Was haben ein Dollfuß-Nostalgiker, Otto Habsburg sowie EU- und Nationalratsabgeordnete der NEOS gemeinsam? Sie treten vom 1. bis 4. Oktober beim „Paneuropakongress 2026“ in Wien auf.
Wien. 1926 organisierte Richard Coudenhove-Kalergi, ein konservativer Ex-Adeliger, den ersten Paneuropakongress in Wien. Die 1923 gegründete Paneuropabewegung verstand sich von Anfang an als ein bürgerliches Projekt zur Einigung Europas. Die offene Feindschaft zum Marxismus und der Sowjetunion prägte Denken und Handeln der Bewegung. Dafür hatten die europäischen Eliten der damaligen Zeit gute Gründe, denn die siegreiche Revolution Russlands war den europäischen Arbeitermassen ein leuchtendes Vorbild. Die Schrecken des Ersten Weltkrieges hatten das Wesen des Kapitalismus in aller Konsequenz gezeigt und sein System für viele diskreditiert.
Wie schnell aus Todfeinden Freunde werden können, zeigte bereits der russische Bürgerkrieg. 14 ausländische Mächte, die kurz zuvor ihre Völker in den Schützengräben gegenseitig in den Tod geschickt hatten, kämpften nun gemeinsam, um die russische Bauern- und Arbeiterrepublik niederzuringen. Der Traum vom „geeinten Europa“ entsprang also von Anfang an einem gewissen Pragmatismus. Für die Eliten des deutschen Bank- und Industriekapitals sollte dieser Traum allerdings in den ersten Anläufen durch Stechschritt und Militärstiefel erfüllt werden. Mit Brachialgewalt und kolonialem Expansionshunger nach Osten versuchte der Nazi-Faschismus die „Einigung“ Europas unter deutscher Vorherrschaft zu vollziehen. Nachdem auch dieser Versuch scheiterte und halb Europa rot geworden war, mussten andere Vorschläge her. Der Friedensmythos, der heute um die Vorläufer und die Gründung der EU gesponnen wird, diente und dient dazu, EU-Europa als eigenständigen Machtblock zu konsolidieren und, wo es geht, die Abhängigkeit von den USA zu verringern.
Coudenhove-Kalergi vertrat genau diese Absicht. Das deutsche Monopolkapital sollte in einem europäischen Monopolkapital aufgehen. Auch vor kolonialen Phantasien scheute er nicht zurück. Seine Vision: Die alten europäischen Kolonialmächte sollten ihre Besitzungen weiter behalten, für Deutschland gäbe es hingegen noch koloniale Betätigungsfelder in Westafrika.
Die Paneuropäer heute
100 Jahre später hat die Paneuropabewegung nichts von ihrem Charakter als snobistischem Elitenprojekt der Bankiers und Industriellen eingebüßt. Vom 1. bis 4. Oktober tagt die Bewegung in Wien. Ihr Ziel ist es, die „Einigung Europas“ weiter voranzubringen. Prominent vertreten sind dabei auch Politiker der NEOS, etwa Nationalratsabgeordneter Dominik Oberhofer und EU-Parlamentsabgeordnete Anna Stürgkh. Oberhofer tritt vor allem über soziale Medien in Erscheinung und fungiert dort als nettes Gesicht für Aufrüstung, die Demontage der österreichischen Neutralität und Kriegstreiberei. Mit Georg Lundström-Halbgebauer nimmt ein NEOS-Bezirksvertreter aus Wien-Währing den Generalsekretärsposten der „Paneuropabewegung Österreich“ ein.
Die NEOS fordern seit Jahren eine EU-Armee. Auch mit dem Kriegsbündnis NATO, das 1999 Jugoslawien und 2011 Libyen bombardierte und ins Chaos stürzte, sympathisieren ihre Funktionärinnen und Funktionäre immer wieder. Coudenhove-Kalergis „kapitalistischer Pazifismus“ mag 1926, zwischen den beiden Weltkriegen, eine Tragödie gewesen sein. Der „kapitalistische Pazifismus“ der NEOS, der auf dem Friedenmythos EU aufbaut, ist jedenfalls eine Farce.
