Washington/Nuuk. Ein Posting, eine Landkarte, drei Farben und ein Wort in Großbuchstaben: „Soon“. Mehr braucht es im Jahr 2026 offenbar nicht mehr, um imperiale Ansprüche anzumelden. Katie Miller, Ehefrau eines der wichtigsten Berater von US-Präsident Donald Trump, postet auf X eine grönländische Landkarte in den Farben der US-Flagge – und die diplomatische Fassade des „Westens“ beginnt sichtbar zu bröckeln. Nicht, weil der Vorgang noch irgendwen überraschen würde, sondern weil die US-Großmachtfantasien inzwischen so unverhüllt zur Schau gestellt werden, dass selbst enge Verbündete nervös reagieren.
Der grönländische Regierungschef Jens-Frederik Nielsen nennt den Beitrag „respektlos“ – eine bemerkenswert milde Vokabel für einen symbolischen Akt, der koloniale Besitzansprüche reproduziert, als hätte es Entkolonialisierung, Selbstbestimmungsrecht der Völker und Völkerrecht nie gegeben. Nielsen stellt klar: Grönland stehe nicht zum Verkauf, und seine Zukunft werde nicht auf sozialen Netzwerken entschieden.
Der zeitliche Zusammenhang ist natürlich alles andere als zufällig. Kurz zuvor hatte das US-Militär einen völkerrechtswidrigen Angriff auf Venezuela durchgeführt. Parallel dazu bekräftigte Trump in einem Interview, neben Venezuela könnten auch andere Länder Ziel einer US-Intervention werden. Und über Grönland sagte er unverblümt: „Wir brauchen Grönland, absolut.“
Dieses „Brauchen“ ist die ehrlichste Form imperialer Sprache: Es geht um Zugriff auf Territorium, Ressourcen, militärische Vorteile und geopolitische Hebel.
Dass sich ausgerechnet in diesem Moment eine Beraterfamilie aus dem innersten Machtzirkel der USA erlaubt, fremdes Territorium grafisch zu annektieren, ist kein privater Fauxpas. Es ist die popkulturelle Übersetzung imperialer Drohpolitik: erst ein Meme, dann der Marinesoldat oder der Bombenteppich.
Auch Jesper Möller Sörensen, der dänische Botschafter in Washington, meldet sich zu Wort und fordert die „uneingeschränkte Achtung der territorialen Integrität“ Dänemarks. Der Zusatz, Dänemark und die USA seien „enge Verbündete“, wirkt dabei wie ein Pflichtsatz aus dem Handbuch asymmetrischer Allianzen: Wir sind Freunde – bitte droht uns nicht.
Die Linie der Trump-Administration ist dabei klar und konsistent: Venezuela, Grönland, Drohungen gegen das sozialistische Kuba, immer wieder politischer und ökonomischer Druck auf Kolumbien. Unterschiedliche politische Systeme, unterschiedliche Regionen, aber dieselbe imperiale Logik. Wer nicht spurt, wird sanktioniert. Wer strategisch nützlich ist, wird beansprucht. Wer Widerstand leistet, wird destabilisiert – auch mit militärischer Gewalt.
Dass Trump die Anwendung von Gewalt offen in den Raum stellt, passt zwar nicht zum gewohnten PR-Sprech westlicher Außenpolitik, ist aber in seiner Brutalität zumindest ehrlich. Der US-Imperialismus braucht keine ausgefeilten Rechtfertigungen mehr. Er verlässt sich auf militärische Überlegenheit, ökonomische Erpressung und auf eine politische Aggression, die als Entschlossenheit verkauft wird.
Das Posting von Katie Miller ist deshalb mehr als eine Provokation. Er ist ein Symptom: dafür, wie selbstverständlich imperiale Ansprüche wieder formuliert werden, wie leichtfertig mit dem Völkerrecht umgegangen wird und wie sehr sich die herrschende Klasse der USA daran gewöhnt hat, die Welt als Inventarliste zu betrachten.
Quelle: ORF



















































































