Der Iran erlebt seit Ende Dezember 2025 die größte landesweite Protestbewegung seit den Aufständen von 2019 und 2022. In über 90 Städten und 27 Provinzen sind zehntausende, nach Angaben oppositioneller Netzwerke sogar hunderttausende Menschen auf die Straße gegangen. Die Proteste richten sich gegen explodierende Lebenshaltungskosten, den Verfall der Landeswährung und zunehmend offen gegen die gesamte politische Ordnung der Islamischen Republik.
In Metropolen wie Teheran, Mashhad, Isfahan, Shiraz und Tabriz errichteten Demonstrierende Barrikaden, setzten Polizeifahrzeuge, Banken und Verwaltungsgebäude in Brand und griffen Symbole staatlicher Macht an. In mehreren Städten – unter anderem in Gorgan – kam es zu Versuchen, Gouverneurssitze zu stürmen. Die Sicherheitskräfte reagierten mit massiver Gewalt: Tränengas, scharfe Munition und gezielte Schüsse auf Protestierende. Menschenrechtsorganisationen berichten von mindestens 28 bis 44 Toten, während tausende Verhaftungen gemeldet werden. Besonders schockierend sind Berichte aus Ilam, wonach Sicherheitskräfte in einem Krankenhaus das Feuer eröffnet und Blutspenden für Verletzte blockiert haben sollen.
Wie schon bei früheren Aufständen setzte das Regime auf digitale Abschottung. Am 8. Jänner wurde das Internet in weiten Teilen des Landes abgeschaltet – ein erprobtes Mittel, um Informationen über Repression zu unterdrücken, internationale Aufmerksamkeit zu begrenzen und die Koordination der Proteste zu erschweren. Gleichzeitig verschärfte die politische Führung ihren Ton: Während Präsident Masoud Pezeshkian öffentlich betont, das Wohl des Volkes stehe im Zentrum seiner Politik, erklärte Justizchef Gholam-Hossein Mohseni-Ejei unmissverständlich, dass es keine Gnade geben werde.
Der Revolte hat ihren Ursprung in der Sozialen Frage, das ist eindeutig. Die iranische Rial hat in kurzer Zeit massiv an Wert verloren, die Inflation liegt bei über 40 Prozent, bei Grundnahrungsmitteln sogar deutlich höher. Berichten zufolge sind Preise für Brot, Reis, Öl und Fleisch um bis zu 70 Prozent gestiegen. Löhne und soziale Transfers halten damit in keiner Weise Schritt. Besonders betroffen sind Arbeiterinnen und Arbeiter, prekär Beschäftigte, Arbeitslose und junge Menschen ohne Perspektive. Die Proteste begannen zunächst als Reaktion auf diese materielle Zuspitzung, entwickelten sich jedoch anscheinend rasch zu einer offenen politischen Konfrontation.
Eine zusätzliche Dynamik entstand durch den Aufruf des im Exil lebenden Reza Pahlavi zur Mobilisierung gegen das Regime. Zwar spielt die monarchistische Opposition auf der Straße keine hegemoniale Rolle, doch zeigt sich, wie tief die Legitimitätskrise der Islamischen Republik inzwischen reicht. In vielen Städten wurden offen Parolen gegen den obersten Führer Ali Khamenei gerufen – ein deutlicher Bruch mit früheren Protestzyklen, die oft noch innerhalb der bestehenden Ordnung verharrten.
Die aktuelle Bewegung ist Ausdruck einer strukturellen Krise: einer sanktionsgeplagten, hochgradig ungleichen kapitalistischen Ökonomie, die von einem theokratisch-autoritären Staatsapparat abgesichert wird. Während breite Teile der Bevölkerung verarmen, profitieren wirtschaftliche Eliten, staatsnahe Konzerne und militärisch-religiöse Netzwerke weiterhin von Privilegien, Subventionen und Profiten. Die Kombination aus sozialer Verelendung, politischer Repression und Perspektivlosigkeit treibt immer neue Schichten in den offenen Widerstand.
Quelle: 902.gr/RikpunKt/902.gr





















































































