Eine Serie in der Zeitung der Arbeit. Von Daniela Noitz, Schriftstellerin, Autorin und Aktivistin der Partei der Arbeit.
„Ihr habt unseren Planeten kaputt gemacht.“
„Ihr Jungen wollt doch gar nicht mehr richtig arbeiten.“
„Wir finanzieren eure Pensionen.“
„Wir haben unser ganzes Leben gearbeitet – und jetzt sollen wir schuld sein?“
Solche Sätze begegnen uns immer wieder. Die Jungen gegen die Alten. Die Alten gegen die Jungen. „Boomer“, „Generation X“, „Millennials“ oder „Generation Z“ werden dabei manchmal behandelt, als wären Millionen Menschen allein aufgrund ihres Geburtsjahres zu einer Gruppe mit gemeinsamen Interessen, Einstellungen und Verantwortlichkeiten geworden. Und dann fällt ein Begriff, gegen den zunächst kaum etwas einzuwenden ist: Generationengerechtigkeit.
Natürlich tragen wir Verantwortung dafür, was wir kommenden Generationen hinterlassen. Aber welche Konflikte haben tatsächlich mit Generationen zu tun? Und welche gesellschaftlichen Gegensätze werden zu Generationenkonflikten erklärt?
Ihr wollt ja gar nicht mehr arbeiten
Nehmen wir die sogenannte Work-Life-Balance. Der Wunsch jüngerer Menschen nach mehr Freizeit, kürzeren Arbeitszeiten oder einer stärkeren Trennung zwischen Beruf und Privatleben wird manchmal als Beleg dafür genommen, dass eine ganze Generation weniger leistungsbereit sei.
„Wir haben früher auch zehn Stunden gearbeitet.“
„Wir konnten uns unsere Arbeitszeiten nicht aussuchen.“
„Wir wären froh gewesen, überhaupt einen sicheren Arbeitsplatz zu haben.“
Das kann alles stimmen. Aber daraus ergibt sich eine interessante Frage: Warum sollte die Erfahrung schlechter Arbeitsbedingungen ein Argument dafür sein, sie beizubehalten? Vielleicht haben sich nicht nur die Menschen verändert. Vielleicht haben sich auch ihre Ansprüche daran verändert, welchen Platz Erwerbsarbeit in ihrem Leben einnehmen soll. Dann wäre die Frage nicht mehr, warum die Jungen nicht mehr so arbeiten wollen wie ihre Eltern oder Großeltern. Sie könnte auch lauten: Warum sollten sie es wollen? Damit ist noch nichts darüber gesagt, ob jede individuelle Forderung vernünftig ist. Auch junge Menschen können egoistisch handeln, unrealistische Erwartungen haben oder Verantwortung auf andere abschieben. Aber das Geburtsjahr erklärt das ebenso wenig wie mangelnden Arbeitswillen. Aus einer Auseinandersetzung über Arbeitszeit, Arbeitsbedingungen und Lebensqualität wird schnell ein Urteil über den Charakter einer Generation.
Ihr habt unseren Planeten kaputt gemacht
Auch der umgekehrte Vorwurf ist schnell ausgesprochen. Die ältere Generation habe jahrzehntelang konsumiert, Ressourcen verbraucht und Treibhausgase ausgestoßen – und die Jungen müssten nun mit den Folgen leben. Hier gibt es tatsächlich einen generationenübergreifenden Zusammenhang. Entscheidungen der Vergangenheit bestimmen ökologische Bedingungen der Gegenwart, und heutige Entscheidungen beeinflussen die Lebensbedingungen zukünftiger Menschen. Aber auch hier lohnt sich ein genauerer Blick.
Hat die ehemalige Fabrikarbeiterin dieselbe Verantwortung für die Klimakrise wie der Eigentümer eines Erdölkonzerns, nur weil beide 1955 geboren wurden? Hatten sie dieselbe Verfügungsmacht darüber, was produziert wurde, welche Energie dafür eingesetzt wurde oder welche Verkehrssysteme aufgebaut wurden?
Eine Generation ist keine einheitlich handelnde Person.
Menschen derselben Generation verfügen über sehr unterschiedliche Einkommen, Eigentum und gesellschaftliche Macht. Sie können unter denselben historischen Bedingungen gelebt haben, ohne diese Bedingungen im gleichen Ausmaß geschaffen oder von ihnen profitiert zu haben. Die Frage nach der Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen verschwindet dadurch nicht. Sie wird genauer.
Wer finanziert hier eigentlich wen?
Besonders häufig begegnet uns Generationengerechtigkeit bei der Diskussion über Pensionen. Immer weniger Junge müssten, so heißt es, immer mehr Alte finanzieren. Das Bild ist einfach: Auf der einen Seite stehen diejenigen, die arbeiten und einzahlen. Auf der anderen diejenigen, die Pensionen beziehen.
