Start Schwerpunkt 75 Jahre Befreiung Die Österreichische Freiheitsfront und die Partisanengruppe in der Obersteiermark

Die Österreichische Freiheitsfront und die Partisanengruppe in der Obersteiermark

Im Herbst 1943 fand in Trofaiach in der Obersteiermark die Gründungskonferenz der Österreichischen Freiheitsfront (ÖFF) statt. Daran nahmen Vertreter der Widerstandsorganisationen der Bezirke Leoben, Eisenerz und Judenburg sowie aus Graz und Villach teil. Kommunistische Kader, die bis dahin von den Nazibehörden unentdeckt geblieben waren, sammelten sich 1942 um den Schlosser Sepp Filz, den Uhrmacher Ferdinand Andrejowitsch, den Kriegsversehrten Max Muchitsch, den im Zusammenhang mit dem Aufrollen des Kommunistischen Jugendverbands (KJV) 1939 verurteilten und wieder aus der Haft entlassenen Anton Wagner und den ehemaligen Gewerkschaftssekretär Simon Trevisani. Sie knüpften Kontakte zu den slowenischen Partisanen nach Jesenice, wohin Filz und Wagner im April 1943 fliehen mussten, um einer drohenden Verhaftung zu entgehen. Nach mehrmonatigem Aufenthalt beim Pokljuka-Bataillon kehrten sie im Sommer 1943 nach Leoben zurück und schritten – mit den praktischen Kampfererfahrungen und dem Wissen über die notwendige Organisation des Partisanenkampfs – an den Aufbau einer organisatorischen Basis für den bewaffneten Widerstand in der Obersteiermark.

Max Muchitsch, der nach 1945 seine Erinnerungen in mehreren Publikationen niederschrieb, schildert das Gründungstreffen der Österreichischen Freiheitsfront so: „Nach eingehender Beratung beschlossen wir das Kampfprogramm. Es enthielt unter anderem: den weiteren Ausbau der Organisation im Bezirk und in der gesamten Obersteiermark, die wir zum Zentrum des bewaffneten Widerstandes machen wollten; die Verbesserung der Verbindungen zu den anderen steirischen Gebieten, vor allem zur Mittel-und Untersteiermark als Verbindungsglieder zum slowenischen Partisanengebiet am Pohorje (Bachergebirge) ; Verbindung und Kurierdienst mit den Partisaneneinheiten im Rosental und in den Karawanken; Aufstellung einer Partisanengruppe auch in Judenburg; Schaffung und Bewaffnung von militanten Kampfgruppen in den Industrieorten Leoben und Eisenerz und Partisanengruppen in den Bergen; Beginn der militärischen Aktionen im Frühjahr 1944.“

Weiter schildert Muchitsch: „Oftmals schon hatten wir im Moskauer Rundfunk, von BBC London und anderen alliierten Sendern die Welle des ‚Österreichischen Freiheitssenders‚ angegeben bekommen. Einmal war es uns dann gelungen, eine Sendung mitzuhören. Es wurde ein Aufruf der KPÖ vom 3. August 1943 wiederholt, in dem es hieß:

Hitlers Untergang ist besiegelt, das deutsche Heer ist im Begriff, zusammenzubrechen. Die Folge davon sind Zersetzungs-und Zerfallserscheinungen in Deutschland. Nur mit der Waffe in der Hand, nur durch organisierten, bewaffneten Widerstand, nur durch den Volkswiderstand, durch Partisanenverbände ist es möglich, sich vor dem Untergang, dem die Hitler-Banditen entgegengehen, zu retten. Die Kommunistische Partei ruft das patriotisch fühlende Volk auf, zu kämpfen, die Partisanen in Kärnten, Tirol und Steiermark zu unterstützen. Den Partisanen in diesen Gebieten wird Hilfe durch die italienischen und slowenischen Partisanen geboten. Organisiert Partisanengruppen auch in allen anderen Gebieten! Nützt die Schwäche des Naziregimes aus. Holt Euch die Waffen bei den SS‑, SA-und Polizeiverbänden ! Mit diesen so erbeuteten Waffen könnt Ihr Euch neue holen und damit kampfstarke Partisanenverbände ausrüsten! Österreicher! Landsleute! Erhebt Euch gegen die deutsch-faschistische Fremdherrschaft!

(Aus: Abhörberichte von Hans Winterberg.) Dieser Aufruf wurde auch als Flugblatt verbreitet und war unterzeichnet vom Organisator der Freiheitsbataillone der Österreicher im Rahmen der jugoslawischen Partisanenarmee, Franz Honner.“

Nachdem die ersten logistischen Schritte gesetzt worden waren, wurde im November 1943 in der Nähe von Trofaiach eine Landesleitung der ÖFF gebildet, der neben den im Bezirk Leoben Aktiven auch Vertreter von Widerstandsgruppen aus Judenburg, Villach, Graz und Wien angehörten. Dabei fassten die ÖFF-Gründungsmitglieder den Beschluss, im Frühjahr 1944 mit dem bewaffneten Kampf gegen das NS-Regime zu beginnen. Gleichzeitig verteilten sie unter dem Namen ÖFF ab April 1944 eine Reihe von Flugschriften. In einem Flugblatt mit dem Titel „ÖFF: Programm, organisatorische und taktische Fragen“ heißt es unter anderem:


