Nikolai Iwanowitsch Bucharin über das Wesen der österreichischen Sozialdemokratie
Gastbeitrag von Gerhard Oberkofler, geb. 1941, Dr. phil., Universitätsprofessor i. R. für Geschichte an der Universität Innsbruck.
Bruno Kreisky (1911-1990), Außenminister (Juli 1959 – März 1966) und Bundeskanzler (April 1970 – Mai 1983) der Republik Österreich, sagte 1981 in einem seiner Pressefoyers: „Lernen’S ein bissl Geschichte und dann werden Sie sehen, Herr Reporter, wie das in Österreich sich damals im Parlament entwickelt hat.“[i]
Der aus dem Wiener jüdischen Bürgertum kommende Bruno Kreisky hat nach Ende des ersten Weltkrieges die Entwicklung der bürgerlichen Demokratie in Österreich bis hin zu deren Zerstörung durch den von Engelbert Dollfuß (1891-1934) repräsentierten Klerikalfaschismus als sozialistisch organisierter Schüler und Student miterlebt. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten mit ihrem österreichischen Führer Adolf Hitler (1889-1945) konnte Bruno Kreisky als Flüchtling in Schweden Asyl finden (September 1938), von wo aus er erst im Jänner 1951 nach Österreich zurückgekehrt ist. Hat Bruno Kreisky die Geschichte der „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschösterreichs“ reflektiert? Es war ihm wichtig, dass deren geschichtliche Funktion in der Klassengesellschaft nicht hinterfragt wird, weshalb er antikommunistische Historiker wie den aus der Emigration geholten Historiker Karl R. Stadler (eigentlich Stavaritsch, 1913-1987) besonders fördern ließ. Dieser hat z. B. Wladimir I. Lenin (1870-1924), der von Albert Einstein (1879-1955) als „Hüter und Erneuerer des Gewissens der Menschheit“ bezeichnet wird,[ii] als Gründer einer Partei denunziert, „die der großen europäischen Arbeiterbewegung diametral entgegen gesetzte Positionen einnimmt und für eine Staatsform steht, die – zumindest unter [Josef] Stalin [(1878-1953)] – zu den ärgsten und blutigsten Tyranneien der Welt zählte“.[iii] Bruno Kreisky selbst hat sich immer wieder demonstrativ vom Kommunismus und von den sozialistischen Ländern abgegrenzt, nicht aber von den USA, welche die schrecklichsten Kriegsverbrechen seit dem völkermörderischen Wüten Deutschlands unter Adolf Hitler zu verantworten hat. Als Bundeskanzler der seit 1955 neutralen Republik Österreich hat Bruno Kreisky mit seinen Regierungsmitgliedern in den 1970er Jahren viele liberalbürgerliche Reformen auf den Weg gebracht, die für die Eliten der herrschenden Klasse, deren Profite in diesen Jahrzehnten nicht weniger, sondern erheblich mehr wurden, notwendig waren. Die Umsetzung der sozialdemokratischen Politik von Per Albin Hansson (1885-1946) in Schweden war für ihn inspirierend.[iv]
Für Bruno Kreisky waren Otto Bauer (1881-1938) und Friedrich Adler (1879-1960) ein „Glück“ für die österreichische Sozialdemokratie, weil mit ihnen „auf der Linken zwei Männer standen, die entschiedene Gegner des Kommunismus“ waren.[v] Das im Wesentlichen von Otto Bauer niedergeschriebene Linzer Programm der „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschösterreichs“ vom 3. November 1926[vi] war für Bruno Kreisky ein eindeutiges Manifest für die Funktion der Sozialdemokratie bei der Besorgung der „Geschäfte des Staates“. Der von Karl Renner (1870-1950) hofierte k. u. k. Hauptmann-Auditor a. D. Hans Kelsen (1881-1973) hat zu Anfang des Jahres 1926 über dieses Österreich mit seiner Verfassung publiziert: „Weder historische noch nationale, noch religiöse, noch kulturelle Gründe sind es, die das heutige Österreich rechtfertigen können, das nichts anderes ist als ein willkürlicher Fetzen Landes…“.[vii]
