Gastbeitrag von Gerhard Oberkofler, geb. 1941, Dr. phil., Universitätsprofessor i. R. für Geschichte an der Universität Innsbruck.
Über Herkunft und Universitätsstudium von Jürgen Kuczynski
Jürgen Kuczynski, geboren in Elberfeld am 17. September 1904 (gest. in Berlin, 6. August 1997) wurzelt in einer über mehrere Generationen nachweisbaren Intellektuellenfamilie, die, wie er selbst schreibt, „politisch fortschrittlich“ nicht nur interessiert, sondern auch „politisch aktiv gearbeitet“ hat.[1] Vater von Jürgen Peter Kuczynski ist der zu dieser Zeit amtierende Direktor des statistischen Büros in Elberfeld Robert René Abraham Kuczynski (1876–1947), Mutter ist Berta Henriette Kuczynski geborene Gradenwitz (1879–1947). Beide sind „mosaischer Religion“ und wohnhaft in Elberfeld, Jägerstraße 16.[2] Zu den gelebten Familienambitionen der Kuczynskis von mehr als zweihundert Jahren gehörte, ihre Privatbibliothek stetig zu vermehren. Dieses bibliophile faible ist nicht ungewöhnlich, im k. k. Wien war der Jurist Anton Menger (1841–1906) als Sammler sozialistischer Spezialliteratur, die er sich auf Reisen nach Paris, London und Berlin besorgte, bekannt.[3]
Wenn Jürgen Kuczynski (J. K.) von den Ankäufen seiner Vorfahren für ihre von ihm übernommene Privatbibliothek erzählt, lassen sich deren Hoffnungen und Erwartungen erahnen. Erstausgaben von Immanuel Kant (1724–1894), von Heinrich Heine (1797–1856) oder Karl Marx (1818–1883) und Friedrich Engels (1820–1895) wurden von ihnen nach Möglichkeit gleich nach dem Bekanntwerden erworben. Der Urgroßvater von J. K. hat in seinem Pariser Exil wahrscheinlich 1851 die Erstausgabe der im Februar/März 1848 in London von Karl Marx und Friedrich Engels veröffentlichten, epochenübergreifenden und weltweit verbreitetste politische Schrift „Manifest der Kommunistischen Partei“ erhalten. Über die Geschichte seiner in Berlin-Weißensee auf 9 Räume aufgeteilte Bibliothek mit an die 40.000 Bücher hat J. K. 1958 ein separates Buch geschrieben.[4] Die Editionsgeschichte des „Kommunistischen Manifests“ hat Thomas Kuczynski (1944–2023), Sohn von J. K., penibel erarbeitet und 1995 veröffentlicht.[5]
Welche Rolle spielt im Leben von J. K. die Herkunft? Peter Weiss (1916–1982) schreibt in seinem Büchlein „Abschied von den Eltern“, dass die Gestalten seiner Mutter und seines Vaters „Portalfiguren“ seines Lebens waren.[6] Das ist bei J. K. nicht anders. Seine Mutter förderte bewusst das künstlerische Begabungsfeld, sein Vater aber hat „gesiegt“ und J. K. ist Wissenschaftler geworden.[7] Die Kuczynskis waren etabliert, sind aber keine Rothschild – Dynastie. J. K. erhielt wie in diesen Kreisen üblich Privatunterricht und besuchte ab der Sexta das öffentliche Gymnasium in Berlin-Zehlendorf, wohin seine Eltern 1914 übersiedelt sind. Am 23. März 1923 bestand er die Reifeprüfung und begann ein breitgefächertes, sich zentral auf Philosophie und Nationalökonomie orientierendes Studium. Die ersten Semester war er an den philosophischen Fakultäten der Universitäten in Erlangen, Berlin und Heidelberg, ab dem 6. Semester wieder in Erlangen inskribiert. Dort war mehrheitlich eine deutschnationale Studentenschaft, deren aggressives Verhalten J. K. daran hinderte, in der Mensa zu essen.[8] Gerade erst zwanzig Jahre alt geworden reichte J. K. im Dezember 1924 seine vom jüdischen deutschen Wirtschaftswissenschaftler Edgar Salin (1892–1974)[9] in Heidelberg im Dialog begleitete Dissertation „Der ökonomische Wert. Eine wirtschaftlichtheoretische, soziologische und geschichtsphilosophische Betrachtung“ an der philosophischen Fakultät im Dekanat des Mathematikers Otto Haupt (1887–1988) ein.
