Wien. „Die Arbeitslosenzahl in Österreich ist Ende 2025 weiter gestiegen“, verkündet das Arbeitsministerium – und gleich danach das Beruhigungsmärchen: Der Anstieg verlangsame sich. Als wäre Arbeitslosigkeit ein Wetterphänomen, das „sich beruhigt“, wenn man fest genug daran glaubt. Tatsächlich zeigt die offizielle Stichtagsstatistik für Dezember 2025: 363.006 vorgemerkte Arbeitslose – um 10.133 mehr als im Dezember 2024.
71.566 Personen sind derzeit in AMS-Schulung. Zusammengerechnet sind das 434.572 Arbeitssuchende (Arbeitslose plus Schulung). Das Ministerium formuliert daraus: „Die Zahl der Arbeitssuchenden lag um 10.000 über dem Niveau des Vergleichszeitraums 2024.“
Die Arbeitslosenquote wird in der Aussendung mit 8,4 Prozent angegeben. Die Bourgeoisie liebt Quoten, weil Quoten so schön entpolitisieren: Eine Zahl ohne Gesichter, ohne Räumungsklagen, ohne Stromnachzahlungen, ohne „Wir müssen heute im Supermarkt jeden Euro zweimal umdrehen“.
Und natürlich versucht man zu kalmieren: Die Beschäftigung wächst. Das Ministerium spricht von „nach Schätzungen um 10.000 Stellen“. Möglich. Praktisch heißt das: Man kann Wachstum behaupten, während gleichzeitig mehr Menschen arbeitslos gemeldet sind. Das ist kein Widerspruch, das ist kapitalistische Normalität: Mehr Output, mehr Druck, mehr Austauschbarkeit.
Für 2026 „zeichne sich eine leichte Entspannung ab“, heißt es – unter Verweis auf WIFO-Prognosen: rund 4.000 Personen weniger arbeitslos. 4.000. In einem Land, in dem Hunderttausende von Lohnabhängigen die Miete nur zahlen, weil sie gerade noch nicht rausgefallen sind. Und selbst diese „Entspannung“ wird in den Analysen als minimal beschrieben – eher Plateau als Wendepunkt. Zynisch ist daran nicht die Prognose.
Zynisch ist die kapitalistische Logik dahinter: Arbeitslosigkeit wird wie ein Konjunkturindikator behandelt, nicht wie ein Klassenverhältnis. Sie ist das Disziplinierungsinstrument, das allen Beschäftigten sagt: „Sei dankbar, dass du überhaupt verwertbar bist.“ Das „Reserveheer“ (Marx lässt grüßen) ist keine Panne – es hat Funktion. Wer Angst hat, ersetzt zu werden, verhandelt schlechter, organisiert sich seltener, schluckt mehr.
Und wer zahlt die Rechnung? Nicht „der Markt“. Sondern die Arbeiterklasse, die noch in Beschäftigung ist: durch Lohndruck, durch Angst, durch die permanente Drohung des sozialen Abstiegs. Und Arbeitslose: durch Stigma, Kontrolle, Maßnahmenschleifen, Wartefristen, Sanktionen – also durch ein System, das so tut, als wäre Arbeitslosigkeit eine Charakterschwäche und nicht ein Strukturmerkmal kapitalistischer Produktion.
Quelle: ORF





















































