Das Linzer Programm der österreichischen Sozialisten von 1926 hatte nach Bruno Kreisky nur „einen furchtbaren verbalen Fehler: den Satz von der >Diktatur des Proletariats<, der der Partei wie ein Brandmal anhaftete“: „Wenn sich aber die Bourgeoisie gegen die gesellschaftliche Umwälzung, die die Aufgabe der Staatsmacht der Arbeiterklasse sein wird, durch planmäßige Unterbindung des Wirtschaftslebens, durch gewaltsame Auflehnung, durch Verschwörung mit ausländischen gegenrevolutionären Mächten widersetzen sollte, dann wäre die Arbeiterklasse gezwungen, den Widerstand der Bourgeoisie mit den Mitteln der Diktatur zu brechen“. Bruno Kreisky meinte, das sei „eine gefährliche Formulierung, und sie steht im Gegensatz zu allem, was im Programm zu lesen war: Die Demokratie soll gefestigt, am Proporzsystem sollte nicht gerüttelt werden“. Vielleicht sei diese Formulierung von der „Diktatur“ der für Otto Bauer typischen Dialektik, „die sich um dieses Wort rankt“, geschuldet.[viii]
In seinem Brief vom 5. März 1852 an Joseph Weydemeyer (1818-1866) hat Karl Marx (1818-1883) geschrieben: „Was mich nun betrifft, so gebührt mir nicht das Verdienst, weder die Existenz der Klassen in der modernen Gesellschaft noch ihren Kampf unter sich entdeckt zu haben. Bürgerliche Geschichtsschreiber hatten längst vor mir die historische Entwicklung dieses Kampfes der Klassen, und bürgerlichen Ökonomen die ökonomische Anatomie derselben dargestellt. Was ich neu tat, war 1. nachzuweisen, daß die Existenz der Klassen bloß an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden ist; 2. daß der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt; 3. daß diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zu einer klassenlosen Gesellschaft bildet“.[ix]
Für Bruno Kreisky blieb Otto Bauer, der ihn im Sommer 1929 angehalten hat, im Interesse der sozialistischen Parteipolitik das Studium der Rechte zu ergreifen,[x] ein „typischer Intellektuelle“, dessen „analytische Schärfe“ ihn fasziniert habe. Es sei notabene kein Zufall, dass „drei der bedeutendsten Führer der österreichischen Sozialdemokratie jüdischer Herkunft waren: Victor Adler, Otto Bauer und Robert Danneberg (1885-1942) und keiner von ihnen habe seine Herkunft verleugnet.[xi]
Antonio Gramsci über das „Linzer Programm“
Antonio Gramsci (1891-1937) hat vom „Austromarxismus“ eines Otto Bauer einen völlig konträren Eindruck als Bruno Kreisky.[xii] Während seines Wiener Aufenthaltes (4. Dezember 1923 bis 11. Mai 1924)[xiii] hatte Antonio Gramsci keinen intensiven, aber einen doch recht persönlichen Eindruck von der gesellschaftspolitischen Funktion der österreichischen Sozialdemokratie und der „glücklosen Partei“ der Kommunisten gewonnen. Gramsci wohnte, von Moskau kommend, zuerst in der Wohnung des im Wiener Adressbuch als Schriftsteller aufscheinenden damaligen Generalsekretärs der KPÖ, Dr. Josef Frey (1882-1957), in der Schönbrunner Straße 236, Wohnung Nr. 7.