativen Kader analysieren sollten, ausgerechnet jene zentralen Führer waren, die eine Doppelfunktion in Partei und öffentlicher Verwaltung hatten.

Die Etappe der falschen Konzepte, der ungeheuren Irrtümer und der mechanischen Methoden ist glücklicherweise beendet. Diesen sektiererischen Missbildungen konnte der Boden entzogen werden.

Auf die Fragen, was zu tun sei, entschied das Nationale Direktorium unter dem Vorsitz Fidels: sich den Massen zuwenden, wieder an sie appellieren. So entstand ein System der Beratung zwischen allen Arbeitszentren zur Wahl der für die Massen beispielhaften Arbeiter; so entstand die Möglichkeit, gewählt und in die Zellen einer Partei aufgenommen zu werden, die jetzt den Massen eng verbunden ist.

Im Rahmen dieser Korrektur der Parteilinie wurde auch das Erziehungssystem reformiert, in dem nun nicht mehr wie früher die Günstlinge, die Opportunisten und die „marxistischen Schwätzer“, sondern die besten Arbeiter prämiert wurden, Männer also, die durch ihre revolutionäre Haltung, durch ihre tägliche Arbeit, ihre Begeisterung und ihre Opferbereitschaft die höchsten Eigenschaften eines Mitglieds der führenden Partei besitzen.

In diesem Sinne haben sich alle Kriterien gewandelt; eine Epoche der Wiederbelebung der Partei und ihrer Methoden ist angebrochen. Vor uns öffnet sich ein breiter und hell ausgeleuchteter Weg zum Sozialismus, auf dem der Partei die Lenkung zufällt. Keine mechanische und bürokratische Führung, mit strenger Kontrolle von Seiten der Partei, mit Anordnungen und Beschlüssen, die man buchstabengetreu zu befolgen hat; es wird auch keine Privilegien für Ideen oder die Auslegung der Vergangenheit geben.

Die Partei der Zukunft wird identisch sein mit den Massen und von diesen die grundlegenden Ideen empfangen, die sich dann in konkreten Direktiven niederschlagen werden. Diese Partei wird in Übereinstimmung mit dem demokratischen Zentralismus eine strenge Disziplin verlangen, aber gleichzeitig wird sie permanent Diskussion, freie Kritik und Selbstkritik fördern und ihre Arbeit dauernd verbessern. In diesem Stadium wird es eine Kaderpartei der Fähigsten sein, und diese müssen ihre dynamischen Aufgaben erfüllen: müssen dauernd in Tuchfühlung mit dem Volk bleiben, die dort gewonnenen Erfahrungen nach oben weitergeben und den Massen wiederum die konkreten Anweisungen von oben erläutern und sich an der Spitze der Massen in Bewegung setzen. Immer die ersten im Studium, immer die ersten bei der Arbeit, immer die ersten im revolutionären Eifer, immer bereit zu opfern, in jedem Augenblick vernünftiger, bewusster, menschlicher als alle anderen zu sein, so müssen die Kader unserer Partei aussehen.

Man darf niemals denken, ein Marxist sei eine automatisch und blind-fanatisch funktionierende Maschine, etwa ein Torpedo, der durch ein Steuerungssystem auf ein bestimmtes Ziel gerichtet ist. Genau dieser Vorwurf beschäftigt Fidel in einem seiner Referate: „Wieso kann jemand behaupten, Marxismus heiße Verzicht auf menschliche Regungen, heiße Verzicht auf Solidarität, auf Achtung des Nächsten und seiner Belange? Wieso kann jemand verkünden, Marxismus heiße, kein Gemüt haben, keine Gefühle? Die Liebe zum Menschen war es doch gerade, die den Marxismus entstehen ließ, die Sorge um den Menschen und um die Menschheit. Das Bestreben, das Elend zu bekämpfen, die Ungerechtigkeit, das Leiden und die Ausbeutung des Proletariats – gerade das hat ja bewirkt, dass aus der Analyse Karl Marx‘ die Idee des Marxismus wurde, und dies genau in dem Moment, als der Marxismus überhaupt erst entstehen konnte, nämlich als eine reale Chance – was sage ich -, mehr als das: als die historische Zwangsläufigkeit der sozialen Revolution auftrat, deren Interpret Marx war. Was aber machte ihn zu einem bedeutenden Interpreten? Doch nur der mächtige Impuls humaner Gefühle, wie ihn Männer wie Marx, Engels oder Lenin haben.“

