Österreich ist Nettozahler der Europäischen Union. Slowenien ist Nettoempfänger. Der Satz klingt eindeutig. Und zunächst bezeichnet er tatsächlich etwas Messbares: Staaten zahlen Beiträge in den Haushalt der Europäischen Union ein und erhalten Mittel aus diesem Haushalt zurück. Wer mehr einzahlt als zurückerhält, wird als Nettozahler bezeichnet, wer mehr erhält als einzahlt, als Nettoempfänger.
Für Österreich flossen 2024 laut Budgetdienst des Parlaments 3,328 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt an die EU. Davon entfielen 3,033 Milliarden Euro auf den nationalen EU-Beitrag. Die Rückflüsse in den österreichischen Bundeshaushalt betrugen 1,532 Milliarden Euro, wobei darin nicht alle Zahlungen der EU an österreichische Empfänger enthalten sind. Österreich zählt auch bei einer umfassenderen Berechnung zu den Nettozahlern.
Slowenien wiederum erhielt in den ersten elf Monaten 2024 659,2 Millionen Euro aus dem EU-Haushalt und zahlte 572,2 Millionen Euro ein. Der Saldo war damit zu diesem Zeitpunkt mit 87,2 Millionen Euro positiv. Die Zahlen sind wegen unterschiedlicher Betrachtungszeiträume und Berechnungsweisen nicht unmittelbar mit den österreichischen Zahlen vergleichbar. Sie zeigen aber, woher die vertrauten Bezeichnungen kommen.
Bis hierher handelt es sich um Haushaltsrechnung. Interessant wird es dort, wo aus dieser Rechnung eine Erzählung über Gesellschaft wird.
Wer ist eigentlich dieses „Wir“?
„Wir sind Nettozahler“, heißt es häufig. Aber wer ist dieses Wir? Die Arbeiterin in einer österreichischen Fabrik? Der Angestellte im Supermarkt? Eine Pensionistin? Ein Kleinunternehmer? Der Eigentümer eines internationalen Konzerns? Sie alle können in einer nationalen Statistik unter „Österreich“ erscheinen. Ihre Stellung im wirtschaftlichen Prozess ist deshalb noch lange nicht dieselbe.
Der Begriff Nettozahler macht aus einem Staat ein scheinbar handelndes Subjekt: Österreich zahlt. Slowenien empfängt. Damit verschwinden zunächst einmal die Menschen. Noch wichtiger aber: Es verschwinden ihre unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen. Es verschwindet, wer arbeitet, wer besitzt, wer über Produktionsmittel verfügt, wer Lohn erhält und wer sich den durch fremde Arbeit geschaffenen Mehrwert aneignet. Die nationale Rechnung kennt diese Unterschiede nicht. Sie soll sie auch gar nicht kennen. Ihre Aufgabe ist eine andere. Problematisch wird es erst, wenn aus einer haushaltstechnischen Kategorie eine Beschreibung gesellschaftlicher Verhältnisse wird. Dann liegt plötzlich nahe: Wir zahlen – die anderen bekommen.
Und wer empfängt?
Drehen wir die Frage um. Wenn Slowenien Nettoempfänger ist: Wer empfängt dann eigentlich? Auch „Slowenien“ arbeitet nicht, baut keine Straßen, produziert keine Maschinen und erhält keinen Lohn. Das tun Menschen. Unternehmen erhalten Aufträge, Arbeiterinnen und Arbeiter verkaufen ihre Arbeitskraft, Eigentümer beziehen Gewinne, Banken finanzieren Investitionen, Gemeinden erhalten Infrastruktur. Ein konkretes Beispiel zeigt, wie schnell die nationale Gegenüberstellung an ihre Grenzen kommt.
