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Home Feuilleton

„Man muss sich damit beschäftigen … für die Gegenwart …“ Geschichte und politisches Erbe der Arbeiterbewegung in Bodo Uhses Romanen [1]

19. Feber 2022
in Feuilleton, Geschichte, Kultur
„Man muss sich damit beschäftigen … für die Gegenwart …“ Geschichte und politisches Erbe der Arbeiterbewegung in Bodo Uhses Romanen [1]

Gastautor: Peter Goller, geb. 1961, Univ.-Doz. Dr. und Archivar an der Universität Innsbruck

Der aus preußischem Offiziersmilieu stammende Bodo Uhse (1904–1963) kam erst knapp nach 1930 nach Jahren als Journalist diverser „völkischer“ Blätter zur revolutionären Arbeiterbewegung. Zuletzt war er 1930 als Redakteur eines Nazi-Blattes im schleswig-holsteinischen Itzehoe tätig. 1933 emigrierte Uhse als KPD-Mitglied nach Frankreich, wo er 1935 mit seinem ersten Roman „Soldat und Söldner“ eine verschlüsselt autobiographische Abrechnung mit der eigenen militant rechten und nazistischen Vergangenheit vorlegte und den Weg zur kommunistischen Bauernbewegung im Norden Deutschlands andeutet.

Im mexikanischen Exil veröffentlichte Uhse 1944 den Roman „Leutnant Bertram“, entstanden aus seiner Erfahrung als Redakteur für den republikanischen Armee-Rundfunk in Spanien 1936/37.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1949, in die Deutsche Demokratische Republik, studierte Uhse die Geschichte des antifaschistischen Widerstands, um ihm 1954 den Roman „Die Patrioten“ zu widmen.

In den letzten Jahren des Exils war der 1947/48 veröffentlichte Roman „Wir Söhne“ entstanden. Von der zeitgeschichtlichen Chronologie her betrachtet ist es der erste Roman, schildert er doch die letzten Monate des imperialistischen Krieges und den Weg der bürgerlichen Gymnasialjugend in die Novemberrevolution von 1918.[1]

Jugendbündlerische Gymnasiasten auf dem Weg in die (sozialistische) Novemberrevolution 1918?

Der Ich-Erzähler von „Wir Söhne“ ist als Realgymnasiast 1918 in einer schlesischen Kleinstadt Mitglied in einem konspirativen Jugendbund, dessen Mitglieder teils gewalttätig mit vorfaschistischer Irrationalität auf die bevorstehende deutsche Niederlage reagieren, dessen Mitglieder teils aber auch einer Gegenutopie zu einer widrigen bürgerlichen Welt anhängen.

Viele Mitschüler melden sich noch in letzter Minute freiwillig an die Front. Sie wälzen schon neue reaktionäre Deutschland-Ideologien für einen noch größeren Revanche-Krieg: „Der Bund sei ein Saatkorn für die kommenden Jahre, die Jahre der Rache, des neuen Deutschlands, des größeren Krieges.“ Sie fürchten, dass mit „der Revolution“, „dem Ende des Kaiserreichs“ auch das Ende ihrer „Zukunftsträume von Uniformen, Abenteuern, Heldentaten, Orden“ und vor allem das Ende eines „Lebens als Herren“ kommt. (Wir Söhne 475, 556)

Ein kleiner Teil der Bund-Mitglieder geht – so nach langem Zögern auch der Ich-Erzähler – zu antimilitaristischen, republikanischen Haltungen nach links über. Allein das in Aberglauben versinkende familiäre Umfeld des Realgymnasiasten ist hinderlich. Da findet sich die religiös esoterische Stiefmutter, die die Johannisoffenbarung als Zeichen für die versinkende Insel England und damit als Vorzeichen des deutschen Sieges deutet.

Im Umfeld der Mitschüler bewegen sich Gewaltfiguren, wie der „scharfmachende“ Kriegsgerichtsrat Neuhaus, selber „Drückeberger“, der es sich im Hinterland gerichtet hat und sich noch knapp vor Kriegsende in Ausbeutungsphantasien gegen die hungerrebellierende, den Frieden herbeisehnende Bevölkerung ergeht. Da findet sich der in seinen Predigten für den Krieg scharfmachende Pastor Seewald, dessen Tochter Lisa sich dem Widerstand gegen den Krieg angeschlossen hat: „Lisas Vater, der Garnisonprediger, der unseren Religionsunterricht leitete, hielt eine Ansprache, in der kirchliche Andacht und patriotischer Eifer miteinander verschmolzen.“ (Wir Söhne 378, 535)

Ähnliche (nazistische) Figuren lässt Bodo Uhse auch in seinen Romanen „Leutnant Bertram“ und in den „Patrioten“ auftreten. In „Leutnant Bertram“ findet sich die Offiziersfigur des Harteneck, der im Vorfeld seines „Legion Condor“-Einsatzes auf Seite der Franco-Faschisten 1936 Goebbels‘ „totalen Krieg“ vorwegnimmt, indem er ein neues Bismarck’sches „Blut und Boden“-Deutschland herbeiredet: „Der Krieg wird überall geführt werden, auch im Hinterland. Und nicht mehr die Länge der Front, ihre Tiefe wird entscheiden. Man kann nicht mehr in Linien, man muss in Räumen denken. (…) Die Kampfziele sind größer und gewaltiger. Sie gehen über den Rahmen kleinbürgerlicher patriotischer Interessen hinaus. Sie haben übernationale Bedeutung. Die Kriege werden wieder Glaubenskriege, Religionskriege. (…) Wir sprechen von der Sendung Deutschlands, von seiner neuen Mission. Es geht darum wie Sie alle wissen, Europa, ja die Welt vor dem Bolschewismus zu retten.“ Harteneck, der eine „Moral der bewussten Ungleichheit“ predigt, sieht sogar Militärdiktatoren wie Ludendorff für erledigt an: Was den Feldherren des ersten Kriegs „jedenfalls fehlte, war der Wille zur Vernichtung.“ (Leutnant Bertram 166–168, 297)

In den „Patrioten“ gestaltet Uhse nach 1945 die Figur des an den Kriegsgerichtsrat Neuhaus erinnernden, spießigen Kriminalsekretärs Otto Hingst, eines nazistischen Fanatikers, der hinterhältig Spitzel auf politische Gefangene oder Provokateure auf linke Widerstandsgruppen ansetzt. (Die Patrioten 290)

