Zum Jahresbeginn 2026 geht es für immer mehr Menschen in Österreich weiter, wie es im Jahr 2025 geendet hat: Für hunderttausende Haushalte in Österreich reicht das Einkommen nicht mehr aus, um den Alltag zu finanzieren. Mit dem Auslaufen von Klima- und Teuerungsbonus sowie der Strompreisbremse endet eine Phase staatlicher Abfederung – und für viele beginnt der direkte Absturz in die Verschuldung. Was als individuelle Budgetkrise erscheint, ist in Wahrheit Ausdruck eines strukturellen Problems.
Bei der Schuldnerhilfe in der Linzer Stockhofstraße herrscht bereits Anfang Jänner Hochbetrieb. Immer mehr Menschen suchen Unterstützung, weil ihre Haushaltsrechnung ins Minus rutscht. In den vergangenen Jahren sorgten staatliche Einmalzahlungen dafür, dass sich finanzielle Engpässe kurzfristig kaschieren ließen. Nun zeigt sich die Realität: Die tatsächlichen Kosten für Wohnen, Energie und Grundversorgung waren nie gesunken – sie wurden nur zeitweise abgefedert. „Sehr viele Ausgaben sind an den Verbraucherpreisindex gekoppelt, während die Lohnabschlüsse deutlich hinterherhinken. Der Spielraum wird immer enger“, sagt Johannes Kletzl, Geschäftsführer der Schuldnerhilfe Oberösterreich.
Besonders brutal schlägt die finanzielle Realität zum Jahreswechsel zu. Rechnungen, Mahnungen, Inkassoschreiben und Jahresabrechnungen treffen auf Haushalte ohne Rücklagen. Auch die Schuldnerberatung Wien rechnet wie jedes Jahr mit einem massiven Anstieg an Neuanmeldungen im ersten Quartal. Bis zu 700 Menschen melden sich dort monatlich erstmals an – rund ein Drittel mehr als im restlichen Jahr. Weihnachten, gesellschaftlicher Konsumdruck und notwendige Anschaffungen werden häufig über Kontoüberzüge oder Ratenkäufe finanziert. Die Schulden materialisieren sich dann im Jänner.
Gerade der Ratenkauf erweist sich zunehmend als systematische Schuldenfalle. Mit wenigen Klicks werden teure Kredite abgeschlossen, deren reale Kosten im Kleingedruckten verborgen bleiben. Wer eine Rate nicht rechtzeitig bedienen kann, gerät rasch in einen Kreislauf aus Gebühren, Verzugszinsen und Inkasso. Dass Kontoüberzüge und Ratenzahlungen zu den teuersten Kreditformen zählen, ist kein Zufall, sondern Geschäftsmodell. Profitieren Handel, Banken und Zahlungsdienstleister – zahlen jene, die ohnehin kaum über die Runden kommen. Die durchschnittliche Verschuldung der Klientinnen und Klienten der Wiener Schuldnerberatung liegt mittlerweile bei rund 55.000 Euro.
Vor diesem Hintergrund sorgt eine weitere politische Entscheidung für zusätzliche Verschärfung: Zur Jahresmitte 2026 soll die derzeit auf drei Jahre verkürzte Entschuldungsdauer für Privatpersonen wieder auf fünf Jahre verlängert werden – sofern es keine Verlängerung der bestehenden Regelung gibt. Die Schuldnerhilfe warnt eindringlich. „Menschen sind mit einer kürzeren Entschuldungsdauer deutlich schneller wieder im Wirtschaftsprozess integriert. Sie können investieren, haben bessere Chancen am Arbeitsmarkt. Es gibt aus unserer Sicht nur Gründe dafür, diese Regelung beizubehalten“, sagt Kletzl. Eine Verlängerung würde bedeuten, dass Betroffene noch länger in Armut und sozialer Unsicherheit festgehalten werden.
Die zunehmende Überschuldung fällt in eine Phase extremer Vermögensungleichheit. Eine aktuelle Studie der Österreichischen Nationalbank zeigt: Die reichsten zehn Prozent besitzen mehr als die Hälfte des gesamten Nettovermögens, während die ärmere Hälfte der Bevölkerung mit vier Prozent auskommen muss. Rund ein Drittel der Haushalte lebt mit Schulden, häufig abgesichert durch das Eigenheim. Doch Eigentum bedeutet für viele längst keine Sicherheit mehr, sondern eine lebenslange Hypothek. Besitz auf Pump ersetzt soziale Absicherung.
Während unten jeder Euro zweimal umgedreht wird, erreichen die Finanzvermögen der Haushalte neue Rekordwerte. Fast 937 Milliarden Euro lagern in Finanzanlagen – konzentriert bei jenen, die ohnehin über Vermögen verfügen. Das System funktioniert zuverlässig: Reichtum bleibt oben, Schulden und Risiken unten.
Schuldnerberatungsstellen leisten unverzichtbare Arbeit, doch sie können die Ursachen nicht beseitigen. Überschuldung ist kein individuelles Versagen, sondern die logische Folge stagnierender Reallöhne, explodierender Wohn- und Energiekosten und einer Politik, die Entlastung befristet, Profite aber dauerhaft schützt. Wer das Jahr 2026 sozial entschärfen will, müsste nicht nur beraten, sondern umverteilen. Ohne politische Gegensteuerung droht vielen Haushalten ein weiteres Jahr im Minus.





















































