Die Heuchelei des liberalen Gedusels wird auch in puncto Israel sichtbar. Die Partei zählt nicht nur zu den standhaftesten Unterstützern des Staates, der in Gaza einen Völkermord verübt – im Juli 2025 eilte die pinke Außenministerin Beate Meinl-Reisinger zu ihrem israelischen Amtskollegen Gideon Sa’ar nach Israel. Das Treffen fand lediglich sechs Tage nach dem Ende des Zwölf-Tage-Kriegs zwischen Israel und dem Iran statt. Der Krieg begann mit völkerrechtswidrigen Luftschlägen Israels und war ein Auftakt für den aktuellen Krieg, in dessen Verlauf die USA und Israel zahlreiche Zivilistinnen und Zivilisten töteten. Unter anderem starben 168 Menschen bei einer Mädchenschule in der Stadt Minab durch US-Angriffe. Was sie von Frieden hält, brachte Meinl-Reisinger während des Treffens auf den Punkt: „Ein Besuch in Israel ist ein Besuch bei Freunden“.
Krieg – Frieden – Krieg
Auch die Verbitterung über die Niederlage des „Einigungsversuchs“ 1945 ist nicht verschwunden. Die Exklave Kaliningrad, die seit Jahrzehnten zu Russland gehört, wird von der Paneuropabewegung als „russisch besetzt“ betrachtet. Revanchistische Fantasien sind sonst vor allem im Rechtsaußen-Spektrum vorzufinden, die deutsche Nazipartei „Der III. Weg“ träumt etwa von einer Wiederherstellung „Gesamtdeutschlands“. Doch die Grenze zwischen Vormacht durch gewaltsame Expansion und Vormacht durch wirtschaftliche Integration verläuft im Imperialismus fließend. Der Griff zur faschistischen Diktatur anstelle der liberalen Demokratie ist ein altbekanntes Muster, und zwar dann, wenn die bürgerliche Ordnung aufgrund des kriselnden Kapitalismus bedroht ist.
Wer weiß, welche Vertreterinnen und Vertreter sich bald auf der Referentenliste des „Paneuropakongresses“ finden werden. Bereits jetzt mit dabei ist der Influencer Franziskus Wächter. Der 18-jährige Militärschüler postet auf seinen Social-Media-Kanälen regelmäßig zu politischen Themen. Neben skurrilen Videos zu „Ritterlichkeit“ und Auftritten in Kaiseruniform bezeichnet er in einem Video auf Instagram Engelbert Dollfuß, den austrofaschistischen Diktator, als „größten Patrioten Österreichs“. Damit passt er durchaus zu den Paneuropäern. Coudenhove-Kalergi versuchte seine Europa-Idee damals auch dem italienischen Faschistenführer Benito Mussolini schmackhaft zu machen, allerdings ohne Erfolg.
Auch Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko, die ehemalige Präsidentin Kosovos, Vjosa Osmani-Sadriu und Johannes Hahn, ex-EU-Kommissar und Präsident des Generalrates der österreichischen Nationalbank (OeNB), werden anwesend sein. Karl Habsburg übt die Funktion des Ehrenpräsidenten der „Paneuropabewegung Österreich“ aus. Er wird als „Karl von Habsburg“ vorgestellt. Durch verstaubten Adelspomp will man sich offenbar noch immer vom Pöbel abgrenzen. Die Personalia erinnern an 1926: Damals trafen sich Grafen, Großindustrielle, Konservative und Sozialdemokraten auf dem Kongress. Kurzum, eine Auswahl des bürgerlichen Schreckenskarussells, das Europa wenige Jahre zuvor in den imperialistischen Krieg geführt hatte. Aus Russland reiste Alexander Kerenski an, dessen Regierung von den russischen Arbeiterinnen- und Arbeitermassen in der Oktoberrevolution von 1917 weggefegt wurde. Sie hatte sich beharrlich geweigert, den Weltkrieg für Russland zu beenden.
Antonio Gramscis Ausspruch „Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster“ könnte passender nicht sein.
Junge Welt/ Zeitung der Arbeit/ Instagram/ Instagram























































