Erstbegutachter der Dissertation von J. K. war der ihm wegen der gemeinsamen Nähe zur Familie Mendelssohn als „Onkel Paul“ persönlich verbundene und während des Studiums ihn begleitender Philosoph Paul Hensel (1860–1930) benannt, als Zweitbegutachter musste wegen der Themastellung der reaktionäre Nationalökonom Karl Theodor Eheberg (1855–1941) bestimmt werden.
Der Gesinnungsethiker Paul Hensel urteilt um die Jahreswende 1924/1925 freundlich.[10]
„J. Kuczynski: ‚Der ökonomische Wert‘. Die vorliegende Schrift zeigt alle Vorzüge und alle Mängel einer talentvollen Erstlingsarbeit. Den Hauptvorzug sehe ich in dem ernsten Streben die eigene Ansicht möglichst gründlich und prinzipiell zu begründen, den Hauptmangel in dem Radikalismus, der es dem Vf. unmöglich macht, die relative Berechtigung der Theorien, die ihm entgegenstehen, anzuerkennen und zu würdigen. Durch das Streben nach Gründlichkeit wird Vf. dazu veranlasst, den ökonomischen Wert, um dessen Bedeutung für die Geschichtsphilosophie es sich handelt, ohne Weiteres aus der Literatur zu übernehmen und so sieht er sich veranlasst, zunächst eine neue Begründung für diesen Wert vorzunehmen, welcher Versuch den I. Teil der vorliegenden Arbeit ausfüllt. Da er hierbei genötigt ist, sich mit den herrschenden nationalökonomischen Werttheorien eingehend auseinanderzusetzen, so geht dieser Teil der Arbeit über meine Kompetenz hinaus und ich beantrage hierfür ein Correferat des Herrn Geheimrat v. Eheberg einzuholen. Wenn es mir gestattet ist, meiner Meinung auch über diesen I. Teil der Arbeit Ausdruck zu geben, so scheint mir der Versuch, den ökonomischen Wert nicht auf die enge der vorhandenen Güter, sondern auf das Bedürfnis nach diesen Gütern zu begründen, namentlich gegenüber der Grenznutzentheorie sehr beachtenswert zu sein und sicher ist der Hinweis des Verfassers wohl begründet, daß er hierdurch nicht in die Gefahr komme, den ökonomischen Wert in die Relativismen einer subjektiven Psychologie hineinzuziehen. Nach dieser Feststellung des ökonomischen Wertes geht Vf. dazu über, seine Verwendbarkeit als die geschichtsphilosophische Kategorie zu prüfen, indem er sich mit sehr beachtenswerten Gründen gegen den Marxismus wendet, welcher alle übrigen Werte als Ausgestaltungen dieses alleinigen Grundwertes zu erweisen sucht.
Vf. glaubt einerseits in der dauernden Geltung des ökonomischen Wertes, andererseits in den Schwankungen, die in der Befriedigung desselben zu Tage treten, die Möglichkeit denken zu können, den einzigen dauernd vorhandenen Wert gegenüber den übrigen, die bald aussetzen, bald sich geltend machen, als Prinzip einer Weltgeschichte erweisen zu können, welchen Ausführungen Referent trotz aller Anerkennung des Scharfsinnes, mit dem sie geführt sind, sich anzuschließen nicht vermag. Das hindert ihn aber nicht, die ganze Leistung eine bei der Jugend des Vfs. als durchaus ungewöhnliche anzuerkennen und er würde, falls das einzuholende Correferat ihm dazu die Möglichkeit liesse, sie bei der Empfehlung an eine hohe philosophische Fakultät zur Annahme als Dissertation (sic) mit dem Prädikat II bewerten.“
Karl Theodor Eheberg urteilt zurückhaltend und hätte die Arbeit ohne das Votum seines an der Universität geachteten Kollegen Paul Hensel wahrscheinlich zurückgewiesen (o. D.):
„Korreferat über die Arbeit des Herrn Kucziski (sic!) ‚Der ökonomische Wert‘. Wie Herr Kollege Hensel habe ich aus der Arbeit der Herrn Kuczinski (sic!) den Eindruck gewonnen, daß Vorzüge und Mängel hart bei einander liegen, sozusagen der gleichen Quelle entstammen. Sie sind das Produkt starker theoretischen Begabung, die den Verf. auf selbständige Gedanken und die Herausarbeitung prinzipieller Gesichtspunkte führt, ihn aber auf dem Wege der Untersuchung nicht genügend nach rechts und links schauen und die Bedeutung entgegenstehender Auffassungen verkennen läßt. Im einzelnen übersieht der Verf., daß das Wort Bedürfnis selbst kein so eindeutiger Begriff ist, wie er annimmt. Die Kapitalismustheorie ist keineswegs mit den paar Seiten abgetan, die der Verf. ihr widmet. Mehr Beifall kann man dem Versuch des Verf. zollen, die Grenznutzentheorie zu berichtigen. Die Theorie der subjektiven Wertbildung, die der Verf. von seinem Standpunkt aus zu geben sucht, ist zwar konsequent, aber da die Prämissen m. E. anfechtbar sind, nicht überzeugend.