Im März 2026 erhielt ein von STRABAG geführtes Konsortium den Auftrag für einen weiteren Abschnitt des slowenischen Nordkorridors zwischen Velenje und Slovenj Gradec. Das Auftragsvolumen beträgt rund 194 Millionen Euro, der Anteil von STRABAG 60 Prozent. Auftraggeber ist die slowenische Autobahngesellschaft DARS. Das bedeutet nicht, dass die EU 60 Prozent von 194 Millionen Euro an einen österreichischen Konzern überwiesen hätte. Eine solche Behauptung lässt sich daraus nicht ableiten.
Das Beispiel zeigt etwas anderes. Wer ist bei einem solchen Projekt der Empfänger?
Doch damit ist noch eine weitere Frage offen: Wem nützt die Straße eigentlich? Eine neue Verkehrsverbindung kann den Alltag der Bevölkerung erleichtern, zugleich aber auch Transportwege für Unternehmen verkürzen, Lieferketten verbessern und neue Absatzmöglichkeiten erschließen. Der Nutzen einer öffentlich finanzierten Infrastruktur verteilt sich nicht automatisch gleichmäßig. In erster Linie sind Infrastrukturprojekte derart konzipiert, dass sich die Produktions- bzw. Handelsniederlassungen besser und effizienter miteinander verbinden lassen, so dass es zu einer Senkung der Logistikkosten kommt. Das bedeutet nichts weniger, als dass der privatwirtschaftliche Profit durch Senkung der Kosten ermöglicht wird, indem ein öffentliches Infrastrukturprojekt aus Mitteln, die der Bevölkerung von Steuern und Abgaben, die direkt vom Lohn abgezogen werden, finanziert wird. In der offiziellen Berichterstattung steht allerdings die Verbesserung der Möglichkeiten des Individualverkehrs im Vordergrund. Wobei es wohl auch darum geht, den Lohnabhängigen den Zugang zu Arbeit und Konsum zu erleichtern, was letztlich nur einen positiven Nebeneffekt darstellt, der aber kommunikativ in den Mittelpunkt gestellt wird.
Slowenien erhält eine Straße. Menschen in Slowenien erhalten eine verbesserte Verkehrsinfrastruktur. Beschäftigte erhalten Löhne. Zulieferbetriebe bekommen Aufträge. Maschinen, Material und Arbeitskraft werden benötigt. Ein international tätiger Baukonzern erhält einen Auftrag und erzielt daraus, wenn die Rechnung aufgeht, einen Gewinn. All das geschieht gleichzeitig. Die Bezeichnung „Nettoempfänger Slowenien“ sagt darüber fast nichts bzw. ist es irreführend, denn Empfänger ist ein privatwirtschaftlich geführter Konzern, der wohl auch Arbeitsplätze schafft, aber vor allem den aus diesem Auftrag lukrierten Mehrwert abschöpft. Nachdem nicht bei der Quelle dieses Ertrages steuerlich angesetzt wird, im Gegensatz zu Arbeiterinnen und Arbeitern, ist der Anteil an Steuern euphemistisch gesagt variabel.
Ein Euro auf Reisen – und die Grenze dieser Reise
Man könnte nun versuchen, einem Euro zu folgen. Er gelangt aus einem Staatshaushalt in den EU-Haushalt, von dort über Programme und Förderungen möglicherweise in einen anderen Staat, in ein Projekt und schließlich in einen Auftrag. Von dort verteilt er sich weiter: auf Löhne, Baustoffe, Maschinen, Energie, Finanzierung und Subunternehmen. Ein Teil kann schließlich als Gewinn erscheinen. An welcher Stelle dieser Reise ist dieser Euro österreichisch? Wann wird er slowenisch?
Die Frage wirkt beinahe absurd. Und gerade deshalb ist sie hilfreich. Aber sie hat eine Grenze. Denn wenn wir nur dem Geld folgen, sehen wir immer noch nicht, woher der Wert kommt, der sich schließlich in Geld ausdrückt.
