HomeFeuilleton100 Jahre Rudolf Haunschmid - Das Leben eines Widerstandkämpfers

100 Jahre Rudolf Haunschmid – Das Leben eines Widerstandkämpfers

Der oberösterreichische Widerstandskämpfer Rudolf Haunschmid wäre heute 100 Jahre alt geworden. Dies nimmt die Redaktion zum Anlass, sich seiner politischen Arbeit und seinem Leben zu erinnern.

Am 27. Mai 1922 wurde Rudolf Haunschmid in Urfahr geboren. Seine Eltern gehörten der Sozialdemokratie an und der Vater Johann arbeitete in den Werkstätten der Österreichischen Bundesbahn und seine Mutter Cäcilia in der Tabakfabrik. Seine Kindheit verlief wie die vieler junger Menschen in den Arbeiterfamilien dieser Jahre, es geschaltete sich trist und auf engem Raum ohne Überfluss. Die Lage verschlimmerte sich mit der kapitalistischen Krise 1931, die auch Österreich in voller Wucht erfasste. 

Ausbildung und Werdegang

1936 nach Abschluss der Hauptschule im Franckviertel begann seine Lehre als Sprengler und Installateur, die er nur aufgrund der Verbindungen in diesen Zeiten der hohen Arbeitslosigkeit und Not in der Arbeiterklasse antreten konnte. Seine Wunschlehre als Goldschmied war unerreichbar. 1939 schloss er seine Ausbildung ab und konnte im Betrieb bleiben, zumindest vorerst. Am 6. März 1040 wurde er in den Flugzeuge- und Metallbau-Werken in Wels dienstverpflichtet, jedoch aufgrund von „politischer Unzuverlässigkeit“ schnell wieder versetzt. Diese „politische Unzuverlässigkeit“ kam nicht von ungefähr, die Eltern von Rudolf Haunschmid waren Sozialdemokraten und sein Vater als Mitglied des Republikanischen Schutzbund im Jahr 1934 im Widerstand. Auch unter Dollfuss stand politische Aktivität in Form der Roten Hilfe an der Tagesordnung in der Familie Haunschmid.

Bereits wenige Tage nach dem 11. März 1938 kam es aufgrund einer Denunziation prompt zu einer Hausdurchsuchung bei den Haunschmids und der Vater Johann wurde auf der Polizeiwache verhört. Aufgrund des gefundenen „Propagandamaterials“ wurde er verwarnt.

All das ging nicht spurlos an dem jungen Arbeiter vorbei, bereits kurz nach dem 11. März 1938 organisierte er sich gemeinsam mit anderen Lehrlingen in einer Widerstandsgruppe. Mittels Flugblätter machten sie auf den Charakter und die Bedeutung des neuen Regimes aufmerksam, das die Zerschlagung der Arbeiterbewegung, die Verfolgung politischer Gegnerinnen und Gegnern, den Terror gegen Andersdenkende sowie „Andersgeartete“ und den Krieg auf die Tagesordnung setzte.

Widerstand im Stickstoffwerk und Haft

Nachdem Haunschmid aufgrund seiner politischen Sozialisierung in die Stickstoffwerke Ostmark versetzt wurde, kam er hier in Kontakt mit Zwangsarbeitern aus dem Osten, französischen Kriegsgefangenen sowie Häftlingen des KZ-Außenlagers Linz I und III. Er bildete mit zwei Gleichgesinnten – Robert Tigl und Walter Spenger – eine Widerstandszelle in den Stickstoffwerken, wo sie Flugzettel aus einem toten Briefkasten, der sich in ihrer Unterkunft befand, verteilten. Die französischen Kriegsgefangenen unterlagen weniger Überwachung als die anderen Gruppen, was die Möglichkeit bot, dass Haunschmid und seine Kollegen drei von ihnen zu Flucht verhelfen konnten. Zuvor brachte diese Unterstützung Haunschmid jedoch selbst in Gefahr, so wurder er beim Versuch einen Kontaktmann ausfindig zu machen erwischt und vorläufig verhaftet. Ohne formelle Anklage lieferte man ihn als sogenannten „Volksschädling“ ins Linzer Hauptquartier der Gestapo. Seine zwei Kollegen erkannten die brenzliche Lage und gaben noch am selben Abend der Verhaftung das Signal zur Flucht, die glückte, wie die drei Kollegen erst nach Kriegsende erfuhren. Tigl und Spenger wurden am Tag nach der Flucht ebenfalls durch die Gestapo inhaftiert.