Trotz der Mängel, welche der 1. Teil der Arbeit infolge starker Überschätzung der eigenen Gedankengänge enthält, möchte ich mich nicht gegen die Annahme der Arbeit aussprechen. Denn sie zeugt von guter Kenntnis der Literatur und von selbständigem Denken. Allerdings scheint mir die Arbeit mit Rücksicht auf die unverkennbaren Mängel, wenigstens was den 1. Teil anlangt, mit Note II zu hoch bewertet zu sein. Eheberg m. p.
Am 24. Februar 1925 wurde J. K. mündlich geprüft, erhielt die Gesamtnote gut und wurde am 9. März 1925 von der philosophischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität zu Erlangen unter dem Rektorat des Mediziners Albert Haßelwander (1877–1954) mit der ihm ausgestellten Urkunde über „Titel und Würde eines Doktors der Philosophie“ promoviert.
„Zurück zu Marx! Antikritische Studien zur Theorie des Marxismus“. Das erste Buch von Jürgen Kuczynski
1. Temperamentvolle Bemerkungen zum Systemintellektuellen Wilhelm Sombart mit Blick auf die Liebe im Christentum
Nicht die ungedruckt gebliebene Doktorarbeit steht am Beginn der ca. 4.500 Veröffentlichungen, darunter mehr als zehn autobiografische Texte, von J. K., sondern sein 1926 auf dem Hintergrund der ersten, international bekannt gewordenen Erfahrungen der Oktoberrevolution (1917) und der Errichtung des Sowjetstaates im C. L. Hirschfeld Verlag in Leipzig 1926 publizierte Weckruf „Zurück zu Marx! Antikritische Studien zur Theorie des Marxismus“.[11] „Zurück zu Marx!“ ist für J. K. die marxistische Formulierung des Humanistenrufes: ad fontes! (Vorwort, S. III). Das Motto: „Zurück zu Marx heißt Vorwärts mit Lenin!“ setzt J. K. jenem Kapitel voran, das von der „Marxistischen Weltanschauung“ handelt (S. 145). Es bleibt die zentrale Losung seines an einer friedlichen und geschwisterlichen Welt gewidmeten Lebens. Seiner marxistisch-leninistischen Grundhaltung ist J. K. treu geblieben.[12] Vielleicht hat J. K. auch Glück gehabt, den richtigen Weg gleich zu finden. In den Monaten der Produktion und des Erscheinens dieser Broschüre engagierte sich sein Vater Robert René Kuczynski, der Vorsitzender im Reichsausschuss zur Durchführung eines Volksentscheids zur Enteignung der ehemaligen Fürstenhäuser war, als Mitglied des Vorstandes der von Albert Einstein (1879–1955) unterstützten Deutschen Liga für Menschenrechte wurde.[13] Albert Einstein hat mit Hochachtung die von Wladimir I. Lenin (1870–1924), der ihm ein „Hüter und Erneuerer des Gewissens der Menschheit“ war, angestoßene Entwicklung in der Sowjetunion beobachtet.[14] In Berlin gingen die Kuczynskis bewusst und mit offenen Augen durch die Straßen und registrierten den Alltag ihrer Mitmenschen. Die jüngere Schwester von Jürgen Kuczynski, Ursula Maria Kuczynski, d. i. Ruth Werner (1907–2000), erinnert sich an „den Reichtum der wenigen, die Armut der vielen, die bettelnden Arbeitslosen an den Straßenecken“ und wie sie „über die Ungerechtigkeit der Welt nachdachten und wie man sie beseitigen könnte“.[15]
Seit Beginn seiner Vertiefung in die Familienbibliothek und beim Zuhören von Gesprächen seines Vaters hat sich J. K. mit theoretischen Fundamenten des Marxismus beschäftigt. Dabei haben der österreichische, in Wien lehrende Nationalökonom Eugen Böhm Ritter von Bawerk (1851–1914)[16] und vor allem der deutsche, zuletzt in Berlin lehrende Wirtschaftssoziologe Werner Sombart (1863–1941)[17] als zwei in der wissenschaftlichen Welt angesehene Kritiker des von Friedrich Engels 1894 herausgegebenen dritten Bandes des „Kapital“ von Karl Marx seine Aufmerksamkeit geweckt.[18] Wladimir Lenin wie insbesondere Rosa Luxemburg (1871–1919) haben Eugen Böhm-Bawerk wie von Werner Sombart zur Kenntnis genommen, auch weil ihnen der Widerhall dieser Posaunen für die „demokratische Markwirtschaft“ bei den Revisionisten des Marxismus bewusst war.