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Home Schwerpunkt Wörter, die unsere Welt erzählen

Wörter, die uns die Welt erzählen (6): Eigenverantwortung

28. August 2026
in Wörter, die unsere Welt erzählen
Wörter, die uns die Welt erzählen (6): Eigenverantwortung

Eine Serie in der Zeitung der Arbeit. Von Daniela Noitz, Schriftstellerin, Autorin und Aktivistin der Partei der Arbeit.

„Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Ein Sprichwort, das zunächst Mut macht. Warte nicht darauf, dass andere dein Leben für dich gestalten. Nutze deine Fähigkeiten, ergreife Möglichkeiten, übernimm Verantwortung für dein Handeln. Daran ist nichts falsch. Im Gegenteil: Eigenverantwortung ist wichtig. Problematisch wird es dort, wo aus „Du kannst etwas tun“ ein „Du allein bist dafür verantwortlich“ wird. Denn niemand beginnt sein Leben bei null.

Nehmen wir einen erfolgreichen Wissenschaftler. Er hat gelernt, Prüfungen bestanden, geforscht und gearbeitet. Vielleicht hat er Rückschläge überwunden und jahrelang große Anstrengungen auf sich genommen. All das ist seine Leistung. Aber hat er es deshalb allein geschafft? Vielleicht wuchs er in einer Familie auf, in der Bildung selbstverständlich war. Seine Eltern waren selbst Akademiker und Akademikerin, Bücher standen in den Regalen, und beim Abendessen wurden Dinge besprochen, denen andere Kinder erst viel später begegneten. Wenn er etwas nicht verstand, gab es jemanden, den er fragen konnte. Später studierte er an einer Universität. Andere Menschen unterrichteten ihn. Er konnte auf Erkenntnissen früherer Generationen aufbauen. Bibliotheken, Labore und technische Infrastruktur standen zur Verfügung. Vielleicht lebte er in politisch stabilen Verhältnissen, in denen wissenschaftliche Arbeit und relativ freie Forschung möglich waren. Und möglicherweise gab es später jemanden, der ihm auch im Privaten den Rücken freihielt: eine Partnerin etwa, die einen größeren Teil der Sorgearbeit übernahm, während er lange Tage im Labor verbringen konnte. Nichts davon schreibt seine wissenschaftliche Arbeit. Niemand anderes hat für ihn gelernt oder geforscht. Seine Leistung wird also nicht kleiner, wenn wir ihre Voraussetzungen sichtbar machen.

Eigenleistung ist real. Aber sie ist niemals voraussetzungslos.

Vielleicht wird sie durch diesen größeren Blick sogar bedeutender. Denn unser Wissenschaftler hat Möglichkeiten erhalten, sie eigenverantwortlich genutzt und daraus möglicherweise etwas geschaffen, das wiederum anderen Menschen zugutekommt. Seine Forschung erweitert vorhandenes Wissen. Andere können darauf aufbauen. Gesellschaftliche Voraussetzungen ermöglichen individuelle Leistung – und individuelle Leistung kann wiederum gesellschaftliche Möglichkeiten erweitern.

Wer entscheidet – und wer trägt die Folgen?

Schauen wir an eine Supermarktkassa. Die Unternehmensleitung ändert die Bedingungen für eine Kundenkarte. Die bisherige Plastikkarte gilt nicht mehr, künftig muss eine App verwendet werden. Eine Kundin ist darüber verärgert und beschwert sich bei der Kassiererin. Die Kassiererin hat die Entscheidung nicht getroffen. Sie kann sie auch nicht rückgängig machen. Trotzdem bekommt sie den Ärger ab. Natürlich trägt sie Verantwortung dafür, wie sie mit der Situation umgeht. Sie kann freundlich bleiben, die neue Regel erklären und im Rahmen ihrer Möglichkeiten helfen. Das ist ihr Handlungsspielraum. Für die Entstehung des Konflikts trägt sie jedoch keine Verantwortung.

Hier fallen drei Dinge auseinander: Entscheidungsmacht, Handlungsspielraum und Verantwortung.

Die Entscheidung wird an einer Stelle getroffen, ihre Folgen müssen Menschen an einer anderen Stelle bewältigen. Auch der Kunde hört möglicherweise: Dann laden Sie eben die App herunter. Aber vielleicht besitzt er kein geeignetes Smartphone, kommt mit Apps schlecht zurecht oder möchte schlicht keine Unternehmens-App auf seinem privaten Gerät installieren. Aus einer unternehmerischen Entscheidung wird plötzlich ein individuelles Problem. Eigenverantwortung kann auf diese Weise sehr bequem werden – allerdings für diejenigen, die Verantwortung abgeben.

Jeder seines Glückes Schmied?

Damit bekommt das alte Sprichwort einen anderen Klang. Menschen können tatsächlich viel gestalten. Einsatz, Fähigkeiten, Entscheidungen und Beharrlichkeit machen einen Unterschied. Aber der Schmied arbeitet nicht im luftleeren Raum. Wer hat Zugang zur Schmiede? Wer hat einen Hammer? Wer hat gelernt, ihn zu benutzen? Welches Material steht zur Verfügung? Und gibt es jemanden, der hilft, wenn etwas misslingt?

