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Home Internationales

Mikis Theodorakis 1925–2021

3. September 2021
in Internationales, Kultur
Mikis Theodorakis 1925–2021

Mikis Theodorakis während eines Konzerts 1972 in den Niederlanden.

Der griechische Komponist, Schriftsteller, Widerstandskämpfer und Kommunist Mikis Theodorakis verstarb am 2. September 2021 im Alter von 96 Jahren in Athen.

In einem umfassenden Nachruf würdigt das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE) ihren langjährigen Mitstreiter:

„Mit tiefer Rührung und einem endlosen Applaus verabschieden wir uns von Mikis Theodorakis, Kämpfer und Schöpfer, Führer und Pionier einer neuen, kämpferischen Kunst in der Musik.

Impulsiv, inspiriert und entzündet von der Leidenschaft, dem Volk etwas zu geben, hat es Theodorakis geschafft, in seinem majestätischen Werk das ganze Epos des Volkskampfes des 20. Jahrhunderts in unserem Land unterzubringen. Schließlich war er selbst Teil dieses Epos.

Ab seinem 17. Lebensjahr organisierte er sich in der EAM und kurz darauf in der KKE und nahm am Nationalen Widerstand teil. Im Dezember ’44 kämpfte er in der blutigen Schlacht von Athen und teilte nach der Niederlage der Demokratischen Armee mit seinen Kameraden als Verbannter in Ikaria die brutale Verfolgung des bürgerlichen Staates und das Martyrium von Makronissos, wo er brutal gefoltert wurde. Anschließend kämpfte er innerhalb der EDA und bei den Lambrakisten für die kulturelle Renaissance, wobei er sein illegales Vorgehen gegen die Diktatur der Obristen 1967 mit neuen Prüfungen, Gefängnissen und Verbannung „bezahlte“. Erschütternd waren die Konzerte, die er bis zum Sturz der Diktatur im Ausland und dann in ganz Griechenland gab. 1978 war er KKE-Kandidat für das Bürgermeisteramt in Athen, 1981 und 1985 wurde er zum Abgeordneten der Partei gewählt. „Ich habe meine stärksten und schönsten Jahre in den Reihen der KKE erlebt“ hatte er bei der von der Partei organisierten Veranstaltung zur Würdigung des 90-jährigen künstlerischen und gesellschaftlichen Engagements erklärt.

Tatsächlich vergaß Theodorakis nie die Ideale von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit, die unerfüllt blieben. Sein Werk ist eine ständige Konfrontation mit Ungerechtigkeit und Defätismus, eine Posaune des Kampfes, neuer Kämpfe, des Widerstands, der Erhebung und der Hoffnung. „Beweine nicht um das Griechentum… dort wo es am Boden liegt… schwingt es sich empor vom Anfang her“ ist seine Antwort auf die Bitterkeit und Enttäuschung eines Volkes, dessen Träume erfüllt sind.

Diese Bejahung des Lebens und des Kampfes ist nicht oberflächlich und immer einfach. Manchmal entsteht es durch qualvolles Nachdenken. Zweifellos wusste Mikis genauso gut, wie er jede kleine und große Ungerechtigkeit anzuklagen wusste, seinen Glauben darauf zu gründen, dass Liebe, Glück, Frieden und Freiheit erreichbar sind. Aber egal wie grob und laut er mit dem „zweischneidigen Messer“, dem „leuchtenden Schwert“ seiner Musik umging, so leicht verstand er es, seinen Gesang zu mildern und mit zärtlicher Sensibilität alles Gute und Schöne im Leben und in der Welt zu berühren.