[19] Eugen Varga (1879–1964) hat gemeint, Werner Sombart habe in seiner Jugend am meisten vom „Gift des Marxismus“ genossen.[20] J. K. widmet den ganzen 4. Teil (S. 168–214) seiner Arbeit dem „>Marxismus< von Werner Sombart“, dessen zweibändiges Buch „Sozialismus und soziale Bewegung“ 1924 unter dem Titel „Der proletarische Sozialismus“ in zehnter, neugearbeiteter Auflage publiziert worden war.[21] Dass Werner Sombart 1911 in seinem weit verbreiteten und wiederholt aufgelegten Buch „Die Juden und das Wirtschaftsleben“ die jüdische Wirtschaftstätigkeit auf Rassenmerkmale zurückgeführte, hat J. K. bei Seite gelassen.[22] Er war angesichts der breiten und durch Zitate belegte Literaturkenntnis von Werner Sombart der Meinung, dass dieser „die bedeutendste Kritik des Sozialismus geschrieben hat, die je von bürgerlicher Seite geübt worden ist“ und neben den Ausführungen von Rosa Luxemburg und Georg Lukács (1885–1971) „das beste ist, was in deutscher Sprache über Marx gesagt worden ist“ (S. 168). Wenn Wilhelm Sombart zwischen der absoluten und einer „idealen“ Verelendung unterscheidet, hat er dem von Karl Marx formulierten Gesetz über die „Akkumulation von Reichtum“ auf dem einen Pol und der „Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol“[23] nicht widersprochen, vielmehr dessen Aussage noch unterstrichen, weil für den Ausbruch der Revolution die Bewusstseinsbildung ein entscheidender Faktor ist. Dem Jesuiten Jean-Yves Calvez SJ (1927–2010) war es wichtig, das festzustellen.[24] Wilhelm Sombart hat seine Ansätze rasch hinter sich gelassen und wurde Prototyp der vom herrschenden kapitalistischen System respektierten, weil ihm treu ergebenen Intellektuellen. Mit ihrer Ideologie von der deutschen Volksgemeinschaft waren sie in gebildeten Kreisen Wegbereiter für den deutschen Faschismus. Noam Chomsky (*1928) hat solche hochqualifizierten Experten wie Sombart zutreffend charakterisiert.[25] Eben das hat J. K. als 22jähriger erkannt und qualifiziert Wilhelm Sombart mit Zitaten aus dessen Publikation als jene „Renegaten“, die „aber haben den Vorteil, stets einem aufmerksamen Publikum zu begegnen“ (S. 169). In Kenntnis der Religionskritik von Karl Marx[26] distanziert sich J. K. von der von Wilhelm Sombart getroffenen „Scheidung zwischen der christlichen, der von ihm echt genannte Liebe, und der allgemeinen Menschenliebe“. Das sei nach seiner Meinung „völlig verfehlt“:
„Bei keinem der Religionsgründer ist die ‚miserabilistische‘ Einstellung so deutlich wie bei Christus, der sich immer an die Mühseligen und Beladenen wendet. Die Liebe des Christen für den Armen, trotzdem dieser arm ist und weil er vielleicht – das kommt gewissermaßen noch hinzu – als Mensch Gott näher ist, hat nichts mit der Liebe Christi gemein, sondern ist typisch für den immer noch arroganten aber versuchsweise liebenden ‚reichen Jüngling‘. Das Objekt der Liebe, der Arme, Mühselig-Beladene, ist Christus und dem Sozialisten gemein, teilweise auch noch die Begründung: weil es dein Bruder ist: dann aber scheiden sie sich: für Christus: Bruder in Gott, für den Sozialisten: Bruder in der Gesellschaft. Und da wagt Sombart den Satz: Bruderliebe heißt nur soviel wie: Du bist auch nichts Besseres als ich! Daß die Propaganda – Sombart wird blasphemisch – der Menschenliebe nichts anderes bedeutet als Anti-Patriotismus und Pazifismus ist wahrhaftig nicht Schuld der Menschenliebenden, sondern aller derjenigen, denen die Menschenliebe, ja denen die Vorbedingung zur Menschenliebe, die Achtung vor dem Menschen, fehlt. Pazifismus hat an sich hoch gar nichts mit Menschenliebe zu tun, sondern ist nur als Vorbedingung derselben zu charakterisieren“ (S. 198 f.).