Marx: Nicht beim sichtbaren Geldstrom stehen bleiben
Genau hier hilft die Methode, mit der Marx im Kapital vorgeht. Marx betrachtet die sichtbaren Bewegungen sehr genau. Er verfolgt Ware und Geld durch den Austausch und untersucht die Verwandlung von Geld in Kapital. Aber er bleibt nicht bei der Zirkulation stehen. Denn allein dadurch, dass Geld von einer Hand in die andere wandert, lässt sich nicht erklären, wie aus vorgeschossenem Geld mehr Geld werden kann. Deshalb folgt Marx der Bewegung weiter – aus der Zirkulation in die Produktion. Dort begegnen uns nicht mehr nur Geldströme. Dort finden wir Produktionsmittel und Arbeitskraft, Arbeitszeit, Lohn und Mehrwert. Dort wird produziert.
Auch unsere Straße baut sich nicht mit Geld.
Menschen bauen sie. Sie bedienen Maschinen, errichten Brücken, graben Tunnel, transportieren Material und asphaltieren Fahrbahnen. Das vorgeschossene Kapital setzt Produktionsmittel und Arbeitskraft in Bewegung. Im kapitalistischen Produktionsprozess entsteht dabei nicht nur ein Gebrauchswert – hier eine Straße –, sondern zugleich neuer Wert und Mehrwert. Damit verändert sich die Frage. Wir fragen nicht mehr nur: Woher kommt das Geld und wohin wird es überwiesen?
Wir fragen: Unter welchen gesellschaftlichen Verhältnissen wird der Reichtum hervorgebracht, dessen Geldform anschließend zirkuliert?
Die gesellschaftliche Verhältnisse im Kapitalismus sind entsprechend offensichtlich: Die Arbeiterinnen und Arbeiter schaffen den Reichtum in Form des Mehrwerts, der allerdings an die Eigner der Produktionsmittel geht.
Nationale Statistik, internationales Kapital
Damit können wir auch den Geldstrom wieder aufnehmen. Die Haushaltsstatistik ordnet ihn Staaten zu. Das Kapital selbst hält sich an diese Zuordnung weit weniger. Vielmehr wird durch den international agierenden Kapitalismus die Haushaltsstatistik der einzelnen Nationalstaaten zur Staffage.
Die Haushaltsstatistik nationalisiert den Geldstrom. Das Kapital internationalisiert seine Verwertung.
Ein Konzern kann seinen Sitz in einem Land haben, Tochtergesellschaften in mehreren anderen, Aufträge in einem dritten erhalten, Material aus einem vierten beziehen und seine Eigentümer über zahlreiche Staaten verteilt haben. Kapital kann Grenzen überschreiten, ohne dass sein Eigentümer seinen Wohnort verlassen muss.
Bei der Arbeitskraft ist das anders. Auch sie kann über Grenzen hinweg angeboten werden. Aber Arbeitskraft lässt sich vom Menschen, der sie besitzt, nicht trennen. Will ein Arbeiter seine Arbeitskraft an einem anderen Ort verkaufen, muss in aller Regel auch der Mensch dorthin: mit seinem Körper, seiner Familie, seinen sozialen Beziehungen und allen Folgen, die ein Ortswechsel mit sich bringt.
Kapital ist mobil. Arbeitskraft kann mobil sein – aber dafür muss der Mensch mobil werden. Schon deshalb verdeckt die einfache Gegenüberstellung zweier Nationalstaaten einen wesentlichen Teil dessen, was tatsächlich geschieht.
Wer schafft den gesellschaftlichen Reichtum?
Es gilt klar zu sagen, dass gesellschaftlicher Reichtum einzig durch Arbeit geschaffen wird. Die, die Arbeit leisten für den gesellschaftliche Reichtum sind im Allgemeinen nicht die Eignerinnen und Eigner der Produktionsmittel. Vielmehr sind die Arbeitenden darauf angewiesen, ihre Arbeitskraft, die einzige Ware, über die sie „frei“ verfügen, an die Eignerinnen und Eigner der Produktionsmittel zu verkaufen und zwar unter den Bedingungen, die das Kapital erlaubt mit Hilfe der vorherrschenden politischen Ausrichtung.