[xiv] Josef Frey war bis zu seinem Ausschluss aus der KPÖ für viele im Geiste von Lew Dawydowitsch Trotzki (eigentlich Bronstein; 1879-1940) geführten Fraktionskämpfe verantwortlich.[xv] Dessen Partnerin beschreibt Antonio Gramsci als bürgerlich jüdisch religiös mit Abneigung gegenüber der Kommunistischen Partei.[xvi] Antonio Gramsci konzentrierte sich in Wien ganz auf die Entwicklung seiner italienischen Kommunistischen Partei und brachte hier „L‘ Ordine Nuovo“ und „L’Unità“ auf den Weg. Das Buch von Nikolaj Ivanovic Bucharin (1888-1938) über den historischen Materialismus, das 1922 von der Kommunistischen Internationale (Komintern) in deutscher Sprache erschienen ist,[xvii] wird Antonio Gramsci wahrscheinlich schon in Moskau gelesen haben. Von der Kommunistischen Internationale (Komintern) in Moskau erhielt er nach Wien ein Bücherpaket nachgeschickt.[xviii] Die von Otto Bauer zur Erläuterung des Linzer Programms 1926 veröffentlichte Broschüre über „Sozialdemokratie, Religion und Kirche“[xix] ist für Antonio Gramsci „abwegigster und übelster Opportunismus“, weil sie das Zugeständnis an die Parteimitglieder beinhalte, „sich in idealistischen, materialistischen, atheistischen, katholischen usw. Gruppen zu organisieren“.[xx] Eine Karikatur des widersprüchlichen Denkens zur Funktion der Religion von Otto Bauer, der die „furchtbare Grausamkeit“ der katholischen Gegenreformation gegenüber dem Täufertum anklagt,[xxi] findet sich in der Gegenwart bei dem führenden Transformationsapostel in der österreichischen und europäischen „Linken“. Von den österreichischen Kommunisten hat Ernst Wimmer (1924-1991) auf die von Antonio Gramsci getroffene Analyse des Wirkens von Otto Bauer in Auseinandersetzung mit den anwachsenden rechtsopportunistischen Kadern innert KPÖ mehrmals aufmerksam gemacht.[xxii]
Nikolai Iwanowitsch Bucharin über das „Linzer Programm“ (1926)
Der mit Wladimir I. Lenin persönlich bekannte, seit 1906 organisierte Bolschewik Nikolai I. Bucharin ist das prominenteste Mitglied des gegen die von Josef Stalin (1878-1953) geleitete sowjetische Parteiarbeit tätigen „Blocks der Rechten und Trotzkisten“.[xxiii] Andrei J. Wyschinski (1883–1954) hat gegen diesen „Block“ vor einem Militärkollegium des Obersten Gerichtshofes der UdSSR vom 2.-13. März 1938 die Anklage vertreten. 18 Angeklagte wurde zum Tode verurteilt, welche Urteile am 15. März 1938 mit Erschießen vollstreckt wurden.[xxiv] Die „Verschwörergruppe“ mit Nikolai I. Bucharin habe, wie in der Anklageschrift steht, „sich den Sturz der in der UdSSR bestehenden sozialistischen Gesellschafts- und Staatsordnung, die Wiederherstellung des Kapitalismus und der Macht der Bourgeoisie in der UdSSR, die Zerstückelung der UdSSR und die Lostrennung der Ukraine, Belorußlands, der Mittelasiatischen Republiken, Georgiens, Armeniens, Aserbaidschans und des Fernöstlichen Küstengebiets von der UdSSR zugunsten der obenbezeichneten Staaten zum Ziel gesetzt“.[xxv]