2. Leitgedanken
Vom Marxismus haben sich nach dem Sieg der „freien Welt“ in Europa viele von diesem „infizierte“ Intellektuelle verabschiedet. Als Kader der neuen Linken werden sie von dem in der Europäischen Union (EU) herrschenden kapitalistischen System mit seinen Massenmedien geduldet und korrumpiert, weil sie seine Fundamente nicht in Frage stellen und ideologisch mithelfen, den Weg in den Faschismus offen zu halten. Gleichzeitig vermittelt diese EU-Linke eine Chimäre der Hoffnung, die ihr beim „Urnenvolksspiel“ der Gegenwart Zuschauerplätze sichert. Das, was der Autor dieses Artikels Anfang 2015 in einem damals von einer liberalbürgerlichen Zeitung noch veröffentlichten Gastkommentar geschrieben hat, hat sich bestätigt.[27] Es mögen die hier wörtlich wiedergegebenen Grundgedanken von J. K. über das Wesen des Marxismus-Leninismus zum Nachdenken anregen.
„Die Marxisten sind keine Utopisten. Die Linien der ökonomischen Entwicklung verfolgend erstreben sie ein Ziel, das durchaus innerhalb des Möglichen, der Gegebenheiten, liegt. Sie treiben Realpolitik, propagieren nur tatsächlich erreichbare Ziele. Jeder Idealismus – Idealismus verstanden als Hingabe an Ideen, deren Realisierung nicht nur dem einzelnen, sondern auch voraussichtlich der ganzen Menschheit nie im ganzen Maße gelingen wird, wie sie z. B. Kant betreffend den ewigen Frieden vom Menschen verlangt – liegt ihm fern. Nicht Schwärmer sind sie, sondern Realisten.
Daraus folgt: Bedeutungsvoll ist ihnen allein die Tat, das reale Geschehen, nur dieses interessiert sie. Das Wirken entscheidet über Wert und Unwert; nur wirkungsvolle Geschehnisse verdienen Beachtung, sind Mühe und Arbeit wert.
Um diese Wirkung zu erreichen, sind alle Mittel gut. Der Zweck, die Wirkung, heiligt die Mittel. Revolutionäre Eingriffe und Diktatur sind durch den Zweck geheiligte Mittel. Die gute Wirkung wird sie entschuldigen. Die Erreichung des Endzweckes rechtfertigt die Einstellung“.
