Athen. Zwei Jahre nach der schweren Eisenbahnkatastrophe von Tempi, bei der mehr als 60 Menschen ums Leben kamen, ist die gerichtliche Untersuchung offiziell abgeschlossen. Doch anstatt Klarheit zu schaffen, hat die Entscheidung neue Proteste ausgelöst. Die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) wirft der Regierung und den Justizbehörden vor, eine „provozierte Vertuschung“ zu betreiben.
Nach Angaben der KKE erfolgte die Beendigung der Ermittlungen nur einen Tag nach der Übergabe eines Gutachtens an den zuständigen Untersuchungsrichter in Larisa – noch bevor die Hinterbliebenen der Opfer Gelegenheit hatten, das Dokument einzusehen. „Das ist ein weiteres Kapitel im Versuch, Ursachen und Verantwortliche zu verschleiern“, erklärte die Partei.
Vorwürfe gegen OSE und Hellenic Train
Im Zentrum der Kritik steht die Frage, gegen wen überhaupt Anklage erhoben wird wegen des Zugunglücks in Tempi. Laut der KKE bleiben die Verantwortungsträger der staatlichen Eisenbahngesellschaft OSE weitgehend unberührt. Auch gegen Vertreter der privaten Bahngesellschaft Hellenic Train wurden lediglich Anklagen von minderschwerem strafrechtlichem Gewicht erhoben. „Die entscheidenden Verantwortlichkeiten wurden praktisch nicht untersucht“, so die KKE.
Bereits seit 2023 weisen Gewerkschaften und Experten auf marode Infrastruktur, fehlendes Personal und systematische Vernachlässigung der Sicherheit hin. Die jüngsten Ermittlungsentscheidungen bestätigen nach Ansicht vieler Kritiker den politischen Willen, genau diese strukturellen Fragen nicht anzutasten.
Politische Verantwortung und „Ministergesetz“
Die KKE prangert auch die Rolle der Regierungspartei Nea Dimokratia (ND) im Parlament an. Mit Verweis auf das umstrittene Gesetz zur Ministerverantwortung sei es gelungen, ehemalige Minister von juristischer Verfolgung auszunehmen. Damit bleibe die politische Dimension des Unglücks ausgeklammert.
„Die Regierung beruft sich auf ein Gutachten, das anderen Untersuchungen widerspricht, und erhebt den moralischen Zeigefinger gegenüber dem Volk, das massenhaft auf die Straße gegangen ist, statt sich für das Verbrechen von Tempi zu verantworten“, erklärte die Partei in ihrer Stellungnahme.
NATO-Transporte im Fokus
Eine zusätzliche Brisanz erhält die Debatte durch den Vorwurf, dass auf dem griechischen Schienennetz regelmäßig NATO-Transporte stattfinden – teilweise mit gefährlichen Materialien. Die Zeitung der KKE, Rizospastis, hatte im März Dokumente veröffentlicht, die auf eine mögliche Verbindung zwischen militärischen Transporten und dem Unglück von Tempi hinwiesen.
Die Regierung bestreitet jeglichen Zusammenhang und betont, dass bei Tempi keine NATO-Güter transportiert wurden. Doch für die Kritiker ist das Dementi wenig glaubwürdig. Bereits im Dezember 2022 war in Alexandroupoli ein Zug mit militärischem Material entgleist, und auch beim Versuch, mehrere Hundert Tonnen Sprengstoff über den Hafen von Lavrio zu verschiffen, wurde nur durch öffentlichen Druck ein Transport durch dicht besiedelte Gebiete verhindert.
Die KKE warnt, dass die Einbindung Griechenlands in NATO-Strategien eine permanente Gefahr für die Bevölkerung darstellt. Transporte von Waffen und Treibstoff fänden oft ohne ausreichende Sicherheitskontrollen statt. Aus Sicht der Partei bestätigt dies, dass Profite und imperialistische Interessen über das Leben und die Sicherheit der Menschen gestellt würden.
Protestbewegung bleibt mobilisiert
Bereits am zweiten Jahrestag Ende Februar 2025 hatten Hunderttausende Menschen in Athen, Thessaloniki und zahlreichen weiteren Städten demonstriert. Auch in den vergangenen Wochen rissen die Mobilisierungen nicht ab. Studierende, Arbeiterverbände und Angehörige der Opfer fordern weiterhin eine vollständige Aufklärung sowie die Bestrafung aller Verantwortlichen.
Die KKE sieht in den Protesten die einzige Kraft, die eine umfassende Aufklärung erzwingen kann: „Nur die organisierte Arbeiter- und Volksbewegung kann verhindern, dass die Wahrheit vertuscht wird und dafür sorgen, dass es kein weiteres Tempi gibt.“
Zweifel an der Aufklärung
Für viele Hinterbliebene und Betroffene bedeutet der Abschluss der Ermittlungen nicht die erhoffte Klärung, sondern das Gegenteil: die Sorge, dass politische und wirtschaftliche Interessen schwerer wiegen als die Suche nach Gerechtigkeit.
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die griechische Regierung an ihrer Linie festhält – oder ob der Druck von der Straße und aus den Reihen der der Volks- und Arbeiterbewegung eine Wende erzwingen kann. Klar ist: Das Zugunglück von Tempi bleibt auch zwei Jahre später ein offenes Kapitel und ein Symbol für den Konflikt zwischen Profitlogik, imperialistischen Interessen und öffentlicher Sicherheit.
Quelle: 902.gr