In „Wir Söhne“ werden die jungen Realgymnasiasten im Kriegssommer 1918 zum Ernteeinsatz auf einem schlesischen Rittergut verpflichtet. Und gerade hier wird die Begegnung mit dem sadistischen Gutsaufseher Michalski, einem Inbegriff der preußischen Kriegsrepression, zum politischen Wendepunkt. Dabei begegnen viele der jungen Gymnasiasten als patriotische Jungerntehelfer „für die Ernährungsschlacht“ dem unterdrückten polnischen Landproletariat erst einmal mit dem Dünkel nachrückender wilhelminischer Zöglinge. Nach einem Zwischenfall treten die hungernden Zwangsarbeiter und polnischen Landarbeiter, die von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang schuften, in einen Streik mit der Forderung, die jungen deutschen Gymnasiasten abzuziehen. Gegen die auf die Nachbargüter übergreifenden Solidaritätsstreiks rücken Militäreinheiten an. Plötzlich kämpfen bisher scheinbar apathisch verelendete Sklaven – auch im Zeichen des hineinleuchtenden Roten Oktober – um ihre Würde.

Harmlose „Felddiebstähle“ werden kriminalisiert, mit aller Härte verfolgt. Täglich setzt es Prügel für die „Ost“-Landarbeiter. Die totale Demütigung der „fünffachen Armut“ älterer Landsklavinnen, „alter Polenweiber“, die hungernd ein paar am Acker liegen gebliebene „rötlichgelbe Kartoffeln“ an sich genommen hatten, wird zum beschämenden moralischen Umkehrerlebnis für manchen jungen Mittelschüler: „Michalski fuhr mit Schimpfen und Fluchen auf die Frauen los, die in ihren weiten, dunklen Röcken im Staub knieten, eine fünffache Armut und Demut, die Hände erhoben. Hell tropften die Tränen über die gelbe, verwitterte Haut ihrer Gesichter.“ (Wir Söhne 461–465, 471–479)

Auch die Gerüchte um einen in Uhses Roman nur schattenhaft aus der Erinnerung gezeichneten Soldaten Peter Erxner, der bis zu seinem Einzug an die Front eine moralische Leitfigur im Jugendbund gewesen war, tragen zum Bruch mit dem Militarismus bei. An alle „Heldensöhne“ wird in der evangelischen Kirche Sonntag für Sonntag erinnert, nur an Erxner nicht. Ja, weil er nicht „gefallen“ war, sondern, wie langsam durchsickert, als Agitator gegen den Krieg erschossen worden war. Erxner hatte „Krieg gegen den Krieg“ geführt, wie seine Freundin Lisa Seewald, die Pastorentochter, nach langer Ungewissheit weiß: „‘Wegen Hochverrat wurde Erxner aus dem Schützengraben heraus verhaftet‘, sagte Lisa hastig.“ (Wir Söhne 581f.)

Zögerlich geht der Ich-Erzähler „nach links“. Der Weg ist widersprüchlich. Auf den Wänden des Bahnhofaborts sind schon Antikriegslosungen zu lesen, wie: „Fort mit dem Kaiser, Schluss mit dem Krieg!“ oder „Friede, Freiheit Brot“.

Vor allem der Kontakt zu einem „gemeinen Soldaten zweiter Klasse“ namens Fischer lässt den Ich-Erzähler endgültig aus dem kriegspatriotischen Milieu ausbrechen. Fischer, der wegen „majestätsbeleidigender“ Verse schon verurteilt und degradiert war, hat sich das Erbe eines „anderen Deutschland“ angeeignet. Erstmals hört der bisher von stumpfer „protestantischer Geschichtsschreibung“ geprägte Ich-Erzähler aus dem Mund von Fischer von den Bauernkriegen in den Jahren der frühbürgerlichen Revolution. Der Soldat Fischer „spottete über meine Schwärmerei für die düster-schwüle Romantik Böcklins, auch über die Rubenssche Saftigkeit hatte er nur ein höhnisches Lächeln, und von Griechen meinte er einfach, sie ließen ihn kalt.“ Fischer erzählt vom „Würzburger Stadtrat Tilman Riemenschneider, dem rebellischen Holzschnitzer“. (Wir Söhne 381, 396, 400f., 405, 508)

Aus der Sicht des Ich-Erzählers beschreibt Uhse die gespaltene linke, schlussendlich im bürgerlichen Fahrwasser versinkende „Novemberrevolution“ in einer Kleinstadt: „Mit einemal verbreitete sich der Ruf: ‚Auf dem Rathaus weht die rote Fahne.‘ (…) Die Antwort brüllte ich mit dem Chor der Massen auf der Straße: ‚Friede, Freiheit, Brot!‘“

Auf der einen Seite stehen die auf die Räterepublik orientierenden „Linksradikalen“, die mit dem Sturm auf die Garnison eine Machtstellung der Reaktion ausschalten wollen, auf der anderen Seite die auf eine sozialfriedliche Republik ausgerichtete „Mehrheitssozialdemokratie“. Die letztere will sich mit einer unverbindlichen Demonstration auf dem Rathausplatz begnügen, die ersteren verlangen ohne Erfolg die Entwaffnung der „Kaisertreuen“ in der örtlichen Artilleriekaserne.

Die Garnison kann abziehen und ihre schwere Bewaffnung in Sicherheit bringen. Die angehenden weißen Freikorpsler spucken aus Verachtung für die Revolution auf den Boden.