Nikolai I. Bucharin war 1910 aus dem zaristischen Russland geflüchtet und ist 1912 nach Wien gekommen, wo er auf Einladung des 18 Jahre älteren Wladimir I. Lenin als Korrespondenten der „Prawda“ bis zu seiner im Mai 1914 erfolgten Ausweisung aus Österreich tätig wurde. Lenin hat mit Nadeshda Konstantinowa Krupskaja (1869-1939) Ende Juni 1913 Bucharin in Wien besucht. Dort lebte von 1907 an bis 1914 auch Trotzki, der auf die russischen Flüchtlinge einigen Einfluss ausgeübt hat. Josef Stalin war im Jänner und Februar 1913 in Wien, eine zu seinem von kommunistischen Revolutionären weltweit gefeierten 70. Geburtstag in Wien am 21. Dezember 1949 enthüllte Gedenktafel (Schönbrunner Schloßstraße 30) erinnert daran wie an seine von hier aus 1913 in der Zeitschrift „Prosweschtschenije“ (Die Aufklärung) veröffentlichte fundamentale wissenschaftliche Arbeit über „Marxismus und nationale Frage“.[xxvi] Alle russischen Flüchtlinge lebten in finanziell prekären Verhältnissen.[xxvii] Nikolai I. Bucharin, der 1919 Mitbegründer der Kommunistischen Internationale war, hat als Mitglied des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI) im Heft 1 des VII. Jahrganges 1926 (17. September) der Wochenschrift „Die Kommunistische Internationale“ den Artikel „Das neue Programm der österreichischen Sozialdemokratie“ veröffentlicht (S. 8-17). Ihm war der in der Arbeiter-Zeitung vom 8. August 1926 veröffentlichte und dann am 3. November 1926 in Linz angenommene Entwurf dieses Programms zur Kenntnis gelangt. Seine Kritik ist Geschichte, kann aber in der Gegenwart im Sinne von Bruno Kreisky „Lernen’s ein bissl Geschichte“ zur Einschätzung der „marxistischen“ Rolle der Sozialistischen Partei Österreichs gelesen werden.
Schlüsselpassagen von Nikolai I. Bucharin über „Das neue Programm der österreichischen Sozialdemokratie“ (1926)
I. Der moderne Kapitalismus und die „internationale Einstellung des Programms
Anstatt eine theoretische Analyse der Grundlinien der modernen kapitalistischen Entwicklung zu geben, haben sie es vorgezogen, ein paar nichtssagende Rezepte im Geiste eines „sozialisierten“ Pazifismus niederzuschreiben. Vom theoretischen Standpunkt ist es ein offener geistiger Bankrott und eine geradezu unerträgliche Feigheit des Denkens. Es ist bezeichnend, daß der neue Entwurf dem „Jungsozialismus“ und den englischen Opportunisten zu Gefallen, aufs sorgfältigste alle diejenigen Sätze aller sozialdemokratischer Programme ausgemerzt hat, die von der geschichtlichen Notwendigkeit des Sozialismus handeln.
Wird hier das Wort „Imperialismus“ überhaupt nicht ausgesprochen.
Wird nichts über die Unausbleiblichkeit von Kriegen unter dem kapitalistischen Regime gesagt, d. h. wir sehen einen völligen Verzicht auf einen der leitenden marxistischen Gedanken, die selbst von der alten Sozialdemokratie verfochten wurden.
Es gelüstet uns gar nicht nach Anerkennung seitens der Bauer und Genossen, wenn die Frage der Sowjetunion ganz einfach totgeschwiegen wird. Ehrlicher wäre es, darüber etwas Antikommunistisches zu sagen, als zu schweigen. Die ganze internationale Politik dreht sich in bedeutendem Maße um Sowjetrußland, die Priester des Austro-Marxismus gehen aber der ihnen unbequemen Frage einfach aus dem Wege.
Die Politik der „Verbesserung“ des Völkerbundes ist eine klägliche reformistische Utopie. Die „Heilige Allianz“ der europäischen Konterrevolution ist der Schauplatz sozialdemokratischer Manöver, insofern die Sozialdemokraten aufgehört haben, Sozialisten zu sein, und einige von ihnen es nicht einmal verdienen, einfache Demokraten genannt zu werden.
