Eine Serie in der Zeitung der Arbeit. Von Daniela Noitz, Schriftstellerin, Autorin und Aktivistin der Partei der Arbeit. 11. und vorerst letzter Teil.
Zehn Teile lang haben wir Wörter betrachtet. Wir haben sie gedreht und gewendet, nach ihrer Herkunft gefragt, nach dem, was sie bezeichnen – und nach dem, was sie vielleicht nicht bezeichnen. Wir haben gefragt, wer eigentlich Arbeit gibt und wer sie nimmt, warum soziale Absicherung zu „Lohnnebenkosten“ wird, woran es beim „Fachkräftemangel“ tatsächlich mangelt und wie ein Mensch zum „Humankapital“ werden kann. Und immer wieder führte die Beschäftigung mit den Wörtern über die Wörter hinaus.
Vielleicht ist das ein guter Zeitpunkt, kurz innezuhalten.
Ein Leser dieser Reihe hat einen Gedanken formuliert: Wie schön wäre eine Gesellschaft, in der die Begriffe auch das bedeuten, was sie meinen und das meinen, was sie bedeuten.
Der Gedanke ist verlockend. Eine Sprache, die nicht verschleiert, nicht verkehrt, nicht Interessen als Selbstverständlichkeiten erscheinen lässt. Eine Sprache, bei der wir nicht erst fragen müssen: Was heißt das eigentlich – und für wen?
Aber können wir die Sprache von den Verhältnissen trennen, in denen sie entsteht?
Marx und Engels verstanden Sprache nicht als ein Reich für sich. Sie entsteht im gesellschaftlichen Leben und mit ihm. Auch unsere Begriffe fallen nicht vom Himmel. Menschen bilden sie unter bestimmten historischen und gesellschaftlichen Bedingungen, verwenden sie, verändern sie – und manchmal werden sie so selbstverständlich, dass kaum noch auffällt, welche Sicht auf die Welt in ihnen steckt.
Vielleicht wäre es deshalb zu wenig, für die bestehenden Verhältnisse nur bessere Wörter zu suchen.
Wir könnten die Lohnnebenkosten anders nennen. Die Beiträge zur Kranken‑, Pensions- und Arbeitslosenversicherung wären damit noch immer Gegenstand eines Interessenkonflikts. Wir könnten auf das Wort Humankapital verzichten. Menschen würden deshalb noch nicht aufhören, unter dem Gesichtspunkt ihrer ökonomischen Verwertbarkeit betrachtet zu werden. Und wir könnten uns darauf einigen, nie wieder zu sagen, Geld arbeite. Davon verschwände weder der Zins noch die Frage, woher der Wert kommt, der schließlich als Zins angeeignet werden kann.
Vielleicht haben uns die Wörter deshalb etwas anderes gezeigt.
Nicht nur, wie über gesellschaftliche Verhältnisse gesprochen wird, sondern etwas über diese Verhältnisse selbst. Dann wäre eine andere Sprache nicht einfach eine Frage besserer Formulierungen. Sie würde mit einer anderen gesellschaftlichen Wirklichkeit entstehen – und diese Wirklichkeit wiederum mit beschreiben. Damit sind wir nicht am Ende angekommen. Wir haben nur für einen Augenblick angehalten und zurückgeschaut. Denn es gibt noch sehr viele Wörter, bei denen sich ein zweiter Blick lohnt.
Welche sind Euch begegnet?
Welche Wörter haben Euch irgendwann stutzen lassen? Bei welchen habt Ihr Euch gefragt, warum etwas gerade so bezeichnet wird – und was anders aussähe, wenn wir es einmal von einer anderen Seite betrachteten?
Mit diesem Zwischenstand endet diese Reihe vorerst.
Das letzte Wort ist damit noch lange nicht gesprochen.























































