„1. Kampf mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln einschließlich Waffengebrauchs gegen die faschistischen Okkupanten und ihre österreichischen Helfershelfer, die durch Betrug, Lüge und Ausnützung unserer Gutmütigkeit sowie durch Anwendung brutalsten Terrors uns aller Rechte beraubten und zu Sklaven einer faschistischen Herrenclique machten.
2. Errichtung eines freien, unabhängigen, demokratischen Österreichs, das mit allen Völkern in Freundschaft zu leben gewillt ist, jeden Rassen- und Nationalhaß bekämpft sowie Religions- und Meinungsfreiheit sichert.
3. Enteignung der Schwerindustrie, des Großgrundbesitzes sowie der faschistischen Institutionen, deren Verstaatlichung bzw. Aufteilung.“

Sabotage und Sprengaktionen

Die obersteirische Partisanengruppe führte eine Reihe von Anschlägen auf Eisenbahnanlagen in Kapfenberg, Leoben und St. Michael durch. Ihr Ziel war die Unterbindung von Munitionstransporten auf der Südbahnstrecke sowie Beschädigungen an Gleisanlagen und Lokomotiven auf beiden Strecken durch Sprengaktionen. Durch die nach den Anschlägen einsetztenden Verfolgungshandlungen wurden jeweils hunderte Faschisten und Wehrmachtsangehörige gebunden. In den Junitagen des Jahres 1944 hatte sich die ÖFF aus Sicherheitsgründen in drei kleine Gruppen aufgeteilt, wobei sich eine in das Hieflauer Gebiet und eine ins Liesingtal begab. Die dritte Gruppe unter der Führung Silvester Heiders und Max Muchitsch marschierte zum Thalerkogel, um sich dort mit einer Gruppe aus Kapfenberg/Bruck zu treffen.

Feuergefecht und der Tod Silvester Heiders

Vor dem Dauerregen Schutz suchend nächtigten sie beim Achnerthörl in einer Blockhütte, wo sie am Morgen des 22. Juni 1944 von Gendarmerie und Landwacht überrascht wurden. Bei dem folgenden Feuergefecht wurden Silvester Heider, dessen Partisanenname Fredl war, und ein polnischer Zwangsarbeiter, der sich den Partisanen angeschlossen hatte, erschossen. Während ein erst vor kurzem zur ÖFF gestoßener Deserteur aus Semriach beim Rückzug vom Thalerkogel festgenommen und später vom Militärgericht in Graz zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde, gelang es den restlichen Partisanen sich in den Tollinggraben zurückzuziehen, wo sie sich mit den beiden anderen Gruppen trafen und gemeinsam eine Vergeltungsaktion planten. Am 11. Juli 1944 sprengten sie mitten in Leoben bei der Mallinger-Mühle, wo eine Eisenbahnbrücke über den Vordernberger Bach führte, das dort befindliche Schienendreieck.
In den folgenden Monaten verhaftete die Gestapo zahlreiche Unterstützer und Unterstützerinnen der ÖFF und deportierten sie in die Konzentrationslager, von wo über 40 nicht mehr zurückkehrten. Ihrem sicheren Hinterland, wo sie sich verstecken konnten und wo sie mit Lebensmittel und Informationen versorgt worden waren, beraubt, mussten sich die Partisanen in die obersteirischen Berge zurückziehen. Erst im Frühjahr 1945 kehrten sie wieder in die Städte zurück.

Die Rettung des Stahlwerkes Donawitz

Wir hatten in Erfahrung gebracht daß nach dem Willen des Standortkommandos der SS die Donawitzer Hochöfen gesprengt werden sollten. Sprengladungen waren bereits angesetzt“ schildert Max Muchitsch die letzten Kriegstage. In der Nacht zum 8. Mai 1945 rückte daher die Partisanengruppe in die Nähe des Werkes vor und eine Vorhut von zwei Kameraden drang schließlich in das Werk ein. Die noch anwesenden Nazibonzen und der Werksdirektor wagten keinen Widerstand mehr. „Viele Arbeiter, die den beiden Partisanen im Werksgelände begegneten, wurden von diesen sofort zur Unterkunft des bewaffneten Werkschutzes geschickt. … Mit Lautsprechern riefen wir die Arbeiter auf, das Werk vor etwaigen Sabotageakten der Faschisten zu schützen… Arbeitertrupps wurden bewaffnet und in verschiedenen Werkhallen postiert“. So retteten die Partisanen das Donawitzer Stahlwerk vor der Zerstörung durch die Nazis.

Quellen:

  • Max Muchitsch: „Die Partisanengruppe Leoben-Donawitz“, Europaverlag 1966.
  • Max Muchitsch: „Die Rote Stafette – vom Triglav zum Hochschwab“, Globus Verlag 1985.
  • DÖW/CLIO/Heimo Halbrainer: „Widerstand und Verfolgung in der Steiermark: ArbeiterInnenbewegung und PartisanInnen 1938 – 1945“, März 2019.
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