Der spartakistische „gemeine Soldat“ Fischer erkennt darin den Verrat an der Revolution, während ein Funktionär der Ebert’schen Sozialdemokratie im Abzug gar einen Erfolg sieht: „‘Freien Abzug. Mit Waffen, mit den Geschützen?‘ fragte Fischer. Kalt klang seine Stimme. (…) ‚Natürlich‘, sagte Frobenius (ein SPD-Funktionär) zu Fischer. ‚Was schadet‘s, wenn sie den Krempel mitnehmen. (…) ‚Was denken Sie denn? Unsere Grenzen sind offen. Wie sollen wir uns etwa gegen die Polen schützen?‘ ‚Verräter!‘ schrie Fischer. ‚So wird die Revolution verraten.‘“ (Wir Söhne 589f.)[2]

Zur Hölderlin‑, Heine‑, Heinrich Mann-Lektüre 1918

Die Wende im Denken mancher Gymnasiasten zeichnet sich 1918 auch in der sich wandelnden Leseperspektive des Ich-Erzählers wider. Auf seinen Waldwanderungen hängt der Ich-Erzähler im Frühjahr 1918 noch einer esoterischen Naturmystik an. Er liest Hölderlin, Mörike oder Novalis: „Forschen und Lesen gingen durcheinander. Hölderlins Verse blendeten mich wie die aufgehende Sonne. Mörike war der verklärte Mittag, der Dichter Novalis geheimnisvoll unverstandene Nacht.“

Von einer politischen Lektüre Hölderlins ist im Frühjahr 1918 noch keine Rede: „War nicht Mörike geisteskrank geworden? Und Nietzsche? Hölderlin war dem Irrsinn schon mit siebenundzwanzig Jahren verfallen, Lenz noch früher.“

Politischer ist schon die Lektüre von Goethes „Faust“ und von Friedrich Schiller, wenngleich im idealistischen Pathos stecken bleibend. Der Ich-Erzähler identifiziert sich mit Schillers „idealistischem Menschen“: „Als Karl Moor häufte ich Schuld auf mich, als Wilhelm Tell focht ich gegen die Macht der Tyrannen, und ich forderte Gedankenfreiheit mit dem Marquis Posa.“ (Wir Söhne 369, 376f.)

Unter dem Eindruck des sich im Spätsommer 1918 weiter verschärfenden Hungerelends rückte der Realschüler näher an kriegsoppositionelle Gruppen: „Von Tag zu Tag sahen die Menschen ärmlicher und kränker, leidender und bösartiger aus. (…) Die Zahl der Humpelnden, der Einarmigen und Blinden, der Verstümmelten und durch den Krieg Verunstalteten, der vom Schock Verstörten, die die Herrschaft über ihr Glieder verloren hatten, wurde immer größer.“ Der Ich-Erzähler verändert dementsprechend auch seine Lektüre. Während einige seiner Freunde im „Bund“ immer noch Landsergeschichten lesen, andere in die Lektüre von „Brehms Tierleben“ flüchten, „wagte ich es, einen Band von Heines Gedichten mitzubringen, aber niemand wollte sie hören. ‚Das ist doch keine Poesie‘, (…) ‚Heine war überhaupt ein Jude.‘“ (Wir Söhne 536–539)

Der verschroben wirkende „grauhaarige und gebeugte“, alles andere als „kaisertreue“, den Krieg hassende, aufgeklärt demokratische Buchhändler Naumann steckt dem Ich-Erzähler nicht deutsche Literatur zu, sondern den „spöttischen Gogol und den gütigen Tolstoi, den grimmig-trockenen Flaubert und den Kraftmenschen Balzac, dann Stendhal“: „Es weitete sich mir die Welt, die Grenzen verschwanden. Vergangene Zeiten, fremde Länder, unbekannte Völker gewannen Gesicht und Gestalt für mich mit Tschitschikow und Anna Karenina, mit Julien und Madame Bovary.“ Literatur ist für Naumann nicht nur eine deutsche pseudobildungsbürgerliche „Feiertagsangelegenheit“, sondern eine politisch republikanische Herausforderung für fortschrittliche Intellektuelle im Kampf gegen alle Formen von barbarischer Unvernunft, gegen Militarismus, Kriegshetze oder Antisemitismus und im Kampf gegen alle soziale Unterdrückung, weshalb Naumann dem Realschüler auch mit den Worten „das ist der Heinrich Mann, den solltest du mal lesen“ dessen Zola-Essay vom Jahr 1915 über den Ladentisch zuschob: „Er steckte mir eine Zeitschrift zu, und ich fand darin die Deutung, die Heinrich Mann dem Werk und Leben Zolas gab.“ (Wir Söhne 538f.)[3]

Hölderlin als Autor eines demokratischen (Volksfront-) Patriotismus jenseits seiner reaktionär (nazistischen) Adaption, ein dem nazistischen Deutschland entrissener, ein nicht faschistisch elitär für den „Deutschen Weltkrieg“ mobilisierbarer oder auch ein nicht nach Heidegger irrational „seynsgeschichtlich“ raunender Hölderlin, also der mit den Jakobinern der Französischen Revolution sympathisierende, sozialistische Utopien vorwegnehmende Hölderlin tritt bei Bodo Uhse offen erst in seinem „Leutnant Bertram“ auf.[4]

Nicht zufällig stellt der sich nach einem fortschrittlichen deutschen Vaterland sehnende Uhse dem 1943/44 im mexikanischen Exil fertig gestellten „Leutnant Bertram“ ein Motto aus Hölderlins „Hyperion“ voran: „Wohl dem Manne, dem ein blühend Vaterland das Herz erfreut und stärkt! Mir ist, als würd ich in den Sumpf geworfen, als schlüge man den Sargdeckel über mir zu, wenn einer an das meinige mich mahnt, und wenn mich einer einen Griechen nennt, so wird mir immer, als schnürt es mit dem Halsband eines Hundes mir die Kehle zu.“

Der Interbrigadist Hein Sommerwand liest in einer Kampfpause vor Madrid 1937 Flauberts „Madame Bovary“, Heines Gedichte, Tschechows Erzählungen oder Stendhals „Rot und Schwarz“: „Hein fuhr mit der Hand über die Bücherrücken. Er holte einen Band Heine heraus und las ein Gedicht und legte den Band nieder, griff nach Tschechows Erzählungen. Er schlug ‚Die Abhängigen‘ auf, überflog ein paar Zeilen und fühlte die ganze wehmütig grimmige Gewalt dieser wenigen Seiten. Er legte den Band zu Heines Gedichten und blätterte in ‚Madame Bovary‘.“ Aber vor allem Hölderlins „Hyperion“: „Von all den Büchern, die er auf dem Tisch gehäuft hatte, hatte er am Ende doch keines genommen, sondern war mit Hölderlins ‚Hyperion‘ davongezogen, den ihm Irmgard zum Abschied gegeben hatte.“ (Leutnant Bertram 461–465)

Selbst unter den extremen Bedingungen des antifaschistischen Kampfes im Hamburg des Jahres 1943 ist das Studium von (sozialistischer) Literatur wichtig. Maria Holthusen, soeben nach Jahren im sowjetischen Exil mit drei Kampfgefährten per Fallschirmabsprung nach Deutschland zurückgekehrt, erinnert sich an ihre Lektüre von Gorkis „Klim Samgin“. Bei einer Begegnung am Hamburger Hafen fragt sie den Genossen Bruno Dittmar: „Sag mal, kommst du eigentlich zum Lesen?“ Dittmar antwortet: „Im Augenblick tue ich etwas, was wohl sehr unernst ist. Ich lese zwei Bücher zugleich: ‚Rot und Schwarz‘ und Gorkis ‚Mutter‘. Es gehört sich wohl nicht?“ Warum nicht? Der mittellose, folglich vom adelig royalistischen Milieu abhängige, seine Verehrung für Napoleon als Erben der französischen Revolution verbergende Priesterseminarist Julien des Stendhal-Romans kann nicht mit Maxim Gorkis Figur des Pawel, der in der illegalen russischen Sozialdemokratie im Vorfeld der Revolution von 1905 aktiv ist, mithalten. (Die Patrioten 368f.)

