Wien/Brüssel. Seit 1. November gilt in der Europäischen Union eine neue Bearbeitungsgebühr für Waren, die von Onlinehändlern außerhalb der EU direkt importiert werden. Die sogenannte „Union Handling Fee“ beträgt zwei Euro pro Warenkategorie und betrifft insbesondere Bestellungen bei Plattformen wie Temu, Shein und AliExpress.
Die Gebühr wird unabhängig vom Warenwert erhoben und fällt zusätzlich zu bereits bestehenden Einfuhrabgaben an. Entscheidend ist die zolltarifliche Einordnung der Waren: Enthält eine Sendung beispielsweise zehn gleichartige T-Shirts, werden einmalig zwei Euro fällig. Bei drei unterschiedlichen Warenkategorien beträgt die Gebühr hingegen sechs Euro.
Bereits seit Juli 2026 gilt für Direktimporte mit einem Warenwert bis 150 Euro ein pauschaler Zoll von drei Euro pro Warenkategorie. Gemeinsam mit der neuen Bearbeitungsgebühr können damit fünf Euro pro Warenposition anfallen. Hinzu kommen gegebenenfalls Einfuhrumsatzsteuer und weitere Abwicklungsgebühren.
EU reagiert auf steigende Paketmengen
Mit der neuen Regelung will die EU die steigenden Kosten für Zollkontrollen und die Überwachung des internationalen Onlinehandels abdecken. Nach offiziellen Angaben gelangten 2025 rund 5,8 Milliarden Pakete mit einem Wert unter 150 Euro in die EU.
Für die Entrichtung der Gebühren sind grundsätzlich die beteiligten Unternehmen verantwortlich. Allerdings können Onlinehändler die zusätzlichen Kosten durch höhere Verkaufspreise an ihre Kundinnen und Kunden weitergeben.
Große Handelsplattformen reagieren bereits mit Anpassungen ihrer Geschäftsmodelle. So bauen Unternehmen wie AliExpress und Shein ihre europäischen Lagerkapazitäten aus, um Waren verstärkt innerhalb der EU versenden zu können.
Protektionismus statt mehr sozialer Gerechtigkeit
Die neue Gebühr zeigt vor allem eines: Wenn es um die Interessen des europäischen Kapitals geht, entdeckt die EU plötzlich ihre Begeisterung für staatliche Eingriffe. Jahrelang wurde der freie Markt als alternativloses Erfolgsmodell gefeiert. Sobald die Konkurrenz aus China Marktanteile gewinnt, werden neue Handelshürden errichtet – selbstverständlich unter dem wohlklingenden Vorwand von Verbraucherschutz und fairen Wettbewerbsbedingungen.
Dabei geht es nicht darum, die ausbeuterischen Produktionsbedingungen des internationalen Onlinehandels grundsätzlich zu beseitigen. Denn auch europäische Handelskonzerne profitieren seit Jahrzehnten von globalen Lieferketten, Niedriglöhnen und billiger Produktion. Solange die Profite stimmen, ist die Ausbeutung in fernen Fabriken offenbar kein grundsätzliches Problem.
Die EU bekämpft nicht die Ausbeutung, die hinter den Billigwaren steckt. Sie verteuert zunächst einmal deren Einfuhr.
Besonders zynisch ist, dass zusätzliche Kosten letztlich bei den Konsumentinnen und Konsumenten landen. Ausgerechnet jene Menschen, die aufgrund ihrer geringen Einkommen auf günstige Produkte angewiesen sind, sollen damit die Rechnung für den Konkurrenzkampf internationaler Handelskonzerne begleichen.
Während sich milliardenschwere Unternehmen mit europäischen Warenlagern und angepassten Lieferketten auf neue Gebühren einstellen können, bleibt den Beschäftigten und einkommensschwachen Haushalten wenig anderes übrig, als höhere Preise hinzunehmen. Das ist kein Kampf gegen Ausbeutung und keine Politik im Interesse der Arbeiterklasse. Das ist kapitalistische Standortpolitik: Die Interessen der eigenen Konzerne werden verteidigt, die steigenden Kosten nach unten weitergereicht.
Eine Politik im Interesse der Arbeiterklasse müsste dagegen die Arbeitsbedingungen entlang der gesamten Lieferketten verbessern, Konzerne für Verstöße zur Verantwortung ziehen und dafür sorgen, dass sich die Bevölkerung notwendige Güter leisten kann. Solange Produktion und Handel der Profitmaximierung untergeordnet bleiben, wird die Konkurrenz zwischen den Kapitalisten auf dem Rücken der Beschäftigten und Konsumenten ausgetragen – ob die Waren nun aus China, Deutschland oder Österreich kommen.
Quelle: ORF



















































