Natürlich spielt die Altersstruktur einer Gesellschaft für ein Pensionssystem eine Rolle. Aber reicht sie aus, um die Frage zu beantworten, was sich eine Gesellschaft leisten kann? Entscheidend ist nicht nur, wie viele Menschen arbeiten. Es geht auch darum, wie produktiv sie arbeiten, welche Einkommen entstehen, wie diese verteilt werden und welche davon zur Finanzierung des Sozialstaates beitragen.
Wenn wir ausschließlich Junge und Alte gegenüberstellen, kann deshalb etwas Merkwürdiges passieren: Der junge Arbeitnehmer mit niedrigem Lohn erscheint plötzlich als natürlicher Gegenspieler der pensionierten Verkäuferin mit kleiner Pension. Aber sind ihre materiellen Interessen tatsächlich Gegensätze? Oder haben beide vielleicht mehr miteinander gemeinsam, als der Generationenbegriff erkennen lässt?
Was hinterlassen wir unseren Kindern?
Ähnlich funktioniert die Diskussion über Staatsschulden.„Wir dürfen unseren Kindern und Enkeln keinen Schuldenberg hinterlassen.“ Auch dagegen lässt sich zunächst schwer etwas sagen. Natürlich müssen Schulden finanziert werden. Und selbstverständlich können politische Entscheidungen der Gegenwart zukünftige Handlungsmöglichkeiten einschränken. Aber zukünftige Generationen erben nicht nur Schulden.
Sie erben auch Schulen, Krankenhäuser, Bahnstrecken, sozialen Wohnbau, Energieversorgung und andere Infrastruktur. Sie erben funktionierende öffentliche Einrichtungen – oder solche, in die jahrzehntelang zu wenig investiert wurde. Eine Schule heute nicht zu sanieren, kann kurzfristig Geld sparen. Das Gebäude verschwindet dadurch aber nicht. Irgendwann muss es trotzdem saniert werden – möglicherweise teurer und von genau jener Generation, die wir vor zusätzlichen Schulden schützen wollten. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Wie viele Schulden hinterlassen wir? Sondern auch: Was hinterlassen wir?
Und noch etwas gerät beim Bild vom „Schuldenberg für unsere Kinder“ leicht aus dem Blick: Staatsschulden haben eine Gegenseite. Was für den Staat eine Schuld ist, ist für den Gläubiger eine Forderung – und damit Vermögen. Mit dieser Forderung können außerdem Ansprüche auf zukünftige Zinszahlungen verbunden sein. Die nächste Generation erbt deshalb nicht einfach gemeinsam die Schulden der vorherigen. Sie erbt höchst unterschiedlich verteilt Schulden und Vermögen – und damit auch unterschiedliche Ansprüche auf zukünftige Einkommen.
Auch hier lohnt sich deshalb die Frage: Wer schuldet eigentlich wem?
Sind Generationen gesellschaftliche Interessengruppen?
Aus marxistischer Perspektive wird an dieser Stelle eine andere Unterscheidung wichtig. Menschen gehören Generationen an. Aber Generationen sind deshalb noch keine gesellschaftlichen Klassen. Für Marx bestimmt sich die gesellschaftliche Stellung eines Menschen nicht in erster Linie durch sein Alter, sondern durch seine Stellung innerhalb der Produktionsverhältnisse. Entscheidend ist unter anderem, ob jemand Produktionsmittel besitzt oder seine Arbeitskraft verkaufen muss, um leben zu können. Daraus entstehen unterschiedliche materielle Interessen.
Eine 25-jährige Beschäftigte mit niedrigem Einkommen und ein 25-jähriger Millionenerbe gehören derselben Generation an. Ihre Stellung innerhalb der Gesellschaft und ihre materiellen Interessen können trotzdem grundverschieden sein. Umgekehrt können eine 25-jährige Beschäftigte und ein 70-jähriger ehemaliger Arbeiter gemeinsame Interessen haben: leistbares Wohnen, ein funktionierendes Gesundheitssystem, gute öffentliche Verkehrsmittel, soziale Sicherheit und eine Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, die ihnen ein gutes Leben ermöglicht. Gerade deshalb ist es politisch bedeutsam, wenn gesellschaftliche Konflikte vor allem als Konflikte zwischen Generationen erzählt werden.
Aus dem Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit kann dann sprachlich ein Gegensatz zwischen Jung und Alt werden.
Plötzlich steht der junge Arbeitnehmer nicht mehr dem Unternehmen gegenüber, das über Löhne, Arbeitsbedingungen und die Verwendung des erwirtschafteten Überschusses entscheidet. Als sein Gegenüber erscheint der Pensionist, dessen Pension mit seinen Beiträgen finanziert werden muss. Die Frage lautet dann: Können wir uns die Alten noch leisten?
