Es ist Herbst und die Nobelpreise fallen. Wie jedes Jahr. Den letzten bildet wie immer jener, der eigentlich gar keiner ist. So titelt der Standard „Wirtschaftsnobelpreis geht an US-Ökonomen Robert Hall und Michael Woodford“. Was an sich schon falsch ist, auch wenn die meisten Medien diese Diktion übernehmen. Es gibt keinen Wirtschaftsnobelpreis. Der Nobelpreis, der von Alfred Nobel gestiftet seit 1901 vergeben wird, sieht die Kategorien: Physik, Chemie, Physiologie oder Medizin, Literatur und Frieden vor, nicht jedoch Wirtschaft. Dennoch ist es in den Sprachgebrauch übergangen ihm diesen Namen zu geben, ohne dass sich jemand daran zu stoßen scheint.
Wenn das Kapital sich selbst ehrt
Der Name ist jedoch „Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften“. Ein ziemlich sperriger Name, deshalb wird er vereinfacht, wodurch der Eindruck erzeugt wird, als wäre er ebenso altehrwürdig wie die echten Nobelpreise. In Wahrheit wurde er erst 1969 zum ersten Mal verliehen. Gestiftet wurde er von der Schwedischen Zentralbank. Die Kritik, dass damit eine Gleichstellung mit anderen Nobelpreisen suggeriert wird, zeigt dass hinter dem Vergabezeitpunkt und der Verkürzung des Namens durchaus Kalkül steckt. Geehrt sollen, laut Statut, herausragende wirtschaftswissenschaftliche Leistungen. Heuer erging der Preis an zwei US-Forscher, nämlich Robert Hall und Michael Woodfort.
Mikroökonomische Grundlagen zur makroökonomischen Stabilisierung
In der Wirtschaftswoche ist zu lesen, dass die Ehrung an oben genannte US-Forscher ergeht, weil ihre Forschung hilft, Wirtschaftsschocks zu bewältigen. Sie haben Modelle entwickelt, die es sowohl Staaten als auch Zentralbanken erleichtern, Konjunkturschwankungen effektiv abzumildern. So weist der Vorsitzende der Preisjury, John Hassler, darauf hin, dass die Wirtschaft nicht immer gleichmäßig verläuft. Deshalb komme den Regierungen und den Zentralbanken die wichtige Aufgabe zu, das Ausmaß der Schwankungen zu steuern und das Risiko zu begrenzen und zwar ohne, dass es entweder zu hoher Arbeitslosigkeit oder zu einer unkontrollierten Inflation kommt. Dazu hätten die Preisträger die theoretische Grundlage geliefert, die für die Modelle von Zentralbanken und Regierungen auf der ganzen Welt genutzt werden.
Wichtige Aspekte der Modelle umfassen vorausschauendes Handeln, Einfluss der Kommunikation und Anpassung an Veränderungen. Vorausschauendes Handeln wird beschrieben als die Vorgehensweise von Haushalten und Unternehmen bei Entscheidungen über Ersparnisse und Investitionen. Bei der Kommunikation geht es darum, wie Regierungen und Zentralbanken durch sie die wirtschaftlichen Erwartungen beeinflusst und damit die Wirtschaft stabilisieren kann. Und bei den Anpassungen an Veränderungen werden Maßnahmen fiskalischer und geldpolitischer Art genannt, die an die konjunkturellen Veränderungen angepasst werden können. Nachdem die Maßnahmen, wie John Meynard Keynes sie propagierte, nicht mehr griffen, wurde nun etwas aus der Mottenkiste gezaubert, das schon sehr erfolgreich umgesetzt wurde, um Krisen abzufedern. Das System klingt simpel. Man müsse quasi nur die richtigen Meinungen streuen und schon wird die nächste Ölkrise überwunden. Dabei wird das Grundproblem übersehen, das mit dem Kapitalismus einhergeht: Die immanente Krisenanfälligkeit und die Ursachen für diese Krisen. Das einzige, was sie bieten sind Vorgehensweisen während der Krise, aber nicht, wie sie von vornherein verhindert werden kann. Das ist auch nicht weiters verwunderlich, da die Ursachen im System selbst liegen, wie Karl Marx in seiner Krisentheorie zeigt.