II. Der sogenannte „Ausbau der Republik“ und der Ausbau des Kapitalismus
Die Herren Otto Bauer und Konsorten fordern gerührt zur „Erziehung“ der Gendarmen und Schutzleute im Geiste republikanischer Treue auf, ohne ein Wort über die Propaganda der proletarischen Klassenidee im Heere verlauten zu lassen. Der Marxismus, der die schlechte Gewohnheit hat, alle formalen Etiketten schonungslos herabzureißen, allen fetischistischen Unsinn zu vernichten, den Klasseninhalt jedes öffentlichen Instituts aufzudecken, verwandelt sich unter den flinken Händen der „austromarxistischen“ Propheten in eine rückgratlose, gallertartige Masse, bei deren Anblick es einen wahren Revolutionär übelt.
Ist die Stellungnahme der österreichischen Sozialdemokraten ihrem wichtigsten Klassengegner, dem bürgerlichen Staat gegenüber, so darf es uns nicht Wunder nehmen, daß sie es mit wirtschaftspolitischen Fragen, mit der Frage ihres Verhaltens der bürgerlichen Wirtschaft gegenüber nicht anders halten. Ihr Ausgangspunkt ist auch höchst „konstruktiv“. Aus den Predigten, die Herr Macdonald[xxviii] (der den Marxismus „veraltet“, wie er ist, längst „überwunden“ und „abgeschafft“ hat) allsonntäglich im Hause des Herrn hält, haben die österreichischen Sozialdemokraten diese „konstruktive“ Musik aus dem FF erlebt.
Doch die österreichischen Sozialdemokraten blicken so ehrfurchtsvoll zu ihrer bürgerlichen Republik und zu ihrer „bürgerlichen“ Wirtschaft empor, daß sie, ohne es selbst zu bemerken, Aufgaben übernehmen, um die sich eigentlich die Bourgeoisie zu kümmern hat.
Und wenn die Literaten der deutschen Sozialdemokratie sich zu Lobgesängen der kapitalistischen Rationalisierung durchgemausert haben, so sind sie eben davon ausgegangen, daß die Sozialdemokratie auch unter der Herrschaft des Kapitalismus zur „Erhöhung der Ergiebigkeit der Arbeit“ beitragen muß.
Ist für eine revolutionäre Partei des Proletariats der Kampf um die Erweiterung der Rechte der Betriebsräte usw. ein Mittel des Klassenkampfes gegen die kapitalistische Wirtschaft, so treten die Magier und Fakire der österreichischen Sozialdemokratie in die Fußtapfen der Gompers[xxix] und Green[xxx] mit ihren Arbeiterbanken“, in die Fußtapfen der englischen Reformisten, deren eigentliches Streben dahin geht, eine „Interessengemeinschaft“ zwischen Kapital und Arbeit herbeizuführen. Eine höchst ehrwürdige, „marxistische“ Aufgabe, die aber einem gründlichen und „durchdachten“ Verrat des Marxismus täuschend ähnlich sieht.
III. Machteroberung und Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus
In seinem Brief an Weidemeyer vom 5. März 1852 schrieb Marx [ s. o.]. Somit wies Marx selbst darauf hin, daß die Lehre der Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats die Grundlage des Marxismus ist. Herr Kautsky[xxxi] hat aber der Bourgeoisie zu Gefallen diese Grundlage in ein zufällig Marx entschlüpftes „Wörtchen“ umgedeutet, und das gerade in einem Augenblick, als das Proletariat sich dicht vor das Problem der Machteroberung gestellt sah. Was fängt damit das österreichische Programm an? Oh, es fädelt die ganze Sache fürchterlich schlau ein! Das Hauptmittel sieht es darin, daß die Sozialdemokratische Partei „durch die Entscheidung des allgemeinen Wahlrechts die Staatsmacht erobert“.
Wenn die Bourgeoisie unvermeidlich zum Monarchismus und Faschismus kommen muß, so ist es widersinnig, an ihre republikanischen Tugenden zu glauben, sondern ihr Klassenstandpunkt muß rechtzeitig entlarvt und das Proletariat rechtzeitig für den Kampf um die Diktatur vorbereitet werden. Wenn die Bourgeoisie ihre Machtstellung nicht freiwillig räumen wird, so ist es widersinnig, auf eine Koalition mit dieser Bourgeoisie abzuzielen. Wenn die bürgerliche Demokratie ein Werkzeug der bürgerlichen Herrschaft ist, so ist es widersinnig, Gendarmerie, Heer und Polizei zu unterstützen. Unter diesen Voraussetzungen ist die Republik keine abstrakte „Idee“ der Republik, sondern eine konkrete Staatsmacht in den Händen einer konkreten Klasse.
