Nahrungsergänzungsmittel sind bei jungen Menschen beliebt. Ob Proteinpulver, Kreatin oder Vitamine – viele greifen zu Präparaten, ohne ihren tatsächlichen Bedarf zu kennen. Soziale Medien verstärken diesen Trend und machen Gesundheit zunehmend zu einer Frage von Likes, Trends und vermeintlichen Expertenmeinungen. Das kann zum Problem werden.
Vitamine für das Immunsystem, Proteinpulver für den Muskelaufbau oder Kollagen für ein schöneres Hautbild: Nahrungsergänzungsmittel gehören für viele junge Menschen inzwischen zum Alltag. Wie verbreitet die Einnahme ist, zeigt eine Umfrage der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung im Auftrag der Arbeiterkammer (AK). Im Mai und Juni 2026 wurden dafür 569 Personen im Alter zwischen 14 und 25 Jahren befragt. Das Ergebnis: 65 Prozent hatten in den vergangenen drei Monaten mindestens ein Nahrungsergänzungsmittel eingenommen.
Besonders beliebt sind Proteinpräparate. Whey-Protein zählt zu den am häufigsten verwendeten Produkten, daneben liegen Kreatin und Kollagen im Trend. Die Gründe für die Einnahme unterscheiden sich je nach Geschlecht und Alter. Während 74 Prozent der befragten jungen Männer Nahrungsergänzungsmittel für den Muskelaufbau nutzen, steht dieses Motiv bei jungen Frauen mit 31 Prozent weniger stark im Vordergrund. Bei ihnen spielt hingegen die Vorbeugung von Nährstoffmängeln eine größere Rolle. 46 Prozent nennen diesen Grund, bei den jungen Männern sind es 19 Prozent. Die jüngste Altersgruppe zwischen 14 und 17 Jahren verbindet die Einnahme häufiger mit dem Wunsch, Körperfett zu reduzieren oder das eigene Aussehen zu verbessern.
Wenn Social Media Gesundheit zum Trend macht
Ein wesentlicher Faktor für diese Entwicklung sind soziale Medien. 38 Prozent der Befragten nennen das Internet und Social Media als Informations- und Empfehlungsquellen für Nahrungsergänzungsmittel. Weitere 14 Prozent orientieren sich an Influencern und Online-Coaches. Professionelle Informationsquellen spielen dagegen eine vergleichsweise geringe Rolle.
Auf Plattformen wie TikTok, Instagram und YouTube werden Nahrungsergänzungsmittel häufig als einfache Lösung für komplexe Probleme präsentiert. Mehr Muskeln, bessere Haut, mehr Energie oder ein stärkeres Immunsystem sollen sich mit den richtigen Produkten erreichen lassen. Dabei werden Präparate oft in Trainingsroutinen, Morgenroutinen oder Lifestyle-Videos eingebunden. Was als persönliche Erfahrung dargestellt oder Marketing ist wird, kann schnell wie eine allgemeingültige Gesundheitsempfehlung wirken.
Genau darin liegt die Gefahr. Influencer verfügen in der Regel nicht über medizinisches oder ernährungswissenschaftliches Fachwissen. Trotzdem treten manche im Internet wie Gesundheitsexpertinnen oder – experten auf, erklären körperliche Beschwerden oder empfehlen bestimmte Produkte. Die Problematik, dass Influencerinnen und infuencer medizinische Expertise suggerieren und gesundheitliche Informationen ohne ausreichende fachliche Grundlage oder wissenschaftliche Evidenz verbreiten. Sie werden zu selbst ernannte Gesundheitsberaterinnen und ‑beratern im Netz.Für Nutzerinnen und Nutzer ist häufig schwer zu erkennen, ob eine Empfehlung wissenschaftlich fundiert ist, auf einer persönlichen Erfahrung beruht oder vor allem dem Verkauf eines Produkts dient. Werbung, persönliche Überzeugungen und fachliche Informationen vermischen sich. Besonders problematisch wird das, wenn kommerzielle Interessen nicht klar erkennbar sind oder Risiken und mögliche Nebenwirkungen kaum erwähnt werden.
Der Druck, den eigenen Körper zu optimieren
Social-Media-Hypes sind nicht allein deshalb problematisch, weil bestimmte Produkte plötzlich populär werden. Entscheidend ist auch, wie diese Trends entstehen und welche Erwartungen sie vermitteln. Durch Bilder vermeintlich perfekter Körper, beeindruckende Trainingsfortschritte und ständig neue Empfehlungen entsteht der Eindruck, der eigene Körper müsse permanent verbessert werden.