Als Söldner des Faschismus (1920–1930)

Bodo Uhse selbst geht nach der „deutschen Revolution“ von 1918 den seinem Ich-Erzähler von „Wir Söhne“ diametral entgegengesetzten politischen Weg. Uhse nimmt als „Freiwilliger“ am „Kapp-Putsch“ 1920 teil. Er wird Mitglied im rechtsextremen „Bund Oberland“. Nach dessen Zerfall geht auch Uhses Mitgliedschaft in der nazistischen Partei auf. Ende der 1920er Jahre ist Uhse, der sich der „NS-Linken“ von Otto und Gregor Strasser zurechnet, im holsteinischen Itzehoe Redakteur eines Nazi-Blatts, ehe er 1930 wie einige wenige andere Intellektuelle (wie Bruno Salomon) mit den Faschisten bricht.

Als Provinz-Journalist bewegt sich Bodo Uhse – wie er in „Söldner und Soldat“ schildert – nach 1918 im Freikorps-Milieu. Da liest sich der Diener der Rechten durch die ganze obskure Bandbreite der „Konservativen Revolution“. Neben den Hetztiraden der frühen Nazi-Schriftsteller wie Gottfried Feder oder Julius Streicher studiert der Lohnschriftsteller eines Bamberger Blattes auch rechtsautoritäre Ideologen wie Oswald Spengler oder Othmar Spann. In der Welt bayerischer „deutschvölkischer Schutz- und Trutzbünde“ mit ihrem Hass auf das „Marxistengesindel“ hört er am Höhepunkt der „Inflationskrise“ die Hassreden eines Julius Streicher: Er „sprach nicht, sondern er schrie: ‚Die Rassenfrage ist der Schlüssel zur Weltgeschichte. Die Juden sind unser Unglück.‘“

Er liest Gottfried Feders „Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft“ mit seinen Ausfällen gegen die „überstaatliche Geldmacht der Juden und Freimaurer“. Als Paramilitär des rechtsvölkischen „Bundes Oberland“ tritt der Ich-Erzähler von „Soldat und Söldner“ für die Kooperation mit den Nazis ein, obwohl es bündisch elitäre Bedenken gegen „Hitlers allzu flache Demagogie und gegen den pathologischen Sexualantisemitismus Streichers“ gibt. Da schien die völkische Ideologie der Strasser-Brüder mit ihrem „Sozialismus deutscher Handwerksgesellen“, ihrem „bramabasiernden Nationalismus Kleistscher Prägung und einem wohldosierten Rest Antisemitismus“ schon anziehender: Als Anhänger des „Deutschen Sozialismus“ „lasen wir Spengler“. Als „Jakobiner der deutschen Revolution“ eignete man sich einfach das Erbe des Bauernkrieges an: „Thomas Münzer, Florian Geyer, Wendelin Hippler und Ulrich von Hutten mussten uns ihren revolutionären Glanz leihen.“ (Söldner und Soldat 17, 32, 46–49, 145–150)

Zur revolutionären Arbeiterbewegung der Weimarer Republik

Den Wandel des faschistischen Redakteurs vom Söldner der äußersten Rechten zum Soldaten der Linken stellt Uhse in das Gegenlicht der Geschichte zahlreicher Kämpfe der Arbeiterbewegung. In der revolutionären Lage der Generalstreikbewegung gegen die Ruhrbesetzung 1923 und nach dem gescheiterten „roten Oktober“ 1923 rückt der Ich-Erzähler wiederholt mit einem Zug des „Bundes Oberland“ gegen streikende Arbeiter aus. Die „rote Brut“ soll am 1. Mai 1923 nicht über die Straßen Münchens demonstrieren dürfen: „Unsere Aufgabe sei es, unmöglich zu machen, dass die Thüringer Kommunisten ihren Münchner Genossen zu Hilfe kommen und bewaffnet über die Grenze vordringen.“

Ausgerückt nach Zeulenroda an der thüringischen Landesgrenze bietet sich der „Faschistenbande“, als welche sie von den Arbeitern beschumpfen wird, in diesem Kleinstädtchen kein revolutionärer 1. Mai 1923, sondern biedere sozialdemokratische Gemütlichkeit. Von einem zum Kampf gegen die faschistische Gefahr aufrufenden „Tag des Proletariats“ war keine Rede. Am Straßenrand stehend beobachtet der Ich-Erzähler: „Mit schmetternder Marschmusik wogte [der Festzug] in breiter Kolonne heran, der Arbeiter-Radfahrerbund Solidarität an der Spitze, geschniegelte Jungen in weißen Blusen und weißen Pumphosen, die so aufreizend langsam fahrenden Saalräder mit roten Rosetten geschmückt. Es folgte die Ortsgruppe Zeulenroda der SPD, breitgesichtige Männer mit sonntäglich gewichsten Bärten, die Frauen in billigem Putz, vergeblich um bürgerliche Eleganz bemüht. Die Mitglieder des Arbeiter-Sängerbundes schritten einher mit wippendem Adamsapfel. Dann – geschlossener und kraftbewusst – die Arbeiter verschiedener Betriebe und schließlich die Jugendgruppe, Jungen und Mädel, ohne Schritt durcheinandertrippelnd – eine recht unmilitante Demonstration gegen den Militarismus.“ (Söldner und Soldat 86, 95f.)