Ansätze von Marx’s Krisentheorie
Der grundlegende Faktor, der zu Krisen führt, ist das dem Kapitalismus immanente Gesetz zur Überproduktion. Der einzelne Kapitalist sieht sich gezwungen seine Produktivkräfte immer mehr zu verbessern und damit immer mehr zu produzieren. Was für jeden einzelnen sinnvoll erscheinen mag, führt in der Gesamtheit zu dem, was Karl Marx die „Anarchie der Produktion“ nennt, also die plan- und kopflose Steigerung an Waren. Allerdings bedarf der Kapitalist der Märkte, auf denen er seine Produkte absetzen kann. Doch diese sind nicht beliebig ausdehnbar. Damit wird es unvermeidlich, dass die Masse der Waren und die Möglichkeit ihres profitfähigen Absatzes eine verhängnisvolle Diskrepanz aufweisen, die periodisch auftritt.
Die kapitalistische Produktion erzeugt einen weiteren fehlerhaften Kreislauf. Das geht damit einher, dass der Geldverkehr stockt, die Märkte überfüllt sind und die Produkte massenhaft und nicht profitabel absetzbar vorhanden sind. Wenn aber die Produkte keinen profitablen Absatz finden fällt der Profit eben aus und es kommt zu Konkursen. Es dauert etliche Jahre bis die angehäuften Warenmassen abgeflossen sind und die Produktion und der Austausch wieder in Gang kommen. Dieser beschleunigt sich wieder und der Kreislauf beginnt von vorne
In den Krisen kommt der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater kapitalistischer Aneignung zum gewaltsamen Ausbruch. Der kapitalistische Produktionsprozess verschlingt sich selbst. Und während Produktionsstätten in Insolvenz gehen, verlieren die Arbeiterinnen und Arbeiter den Ort, an dem sie die einzige Ware, über die sie verfügen, ihre Arbeitskraft veräußern können. Die Krise, die durch die immanenten Gesetze des Kapitalismus, hervorgerufen wird, wird letztlich auf dem Rücken der Arbeitenden ausgetragen. Nicht Lohnforderungen oder der Ruf nach leistbaren Lebensgrundlagen führen in die Krise, wie sehr gerne gesagt wird, sondern die Verschwendung des Mehrwerts, der allein von den Arbeitenden erwirtschaftet wird, durch die Kapitalisten führt in die Krise, die sie nicht ausbaden.
Die Krisentheorie von Marx hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber den Herren, die geehrt wurden. Er versucht nicht verzweifelt etwas zu finden, was das System rettet, den Kapitalismus, sondern analysiert bestechend klar und deutlich, dass sein Blick einer ist, der über die Stellschräubchen diverser Zentralbanken und Regierungen hinausgeht, die von ihrer Wirkung schon deshalb fragwürdig sind, weil sie an dem System, dass die Krisen verursacht nichts ändern möchten.
Demgegenüber ist die Analyse von Karl Marx nicht nur eine Theorie, sondern Praxis einer Gesellschaftsveränderung. Um die inneren Widersprüche des Kapitalismus zu überwinden ist dessen Sturz unabdingbare Voraussetzung. Dies kann aber nur durch einen bewussten politischen Akt der Unterdrückten und Ausgebeuteten, der Arbeiterklasse und ihrer gesellschaftlichen Verbündeten, zum Sturz der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse und ihrer Ersetzung durch eine, als Endziel, kommunistische Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung.
Resümee
Wenn ein Preis verliehen wird für ein Modell oder eine Methode, Krisen abzufedern oder sogar zu beseitigen, je nach Lesart, so ist es ein Aufatmen der bürgerlichen Klasse, weil es doch möglich ist, der Krise Herr zu werden und damit den kritischen Stimmen etwas entgegensetzen zu haben. Doch man kann innerhalb eines Systems nichts wirklich verbessern, wenn dieses an sich das Übel ist. Eine untergehende, bürgerliche Ordnung feiert sich selbst. Eine Feier vor dem Untergang, der allerdings auf absehbare Zeit nur durch eine Revolution der bewussten Arbeiterklasse erfolgreich erreicht werden kann.
Quellen: Der Standard/Wirtschaftswoche

















































