Ein österreichischer Arbeiter und ein österreichischer Kapitaleigentümer stehen nicht deshalb auf derselben Seite eines Produktionsverhältnisses, weil beide einen österreichischen Pass besitzen. Ebenso wenig bilden slowenische Arbeiter, Unternehmer und Kapitaleigentümer eine einheitliche Gruppe von „Empfängern“.
Auch der wirtschaftliche Nutzen hält sich nicht an Grenzen
Selbst innerhalb der üblichen volkswirtschaftlichen Betrachtung zeigt sich, wie begrenzt die reine Nettorechnung ist. Der Budgetdienst des österreichischen Parlaments weist selbst darauf hin, dass eine Nettoposition nur die unmittelbaren finanziellen Beziehungen eines Mitgliedstaates zum EU-Haushalt abbildet. Andere wirtschaftliche Effekte lassen sich daraus nicht ablesen. Das ist entscheidend.
Denn Investitionen in einem Land können Aufträge in einem anderen auslösen. Unternehmen exportieren Waren und Dienstleistungen. Produktionsketten reichen über Staatsgrenzen hinweg. Gewinne und Eigentumserträge können wiederum anderswohin fließen. Auch daraus folgt nicht, dass der „Nettozahler“ in Wahrheit der eigentliche „Nettoempfänger“ wäre. Es folgt lediglich etwas viel Grundsätzlicheres: Die Rechnung beantwortet nur die Frage, für die sie gemacht wurde.
Eine richtige Zahl kann eine unvollständige Geschichte erzählen
Man muss also nicht behaupten, die Begriffe Nettozahler und Nettoempfänger seien falsch. Das sind sie nicht. Man muss allerdings klar sagen, dass sie so gut wie keine Aussagekraft haben, denn es wird zwar dadurch erreicht, was erreicht werden soll, die Stärkung der Differenzierung in sog. reiche Staaten, in denen die Menschen hart arbeitenden, um die sog. armen Staaten zu unterstützen, in denen viel weniger Leistung erbracht wird, denn sonst wären sie nicht auf das Geld der sog. Nettozahler angewiesen. Das ist ein Ziel, das erreicht wird. Aber was dabei verschleiert werden soll, was ebenfalls erfolgreich ist, sind die Arbeiterinnen und Arbeiter, die Eigentumsverhältnisse, die Löhne, die Gewinne und die Bewegung des Kapitals über Staatsgrenzen hinweg.
Aus „Österreich zahlt“ und „Slowenien empfängt“ kann deshalb leicht eine Geschichte werden, in der nationale Gemeinschaften einander gegenüberstehen: hier diejenigen, die geben, dort diejenigen, die bekommen. Doch die gesellschaftlichen Trennlinien verlaufen nicht einfach an Staatsgrenzen, sondern zwischen Wirtschaftssubjekten, die profitieren und jenen, die sie bezahlen. Und das sind nicht die Staaten.
Das zahlende Wir ist die arbeitende Klasse in allen Staaten.
Quellen: Budgetdienst des österreichischen Parlaments: Zahlungsströme zwischen Österreich und der Europäischen Union, insbesondere Daten für 2024./ Institute of Macroeconomic Analysis and Development (IMAD/UMAR), Republik Slowenien: Slovenian Economic Mirror 1/2025, Angaben zur Budgetposition Sloweniens gegenüber dem EU-Haushalt Jänner–November 2024. / STRABAG: Pressemitteilung vom 24. März 2026 zum Auftrag für den Northern Corridor in Slowenien / Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Band I, insbesondere die Abschnitte über die Verwandlung von Geld in Kapital, Kauf und Verkauf der Arbeitskraft sowie Arbeitsprozess und Verwertungsprozess






















































































