Jemen. Die Offensive der Huthi-Miliz im Jemen verschärft die ohnehin angespannte Lage im Nahen und Mittleren Osten. Nachdem die Huthis innerhalb weniger Tage die jemenitische Rotmeerküste und die strategisch wichtige Meerenge Bab al-Mandab weitgehend unter ihre Kontrolle gebracht haben, geraten Saudi-Arabien und seine Verbündeten zunehmend unter Druck. Gleichzeitig steigen die Ölpreise und damit die Gefahr weiterer Belastungen für die arbeitende Bevölkerung weltweit.
Die militärische Entwicklung ist dabei nicht von der allgemeinen Zuspitzung der Konflikte in der Region zu trennen. Die Kontrolle über die beiden strategischen Meerengen Bab al-Mandab und Straße von Hormus berührt unmittelbar den internationalen Öl- und Warenverkehr. Während die Straße von Hormus bereits weitgehend blockiert ist, droht nun auch die zweite zentrale Verbindung zwischen dem Roten Meer und dem Indischen Ozean ihre Funktion als internationaler Seeweg einzubüßen.
Die Folgen zeigen sich bereits auf den Energiemärkten. Der Preis für ein Barrel Brent-Rohöl stieg zuletzt auf mehr als 107 US-Dollar. Ende Februar hatte der Preis noch bei rund 70 Dollar gelegen. Auch der OPEC-Ölpreis kletterte auf rund 123 Dollar je Barrel.
Saudi-Arabien verliert Ausweichmöglichkeiten
Besonders schwer wiegt die Entwicklung für Saudi-Arabien. Das Königreich ist nach der Sperre der Straße von Hormus in besonderem Maß auf alternative Transportwege angewiesen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Ost-West-Pipeline, die saudisches Erdöl vom Persischen Golf quer durch das Land zum Rotmeerhafen Yanbu transportiert.
Nach neuerlichen Angriffen wurde diese Pipeline vorsorglich geschlossen. Gleichzeitig stoppte Saudi-Arabien die Verladung von Öl in Yanbu. Der staatliche Ölkonzern Saudi Aramco stornierte zudem nach vorliegenden Berichten für September vorgesehene Lieferungen nach Europa.
Damit wird eine zentrale Schwachstelle des saudischen Ölgeschäfts sichtbar: Selbst der weltweit bedeutende Erdölexporteur ist auf sichere Transportwege angewiesen. Werden diese durch Krieg und militärische Auseinandersetzungen unterbrochen, lässt sich die Produktion nicht ohne Weiteres auf den Weltmarkt bringen.
Die Huthis haben bereits angekündigt, ihre Seeblockade vor allem gegen saudische Schiffe zu richten. Damit treffen sie Saudi-Arabien dort, wo die wirtschaftlichen Interessen des Königreichs besonders empfindlich sind: bei der Ausfuhr seines wichtigsten Rohstoffs.
Hunderte Luftangriffe ohne entscheidenden Erfolg
Riad reagiert militärisch. Allein in dieser Woche sollen die saudischen Streitkräfte mindestens 450 Luftangriffe auf von den Huthis kontrollierte Gebiete im Jemen geflogen haben. Dennoch konnten sie deren Vormarsch bis an die Meerenge Bab al-Mandab bislang nicht verhindern.
Die Huthis wiederum erklärten, ein saudisches F‑15-Kampfflugzeug abgeschossen zu haben. Eine Bestätigung dieser Darstellung durch die saudische Seite liegt bislang nicht vor.
Auch bei einem angeblichen Drohnenangriff auf Mekka stehen sich widersprüchliche Darstellungen gegenüber. Saudi-Arabien erklärte, eine von den Huthis gestartete Drohne in Richtung der heiligen Stadt abgefangen zu haben. Die Huthis wiesen dies zurück und bezeichneten die Darstellung als Lüge. Die Angaben der beiden Seiten sind entsprechend mit Vorsicht zu bewerten.
Fest steht jedoch, dass die militärische Eskalation nicht auf das jemenitische Festland beschränkt bleibt. Sie erfasst zunehmend die internationalen Verkehrswege und damit die wirtschaftlichen Interessen der gesamten Region.
Riad bittet seine Verbündeten um Hilfe
Saudi-Arabien versucht , internationale Unterstützung zu mobilisieren. Kronprinz Mohammed bin Salman reiste nach Kairo und traf dort Ägyptens Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi. Im Mittelpunkt stand die Sicherung der Schifffahrt im Bab al-Mandab und im Roten Meer.