Mikis‘ Musik ist aus all den Materialien gemacht, die die große Kunst ausmachen, die Kunst, die den Puls ihrer Zeit einfängt und das Kommende vorherspürt. Das Gefühl, der Verstand, das Gedächtnis und die Erfahrung des Volkes, das kämpft, sind die Quelle ihrer Inspiration. „Was wir gemacht haben, haben wir vom Volk genommen, und geben es dem Volk zurück“ sagte er und das war keine Bescheidenheit. Theodorakis war sich zutiefst bewusst, dass für sein persönliches künstlerisches Schaffen seine Zeit eine wichtige Rolle spielte. Er war sich bewusst, dass sich die besondere Art und Dynamik seiner Kunst in den Aktionen des Volkes widerspiegeln würde und dass seine eigene Teilnahme am Handeln des Volkes, obwohl es ihn teilweise von seinem Schaffen ablenkte, sein Sauerstoff war. „Der Künstler, der im Kampf lebt und schafft, sichert seinem Werk einen besonderen Platz“, erklärte er. Sein Werk ist ein brillanter Beweis dafür, dass große Kunst immer politisch ist, ob ihr Schöpfer es will oder nicht.

Theodorakis hatte auch Vertrauen in das Volk. Er glaubte, dass das Volk die Kraft hat, alles zu erreichen, was der Mensch an Hohem und Schönem in seiner Geschichte erschaffen kann. Deshalb schuf er mit heiliger Hingabe eine Kunst, die das Volk erhebt. Mikis hat nicht nur das poetische Wort hervorragend vertont, ohne es zu verraten, sondern er hat es neu erschaffen und in einer Form vorgetragen, die direkt ins Herz des Volkes ging. „Er brachte Poesie auf den Tisch des Volkes, neben sein Glas und Brot“, wie Ritsos über ihn schrieb. Es ist nicht nur das in der Geschichte unwiederholbare Zwiegespräch seiner Musik mit der Poesie von Ritsos im „Epitaph“, die durch die erschütternden Interpretationen von Bithikotsis und Chiotis, zusammen mit dem Tod zu einer zeitlosen Volkstrauer und Hymne wurde, die die Zukunft befruchtet. Theodorakis schaffte es, mit der hohen Poesie zur Volksseele zu sprechen, sogar durch anspruchsvolle und für das Volksohr ungewöhnliche Musikformen, wie zum Beispiel im „Axion Esti“ von Elytis, in „Epiphania-Averoff“ von Seferis, im „Spirituellen Marsch“ von Angelos Sikelianos u.a.

Im Fluss seines Werkes koexistieren fast alle Musikrichtungen: Die Wege des Volkes und das Volkslied, aber auch die antike Tragödie, der byzantinische Gesang, das klassische Lied, die symphonische Musik, die Oratorien. Vielseitig und hochtalentiert, intellektuell wie er war, schuf er auch ein reiches literarisches Werk. Bei Mikis Theodorakis traf das künstlerische Genie auf eine rastlose, wache und kreative Persönlichkeit, die immer das Bedürfnis verspürte, über sich hinauszuwachsen. Seine Musik durchbrach die Grenzen des Landes, da ihre Sprache die Universalität der gemeinsamen Leiden, der Hoffnungen, der Visionen hatte, die von allen Völkern, allen Gedemütigten der Erde, geteilt werden. Die weltweite Anerkennung seines künstlerischen und gesellschaftlichen Beitrags wurde mit dem Lenin-Preis für den Frieden besiegelt. Und morgen werden die Völker in Griechenland, der Türkei, Zypern, dem Balkan, dem Nahen Osten, überall auf der Erde mit seiner Musik gemeinsam das Friedenslied singen.

Mikis gefiel es, „in den großen Straßen, unter den Plakaten“ spazieren zu gehen und zu atmen. Und dort wird seine Musik auch weiterhin zu hören sein, inspirieren, motivieren und lehren. Mit der Musik von Mikis werden wir vorwärts gehen, bis… „die Glocken läuten“ für die gesellschaftliche Befreiung. Aber auch wenn der „Krieg vorbei ist“ werden wir ihn nicht vergessen… Er wird bei uns sein, auch wenn die „Träume rot werden“.

Unsterblicher Mikis!

Der KKE spricht seiner Familie sein aufrichtiges Beileid aus und wünscht ihr viel Kraft.“

Umfassendes künstlerisches Schaffen

Zu seinen wichtigsten Werken gehören „Canto General“ mit den Texten von Pablo Neruda, verschiedene Hymnen, darunter die „Hymne für die Studenten“, die er den Aufständischen der Polytechnischen Hochschule in Athen gewidmet hat, aber auch eine unendliche Fülle von Werken, die der Klassik, dem Balett und dem Theater zuzuordnen sind.

