Wenn von Volkswagen die Rede ist, denkt man zunächst an Wolfsburg, an die deutsche Autoindustrie und an einen der größten Industriekonzerne Europas. Weniger offensichtlich ist dagegen, welche Eigentumsstrukturen hinter diesem Konzern stehen und welche Rolle dabei eine österreichisch Milliardärfamilie spielt.
Denn die Frage, wem Volkswagen eigentlich gehört, führt nicht nur nach Deutschland. Sie führt auch nach Salzburg, Zell am See und Wien – und damit mitten hinein in das weit verzweigte Vermögens- und Beteiligungsnetz der Familien Porsche und Piëch. Diese Familie ist auf Platz zwei der Hundert reichten Familien in Österreich, hinter Mar Mateschitz, der der reichste Österreicher ist.
Die Familie hinter Volkswagen
Im Zentrum der Familienstruktur und Wirtschaftseinheit steht Wolfgang Porsche. Der 83-Jährige ist nicht einfach ein ehemaliger Unternehmer oder prominentes Mitglied einer reichen Familie. Er nimmt bis heute eine zentrale Position innerhalb des Eigentümergeflechts ein.
Porsche ist Aufsichtsratsvorsitzender der Porsche Automobil Holding SE. Diese Holding hält 53,3 Prozent der Stammaktien der Volkswagen AG und verfügt damit über die Mehrheit der Stimmrechte. Weitere bedeutende Anteilseigner sind das Land Niedersachsen mit 20 Prozent und die Qatar Holding mit 17 Prozent.
Damit liegt die entscheidende Besonderheit bereits offen: Volkswagen ist ein deutscher Konzern mit Sitz in Wolfsburg, aber die Mehrheit der Stimmrechte liegt bei einer Holding, über die die Familien Porsche und Piëch ihren Einfluss ausüben.
Wolfgang Porsche selbst ist ein Enkel des Unternehmensgründers Ferdinand Porsche. Sein Lebensmittelpunkt und der österreichische Familiensitz der Familie liegen in Salzburg beziehungsweise Zell am See. Dort befindet sich auch ein Teil jener sozialen und wirtschaftlichen Umgebung, in der sich das Reichtum der Familie über Generationen vererbt und weiter angehäuft wurde.
Hans Michel Piëch – die andere Seite der Familie
Auf der anderen Seite der Familie steht Hans Michel Piëch. Der 84-Jährige gehört zum Piëch-Zweig der Familie und ist der jüngere Bruder des 2019 verstorbenen Ferdinand Piëch.
Seine Bedeutung liegt weniger in einer öffentlich sichtbaren operativen Managementfunktion als in seiner Stellung innerhalb der Eigentümerfamilie. Seit Jahrzehnten vertritt er die Interessen des Piëch-Familienstammes in den entscheidenden Gesellschaften. Er ist mittelbar an der Porsche Automobil Holding SE beteiligt und damit Teil jener Eigentümerstruktur, über die die Familien Porsche und Piëch ihren Einfluss auf Volkswagen ausüben. Sein Büro befindet sich in Wien.
Die nächste Generation
Diese Struktur endet nicht mit der gegenwärtigen Generation. Sophie Piëch sitzt seit 2023 im Aufsichtsrat der Porsche Automobil Holding SE sowie im Aufsichtsrat der Porsche Holding Salzburg. Die gebürtige Wienerin gehört damit bereits zur nächsten Generation jener Familie, deren Vermögen und Beteiligungen bis in das Zentrum von Volkswagen reichen.
Gerade daran lässt sich erkennen, dass es nicht bloß um einzelne Personen geht. Es handelt sich um eine über Generationen aufgebaute Eigentumsstruktur und beweist auch mal wieder, dass der American Dream vom Tellerwäscher zum Millionär nicht der Realität der Superreichen entspricht, vielmehr gilt der Matthäus-Effekt: „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“. Vermögen wird innerhalb der Familie weitergegeben und über Beteiligungsgesellschaften organisiert. Die konkrete Person an der Spitze kann wechseln – die Eigentumsposition bleibt bestehen, begünstigt durch die fehlende Erbschaftsteuern in Österreich.
Hans Dieter Pötsch – Macht ohne Familiennamen
Eine wichtige Rolle innerhalb dieses Systems nimmt Hans Dieter Pötsch ein. Er gehört nicht zur Familie Porsche/Piëch, ist aber an entscheidenden Stellen des Geflechts positioniert.