Ende der 1920er Jahre sieht Uhse als Itzehoer NS-Lokalredakteur dann aber, dass die Nazi-Partei mitten in der kapitalistischen Weltwirtschaftskrise sowohl in ihrer Hitler-Goebbels-Gruppe als auch in ihrem „linken“ Strasser-Flügel die Bewegung der Kleinbauern, der Landarbeiter oder jene der Erwerbslosen im Stich lässt und bloß sozialdemagogisch verhetzend wirkt. Der Ich-Erzähler des Romans durchschaut den hohlen Sinn der Losungen vom „deutschen Sozialismus“, der an die Stelle des abgeleugneten Klassenkampfs die „Volksgemeinschaft“ setzt. (Söldner und Soldat 215f.)

Nicht zuletzt führt der Umgang der Nazi-Ideologen mit der 1928 einsetzenden schleswig-holsteinischen „Landvolkbewegung“ zum Bruch mit dem Faschismus. Der allgemeine agrarische Preisverfall, zahlreiche nachfolgende Zwangsversteigerungen führen zu rebellisch gewalttätigem Widerstand sowohl der Groß- als auch der Kleinbauern. Ein Steuerstreik wird proklamiert. Bauernrevolten blockieren Delogierungen. Die Bauernkriege von 1525 stehen im Raum. Viele Widersprüche spalten die Landbewegung, so wenn die Landarbeiter höhere Löhne fordern, während die großagrarische Dorfbourgeoisie umgekehrt sogar die „Abschaffung der Soziallasten“ einklagt. Nur zu oft ist sie von reaktionär archaischen, auch „rassischen“ Vorstellungen durchzogen. (Söldner und Soldat 260f.)

Über den Umweg seines „Ich-Erzählers“ erinnert Uhse im französischen Exil an den im September 1933 im Untersuchungsgefängnis Moabit ermordeten kommunistischen Reichstagsabgeordneten Ernst Putz, der ein Hilfsprogramm für die verelendete Kleinbauernschaft formuliert hatte und in diesem Weg auch ein Bündnis von Bauern, Landproletariat, ländlicher Rebellion, Arbeitslosen und Arbeitern schmieden wollte. (Söldner und Soldat 295–306)

Der noch als NS-Söldner aktive Ich-Erzähler sieht im Mai 1929 den kommunistischen Widerstand gegen eine SA-Veranstaltung im Dithmarscher Dorf Wöhrden. Zwei NS-Anhänger und ein Kommunist starben bei Zusammenstößen, die von der NS-Propaganda als „Blutnacht von Wöhrden“ ausgeschlachtet werden. Vor Gericht standen 13 Kommunisten und nur ein SA-Mann. Der kommunistische Hauptangeklagte Christian Heuck wurde zu drei Jahren Haft verurteilt.

Uhse setzte dem 1934 von SS-Leuten im Strafgefängnis Neumünster ermordeten Reichstagsabgeordneten Christian Heuck in „Söldner und Soldat“ ein literarisches Denkmal. Am Rande einer Nazi-Veranstaltung, die jeden Augenblick in eine Saalschlacht umschlagen kann, sieht der Ich-Erzähler „Heucks von Messerstichen zerhacktes Rebellengesicht“. Aber nicht Heuck selbst, sondern sein Kampfgenosse Karl Upricht antwortet dem SA-Redner, dass der „nationale Sozialismus“ der „Volksgemeinschaft“ und das ganze Gerede vom „schaffenden und raffenden Kapital“ nicht verdecken können, dass die Faschisten demagogische Agenten des Kapitals sind. Die Hitlerbewegung steht für „Angriff auf die Masse, heißt Terror, Lohnraub und Hunger“. Hitler wird einen neuen Krieg vorbereiten. (Söldner und Soldat 183, 244, 264–270)

Christian Heuck organisierte die Arbeitslosen, um die faschistische Demagogie einzudämmen: „Alle Wochen einmal holte Christian Heuck die Erwerbslosen vom Stempelberg, wie das auf der Höhe vor der Stadt gelegene Arbeitsamt genannt wurde. Und zog mit ihnen durch die Straßen. Aus Hungergesichtern brannten die Augen unter der roten Fahne. ‚Hilfe für die Erwerbslosen, Steuern für die Reichen‘, erklang die Losung der Kommunisten und dazwischen immer wieder das drohende ‚Schlagt die Faschisten!‘“ Es gilt die demoralisiert verelendeten Arbeiter vom Überlaufen zur Nazipartei abzuhalten. Immer wieder rufen die Kommunisten in Itzehoe zu Hungermärschen: „‘Hungermarsch!‘, schrien die Plakate der Kommunisten rot von allen Ecken der Stadt. ‚Hungermarsch?‘, hoben die Arbeitslosen auf dem Stempelberg die Achseln in den geflickten Röcken. ‚Hungermarsch!‘ rief Christian Heuck ihnen zu.“

Der Ich-Erzähler verfolgt auch den Konflikt zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten mit. Im Zeichen der Sozialfaschismus-Losung rufen die Itzehoer Kommunisten den Sozialdemokraten „ihr Sozialverräter“ zu. Besonders verhasst sind der sozialdemokratische Innenminister Carl Severing und der Berliner Polizeipräsident Karl Friedrich Zörgiebel, verantwortlich für den Berliner „Blutmai“ 1929 mit über 30 Toten nach brutalen Polizeiexzessen: „‘Severing‘, schrien die Kommunisten im Saal, ‚Bluthund! Zörgiebel!‘“ Die Sozialdemokraten wollten der rechtsautoritär faschistischen Entwicklung in müder reformistischer Tradition entgegentreten: „Die Sozialdemokraten versuchten es mit der alten Routine zu schaffen.“ (Söldner und Soldat 223f., 235, 242, 262)

Nach der Begegnung mit Kommunisten wie Christian Heuck oder Ernst Putz bricht der Ich-Erzähler – und damit auch der Autor Uhse – endgültig mit dem „faschistischen Jakobinertum.“ (Söldner und Soldat 289)[5]

Das Erbe des Sozialismus im Kampf gegen den spanischen Franco-Faschismus und den NS-Faschismus

Die Erinnerung an die Tradition der Arbeiterbewegung ist gerade unter den Bedingungen der faschistischen Terrorherrschaft wichtig. Es muss verhindert werden, dass die Goebbels-Propaganda das Erbe der Arbeiterkämpfe völlig auslöscht. Die 1943 illegal nach Deutschland zurückkehrenden Kommunisten sind über die auch nach Stalingrad noch sehr weitgehende NS-Loyalität schockiert: „Ein Land der Ordnung. Es macht die größten Anstrengungen für die schlechteste Sache der Welt.“[6]