Theodorakis lieferte die Musik zu vielen Filmen, so zum Beispiel zum berühmten Film „Alexis Sorbas“, zum Politepos „Z- Anatomie eines politischen Mordes“ unter der Regie von Constantin Costra-Gavras, oder auch „Der unsichtbare Aufstand“ ebenfalls mit Costa-Gavras.

Die Mauthausen-Kantate und Österreich

Mit den Versen, die der Dichter Iakovos Kambanellis, der selbst in Mauthausen inhaftiert war, 1963 schrieb, und die Mikis Theodorakis vertonte, enstand die Mauthausen-Kantate, die vom Komponisten selbst bei der Uraufführung dirigiert und von Maria Farandouri gesungen wurde. Ein Jahr später wurde Theodorakis von der Militärjunta inhaftiert und seine Werke wurden in Griechenland verboten.

Im Anschluss an die alljährliche Befreiungsfeier fand im Mai 1988 erstmals die Aufführung der Mauthausen-Kantate auf dem Gelände des KZ-Mauthausen statt, der zehntausende Häftlinge und ihre Angehörigen aus der ganzen Welt beiwohnten. Mikis Theodorakis dirigierte selbst, und die Balladen sangen Maria Farandouri auf Griechisch, Elinor Moav auf Hebräisch und Gisela May auf deutsch. Möglich machte dies ein Bündnis aus antifaschistischen, sozialistischen und kommunistischen Organisationen. Die Aufführung wäre beinahe daran gescheitert, dass keine österreichische Organisation die Haftung für die Gagen und Reisekosten des Orchesters, des Chors und aller anderen Künstler und Techniker übernehmen wollte, bis schließlich das Politbüromitglied Ernst Wimmer und das Mitglied des Zentralkomitees und Vorsitzende der Kommunistischen Jugend Österreichs, Otto Bruckner, am letzten Tag der gestellten Frist einen Beschluss des Politbüros der KPÖ erreichten, die Haftung zu übernehmen.

Im Mai 1995 dirigierte Theodorakis anlässlich des 50. Jahrestages der Befreiung des KZ ein Wiederholungskonzert der Mauthausen-Kantate auf dem Appellplatz des Lagers. Vor dem Konzert hielt Simon Wiesenthal eine Rede, die, zusammen mit dem Live-Mitschnitt von Maria Farantouri auf der im Jahr 2000 veröffentlichten „Mauthausen Trilogy“-CD enthalten ist.

„Möchte die Welt als Kommunist hinter mir lassen“

Am 5. Oktober 2020 schrieb der bereits 95-jährige Mikis Theodorakis einen Brief an den Generalsekretär des ZK der KKE, Dimitris Koutsoumbas, der als politische Bilanz seines Lebens angesehen werden kann:

„Lieber Dimitris!

Jetzt, am Ende meines Lebens, in der Stunde der Rechenschaftsberichte, verschwinden aus meinem Denken die Einzelheiten und es bleiben die ‚Großen Dinge‘ zurück.So sehe ich, dass ich meine entscheidendsten, die stärksten und meine reifen Jahre unter der Flagge der KKE verbrachte. Aus diesem Grund möchte ich die Welt als Kommunist hinter mir lassen.

Ich wollte dich also bitten, dass du dich in jener Stunde persönlich annimmst, damit nicht nur meine Ideologie geachtet wird, sondern auch meine Kämpfe für die Einigkeit der Griechen. Sowie natürlich auch all das, was ich bereits in Abstimmung mit meiner Sekretärin Rena Parmenidou und dem Freund und Vorsitzender des kretischen Vereins der Freunde Mikis Theodorakis, Giorgos Agorastakis, geregelt habe.

Mikis Theodorakis“

Wir bedanken uns für die Übersetzung des Nachrufs der KKE und des Briefes von Mikis Theodorakis an Dimitris Koutsoumbas bei: KKE – Freunde und UnterstützerInnen der KKE in Österreich.

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Bildquelle: Bert Verhoeff / Anefo, CC0, via Wikimedia Commons
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