Staatssekretär Josef Schellhorn will die Geschäftsöffnungszeiten ausweiten. Was er als Anpassung an das 21. Jahrhundert verkauft, droht den Druck auf Beschäftigte weiter zu erhöhen. Moderne Nahversorgung braucht gute Arbeitsbedingungen statt längerer Öffnungszeiten.
Wien. Staatssekretär Josef Schellhorn (NEOS) will die Geschäftsöffnungszeiten in Österreich ausweiten. Künftig sollen eigentümergeführte Geschäfte, in denen der Unternehmer selbst arbeitet, länger offen halten dürfen. Auch für personallose Nahversorger und Smart Stores sind längere Öffnungszeiten geplant. Die Sonntagsöffnung steht laut den bisherigen Aussagen zwar nicht im Zentrum seiner Überlegungen. Dennoch weist der Vorstoß in eine problematische Richtung: Statt die Versorgung der Bevölkerung innerhalb bestehender arbeitsrechtlicher Grenzen zu verbessern, sollen die zeitlichen Möglichkeiten des Handels weiter ausgedehnt werden. Die Eigentümergeführten und Personallosen Geschäfte sind hierbei die Vorboten einer grundlegenden Erweiterung.
Schellhorn begründet seine Pläne mit einem Verweis auf die Gegenwart: „Die Menschen leben längst im 21. Jahrhundert. Unsere Ladenöffnungszeiten müssen dort endlich ankommen.“ Das klingt nach Fortschritt, ist aber kein überzeugendes Argument. Eine Gesellschaft im 21. Jahrhundert zeichnet sich nicht dadurch aus, dass Geschäfte möglichst lange geöffnet haben. Sie sollte sich dadurch auszeichnen, dass die Menschen ihren Bedüfrnissen nachkommen können und das bedeutet auch Reproduktion; Arbeitszeiten die ausreichend Freizeit und ein Leben außerhalb ihrer Erwerbsarbeit ermöglichen.
Flexibilität für wen?
Natürlich müssen Nahversorgung und lebendige Ortskerne gestärkt werden. Gerade in kleineren Gemeinden können fehlende Einkaufsmöglichkeiten den Alltag erschweren. Doch längere Öffnungszeiten sind nicht automatisch die Lösung. Entscheidend ist, ob Menschen tatsächlich Zugang zu einer guten Versorgung haben und ob die Beschäftigten, die diese Versorgung ermöglichen, unter fairen Bedingungen arbeiten können.
Bei personallosen Geschäften und Smart Stores stellt sich die Frage nach längeren Öffnungszeiten anders als bei regulär besetzten Filialen. Wo keine Beschäftigten anwesend sind, entstehen durch eine Ausweitung nicht unmittelbar zusätzliche Arbeitsstunden im Geschäft. Trotzdem müssen auch hier die Auswirkungen auf bestehende Nahversorgungsstrukturen, die Organisation der Arbeit und die Beschäftigung im Handel berücksichtigt werden. Auch bei eigentümergeführten Geschäften wiederum darf die unternehmerische Entscheidung, länger offen zu halten, nicht zum Maßstab für die gesamte Branche werden.
Denn was für einen selbstständigen Geschäftsinhaber eine zusätzliche Möglichkeit sein kann, bedeutet langfristig für Beschäftigte häufig eine weitere Verschiebung ihrer Arbeitszeit. Längere Öffnungszeiten müssen organisiert und abgedeckt werden.
Arbeitszeit ist Lebenszeit
Die Öffnungszeiten im Handel sind nicht bloß eine Frage des Komforts für Konsumentinnen und Konsumenten. Sie bestimmen auch den Alltag der Beschäftigten. Wer den Handel modernisieren will, muss deshalb über Arbeitsbedingungen sprechen und darf nicht ausschließlich die Interessen jener in den Mittelpunkt stellen, die möglichst lange einkaufen möchten.
Zuletzt forderte der Rewe-Österreich-Chef Marcel Haraszti eine Ausweitung der wöchentlichen Öffnungszeiten von 72 auf 78 Stunden. Dass sich Handelsunternehmen zusätzliche Öffnungszeiten wünschen, ist aus ihrer wirtschaftlichen Perspektive nachvollziehbar. Daraus folgt aber noch lange nicht, dass eine solche Ausweitung im Interesse der Allgemeinheit liegt. Mehr verfügbare Einkaufszeit bedeutet nicht automatisch bessere Versorgung, und nicht einmal mehr Profite. Eine österreichische Untersuchung zur Liberalisierung der Öffnungszeiten kam zu dem Schluss, dass sich die erwarteten positiven Effekte auf Umsatz und Beschäftigung nicht erfüllt hatten.
Längere Öffnungszeiten werden gerne mit wirtschaftlichen Chancen begründet. Doch mehr Zeit zum Einkaufen bedeutet nicht mehr Umsatz und schon gar nicht mehr Gewinn. Zusätzliche Öffnungszeiten verursachen Kosten, während ein Teil der Einkäufe lediglich von einer Tageszeit auf eine andere verlagert werden kann. Erfahrungen mit früheren Liberalisierungen zeigen zudem, dass die erhofften positiven Effekte nicht zwangsläufig eintreten, weder im Bezug auf Profite noch auf mehr Beschäftigung. Deregulierung von Öffnungzeiten haben sie in der Arbeitssoziologie gezeigt wurde dazu geführt, dass Beschäftigung abgebaut und dereguliert wurde, außerdem haben flexible Arbeitszeitregelungen zugenommen. „Vor dem Hintergrund der branchenspezifischen Bedingungen im Einzelhandel verstärken längere Öffnungszeiten die eingeschlagenen Entwicklungspfade mit negativen Folgen für die Handelsstruktur, die Beschäftigung und die Qualität des Handelsangebotes.“ halten halten Hilfs und Jacobsen fest. Außerdem ist die Frage der sozialen Reproduktion von veränderten Öffnungszeiten empfindlich berührt und wird auch auf dieser Ebene neuerliche und vertiefenden Krisen potenziell mit sich bringen. Wer eine Ausweitung fordert, muss daher belegen, wem sie tatsächlich nützt. Aber die Langfristeigne Konsequenzen scheinen in den Äußerungen des Staatssekretärs keine Rolle zu spielen. Dass Handelsunternehmen ihre Geschäfte länger offen halten wollen, ist noch kein Beweis dafür, dass diese Maßnahme im Interesse der Beschäftigten oder der Gesellschaft liegt.


















































