Wo immer sie hinkommen, finden sie die besten Kader ermordet oder verhaftet vor. So meint die Mutter von Maria Holthusen zu ihrer Tochter: „Hamburg ist ein schlechtes Pflaster, besonders dieser Winter war schlimm. Sie haben entsetzlich gewütet unter den Genossen.“ (Die Patrioten 144, 278)

Und Peter Wittkamp, Jahrgang 1902, in Bochum in die Schule gegangen, dann „in den Schacht eingefahren“, kann 1943 in seine Heimatstadt zurückgekehrt nur sehr vorsichtig und zögerlich Verbindungen zu alten Arbeitergenossen aufnehmen. Er weiß nicht, wem er noch vertrauen darf. Die Spaltung von Sozialdemokraten und Kommunisten spielt in dem Moment keine Rolle, wenn er auf einen Gustl Gohrts, einen alten SPD-Genossen trifft: „Er war Sozialdemokrat gewesen und hatte nicht davon gelassen. Peter hatte manche Mühe und manches Wort an ihn verwendet. (…) Dabei hatte er ein freches, gotteslästerliches Maul gehabt und hatte seinen sozialdemokratischen Freunden ganz hübsch die Meinung gesagt, wenn ihm einmal etwas nicht gepasst hatte.“ (Die Patrioten 128–133, 142)

Viele alte politische Fäden sind in den seit 1933 ungezählten Verhaftungswellen längst abgerissen. Wittkamp mustert Gohrts: „Taugt er noch? Wird er noch dienlich sein?“

Die zurückgekehrten Genossen und ihre antifaschistischen Kampfgefährten vor Ort schwanken in der Einschätzung. Von einer Widerstandsfront im Inneren Deutschlands kann keine Rede sein: „Ach, von einer Front war wohl nicht zu reden, es waren nur noch Widerstandsnester, Igelstellungen, Maulwurfsgräben, die sich unter der Oberfläche des so unalltäglichen Alltags hinzogen. Wer wusste schon wo sie entlangführten?“

Die in Deutschland gebliebenen Genossen wissen, dass der NS-Faschismus mit seinen Gewalt- und Propagandamethoden die Arbeiterklasse teils demoralisiert, bestochen und desorganisiert hat. Wo sind die klassenbewussten deutschen Arbeiter? Wittkamp bleibt aber nach der Wiederaufnahme alter Zellenverbindungen optimistisch: „Das ist nur ein kleiner Schritt, aber vorwärts geführt hat er uns. Das Solidaritätsgefühl ist also noch wach bei den Kumpels. Man muss es nur ansprechen.“ (Die Patrioten 148, 220f.)

Und auch ein Hamburger Genosse Hollberger tritt in Uhses „Patrioten“ voller Hoffnung auf. Er setzt auf die kaum sichtbare, passive Resistenz, so wenn sich Arbeiter gegen die verschärfte Akkordhetze wehren: „Die Arbeiter wehren sich auf ihr Art – auch gegen die Akkordarbeit. Passiv ist der Widerstand – aber er richtet sich nicht nur gegen den Betrieb, er gilt auch dem Staat. Frag mal bei Blohm & Voß, ob sie auch schon die neuen Plakate haben: ‚Haltet die Saboteure!‘ Du hättest die Gesichter der Kumpel sehen sollen, als ich in unserer Bude die Dinger ankleben musste.“ Hollberger war sechs Jahre im Konzentrationslager gefangen: „Nach seiner Entlassung war es ihm gelungen, in einer der großen Hamburger Gummifabriken als Wächter unterzukommen.“ (Die Patrioten 328, 360)

Dementsprechend sagt ein Peter Wittkamp bei einem konspirativen Treffen einer kleine Zelle von Bochumer Arbeiterwiderständlern zehn Jahre nach der Niederlage von 1933: „‘… die deutsche Arbeiterklasse lebt noch … sie muss wieder auf die Bühne treten, endlich wieder ihre Rolle übernehmen … und, das wird sie nicht tun, wenn sich ihre Vorhut nicht rührt … wir Kommunisten …‘ Sie lauschten mit schwerem Atem. Sie vernahmen den Ruf.“

Schon Wochen später konnten die Arbeiter auf erste Erfolge in der Widerstandsorganisation blicken: „Ja, man war weiter gekommen seit der Geburtstagsfeier bei Gustl Gohrts. Die Fäden, einzeln wieder aufgenommen – mit der Sammlung, mit dem Appell an die Solidarität, an die Hilfsbereitschaft und das Gefühl des Verbundenseins -, begannen sich zu einem Netz zu vereinigen: Und die Männer, die an diesem Netze spannen, saßen hier in der staubigen Werkstatt [des Genossen] Wotznik beisammen. Sie bildeten also die Leitung, die ‚provisorische Leitung‘, wie Wittkamp immer wieder nachdrücklich betonte.“ (Die Patrioten 219, 301)

Schon im Kampf der Madrider Arbeiter gegen den Franco-Faschismus haben die kommunistischen Emigranten aus Deutschland zusammengefunden. Ihren Weg hat Uhse im „Leutnant Bertram“ gestaltet: „Fleming hatte in der Kaserne der SA geschwiegen, als sie ihm mit glühenden Draht das Zahnfleisch weggebrannt hatten. Walter Remscheid und sein Freund Heini Gottwald waren alte Soldaten und hatten später am Ruhraufstand teilgenommen. Sie hatten im selben Konzentrationslager gesessen.“

Die Erinnerung an die Arbeiteraufstände nach 1918 dient der moralischen Stärkung. Denken die einen an die Rote Ruhrarmee von 1920, so der Interbrigadist Georg 1937 in einer Stellung vor Madrid an die Verteidigung der Münchner Räterepublik im Frühjahr 1919: „Mit genau der gleichen Spannung, so erinnerte er sich jetzt, hatte er vor vielen Jahren auf den Lärm der Stadt München in seinem Rücken gehorcht, als er mit den Vorposten der Roten Garden die erste deutsche Räterepublik gegen die Eisernen Divisionen des Generals Epp verteidigt hatte.“ (Leutnant Bertram 346, 355)