Von Haunschmid ist bekannt, dass er geschlagen und gefoltert wurde, er wurde derart misshandelt, dass sein Vater ihn nach einer Woche Haft nicht mehr erkannte. Nach mehr als 14 Tagen wurde er erst an das Landesgericht überstellt – nachdem seine Wunden teilweise verheilt waren – und erst am 7. Juli wurde ein offizieller Haftbefehl erlassen. Im November, also 5 Monate nach der Verhaftung, wurde die Anklage gegen den damals 19-Jährigen erhoben. Nachdem er sich in den nötigsten Punkten geständig zeigte und seine politischen Motive nicht offenlegte, wurde er wegen „Wehrkraftzersetzung“ zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt. Das Verfahren wegen „öffentlicher Gewalttätigkeit“ gegen ihn wurde eingestellt. Haunschmid wurde trotzdem als „wehrunwürdig“ sowie auch nicht mehr als Staatsbürger – und somit ohne die hiermit zusammenhängenden Rechte – angesehen. Sein Vater Johann ging gegen das Urteil in Berufung, was in dieser Zeit sehr ungewöhnlich war, und war, was in dieser Zeit noch ungewöhnlicher war, aufgrund des jungen Alters von Rudolf erfolgreich. Hierdurch kam der junge Arbeiter nach Verbüßung der Haftstrafe nach Hause statt direkt ins Konzentrationslager.

Rudolf Haunschmid kam in Deutschland (Dieburg) in Haft, in einen speziellen Jugendtrakt des Strafgefangenenlagers. Die Gefangenen wurden hier zu Zwangsarbeit verpflichtet, entweder zu Schwerstarbeit in Außenbereichen oder wurden an Betriebe „verliehen“. In den Beschreibungen von Haunschmid wird die Qual deutlich; es gab kein Mitleid mit den Häftlingen, sie wurden geschlagen, trugen holländische Holzschuhe, die ihre Füße malträtierten und wurden gedemütigt.

Rückkehr aus der Haft, keine Atempause

Nach der Rückkehr aus der Haft im September 1942 wurde Haunschmid aufgrund seiner Staatsfeindlichkeit und weil er politisch gefährlich sei, nicht erneut dienstverpflichtet oder gar in die Wehrmacht eingezogen. Er konnte in seinen Lehrbetrieb zurückkehren. Die Ruhe hielt aber nicht lange an.

Bereits im Oktober, nach Beginn des Vernichtungsfeldzuges, der zu massiven Verlusten auf der Seite der Deutschen führte, kam es zu Mobilisierung von bis dahin vom Wehrdienst ausgeschlossenen. Das Oberkommando der deutschen Wehrmacht verfügte den Befehl zur Aussetzung der Wehrunwürdigkeit für die Dauer des Krieges. Außerdem folgte der Befehl zur „Aufstellung der verstärkten Afrika-Brigade 999 aus ehemaligen Wehrunwürdigen“, dieser sollte Haunschmid infolge angehören. Seine weiße Kordel gab ihn für die getreuen Nazis, die die Brigade beaufsichtigten, als „Politischen“ zu erkennen. In Afrika begegnete er dann auch seinen Kollegen Robert Tilg und Walter Spenger wieder, die nach ihrer Haft ebenfalls in die 999er Brigade eingezogen wurden. Die 16.000 Mann starke Brigarde kam an die Front in Tunesien, wo sie im Rücken die Nazitruppe hatten und vor ihnen die französische Armee.

Einige, die dem Bataillon angehörten, beschlossen nicht für das Regime zu sterben, an das sie nicht glaubten, und die Stellung aufzugeben und sich kampflos zu ergeben. Im April 1943 ergaben sie sich erfolgreich und kamen in französische Kriegsgefangenschaft.

