Weiz. Der steirische Lederproduzent Wollsdorf Leder hat Insolvenz angemeldet. Zwei Gesellschaften, Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung, 365 Beschäftigte betroffen, 660 Gläubiger, eine Sanierungsplanquote von 20 Prozent, heißt es in der Sprache des Kapitals. In Wahrheit bedeutet es: Existenzangst für Hunderte Familien – verursacht durch ein System, das Gewinne privatisiert und Verluste kollektiviert.
Der Weltmarktführer und seine Abhängigkeit
Wollsdorf Leder gilt als Weltmarktführer bei Lenkrad-Lederbezügen. 81 Prozent des Umsatzes hängen am Autosektor, über 60 Prozent an Lenkrädern, der Großteil wiederum an drei europäischen OEMs. Das nennt man im Kapitalismus „Erfolgsmodell“. Doch die Realität beschreibt es ehrlicher: totale Abhängigkeit von fremder Verwertung. Wenn die Abrufe der Autoindustrie sinken, bricht das Kartenhaus zusammen – nicht, weil Leder plötzlich niemand mehr braucht, sondern weil Profite woanders schneller wachsen.
Die „negativen Entwicklungen der Automobilzulieferindustrie“ werden als höhere Gewalt präsentiert. Als Naturereignis. Tatsächlich handelt es sich um eine klassische Überproduktions- und Verwertungskrise: Es wird produziert, solange Profit winkt. Sobald dieser ausbleibt, wird nicht umgesteuert, sondern bei den Beschäftigten gestrichen.
Qualität, Krankheit, Standort – alles nur Vorwände
Als wäre die Marktabhängigkeit nicht genug, kommen weitere Kapitel der kapitalistischen Absurdität hinzu: Maul- und Klauenseuche in Ungarn und der Slowakei, Lieferengpässe, Qualitätsprobleme. Die Standards im Werk in Österreich seien „nicht im erforderlichen Umfang gewährleistet“. Die Lösung? Produktionsverlagerung nach Mexiko. Nicht bessere Arbeitsbedingungen, nicht Investitionen in Qualität, sondern billigere Arbeit.
Hier zeigt sich die nackte Wahrheit: Qualität ist nicht wichtig – solange die Produktion billig ist. Der österreichische Standort ist nicht zu schlecht, er ist zu teuer. Dass das offen ausgesprochen wird, ist fast schon ehrlich.
Insolvenz und Globalisierung als Instrumente der Klassenpolitik
Dass die Insolvenzverwalter nun prüfen, „ob eine Fortführung im Interesse der Gläubiger liegt“, ist der eigentliche Skandal. Nicht das Interesse der Beschäftigten zählt, nicht das der Region, nicht das gesellschaftliche Bedürfnis nach Arbeit – sondern das Interesse der Gläubiger. So sieht Demokratie im Kapitalismus aus.
Wollsdorf verfügt über Tochterunternehmen in Hongkong, Kroatien, Uruguay und Mexiko. Globalisierung funktioniert reibungslos – aber nur für das Kapital. Für die Kolleginnen und Kollegen bedeutet sie Konkurrenz, Standorterpressung und permanente Unsicherheit. Heute Steiermark, morgen Mexiko. Leder bleibt Leder, Arbeit bleibt Arbeit – nur billiger.
Der steirische Standort verfügt über die volle Fertigungstiefe, vom Rohleder bis zum Endprodukt. Rational betrachtet wäre das ein gesellschaftlicher Schatz. Kapitalistisch betrachtet ist es nur eine Kostenstelle. Produktion findet im Kapitalismus nicht statt, um Bedürfnisse zu befriedigen, sondern um Profit zu erzeugen. Fällt der Profit, fällt die Produktion – und mit ihr die Arbeitsplätze. Dass Wollsdorf zuvor Weltmarktführer war, schützt niemanden. Im Kapitalismus gibt es keine Verdienste, nur Profite.
Unsere Solidarität ist nicht verhandelbar
Unsere Solidarität gilt den 365 Beschäftigten von Wollsdorf Leder und ihren Familien – und sie gilt ausschließlich ihnen. Sie gilt nicht den Bilanzen, nicht den Banken, nicht den Kreditgebern und schon gar nicht der Profitgier von Eigentümern, die nie einen Tag in der Produktion gestanden sind. Wer Menschen mit Verweis auf Marktzyklen, Krankheiten oder globale Konkurrenz in die Existenzlosigkeit schickt, betreibt organisierte Verantwortungslosigkeit mit System.
Wir weigern uns, Kündigungen als „Sachzwang“ zu akzeptieren. Sachzwang ist nur ein anderes Wort für Machtverhältnisse. Nicht die Arbeiterinnen und Arbeiter haben versagt – sie haben produziert, angepasst, durchgehalten. Gescheitert ist ein System, das Menschen verschleißt wie Rohmaterial und sie dann wegwirft, wenn sie nicht mehr ins Kalkül passen.
Die eigentliche Frage lautet nicht, wie man Pleiten „sozial abfedert“, sondern warum Kapitalinteressen überhaupt das Recht haben, über Arbeit, Produktion und Leben zu entscheiden. Unsere Antwort darauf kann nur unser gemeinsamer Widerstand sein – organisiert, solidarisch, kämpferisch. Nicht morgen. Jetzt.
Quelle: ORF






















































