Auch im Frühjahr 1937, in den Wochen des Streits, ob der Kampf gegen den Faschismus neben der militärischen Auseinandersetzung auch als soziale Revolution, etwa als Kollektivierung der adeligen Latifundien, fortzuführen ist, also in der Phase der eskalierenden Widersprüche in den Reihen der spanischen Republik, des Konflikts zwischen Sozialdemokraten, Kommunisten auf der einen Seite und sozialradikalen Syndikalisten anderseits, sind die Arbeiterschlachten von Berlin, München, jene an der Ruhr, in Leuna oder Hamburg in den Jahren 1919 bis 1923 allgegenwärtig. Der Offizier Sommerwand spricht zu einem ebenfalls aus Deutschland zu den Interbrigaden geflüchteten Arzt: „Es ist heute ein Fluch Deutscher zu sein. Wir kriegen das überall zu spüren. Selbst hier, wo wir doch mitkämpfen – und gewiss nicht als die schlechtesten -, selbst hier kriegen wir es zu fühlen. (…) Wir haben uns doch gewehrt, Georg und du, Walter und Fleming. Ihr ward doch dabei! Du in München, Georg und Walter im Ruhrgebiet und Fleming in Hamburg und ich selber in Berlin. 1918 und 1919, jedes Jahr, das ich euch nenne, war doch ein Kampfjahr 1920 und 1921 und 1923.“ (Leutnant Bertram 528)

Alle drei Protagonisten von Uhses Roman „Die Patrioten“ verkörpern in eigener Person und Familiengeschichte die Vergangenheit der sozialistischen Arbeiterklasse. Maria Holthusen setzt die sozialistische Linie ihrer Familie fort. Ihr 1883 geborener Vater Michael Holthusen, Hamburger Werftarbeiter, hatte im Jänner 1919 auf Seite der Spartakisten gekämpft, „in den Tagen der unglücklichen Empörung, die zur ersten schweren Belastungsprobe der gerade erst gegründeten kommunistischen Partei geworden war und sie um ihren besten Kopf und ihr tapferstes Herz gebracht hatte: um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.“

Nach dem „Roten Oktober 1923“, dem Hamburger Arbeiteraufstand, ging Michael Holthusen erstmals ins Gefängnis. Bei ihrer weiterhin zum antifaschistischen Kampf entschlossenen Mutter Luise findet Maria 1943 – soeben illegal per Fallschirmabsprung aus der Sowjetunion nach Hamburg zurückgekehrt – Erinnerungen an den 1937 hingerichteten Vater: „Darauf fand sie ein vergilbtes Zeitungsblatt, in den gefalteten Stellen schon eingerissen, mit dem rot angestrichenen Bericht über den ersten im Jahre 1924 gegen den Vater geführten Prozess, in dem er zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden war.“

Marias Mann Walter Behrsig war „nach kaum zweijähriger Ehe in Spanien als Kommissar der 11. Internationalen Brigade“ gefallen. Schon in den ersten Kämpfen vor Madrid hatte ihn im Dezember 1936 „der Natterbiss eines Explosivgeschosses“ getötet.

Noch in Moskau denkt Maria nach dem Sieg von Stalingrad und kurz vor dem Absprung über Deutschland an die letzten Proteste gegen Hitlers „Machtübernahme“: Sie „spürte den grimmigen Frost des späten Januartages 1933, an dem die Arbeiter Berlins zum letzten Male in den grauen Straßen ihrer Stadt aufmarschiert waren. Damals hatte sie, frierend, im Zug der Hunderttausend und aus voller Kehle singend, den Schatten der kommenden Niederlage in ihrem Herzen gespürt.“ (Die Patrioten 21–23, 97, 281)

Helmut Wiegler, der 1943 in Berlin eine illegale Sendestation aufbaut, wird vor dem Absprung über Deutschland von seinen in der Moskauer Emigration lebenden Eltern verabschiedet. Auch der alte Georg Wiegler war am „Spartakusaufstand“ von 1919 beteiligt. (Die Patrioten 389)

Für die Bochumer Genossen wiederum ist der zurückgekehrte Peter Wittkamp ein Stück Geschichte zahlreicher eigener sozialer Klassenkämpfe: „Der alte Peter Wittkamp war zurückgekehrt, den man von früher her kannte, aus den Jahren zwanzig und einundzwanzig und dreiundzwanzig, der Freund, der Genosse, der Kommunist. (…) Der Peter Wittkamp ist zurück, und das hieß doch: die Partei ist wieder da. So lange hatte sie gefehlt, nachdem eines Tages die letzten Fäden zerrissen worden waren, im Herbst achtunddreißig, mit der Verhaftung von Mittermann und Sobottnik und ihrem ganzen Kreis. Küppers, der damals erst zwei Jahre zuvor aus dem Konzentrationslager entlassen worden war, hatte Glück gehabt, dass man ihn nicht wieder abgeholt hatte. Dann war es gewissermaßen still geworden.“ (Die Patrioten 141f.)

Wenn die Bochumer ihre Untergrundorganisation im Frühjahr 1943 in andere Städte des Ruhrgebiets – nach Essen, Herne, Barmen oder Dortmund – ausdehnen wollen, dann haben sie die Rote Ruhr von 1920 vor Augen: „Ja, das war es wohl, wovon er geträumt hatte in den untätigen Stunden beim mahnenden, harten Ticktack der handgeschnitzten Schwarzwälder Kuckucksuhr [im Zimmer eines alten Bergarbeitergenossen]: die Kumpel des Ruhrgebiets zu sammeln, sie in der Stille zu einigen für den Kampf gegen Hitler, gegen die Herren von Kohle und Eisen. Eines Tages dann würde man die rote Fahne erheben, wie man sie 1920 erhoben hatte: die rote Armee an der Ruhr.“ (Die Patrioten 304)[7]

Ein Genosse erinnert an den Ruhrkampf gegen den brutal konterrevolutionären General Watter im Frühjahr 1920, der nun ein knappes Vierteljahrhundert später unter anderen Voraussetzungen gegen das NS-Regime fortzusetzen ist: „Erinnerst du dich noch an das Jahr 1920? (…) Noch heute sehe ich den Steinbruch vor mir, in dem wir lagen. Unter uns der Verbandsplatz. Wir hockten oben mit Karabinern und Maschinengewehren, und wir dachten, uns kriegt keiner von dort weg. Aber der General Watter brachte Feldgeschütze, und dann platzten die Schrapnells über unseren Köpfen.“ (Die Patrioten 449)

Immer wieder sprechen die Bochumer Genossen über die revolutionären Kämpfe nach 1918: „Wie jung war man gewesen im unruhigen Deutschland der schweren Nachkriegsjahre, als die Hoffnungen auf die Revolution so wach waren, dass man glaubte, jeder Streik könne den Ausschlag geben, jede Demonstration den Anstoß geben; und Räte-Deutschland war das Ziel gewesen, als die Rote Armee sich in Waffen erhoben hatte. Kampf und Niederlage. Man war dabei gewesen. Man war dabei gewesen, als es galt, im Roten Frontkämpferbund den braunen Bataillonen Hitlers zu widerstehen.“ Man hat als Bergarbeiter am Aufbau der Sowjetunion teilgenommen, vor den Toren Madrids und an den Ufern des Ebro gekämpft. (Die Patrioten 733f.)