Für Ägypten ist die Entwicklung unmittelbar von wirtschaftlicher Bedeutung: Schiffe, die vom Indischen Ozean über das Rote Meer zum Suezkanal gelangen wollen, sind auf die Meerenge angewiesen. Ein längerer Ausfall würde daher nicht nur die saudischen Ölexporte treffen, sondern auch den internationalen Handel und die Einnahmen aus dem Suezkanal.
Auch Katar warnte vor den Folgen einer faktischen Schließung des Bab al-Mandab. Die Welt könne, so der Sprecher des katarischen Außenministeriums, neben der bereits bestehenden Krise an der Straße von Hormus keine weitere Blockade eines zentralen Seeweges verkraften.
Riad sucht gleichzeitig Unterstützung in London und Washington. Großbritannien soll um Hilfe bei der Zurückdrängung der Huthis und beim Schutz saudischer Ölanlagen gebeten worden sein. Vorerst blieb es jedoch bei der möglichen Entsendung militärischer Berater.
Auch die USA halten sich mit einer direkten militärischen Intervention gegen die Huthis zurück. Bei Gesprächen in Riad wurde lediglich die Bereitschaft signalisiert, nachrichtendienstliche Informationen weiterzugeben.
Saudi-Arabien sondiert offenbar auch eine Zusammenarbeit mit Israel. Laut Berichten wurde eine mögliche Kooperation unter Vermittlung des US-Zentralkommandos erörtert. Auch von israelischer Seite wurde demnach vor allem die Weitergabe nachrichtendienstlicher Informationen in Aussicht gestellt.
Dass Riad seine Verbündeten um Unterstützung ersucht, zeigt zugleich die Grenzen der eigenen militärischen Möglichkeiten. Trotz massiver Luftangriffe konnte Saudi-Arabien die Huthi-Offensive bislang nicht stoppen.
Der Konflikt weitet sich aus
Währenddessen gehen die Auseinandersetzungen an der Straße von Hormus weiter. Die iranischen Revolutionsgarden erklärten, die iranische Luftabwehr habe eine US-Drohne vom Typ MQ‑9 über der strategisch wichtigen Region abgeschossen.
Damit verdichten sich die Konfliktlinien: Im Süden der arabischen Halbinsel stehen die Huthis und ihre Unterstützer Saudi-Arabien und dessen Verbündeten gegenüber. Gleichzeitig bleibt die Konfrontation zwischen Iran und den USA bestehen. Russland und China werden von westlichen Medien zudem immer wieder mit der Unterstützung Irans durch Aufklärung und Informationen in Verbindung gebracht. Solche Berichte sind teilweise umstritten und wurden von den Beschuldigten zurückgewiesen.
Die Entwicklung macht jedoch deutlich, dass der Krieg längst nicht mehr auf einzelne Staaten und Frontabschnitte begrenzt ist. Militärische Auseinandersetzungen, Energieversorgung, Handelswege und die Interessen der großen imperialistischen Mächte greifen immer enger ineinander.
Die Rechnung bezahlen die Völker
Was an den Börsen als steigender Ölpreis erscheint, wird für Millionen zur konkreten sozialen Belastung. Höhere Rohölpreise verteuern nicht nur Benzin und Diesel. Sie erhöhen die Kosten für Transport, Produktion, Heizung und zahlreiche Waren des täglichen Bedarfs und belastet so die Arbeiterklasse besonders und hier vor allem die geringen Einkommen.
Die Energie- und Transportkonzerne, die von den internationalen Rohstoffströmen profitieren, werden ihre Interessen mit allen Mitteln verteidigen. Gleichzeitig sollen die Folgen von Krieg, Sanktionen und Versorgungsengpässen über höhere Preise und sinkende Reallöhne – also die Kosten eines imperialistischen Konflikts auf die Arbeiterklasse abgewälzt werden.
Die Huthi-Offensive hat die strategische Lage in der Region verändert. Ob daraus eine weitere militärische Eskalation entsteht, ist offen. Sicher ist aber: Je stärker die Konfliktparteien auf militärische Lösungen setzen, desto größer werden die Risiken für die Völker in der Region und darüber hinaus.




















































