Wenn die Bourgeoisie ihre Machtstellung nicht freiwillig räumt, so ist selbst die Erringung einer Parlamentsmehrheit keine Machteroberung, sondern nur eine Abstimmung, durch die eine Frage, in der nur die Macht ausschlaggebend ist, nicht entschieden werden kann. Diese reale Macht muß rechtzeitig geschaffen werden, indem das Proletariat entsprechend organisiert, bewaffnet wird usw. Davon, ja davon sagt das Programm nichts. Was es aber sag, ist das genaue Gegenteil: Vertrauen zur bürgerlichen Republik, Notwendigkeit ihres Ausbaues, Notwendigkeit für Militärausgaben zu bewilligen usw. In einem solchen Zusammenhang sind die Phrasen über Diktatur eben nichts anderes als Phrasen, die „Realpolitik“ wird aber zur einfachen Wiederholung jener verbrecherischen Politik, auf die gestützt Bauer an der Erdrosselung der Sowjets in Ungarn und am Verrat der Sowjets in Österreich ad majorem gloriam der bürgerlichen Demokratie mitgearbeitet hat. Die Phrasen über Diktatur sind um so mehr nichts als Phrasen, als die Herren Bauer sich über ihren Standpunkt zu den Sowjets, als einer Form der Diktatur, ausschweigen. Dieser ganze Teil des Programms trägt das deutliche Merkmal juridischen Kretinismus.
Reformismus und Opportunismus, völliger Verzicht auf den Marxismus – das ist es, was uns diese gemütliche, den Philistern recht anheimelnde Theorie des „Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus“ bietet.
IV. Religion und Jugenderziehung
Sie [die österreichische Sozialdemokratie] zieht es vor, im „religiösen Spuk“ befangen zu sein und stolz auf ihr Freidenkertum, über Marxismus zu reden. Was kümmert es sie, daß Marx dieses Scharwenzeln vor religiösen Vorurteilen mit Verachtung und Ironie gegeißelt hat. Was kümmert es sie, daß Marx für diese schwachköpfige kleinbürgerlichen Rückgratlosigkeit, die eine der Erscheinungsformen des Opportunismus ist, die schärfsten Worte gefunden hat. Die Führer der österreichischen Sozialdemokraten kleiden sich in den Mantel einer weitgehenden Religionstoleranz und haben alle „geistigen Strömungen“ ihrer Partei die Tore so weit geöffnet, daß vom Marxismus nicht die leiseste Spur geblieben ist.
Daneben ist der „pazifistische“, „duldsame“ usw. Standpunkt des Programms in Erziehungsfragen hervorzuheben. Wir wollen uns nicht mit Details befassen. Was wird in den Vordergrund gerückt? „Republikanischer Geist“, „Völkerfrieden“, „Achtung des Rechts und der Würde anderer Völker“ usw. Das ist alles sehr schön und gut. Jedoch würden wir vergebens nach dem Klassenstandpunkt des Proletariats, nach der Predigt des Klassenkrieges, nach einer Erziehung zum Hasse gegen die unselige kapitalistische Ordnung, gegen Bourgeoisie, gegen Imperialismus suchen. Vom kriegerischen Marxismus, dem die österreichische Sozialdemokratie zwar immer fern gestanden hat, ist im erörterten Programm, dem Kern der Sache nach, nicht die geringste Spur geblieben. Alles schimmert in sanften Farben der salonmäßigen Toleranz und Humanität philanthropisierender Damen, alles prangt in mannigfachen Tugenden, deren Kranz von der Reinheit der Absichten solcher „Staatsmänner“ zeugt, wie die Herren Bauer, Renner u. a. „Austro-Marxisten“ es sind.
