Die Kollektivvertragsverhandlungen für 420.000 Handelsangestellte und 19.000 Lehrlinge haben am Donnerstag begonnen. Die Gewerkschaft GPA fordert 3,8 Prozent mehr Gehalt und Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen. Die Konzernvertreter lehnen die Forderungen ab und legten in der ersten Verhandlungsrunde kein eigenes Angebot vor. Nach Jahren sinkender Reallöhne droht den Beschäftigten damit weitere Gehaltseinbußen.
Am heutigen Donnerstag, dem 22. Oktober, haben in der Wirtschaftskammer Österreich die Kollektivvertragsverhandlungen für die Beschäftigten im Handel begonnen. Nach fünf Stunden endete die erste Verhandlungsrunde ergebnislos. Die Gewerkschaft GPA fordert eine Gehaltserhöhung um 3,8 Prozent, die Konzernseite unter der Führung von Rainer Trefelik bezeichnet diese Forderung als nicht finanzierbar. Ein eigenes Angebot legten die Unternehmervertreter nicht vor.
Die Ausgangslage ist für die Handelsbeschäftigten besonders angespannt. Bereits die vergangenen drei Kollektivvertragsabschlüsse lagen unter der jeweiligen rollierenden Inflation und bedeuteten damit Gehaltseinbußen in Zeiten rapide steigender Lebenserhaltungskosten. Im vergangenen Jahr wurden die Gehälter um 2,55 Prozent erhöht, während die zugrunde liegende Teuerungsrate drei Prozent betrug. Auch heuer droht sich diese Entwicklung fortzusetzen.
Die rollierende Inflation beträgt 3,3 Prozent. Die Forderung der GPA nach 3,8 Prozent liegt damit lediglich einen halben Prozentpunkt darüber. Von einer tatsächlichen Wiedergutmachung der Kaufkraftverluste der vergangenen Jahre kann unter diesen Umständen kaum gesprochen werden.
Niedrige Löhne und hohe Arbeitsbelastung
Im österreichischen Handel liegt das kollektivvertragliche Einstiegsgehalt im Verkauf derzeit bei 2.251 Euro brutto. Das durchschnittliche Vollzeitgehalt beträgt 2.586 Euro brutto beziehungsweise rund 1.949 Euro netto bei einer Wochenarbeitszeit von 38,5 Stunden. Für Beschäftigte mit einer 25-Stunden-Anstellung kann das Nettoeinkommen auf gerade einmal 1.237 Euro sinken.
Besonders schwer wiegt dabei die hohe Teilzeitquote. Mehr als die Hälfte der Handelsbeschäftigten arbeitet nicht in Vollzeit. Zwei Drittel der Beschäftigten sind Frauen, im Einzelhandel liegt ihr Anteil sogar bei nahezu drei Vierteln.
Für viele Beschäftigte bedeutet das nicht nur niedrige Einkommen, sondern auch eine erhebliche Doppelbelastung. Gerade Frauen tragen neben ihrer Erwerbsarbeit weiterhin einen großen Teil der unbezahlten Haus‑, Betreuungs- und Pflegearbeit. Gleichzeitig erschweren kurzfristige Dienstplanänderungen, unregelmäßige Arbeitszeiten und das ständige Einspringen für ausgefallene Kolleginnen und Kollegen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
Hinzu kommt die zunehmende Arbeitsverdichtung. Während Personal eingespart wird, müssen die verbleibenden Beschäftigten immer mehr Aufgaben übernehmen. Regale müssen eingeräumt, Kassen besetzt, Waren bestellt und Kundinnen und Kunden betreut werden. Die steigende Produktivität und Flexibilität der Beschäftigten kommt dabei vor allem den Unternehmen zugute.
Die Gewerkschaft fordert deshalb neben der Gehaltserhöhung einen Zuschlag für Mehrarbeit ab der ersten Stunde, eine zusätzliche Vergütung für kurzfristiges Einspringen, eine verbindliche Fünftagewoche und einen erleichterten Zugang zur sechsten Urlaubswoche.
Konzerne erklären Lohnforderungen für unbezahlbar
Chefverhandler Rainer Trefelik erklärte im Namen der Handelskonzerne bereits zum Auftakt, dass eine Gehaltserhöhung um 3,8 Prozent nicht infrage komme. „3,8 Prozent gehen sich schlicht und ergreifend nicht aus“, erklärte er. Als Begründung verwies er auf die schwierige wirtschaftliche Situation des Handels, sinkende Beschäftigtenzahlen und die im Branchenvergleich niedrige Umsatzrentabilität.
Damit folgt die Kapitalseite einem bekannten Muster: Wenn es um die Einkommen der Beschäftigten geht, werden die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Branche in den Vordergrund gerückt. Die Beschäftigten sollen durch Lohnzurückhaltung ihren Beitrag zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit leisten.
Doch die Verluste an Kaufkraft und damit an Lebensqualität sind bereits Realität. Die Handelsangestellten haben in den vergangenen Jahren wiederholt Abschlüsse unter der Inflation hinnehmen müssen. Nun sollen sie offenbar erneut die Folgen der wirtschaftlichen Krise tragen.
Die Gewerkschaft GPA verweist unterdessen auf bereits geplante Gewinnausschüttungen in Milliardenhöhe verweist. Während die Konzernvertreter erklären, eine Abgeltung der Teuerung sei nicht finanzierbar, stehen offenbar erhebliche Mittel für die Eigentümerinnen und Eigentümer der Konzerne zur Verfügung.