Diese Einschätzung durch den Genossen Fidel ist richtungweisend für den Parteiaktivisten. Denkt immer daran, Genossen, grabt sie als wirksamste Waffe gegen alle Abweichungen in euer Gedächtnis ein: Der Marxist soll das vollkommenste aller menschlichen Wesen sein; immer muss er aber vor allen Dingen seine humanen Qualitäten bewahren. Er ist Kombattant einer Partei, die in ständiger Fühlung mit den Massen lebt, ist Richtungsweisender, der die manchmal unklaren Wünsche und Sehnsüchte der Massen in konkrete Pläne umsetzt; er ist ein unermüdlicher Arbeiter, der alles, was er besitzt, dem Volk darbringt; ein schwer geplagter Mann, der seine Freizeit, seine persönliche Ruhe, seine Familie, ja sein Leben für die Revolution hingibt, der es aber nie an der Wärme des menschlichen Kontaktes fehlen lässt.

Auf internationaler Ebene erwarten unsere Partei Aufgaben von allergrößter Wichtigkeit. Wir sind das erste sozialistische Land Amerikas, wir sind also ein Beispiel, dem andere Länder folgen müssen, ein lebender Versuch, der die Bruderparteien mitreißen soll, eine lebendige, dauernde und vielfältige Erfahrung, die öffentlich ihre Erfolge und Irrtümer diskutiert. Auf diese Weise wird unser Beispiel lehrreich nicht nur für die, die sich professionell dem Marxismus-Leninismus verschrieben haben, sondern für die Volksmassen Lateinamerikas.

Die „Zweite Deklaration von Havanna“ ist ein Leitfaden für alle Proletarier, Bauern und revolutionäre Intellektuelle Lateinamerikas; unser eigenes Verhalten wird auch eine ständige Anleitung sein. Wir müssen uns des Platzes würdig erweisen, auf dem wir stehen, und während wir arbeiten, müssen wir konstant an Lateinamerika denken. Wir müssen die Grundfesten unseres Staates, seine wirtschaftliche Organisation und seine politische Entwicklung immer weiter zementieren, um – indem wir uns selbst verändern – immer mehr Völker Lateinamerikas davon zu überzeugen, dass auch für sie der Sozialismus möglich ist.

Angesichts der Brutalität der Aggressoren, eingedenk der Leiden der Völker dürfen wir nicht vergessen, dass unsere emotionale Anteilnahme sich nicht auf Amerika, ja nicht einmal auf Amerika und die sozialistischen Länder beschränken darf. Wir müssen wirklich den proletarischen Internationalismus praktizieren und so jeden Angriff, jede Beschimpfung, kurz alles, was gegen die Menschenwürde, gegen das menschliche Glück – gleichgültig an welchem Ort der Erde – gerichtet ist, als unsere eigene Schmach empfinden.

Wir Militanten einer neuen Partei, in einem erst kürzlich befreiten Teil der Welt, unter neuartigen Bedingungen, müssen stets das gleiche Banner der menschlichen Würde hochhalten, das José Martí, Vorbild vieler Generationen, gehisst hat und das noch immer in zeitloser Aktualität in der Gegenwart Cubas präsent ist: „Ein wirklicher Mensch muss jeden Schlag am eigenen Leib spüren, der einem anderen Menschen versetzt wird.“

Quelle: Ernesto Che Guevara, Vorwort zu dem Buch „Die marxistisch-leninistische Partei“, Havanna 1963

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Bildquelle: Alberto Korda, Public domain, via Wikimedia Commons
Schlagworte: 95. GeburtstagErnesto Che GuevaraKubaMarxismus-LeninismusParteiPCCRevolutionSozialismus

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