Der gebürtige Oberösterreicher ist seit 2015 Aufsichtsratsvorsitzender der Volkswagen AG und gleichzeitig Vorstandsvorsitzender der Porsche Automobil Holding SE. Damit sitzt er sowohl an der Spitze des Volkswagen-Aufsichtsrats als auch an der Spitze jener Holding, über die die Familien Porsche und Piëch ihren maßgeblichen Einfluss auf Volkswagen ausüben. Eigentum und operative beziehungsweise institutionelle Kontrolle müssen nicht in derselben Person zusammenfallen. Entscheidend ist vielmehr, wie diese Positionen miteinander verbunden sind.
Von Salzburg nach Wolfsburg – und wieder zurück
Besonders deutlich wird diese Verbindung bei der Porsche Holding Salzburg. Das Unternehmen wurde 1947 von Louise Piëch und Ferry Porsche gegründet. Ursprünglich war es ein Familienunternehmen. Heute gehört die Porsche Holding zu 100 Prozent der Volkswagen AG. Gleichzeitig kontrollieren die Familien Porsche und Piëch über die Porsche Automobil Holding SE maßgeblich Volkswagen.
Damit ergibt sich eine Eigentumsstruktur, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirken kann: Die ehemalige österreichische Konzern gehört heute Volkswagen. Volkswagen wiederum wird maßgeblich von einer Holding kontrolliert, die von derselben Milliardärsfamilie geprägt ist, aus deren Umfeld die Salzburger Firma ursprünglich hervorgegangen ist.
Die unterschätzte Größe der Porsche Holding
Die Bedeutung der Porsche Holding Salzburg wird dabei leicht unterschätzt, wenn man sie lediglich als österreichisches Autohaus betrachtet. Das Unternehmen ist ein internationaler Vertriebs- und Handelskonzern des Volkswagen-Konzerns. Es übernimmt Import und Großhandel für die verschiedenen Marken, betreibt Händler und Werkstätten und ist außerdem in Bereichen wie Finanzierung und IT tätig. Insgesamt ist die Porsche Holding in 29 Ländern auf drei Kontinenten aktiv.
2025 beschäftigte sie knapp 37.000 Menschen und erzielte einen Umsatz von fast 41 Milliarden Euro. 910.000 Fahrzeuge wurden ausgeliefert. Damit ist die Salzburger Porsche Holding nach den Angaben des Ausgangstextes Europas größtes Automobilhandelsunternehmen.
Das ist für die Frage nach Österreichs wirtschaftlicher Stellung von Bedeutung. Denn ein Konzern muss nicht selbst Millionen von Fahrzeugen produzieren, um eine erhebliche wirtschaftliche Position einzunehmen.
Vermögen ist mehr als eine Milliardensumme
Auch das Privatvermögen der Familie muss vor diesem Hintergrund betrachtet werden. Das Vermögen der Familie Porsche wird auf 22.500.000.000 Euro geschätzt, Wolfgang Porsche selbst werden 18.000.000.000 Euro zugerechnet.
Große Familienvermögen bestehen zu einem erheblichen Teil aus Unternehmensbeteiligungen. Sie werden über Holdinggesellschaften organisiert und können dadurch über Generationen hinweg erhalten und weitergegeben werden. Eigentum an Aktien bedeutet dabei nicht bloß einen Anspruch auf Dividenden. Bei entsprechend großen Beteiligungen bedeutet es auch Einfluss auf die Besetzung von Gremien und auf die strategische Entwicklung von Unternehmen. Die soziale Ungleichheit nimmt so immer weiter zu.
Nicht nur der Produktionsstandort entscheidet
Diese Struktur macht zugleich deutlich, warum es bei der Betrachtung großer Konzerne nicht ausreicht, auf den Produktionsstandort zu schauen.Volkswagen produziert in Deutschland und in zahlreichen anderen Ländern. Trotzdem lässt sich aus dem Produktionsstandort allein nicht ableiten, wem die wirtschaftliche Macht über den Konzern gehört.
Gerade Österreich wird leicht unterschätzt. Das Land ist klein, seine wirtschaftliche Bedeutung ist im Vergleich zu Deutschland wesentlich geringer. Daraus darf aber nicht geschlossen werden, dass österreichisches Kapital ausschließlich auf den österreichischen Binnenmarkt beschränkt wäre. Der österreichische Imperialismus nimmt Einfluss, nicht nur bei VW.




















































