Die Österreicher sind genötigt, zu „manövrieren“, sie lassen ihre Äuglein nach links spielen und sind eben deshalb besonders schädlich. Wenn auch auf ihrem ideologischen Firmenschild die Aufschrift “Marxismus“ prangt, so lese man: „Reformismus, Opportunismus, Eklektizismus“. Geheiligt sei der Name dieser Dreifaltigkeit in den sozialdemokratischen Himmeln!
[i] Kreisky: „Lernen’s ein bissl Geschichte“ – ORF ON; Bruno Kreisky – Wikipedia; Dr. Willi Weinert (Wien) danke ich sehr herzlich für Hinweise!
[ii] Gelegentliches von Albert Einstein. Zum fünfzigsten Geburtstag 14. März 1929 dargebracht von der Soncino-Gesellschaft der Freunde des Jüdischen Buches zu Berlin, S. 20 f.; Siegfried Grundmann: Einsteins Akte. Einsteins Jahre in Deutschland aus der Sicht der deutschen Politik. Springer Verlag Berlin / Heidelberg / New York 1988, S. 331.
[iii] Karl R. Stadler an Gerhard Oberkofler am 16. Juli 1973; vgl. Gerhard Oberkofler: Das Regierungsprojekt einer Dokumentation über den Beitrag Österreichs zu seiner Befreiung. Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft, Nr. 03 / 2003.
[iv] Heinz Fischer / Corinna Milborn, Worauf es ankommt. Brandstätter Verlag Wien 2026, S. 38 f.
[v] Bruno Kreisky: Zwischen den Zeiten. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten. Siedler Verlag und Kremayr & Scheriau 2. A. 1986, S.144.
[vi] Programm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschösterreichs (1926) (Volltext); 1926: Das Linzer Programm der Sozialdemokratie – hdgö
[vii] II. Jg., 1926, Heft 1-2, S. 1 f. Vgl. Gerhard Oberkofler / Eduard Rabofsky: Hans Kelsen im Kriegseinsatz der k. u. k. Wehrmacht. Eine kritische Würdigung seiner militärtheoretischen Angebote (= Rechtshistorische Reihe, Band 58). Verlag Peter Lang Frankfurt a. M. / Bern / New York / Paris 1988; Gerhard Oberkofler und Eduard Rabofsky: „Ein willkürlicher Fetzen Landes …“. Volksstimme 1988, Sondernummer 60a, S. 27 f.
[viii] Kreisky, Zwischen den Zeiten, S. 143 f.
[ix] MEW 28 (1970), S. 503-509, hier S. 507 f.
[x] Kreisky, Zwischen den Zeiten, S. 161.
[xi] Bruno Kreisky: Im Strom der Politik. Der Memoiren zweiter Teil. Kremayr & Scheriau Wien 1988, S. 279.
[xii] Aus der Literatur zu Antonio Gramsci sei hier zitiert Domenico Losurdo: Der Marxismus Antonio Gramscis. Von der Utopie zum „kritischen Marxismus“. Aus dem Italienischen von Erdmute Brielmayer. Hg. von Harald Neubert. VSA-Verlag Hamburg 2000.
[xiii] Gudo Zamis: Antonio Gransci in Wien. Volksstimme 30. September 1973.
[xiv] Brief von Antonio Gransci vom 16. Dezember 1923 aus Wien an Julia Schucht. Antonio Gramsci: Briefe 1908-1926. Eine Auswahl. Herausgegeben von Antonio A. Santucci. Aus dem Italienischen von Klaus Bochmann. Europaverlag Wien / Zürich 1992, S. 113 f.; Adolph Lehmann’s allgemeiner Wohnungs-Anzeiger: nebst Handels- u. Gewerbe-Adressbuch für d. k.k. Reichshaupt- u. Residenzstadt 1924.