Eine marxistische Analyse würde eine andere Frage hinzufügen: Wie wird der gesellschaftliche Reichtum produziert, wem gehört er und wer entscheidet über seine Verwendung? Das bedeutet nicht, dass demografische Veränderungen bedeutungslos wären. Natürlich macht es für ein Pensionssystem einen Unterschied, wie viele Menschen einzahlen und wie viele Leistungen beziehen. Aber die Altersstruktur allein sagt noch nichts darüber aus, wie reich eine Gesellschaft ist, wie produktiv gearbeitet wird und wie der produzierte Reichtum verteilt ist.
Und wer trägt die Verantwortung?
Auch bei der Klimakrise verändert die Klassenperspektive die Frage nach der Generationengerechtigkeit. Es stimmt: Frühere Generationen hinterlassen späteren Generationen ökologische Bedingungen, die diese nicht selbst gewählt haben. Daraus entsteht eine reale Verantwortung gegenüber Menschen, die heute jung oder noch gar nicht geboren sind.
Aber „die ältere Generation“ hat nicht als gemeinsames gesellschaftliches Subjekt darüber entschieden, welche Energieformen genutzt, welche Verkehrssysteme gebaut, welche Güter produziert oder welche Investitionen getätigt wurden. Menschen verfügen innerhalb einer Klassengesellschaft über sehr unterschiedliche Möglichkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen zu bestimmen. Wer sein Leben lang seine Arbeitskraft verkaufen musste, hatte nicht dieselbe Verfügungsmacht über Produktion und Investitionen wie diejenigen, denen Unternehmen, Boden oder Kapital gehören. Das hebt individuelle Verantwortung nicht auf. Aber es setzt sie in Beziehung zu gesellschaftlicher Macht.
Wenn wir sagen: „Die Alten haben den Planeten zerstört“, kann deshalb etwas Entscheidendes verschwinden. Verantwortung wird gleichmäßig über eine Generation verteilt, obwohl die Möglichkeiten, Entscheidungen zu treffen und von ihnen zu profitieren, höchst ungleich verteilt waren. Damit geraten Eigentums- und Machtverhältnisse aus dem Blick. Genau darin liegt ein grundlegender Einwand gegen die Vorstellung eines allgemeinen Generationenkonflikts: Sie kann Menschen mit sehr unterschiedlichen Klasseninteressen zu einer vermeintlichen Interessengruppe zusammenfassen und gleichzeitig Menschen mit gemeinsamen Klasseninteressen gegeneinanderstellen.
Verantwortung ohne Generationenkampf
Das bedeutet nicht, dass Generationengerechtigkeit bedeutungslos wäre.
Im Gegenteil. Menschen treffen heute Entscheidungen, deren Folgen andere morgen tragen werden. Beim Klima ist das besonders offensichtlich. Aber auch bei Bildung, Infrastruktur, Sozialstaat oder öffentlichen Finanzen entscheiden wir darüber, unter welchen Bedingungen kommende Generationen leben werden. Eine marxistische Perspektive fügt der Frage nach dem Wann deshalb die Frage nach dem Wer hinzu. Nicht nur: Welche Generation hinterlässt welcher Generation welche Welt? Sondern auch: Wer verfügt innerhalb einer Generation über Eigentum, gesellschaftliche Macht und die Möglichkeit, darüber zu entscheiden, wie diese Welt gestaltet wird? Vielleicht müssen wir dafür Junge und Alte nicht gegeneinanderstellen. Denn das Alter sagt uns, welcher Generation ein Mensch angehört. Es sagt uns noch lange nicht, welcher Klasse er angehört, über welche gesellschaftliche Macht er verfügt – und welche Interessen er deshalb mit anderen teilt.
Nachgefragt
Begriff der Woche: Generationengerechtigkeit
Frage zum Weiterdenken:
Wenn von Generationengerechtigkeit gesprochen wird: Welche Konflikte verlaufen tatsächlich zwischen Jung und Alt – und welche Konflikte um Eigentum, Arbeit und gesellschaftlichen Reichtum verschwinden vielleicht aus dem Blick, wenn wir sie als Generationenkonflikte erzählen?
Nächsten Freitag
Wörter, die uns die Welt erzählen (9): Wettbewerbsfähigkeit – Das Naturgesetz der Wirtschaft?
Wir müssen wettbewerbsfähig bleiben, heißt es immer wieder. Aber warum erscheint Konkurrenz eigentlich so selbstverständlich – und was wird bereits vorausgesetzt, wenn Wettbewerbsfähigkeit zum Maßstab wirtschaftlicher Entscheidungen wird?





















































