Handelsangestellte zahlen doppelt
Besonders deutlich wird dieser Widerspruch angesichts der anhaltend hohen Preise in Österreich. Lebensmittel und zahlreiche andere Güter des täglichen Bedarfs sind hierzulande teilweise erheblich teurer als in den Nachbarländern.
Während Handelskonzerne und Lebensmittelindustrie einander die Verantwortung für den sogenannten Österreich-Aufschlag zuschieben, müssen die Beschäftigten die hohen Preise aus ihren ohnehin niedrigen Einkommen bezahlen.
Die Handelsangestellten stehen damit in einem doppelten Abhängigkeitsverhältnis: Als Arbeitskräfte sind sie dem Druck der Unternehmen auf Löhne und Arbeitsbedingungen ausgesetzt, als Konsumentinnen und Konsumenten müssen sie einen beträchtlichen Teil ihres Einkommens wieder an dieselben Handelskonzerne abgeben.
Die Preisgestaltung entlang der Lieferketten, die Marktmacht großer Handelskonzerne und die Profitorientierung der Lebensmittelindustrie verschärfen die Belastung der arbeitenden Bevölkerung. Eine bloße Anpassung der Gehälter an die Inflation würde deshalb noch lange keine Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen gegenüber den vergangenen Jahren bedeuten.
Längere Öffnungszeiten statt besserer Arbeitsbedingungen
Parallel zu den Kollektivvertragsverhandlungen wird auch der Druck auf die Arbeitszeitregelungen im Handel erhöht. Erst vor wenigen Tagen sprach sich NEOS-Staatssekretär Josef Schellhorn für eine Ausweitung der Geschäftsöffnungszeiten aus. Zunächst sollen eigentümergeführte Geschäfte und personallose Nahversorger länger öffnen dürfen. Auch der Österreich-Chef des Rewe-Konzerns, Marcel Haraszti, forderte zuletzt eine Ausweitung der zulässigen wöchentlichen Öffnungszeiten von 72 auf 78 Stunden.
Solche Forderungen stehen in einem deutlichen Gegensatz zu den Interessen der Beschäftigten. Längere Öffnungszeiten bedeuten nicht automatisch zusätzliche Arbeitsplätze oder höhere Umsätze. Sie haben aber garantiert eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeiten und einer Verschärfung der Arbeitsbelastung zur Folge.
Wie gering die Unterstützung für solche Vorstöße unter den Beschäftigten ist, zeigte bereits im vergangenen Jahr eine Befragung der GPA. Von rund 20.000 befragten Handelsangestellten lehnten 97,1 Prozent eine Sonntagsöffnung ab. Auch eine IFES-Umfrage ergab, dass sich rund drei Viertel der Befragten gegen eine zusätzliche Belastung der Beschäftigten durch Sonntagsarbeit aussprachen.
Ohne Kampfbereitschaft keine Verbesserung
Die erste Verhandlungsrunde zeigt bereits, wie weit die Interessen der Beschäftigten und jene der Konzerne auseinanderliegen. Während die GPA eine moderate Gehaltserhöhung und Verbesserungen der Arbeitsbedingungen fordert, verweigern die Konzerne bislang selbst ein konkretes Angebot.
Nach Angaben der Gewerkschaft wurde die erste Runde nach fünf Stunden ohne Ergebnis beendet. Aus gewerkschaftsinternen Kreisen gibt es darüber hinaus Berichte, wonach einzelne Arbeitgebervertreter bereits während der Präsentation der Forderungen den Verhandlungsraum verlassen hätten und das so zahlreich, dass die Kapitalvertreter am Ende nicht einmal mehr Beschlussfähig waren.
Arbeitgeberverhandler Trefelik betonte unterdessen die Bedeutung einer guten Gesprächsbasis zwischen den sogenannten Sozialpartnern und verwies dabei sogar auf die jüngsten sozialen Unruhen in Frankreich. Darin kommt auch die Sorge der Unternehmerseite zum Ausdruck, dass sich die Unzufriedenheit der Beschäftigten in offenen Arbeitskämpfen entladen könnte.
Gerade deshalb darf die Verteidigung der Reallöhne nicht allein den Verhandlungen hinter verschlossenen Türen überlassen bleiben. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen, dass sozialpartnerschaftliche Abschlüsse keineswegs automatisch die Lebensqualität der Beschäftigten sichern. Die Forderung nach 3,8 Prozent mehr Gehalt ist angesichts der vergangenen Reallohnverluste ohnehin zurückhaltend. Um die Kaufkraftverluste tatsächlich auszugleichen und die Lebensbedingungen zu verbessern, wären deutlich höhere Abschlüsse notwendig.
Entscheidend wird daher sein, ob es gelingt, die Handelsangestellten in den Betrieben zu organisieren und ihre gemeinsamen Interessen gegenüber den Unternehmen durchzusetzen. Gerade in einer Branche mit hohem Teilzeitanteil, niedrigen Löhnen und vergleichsweise geringem gewerkschaftlichem Organisationsgrad ist das eine besondere Herausforderung.


















































