Gerade Jugendliche befinden sich in einer Lebensphase, in der Selbstbild, Körperwahrnehmung und das Bedürfnis nach Anerkennung eine wichtige Rolle spielen. Wenn Influencer Nahrungsergänzungsmittel als unverzichtbaren Bestandteil eines attraktiven oder erfolgreichen Lebensstils präsentieren, kann das den Druck erhöhen, ebenfalls zu solchen Produkten zu greifen. Aus dem Wunsch, sportlicher auszusehen oder gesünder zu leben, wird dann möglicherweise das Gefühl, ohne bestimmte Präparate nicht mithalten zu können.
Hinzu kommt die Dynamik sozialer Netzwerke: Was viele Menschen teilen, kommentieren oder positiv bewerten, wirkt schnell glaubwürdig. Algorithmen können dazu beitragen, dass Nutzerinnen und Nutzer wiederholt ähnliche Inhalte sehen. Ein einzelner Trend kann dadurch den Eindruck erwecken, ein bestimmtes Produkt sei notwendig oder werde von allen verwendet. Die tatsächliche wissenschaftliche Aussagekraft einer Empfehlung sagt die Reichweite eines Videos jedoch nicht aus.
So wird Gesundheit zunehmend als Lifestyle-Projekt inszeniert. Statt sich an individuellen Bedürfnissen und fachlichen Empfehlungen zu orientieren, besteht die Gefahr, dass junge Menschen ihre Entscheidungen an Trends und idealisierten Körperbildern ausrichten.
Viel hilft nicht immer viel
Neben dem sozialen Druck birgt die unkritische Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln auch gesundheitliche Risiken. Der tatsächliche Bedarf wird laut der AK-Erhebung nur selten fachlich abgeklärt. Viele kombinieren mehrere Präparate, ohne die Gesamtmenge der enthaltenen Stoffe ausreichend zu berücksichtigen.Vitamine und Mineralstoffe sind für den Körper wichtig. Daraus folgt jedoch nicht, dass eine zusätzliche Einnahme grundsätzlich sinnvoll ist. Bei gesunden Menschen, die sich ausgewogen ernähren, lässt sich der Bedarf an vielen Nährstoffen über die normale Ernährung decken. Auch der Eiweißbedarf kann in der Regel durch geeignete Lebensmittel gedeckt werden.
Wer mehrere Produkte gleichzeitig einnimmt, kann dagegen schnell den Überblick verlieren. Einzelpräparate, Multivitaminprodukte, angereicherte Lebensmittel und Getränke können dieselben Inhaltsstoffe enthalten. Dadurch steigt die Gesamtaufnahme unter Umständen stärker als beabsichtigt. Insbesondere bei Stoffen wie Vitamin D, Zink, Magnesium oder Koffein können zu hohe Mengen unerwünschte Wirkungen verursachen.
Auch die Kombination mit Medikamenten ist nicht immer unproblematisch. Nahrungsergänzungsmittel können Wechselwirkungen auslösen oder die Wirkung bestimmter Arzneimittel beeinflussen. Dass ein Produkt frei erhältlich ist oder im Internet als natürlich beworben wird, bedeutet deshalb nicht, dass es automatisch harmlos ist.
Mehr Aufklärung statt blinder Trends
Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, wie wichtig eine verständliche und unabhängige Gesundheitsaufklärung für junge Menschen ist. Informationen sollten dort verfügbar sein, wo sich Jugendliche tatsächlich informieren – also auch auf Social Media. Gleichzeitig müssen sie lernen, Werbeversprechen kritisch zu hinterfragen, Quellen zu überprüfen und zwischen persönlichen Erfahrungsberichten und wissenschaftlich fundierten Empfehlungen zu unterscheiden.
Auch strengere Kontrollen und eine bessere Überwachung von Nahrungsergänzungsmitteln können dazu beitragen, Verbraucherinnen und Verbraucher zu schützen. Die Arbeiterkammer fordert deshalb unter anderem mehr Aufklärung, strengere Kontrollen und eine Meldepflicht für entsprechende Präparate.
Für den individuellen Umgang mit Nahrungsergänzungsmitteln gilt: Zunächst sollte geklärt werden, ob überhaupt ein Bedarf besteht. Ärztinnen und Ärzte sowie qualifizierte Ernährungsfachkräfte können beurteilen, ob eine gezielte Ergänzung sinnvoll ist. Wer bereits mehrere Produkte verwendet, sollte die Inhaltsstoffe und Dosierungen miteinander vergleichen und mögliche Wechselwirkungen mit Medikamenten fachlich abklären lassen.
Quelle: Arbeiterkammer/SWR


















































