Die Franzosen unterschieden nicht zwischen Gefangenene aus dem Widerstand und anderen, der Versuch darauf hinzuweisen, Antifaschist zu sein, brachte keine Besserung der Lage für Haunschmid, Tigl oder Spenger. Die drei mussten auch in der französischen Gefangenenschaft Zwangsarbeit verrichten, die Zustände im Gefangenenlager waren desaströs, weswegen die Ruhr-Krankheit ausbrach, die eine Vielzahl der Gefangenen ums Leben brachte. Die drei Kameraden überlebten. Als sie verlegt wurden, war mit der Peinigung kein Ende, die Franzosen wollten die Gefangenen im lebensgefährlichen Untertagebau einsetzen, woraufhin sich die drei widersetzten und auch andere Gefangene davon abhielten dies zu tun. Das französische Militär wiesen sie auf das internationale Rote Kreuz Abkommen hin, das solche Einsätze von Kriegsgefangenen untersagte. Doch dieser Widerspruch blieb nicht ungesühnt und die drei Kollegen wurden umgehend verhaftet und kamen ins Gefängnis, sie wurden zu 14 Tagen Haft bei Wasser und Brot verurteilt. Die Zellen im Gefängnis waren so klein, dass man weder stehen noch liegen, sondern sich lediglich zusammenrollen konnte. Haunschmid sagte später über die Situation: „Wir waren am Ende!“. Nach fünf Tagen wurde eine Haftprüfung urgiert und den dreien wurde angeboten sich der französichen Alliierten Armee anzuschließen, was sie auch taten. Tigl, Spenger und Haunschmid gehörten dem Régiment de Chasseurs d’Afrique an. 

Doch auch im Militär hieß es nicht zurück nach Europa und der Kampf gegen den deutschen Faschismus war für die drei weit entfernt. Sie versuchten sogar zu fliehen, was ihnen nicht gelang. Durch einen Zufall kamen sie mit einem deutschen Offizier in Kontakt, der sie nun mit nach Marseille nahm, wo die drei als Fahrer für die Franzosen eingesetzt wurden. Für sie begann hier jedoch bereits ein neues Leben, da sie Zugang zu einer Vielzahl von Dingen hatten und so auch ihren Beitrag leisten konnten.

Mit dem 8. Mai 1945, also dem Ende des Krieges, offenbarte man sich Haunschmid, dass das Ende des Krieges für ihn keine Freiheit und kein Ende des Krieges bedeuten sollte, da er zum Einsatz für Frankreich im Indochinakrieg zum Einsatz kommen sollte. Haunschmid fasste dies als eine Warnung auf, die er enstnahm und am darauffolgenden Tag flüchtete er mit seinen beiden Kollegen mit dem Wagen des Offiziers, den er chauffierte, mit einem gefälschten Auftrag nach Linz, wo sie mit viel Glück auch eintrafen und Haunschmid zu seiner Familie fand.

Noch im November 1945 trat Haunschmid gemeinsam mit seinem Vater der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) bei, der er bis zu seinem Austritt 2005 angehörte. Nachdem er mittels eines Dokumentes durch die amerikanische Besatzungsmacht offiziell aus dem Wehrdienst entlassen wurde, trat er in den Dienst der Österreichischen Bundesbahn.

Die Befreiung ist kein Ende des Widerstandes und der politischen Arbeit

Die Befreiung vom Faschismus bedeutete für Haunschmid kein Ende des Widerstandes und der politischen Arbeit, er beteiligte sich am Wiederaufbau Österreichs und stellte sich stets gegen die Reaktion. Er war kommunistischer Vertrauensmann in der Hauptwerkstätte der ÖBB für den Direktionsbereich Linz, Mitglied der Zentralleitung der Gewerkschaft der Eisenbahner, Mandatar der KPÖ im Linzer Gemeinderat und Obmann der Fussballsektion ESV-Westbahn.

Er kämpfte für die Durchsetzung der Rechte der Arbeiterklasse, für seine poltischen Ideale ebenso wie für die Anerkennung der eigenen Vergangenheit als politisch Verfolgter. Aber nicht nur für seine Rechte und die Anerkennung von Entschädiungsleistungen setzte sich Haunschmid ein, sondern auch als Obmann des oberösterreichischen KZ-Verbands/VdA setzte er sich für seine Kameradinnen und Kameraden sowie deren Hinterbliebenen ein. Rudolf Haunschmid engagierte sich in der Erinnerungsarbeit und war aktiver Antifaschist. Bis zu seinem Tod am 07. Dezember 2012 gab er nie auf und wurde auch nie müde, für seine hohen Ideale zu kämpfen.

Quelle: KZ-Verband/VdA Oberösterreich (2009) Rudolf Haunschmid. Biographie eines Widerstandkämpers.

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