[S. 159]
„Die Majorität hat Recht. Dies ein typisches Merkmal der marxistischen Weltanschauung. Und doch fordert die marxistische Taktik die Diktatur des Proletariates – auch wenn es in der Minderheit ist -, und läßt sie unter Umständen auch in Nichtalternativfragen gegen die Minderheit walten? Wie läßt sich das erklären? Eine Unstimmigkeit zwischen Weltanschauung und praktischem Programm? Jawohl! Eine Unstimmigkeit. Warum? Weil die kommunistische Gesellschaftsordnung die kapitalistische Staatsform ablöst, weil die kommunistische Gesellschaftsordnung nicht nur aus neugeborenen Kindern besteht, sondern weil sie auch makelbehaftete Elemente des kapitalistischen Staates in sich aufnehmen muß. Die Diktatur ist das Schutzmittel der kommunistischen Gesellschaft gegen Ansteckung und Vergiftung durch diese ihre Bestandteile. Aber sie ist auch nur ein Mittel, das allein solange angewendet wird, wie es not tut, solange es noch zerstörende Kräfte gibt. Ihre Spürbarkeit, ihr Druck, verschwinden mit der Zeit. Gibt es niemanden mehr, dem im marxistischen Sinne verfaßte Verordnungen als Diktat erscheinen, sind die kapitalistischen Keime zerstört oder eingegangen in den kommunistischen Organismus, dann gibt es auch keine Diktatur mehr. Diktatur ist also nur eine historische Erscheinungsform bestimmter Regeln und Verordnungen. Diese Erscheinungsform ist historisch beschränkt auf die Übergangszeit zwischen zwei Epochen, in denen entgegengesetzte Anschauungen herrschen und Leben und Treiben der Menschen regeln. Ein Gesetz, das bestimmt, daß alle Geschichtsbücher nach der Methode des historischen Materialismus geschrieben werden müssen, wird in einer Übergangszeit vom kapitalistischen Staat zur kommunistischen Gesellschaft alle kapitalistischen Historienschreibern natürlich als diktatorische Maßnahme erscheinen. Im rein kommunistischen Staate wird es aber einfach als juristische Formulierung eines zur Selbstverständlichkeit gewordenen Brauches aufgefaßt werden, wie etwa heute der Zwang zur Anmeldung neugeborener Kinder auch nicht als Erlaß einer Diktatur empfunden wird. Daß diese Gesetze, wenn sie selbstverständlich geworden sind, oft aufgehoben werden, verursacht die Täuschung, daß die Diktatur ein politisches Ding an sich wäre und nicht: nur eine historische oder situationäre Erscheinungsform juristischer, umfassender: in irgendeiner Befehlsform gegebener Formulierungen von Regeln des Verhaltens.“
[S. 162 f.]
„Der Marxismus ist eine Weltanschauung. Marx hat sie gewonnen. Lenin hat sie vertieft. Die Marxisten haben sie sich angeeignet. In Rußland versucht man, die dieser Anschauung gemäße Lebensform zu realisieren und zu wahren. Rußlands Kampf gegen die ganze Welt ist der erste wahre Weltkrieg. In ihm ringen nicht Völker im Kampf um die gegenseitige Ausbeutung, sondern Bevölkerungsschichten untereinander – um das Recht auf Ausbeutung auf der einen Seite und um Wiedergutmachung jahrhundertelanger Ausbeutung und Aufrichtung einer Gesellschaftsordnung, die neue Ausbeutung verhindern soll, auf der anderen Seite. Unserer Generation wird es beschieden sein, die Früchte jahrhundertelanger Expropriierung zu gewinnen: alles Große, was der Kapitalismus, als notwendige Übergangsstufe zum Kommunismus, geschaffen hat: eine zwar anarchische aber ungeheuer weit vorangeschrittene Wirtschaft, eine glänzend ausgebildete Technik, usw. – Das russische Volk unter Führung Lenins ist vorangeschritten in der Eroberung der kapitalistischen Welt, weil es zurückgeschritten ist zu Marx.“
[S. 167]
Epilog
Im Spätsommer 1926 konnte J. K. als Forschungsstudent in die USA fahren. Kurz darauf erschien sein noch nach der Erstpublikation erarbeitetes, seinem Vater zugeeignete Büchlein „Der Staatshaushalt. Ein Beitrag zur Erkenntnis der Struktur des kapitalistischen und des kommunistischen Staates“.[28] Als Kommunist fasst er im Sinne des „Kommunistischen Manifests“ und in der Textualität der 1919 gegründeten Kommunistischen Internationale (Komintern) zusammen: „Es wurde festgestellt, daß die Ausgaben des kapitalistischen Staates ausschließlich dem Wohle der herrschenden Klasse der Kapitalisten dienen. Auch Aufwendungen für Justiz, Volkserziehung usw. haben keinen anderen Zweck, als die Herrschaft der Kapitalisten zu sichern. Daß das Einnahmensystem in hochkapitalistisch entwickelten Ländern ein demokratisches ist, kann den Charakter des Finanzsystems nicht einmal modifizieren. […] Der Staat dient als Waffe gegen die unterdrückte Klasse in der Hand der herrschenden Klasse. […] Der einzig mögliche Weg der Überführung des kapitalistischen Staates in den sozialistischen Staat und später in die sozialistische Gesellschaft ist die politische Revolution, die gewaltsame Unterdrückung des Kapitalismus“ (S. 32–34). Nach rund drei Jahren US-Aufenthalt kehrte J. K. nach Deutschland zurück, das dabei war, den Boden für den charismatischen, von der wirtschaftlichen Macht unterstützten Adolf Hitler (1889–1945) aufzubereiten. Noch in den USA hat J. K. die dort weilende Stipendiatin Marguerite geb. Steinfeld (1904–1998) geheiratet, was in der offenkundigen Kultur der Unterdrückung für beide mehr als eine romantische Beziehung war.
