Wien. Nach einem Vorstoß von Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) soll ab Herbst 2027 eine neue AHS-Sonderform für „Hochbegabte“ eingeführt werden. Ein entsprechender Gesetzesentwurf sieht vor, dass Kinder und Jugendliche mit besonderem Begabungs- und Leistungspotenzial diese Schulform besuchen können. Dafür müssen sie zuvor ein Aufnahmeverfahren durchlaufen. Dieses soll einen standardisierten Intelligenztest, ein Kennenlerngespräch und Gruppenübungen umfassen. Dabei sollen auch Motivation und Arbeitsverhalten überprüft werden.
Ziel der neuen Schulform soll es sein, individuelle Begabungen gezielt zu fördern. Dazu sollen etwa Lehrinhalte vorgezogen, Lehrpläne erweitert und individuelle Lernziele festgelegt werden können. Auch das Belegen von Hochschulkursen bereits während der Schulzeit soll möglich sein. Damit es auch künftig genug Jobs für BWL-Absolvent gibt, sollen die Schüler zudem „Coaching und Mentoring“ erhalten.
Auch beim Thema Anwesenheit sind Änderungen geplant. Schulen sollen ab der zehnten Schulstufe flexibler mit Anwesenheitspflichten umgehen können, damit Schülerinnen und Schüler längerfristige Projekte bearbeiten können. Einige Elemente der neuen Schulform, etwa das forcierte Erarbeiten von Lerninhalten außerhalb der Schule, sollen künftig auch an anderen Schulen genutzt werden können.
Die NEOS und die Bundesregierung insgesamt zeigen damit, dass ihnen die viel beschworene Bildungsgleichheit offenbar weniger wichtig ist als die gezielte Förderung ausgewählter Schülerinnen und Schüler. Wie die PISA-Ergebnisse zeigen, sind die Bildungschancen in Österreich weiterhin stark von der sozialen Herkunft abhängig. Bei PISA 2025 lagen die Leistungen Jugendlicher mit Akademikereltern in den Naturwissenschaften um 98 Punkte über jenen die ohne einen solchen familialen Hintergrund aufgewachsen sind. Im OECD-Durchschnitt betrug der Abstand 85 Punkte. Ein Faktor, der soziale Ungleichheiten im Bildungssystem verstärkt, ist die frühe Aufteilung der Kinder auf unterschiedliche Schulformen. In Österreich wird bereits nach vier Jahren Volksschule über den weiteren Bildungsweg entschieden. Solche gegliederten Schulsysteme begünstigen die soziale Selektion und benachteiligen insbesondere Kinder aus einkommensärmeren Haushalten und aus Familien, in denen die Eltern selbst keinen höheren Bildungsabschluss haben. Anstatt dieses System grundlegend zu verändern, wird nun eine weitere Schulform geschaffen, für die sich Kinder qualifizieren müssen. Das die Ungleichheit weiter verschärfen wird und es den Eliten ermöglicht weitestgehend unter sich zu bleiben, nicht nur in Privatschulen sondern auch in öffentlich finanzierten Hochbegabten Schulen.
Wie so oft im kapitalistischen System ist auch die vermeintliche Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit bei der Auswahl der „Hochbegabten“ eine Illusion. Welche Fähigkeiten sich entwickeln und als besondere Begabung erkannt werden, hängt zu einem erheblichen Teil von den Lebensbedingungen der Kinder ab. Die Ideologie der Hochbegabung und Elitenförderung vermittelt den Eindruck, dass es in allen gesellschaftlichen Schichten gleichermaßen Genies gebe, die durch geeignete Auswahlverfahren lediglich entdeckt werden müssten. Dabei verfügen Kinder aus wohlhabenden Akademikerhaushalten häufig über bessere Voraussetzungen, ihre Fähigkeiten früh zu entwickeln und in Aufnahmeverfahren unter Beweis zu stellen. Ihre Eltern können ihnen mehr materielle und kulturelle Ressourcen zur Verfügung stellen, sie gezielt zu fördern. Die Einführung der neuen AHS-Sonderform droht daher, bestehende Bildungsungleichheiten weiter zu vertiefen.
Anstelle von Elitenförderung braucht es mehr Geld für Lehrkräfte, die Sanierung maroder Schulgebäude, eine bessere technische Infrastruktur, Maßnahmen gegen überhitzte Klassenzimmer sowie konsequente Schritte gegen Rassismus, Sexismus und Mobbing. Auch die Militarisierung der Schulen muss gestoppt werden. Doch im Kapitalismus besteht die zentrale Funktion des Bildungssystems nicht darin, mündige, gebildete und selbstbewusste junge Menschen in einem angemessenen Lernumfeld zu fördern, sondern sie auf ihre spätere Verwertung auf dem Arbeitsmarkt vorzubereiten und das System zu stützen. Das bürgerliche Versprechen einer umfassenden humanistischen Bildung kann unter diesen Bedingungen nicht eingelöst werden.
Quelle: Der Standard



















































