[xv] Hans Hautmann: Geschichte der Rätebewegung in Österreich 1918-1924. Europa Verlag Wien / Zürich 1987, öfters; die-internationale-1957-2-Josef-Frey-zum-Gedenken.pdf
[xvi] Gamsci, Briefe, S. 113.
[xvii] Nikolaj-Ivanovic Bucharin: Theorie des historischen Materialismus. Gemeinverständliches Lehrbuch der Marxistischen Soziologie. Autorisierte Übersetzung aus dem Russischen von Dr. Frida Rubiner. Dem Andenken des Genossen N. N. Jakowlew! (Er schenkte sein Leben der Arbeiterklasse: erschossen von Admiral Kolschak). Verl. d. Kommunistischen Internationale Petersburg 1922.
[xviii] Gramsci, Briefe, S. 134.
[xix] Otto Bauer: Sozialdemokratie, Religion und Kirche. Ein Beitrag zur Erläuterung des Linzer Programms. Wien 1927. Verlag der Wiener Volksbuchhandlung
[xx] Antonio Gramsci: Gefängnishefte. Band 6. Philosophie der Praxis hg. von Wolfgang Fritz Haug unter Mitwirkung von Klaus Bochmann, Peter Jehle und Gerhard Kuck übersetzt und mit einer Einleitung versehen von Wolfgang Fritz Haug. Hefte 10 und 11. Argument Verlag 1994, S.1428 f.
[xxi] Bauer, Sozialdemokratie, S. 4.
[xxii] Ernst Wimmer: Staat und Demokratie. Dritter Weg oder Revolution? Globus Verlag Wien 1982; derselbe: Antonio Gramsci und die Revolution. Globus Verlag 1984; Peter Goller: Ernst Wimmer gegen die parteirechten KPÖ-Erneuerer“ (1965-1972): Ernst Wimmer gegen die parteirechten „KPÖ-Erneuerer“ (1965-1972) – Zeitung der Arbeit
[xxiii] Wladislaw Hedeler: Nikolai Bucharin – Stalins tragischer Opponent. Eine politische Biographie. Matthes & Seitz Berlin 2014 (mit Zeittafel, S. 632-636); derselbe: Stalin – Trotzki – Bucharin. Studien zum Stalinismus und Alternativen im historischen Proze0. Decaton Verlag Main 1994.
[xxiv] Volkskommissariat für Justizwesen der UdSSR. Prozessbericht über die Strafsache des antisowjetischen „Blocks der Rechten und Trotzkisten“. Vollständiger Stenographischer Bericht. Moskau 1938. Herausgegeben vom Volkskommissariat für Justizwesen der UdSSR; A. J. Wyschinski: Gerichtsreden. Dietz Verlag Berlin 1951.
[xxv] Ebenda, S. 6; vgl. Dimigtri Wokogonow: Stalin. Triumph und Tragödie. Ein politisches Porträt. Aus dem Russischen von Vesna Jovanoska. Claasen Verlag Düsseldorf, S. 258-277 (Bucharins Drama).
[xxvi] J. Stalin: Werke. Band 2 (1907-1913). Dietz Verlag Berlin 1950, S. 266-333.
[xxvii] Vgl. Verena Moritz: Russisches Wien. Begegnungen aus vier Jahrhunderten Böhlau Verlag Köln / Weimar 2004, S. 127 f.
[xxviii] James Ramsay MacDonald (1866-1937), Labour Party.
[xxix] Samuel Gompers (1850-1924), American Federation of Labour (AFL).
[xxx] William Green (1873-1952), AFL.
[xxxi] Karl Kautsky (1854-1938), Sozialdemokrat, Gegner der Bolschewiki und der Oktoberrevolution




















































