Hermann Klenner (*1926) sagte bei seiner Laudatio auf seinen Freund J. K. aus Anlass der Benennung eines kleinen Parkes mit einer von Formularbeginn
Harald Kretzschmar (1931–2024) geschaffenen Bronzetafel in Berlin nach diesem (2. September 2015): „Jürgen Kuczynski ist ein Wissenschaftler ohne Vergleich. Er war eine in jedem Sinn des Wortes singuläre Persönlichkeit“.[29] Eine historische Alternative zwischen Sozialismus und Barbarei hat Jürgen Kuczynski nicht gesehen. Für sich selbst hat er es als Privileg eingeschätzt, noch im hohen Alter im Kampf für die Wahrheit einzustehen.[30] Unsere Gegenwart gibt ihm nur allzu recht.
[1] Jürgen Kuczynski: Kurze Bilanz eines langen Lebens. Elefanten Press Verlag Berlin 2. A. 1992, S. 5 f.; für den Text hier bes. Jürgen Kuczynski: Jürgen Kuczynski: Memoiren. Die Erziehung des J. K. zum Kommunisten und Wissenschaftler. Aufbau Verlag Berlin 3. A. 1983. Lebensdaten von J. K. sind zusammengestellt z. B. bei Helmut Müller-Enbergs, Jan Wielgohs, Dieter Hoffmann, Andreas Herbst, Ingrid Kirschey-Feix (Hg.): Wer war wer in der DDR? Ein Lexikon ostdeutscher Biographie. Unter Mitarbeit von Olaf W. Reimann. In Kooperation mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Ch. Links Verlag Berlin 5. Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe 2010, S. 739 f. Willi Weinert (Wien) danke ich sehr herzlich für Hinweise!
[2] Geburtseintrag Nr. 3746 Elberfeld. Stadtarchiv Wuppertal. Frdl. Mitteilung von Daniela Cramer, Stadtarchiv Wuppertal.
[3] Vgl. Gerhard Oberkofler: Über sozialistische Privatbibliotheken in Wien und ihr Schicksal. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich 2012–1, Praesens Verlag Wien, S. 7–23 (auch Mitteilungen der Alfred Klahrgesellschaft Nr. 2/2004).
[4] Jürgen Kuczynski: Sechs Generationen auf Bücherjagd. Zur Geschichte meiner Bibliothek. Hg. von der Pirckheimer Gesellschaft in 500 Exemplaren. Leipzig 1958.
[5] Das Kommunistische Manifest (Manifest der Kommunistischen Partei) von Karl Marx und Friedrich Engels. Von der Erstausgabe zur Leseausgabe. Mit einem Editionsbericht von Thomas Kuczynski. Schriften aus dem Karl-Marx-Haus, Nr. 49, Trier 1995 (dort S. 159 f. Sammlung Kuczynski); Thomas Kuczynski: Ein Pamphlet wird hundertfünfzig. Das Blättchen 1. Jg., Nr. 3, 16. Februar 1998, S. 4 f.
[6] Bibliothek Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1. A. 1980, S. 7.
[7] Kuczynski, Kurze Bilanz, S. 8.
[8] Kuczyski, Memoiren, S. 83.
[10] Dr. Clemens Wachter, Archivar der Universität Erlangen, war so freundlich, mir die beiden eigenhändig geschriebenen Gutachten von Paul Hensel und Karl Theodor Eheberg zur Dissertation von Jürgen Kuczynski sowie den damit verbundenen Aktenvorgang der philosophischen Fakultät Erlangen in Kopie zu übermitteln.
[11] Druck von W. Kohlhammer / Stuttgart. 217 S.
[12] Vgl. Ilko-Sascha Kowalczuk: Walter Ulbricht. Der deutsche Kommunist (1893–1945). C. H. Beck Verlag München 2023, S. 386 f.