Zwei Menschen können sich gleichermaßen anstrengen und trotzdem unter völlig unterschiedlichen Voraussetzungen handeln.

Das zeigt sich auch daran, wie wenig gesellschaftlicher Wert einer Tätigkeit und persönlicher materieller Erfolg miteinander übereinstimmen müssen. Pflegekräfte, Elementarpädagoginnen und Elementarpädagogen oder Menschen, die unbezahlt Sorgearbeit leisten, tragen wesentlich dazu bei, dass eine Gesellschaft funktioniert. Daraus folgt keineswegs automatisch ein hohes Einkommen oder ein großer finanzieller Handlungsspielraum.

Wer persönlichen Erfolg ausschließlich als Ergebnis persönlicher Leistung betrachtet, muss konsequenterweise auch Misserfolg individualisieren: Wer es nicht geschafft hat, hat sich eben nicht genügend angestrengt. Dann verschwinden Herkunft, Bildungschancen, Einkommen, Sorgearbeit und gesellschaftliche Strukturen aus dem Blick.

Eigenverantwortung ist nicht Alleinverantwortung

Dabei wäre es ebenso falsch, nun ins andere Extrem zu fallen und dem einzelnen Menschen jede Verantwortung abzusprechen. Menschen sind keine passiven Produkte ihrer Verhältnisse. Sie entscheiden, handeln, lernen, verändern sich und können auch ihre Umgebung verändern. Aber sie tun das unter Bedingungen, die sie nicht selbst geschaffen haben.

Manchmal braucht ein Mensch sogar Unterstützung, um eigenverantwortlich handeln zu können.

Das ist nur scheinbar ein Widerspruch. Unterstützung kann jemandem Entscheidungen abnehmen. Sie kann aber auch Handlungsmöglichkeiten eröffnen: Kinderbetreuung kann eine Ausbildung ermöglichen. Verständliche Information kann eine eigene Entscheidung ermöglichen. Materielle Sicherheit kann überhaupt erst die Möglichkeit schaffen, einen unerträglichen Arbeitsplatz zu verlassen. Eigenverantwortung bedeutet deshalb nicht, alles allein schaffen zu müssen.

Marx formulierte in der Kritik des Gothaer Programms den bekannten Satz:

„Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“

Darin steckt beides. Menschen haben Fähigkeiten, können etwas beitragen und Verantwortung übernehmen. Gleichzeitig haben Menschen unterschiedliche Bedürfnisse und unterschiedliche Voraussetzungen. Gesellschaftliche Verantwortung und individuelle Verantwortung müssen deshalb keine Gegensätze sein. Eine Gesellschaft kann Bedingungen schaffen, unter denen Menschen ihre Fähigkeiten entwickeln und einsetzen können. Menschen können diese Möglichkeiten eigenverantwortlich nutzen und durch ihr Handeln wiederum etwas zur Gesellschaft beitragen.

Gesellschaftliche Voraussetzungen → individuelle Möglichkeiten → eigenverantwortliches Handeln → neue gesellschaftliche Möglichkeiten.

Und übrigens: Wir haben damit gerade etwas getan, das zum Kern marxistischen Denkens gehört. Wir haben den Widerspruch zwischen Eigenverantwortung und gesellschaftlicher Verantwortung nicht dadurch gelöst, dass wir eine Seite für richtig und die andere für falsch erklärt haben. Wir haben gefragt, unter welchen materiellen Bedingungen Menschen handeln, wie diese Bedingungen historisch entstanden sind und wie menschliches Handeln sie wiederum verändern kann. Das ist eine dialektisch-historisch-materialistische Betrachtungsweise.

Vielleicht ist Eigenverantwortung also weder die Forderung, dass jeder allein seines Glückes Schmied sein müsse, noch das Gegenteil davon.

Sie könnte vielmehr bedeuten: Menschen so viel wie möglich zuzutrauen – und gesellschaftliche Bedingungen zu schaffen, unter denen aus diesem Zutrauen wirkliche Handlungsmöglichkeiten werden. Denn Freiheit bedeutet nicht, mit allem allein gelassen zu werden.

Und damit sind wir bei einem weiteren Wort, das kaum jemand spontan ablehnen würde: Reform. Wer könnte schon gegen Veränderung sein, wenn sie als Verbesserung daherkommt? Doch bedeutet Reform tatsächlich immer Fortschritt – und vor allem: Fortschritt für wen? Was als notwendige Reform angekündigt wird, kann für die einen neue Möglichkeiten eröffnen und für die anderen Verschlechterungen bedeuten. Und selbst dort, wo Reformen tatsächlich Verbesserungen bringen, bleibt eine weitere Frage: Wie viel lässt sich verändern, ohne die Verhältnisse selbst zu verändern?

Darum geht es im nächsten Teil: „Reformen – Warum klingt Veränderung fast immer positiv?“

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Bildquelle: Pxhere, CC0
Schlagworte: BildungEigenverantwortungGesellschaftKarl MarxMöglichkeitenSoziale Herkunft

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