[13] Siegfried Grundmann: Einsteins Akte. Einsteins Jahre in Deutschland aus der Sicht der deutschen Politik. Springer Verlag Berlin / Heidelberg 1998, S 321 f.
[14] Gelegentliches von Albert Einstein. Zum Fünfzigsten Geburtstag 14. März 1929 dargebracht von der Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches zu Berlin. Privatdruck März 1929 Berlin, S. 20 f.; Grundmann, Einsteins Akte, S. 331.
[15] Ruth Werner: Sonjas Rapport. Verlag Neues Leben Berlin 1977, hier 9. A. 1982, S. 13 f.
[16] NDB 2 (1955), S. 385 f (Otto v. Zwiedineck-Südenhorst)
[17] NDB 24 (2010), S. 562–563 (Friedrich Langer)
[18] Kuczynski, Zurück zu Marx!, S. 70–81.
[19] Vgl. Register Band II zu W. I. Lenin, Werke. Dietz Verlag Berlin 1974; Rosa Luxemburg: Einführung in die Nationalökonomie. Gesammelte Werke. Band 5. Ökonomische Schriften, Dietz Verlag Berlin 1975, S. 524–778 (bes. S. 539 ad Sombart: „Diese funkelnde Narretei, die allen täglichen Wahrnehmungen des Wirtschaftslebens ungeniert ins Gesicht schlägt, unterstreicht aufs glücklichste jene verbissene Abneigung der Herren Zunftgelehrten gegen die Anerkennung der Weltwirtschaft als einer neuen Entwicklungsphase der menschlichen Gesellschaft – eine Abneigung, die wir uns wohl zu merken und deren verborgene Wurzeln wir nachzugehen haben.“)
[20] E. S. Varga: Ausgewählte Schrift4n 1918–1964. Zweiter band: die Wirtschaftskrisen. Zweite, überarbeitete Auflage mit erweiterter Bibliographie. Pahl-Rugenstein Verlag Köln 1982, S. 57, A. 9.
[21] Der proletarische Sozialismus („Marxismus“). Erster Band. Die Lehre. Zweiter Band. Die Bewegung. Zehnte neugearbeitete Auflage der Schrift „Sozialismus und soziale Bewegung“. Verlag von Gustav Fischer, Jena 1924; vgl. auch Peter Goller: Marx und Engels in der bürgerlichen Ideologie und in der sozialistischen Theorie. Gesammelte Studien. Alfred Klahr Gesellschaft. Quellen & Studien, Sonderband 7, 2007, bes. S. 286 f.
[22] Zwölftes und dreizehntes Tausend. Verlag Duncker & Humblot, München und Leipzig 1922; dazu Werner Sombart: Was ist deutsch? Durchgesehener und durch Zusätze erweiterter Abdruck aus dem Buche „Deutscher Sozialismus“. 14.- 16. Tausend. Buchholz & Weißwange, Verlagsbuchhandlung GmbH. Berlin Charlottenburg 1935.
[23] MEW 23 (1972), S. 675.
[24] Vgl. dazu Jean-Yves Calvez SJ: Karl Marx. Darstellung und Kritik seines Denkens. Waler Verlag Olten und Freiburg i. Br. 1964, S. 393.
[25] Noam Chomsky: Demokratie und Erziehung. Hg. von Carlos Peregrín Otero. Aus dem Amerikanischen von Sven Wunderlich. Lowell Factory Books 2013, S. 368 und öfters.
[26] Vgl. dazu Hermann Klenner: Über Marxens Religions- und Rechtskritik. UTOPIE kreativ, H. 84 (Oktober 1997, S. 5–10.
[27] https://www.derstandard.at/story/2000011644513/die-neue-eu-linke-ist-eine-chimaere-der-hoffnung
[28] E. Laubsche Verlagsbuchhandlung G. m. b. H. Berlin W 30, 1927.
[29] Hermann Klenner: Jürgen Kuczynski zu ehren. Mitteilungen der Kommunistischen Plattform der Partei DIE LINKE. Heft 12 / 2015, S. 31–34.
[30] Jürgen Kuczynski: Alte Gelehrte. Akademie Verla Berlin, S. 26.




















































