Maria Holthusen soll mit Hamburger Illegalen den alten Genossen Thomas Westfal aus dem Konzentrationslager befreien, da dieser wegen seines „bedeutenden theoretischen Wissens“, seiner „großen Erfahrung und besonderen Festigkeit des Charakters“ für die Untergrund-KP von höchster Bedeutung ist. (Die Patrioten 146)

In Hamburg erhält Maria kaum Nachrichten. Schlussendlich gelingt es ihr mit Bruno Dittmar einen erprobten Kadersoldaten der KPD zu treffen. Bei einem Zusammentreffen am Hafen haben selbst ein paar unverbindliche Worte über Leningrad oder Paris ähnelnde Naturschönheiten eine politische Ebene. Es ist in der Vereinzelung mitten im faschistischen Deutschland die Erinnerung an das revolutionäre Paris von 1789 und 1871, und an die Oktoberrevolution von 1917: „Aber davon wollte ich eigentlich nicht reden, es gibt auch eine Verwandtschaft des Schicksals. Paris, das ist siebzehnhundertneunundachtzig und die Kommune. Leningrad, das ist Februar und der Große Oktober, Leningrad …“ (Die Patrioten 366f.)

Thomas Westfal wird mit Zwangsarbeitern zu schweren Außenarbeiten eingesetzt. Im Rahmen dieser Arbeiten kann er zumindest vorläufig befreit werden. Westfals weiteres Schicksal und auch das aller anderen Widerstandskämpfer bleibt in Uhses Roman schattenhaft offen. Kurz vor seiner Befreiung klagt Westfal einem Mitgefangenen, dass er, der „in den Kämpfen der deutschen Arbeiterklasse mancherlei Gefahren durchlebt“ hatte, von den Faschisten zu einem Wrack zusammengeschlagen worden ist. Gerade in dieser Situation eines selbst 1943 noch übermächtigen NS-Regimes erinnert er seinen Genossen mit Marx, Engels und Lenin an die schwierigen Perioden in der Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung, etwa an die Niederlage der Pariser Kommune von 1871 und an die besiegte russische Revolution von 1905. Er zitiert aus dem Kopf einen bekannten Brief von Marx an seinen Freund Ludwig Kugelmann vom 17. April 1871, den Lenin 1907 seinerseits den pessimistischen Liquidatoren in der russischen Sozialdemokratie entgegenhalten sollte: „Die ganze Nacht habe ich wach gelegen. Jetzt weiß ich endlich woher das Zitat stammt. Es steht in einem der Briefe von Marx an Kugelmann über die Pariser Kommune: Wenn ich mich recht erinnere, so lautet es folgendermaßen … warte: ‚Die Weltgeschichte wäre [allerdings] bequem zu machen, wenn der Kampf nur unter der Bedingung unfehlbar günstiger Chancen aufgenommen würde.‘ Langsam wiederholte er den Satz noch einmal. (…) Lenin zitiert den Satz in seinem Vorwort zu den Briefen. Sie erschienen nach neunzehnhundertfünf in Russland. Welch ein Optimismus lag darin! Und Lenin schrieb dazu – das Ganze geht gegen Plechanow, musst du wissen, den die Niederlage von neunzehnhundertfünf gebrochen hatte -, dass ein verzweifelter Kampf der Massen auch für eine aussichtslose Sache notwendig sein kann. – Man muss sich damit beschäftigen … für die Gegenwart …!“ (Die Patrioten 537, 552)[8]


[1] So der Kommunist Thomas Westfal 1943 in Bodo Uhses Roman „Die Patrioten“, 537. Benützte Uhse-Ausgaben: 1) Bodo Uhse: Söldner und Soldat – Wir Söhne (Gesammelte Werke in Einzelausgaben 1), Aufbau-Verlag, Berlin 1974. 2) Bodo Uhse: Leutnant Bertram. Roman. (Gesammelte Werke in Einzelausgaben 2), Aufbau-Verlag, Berlin 1974. 3) Bodo Uhse: Die Patrioten. Roman. Erstes Buch: Abschied und Heimkehr. Fragment des zweiten Buches. (Gesammelte Werke in Einzelausgaben 3), Aufbau-Verlag, Berlin 1975.

[1] Vgl. Klaus Walther: Bodo Uhse. Leben und Werk, Dresden 1984 und Klaus Walther: Bodo Uhse, in: Literatur in der Deutschen Demokratischen Republik 2, Berlin 1979, 354–365.

[2] Vgl. zur Spaltung der reformistischen und revolutionären Arbeiterbewegung in der Novemberrevolution von 1918 Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 3. Von 1917 bis 1923, hrg. vom Institut für Marxismus-Leninismus, Berlin 1966, 99–111.

[3] Zu Heinrich Manns Zola-Essay, der als Kritik an der Kriegseuphorie deutscher Intellektueller zu lesen war, und folglich u.a. Thomas Manns polemische Gegenwehr in Form der „Betrachtungen eines Unpolitischen“ auslöste, vgl. den kritischen Apparat zu Heinrich Mann: Essays und Publizistik. Band 2. Oktober 1904 bis Oktober 1918. (Kritische Gesamtausgabe), Bielefeld 2012, 603–614.

[4] Zur Hölderlin-Rezeption Ernst Bloch: Zum Hölderlin-Gedenktag 1970, in derselbe: Politische Messungen. Pestzeit, Vormärz. (Gesamtausgabe 11), Frankfurt 1970, 475–478: „So den späten Jakobiner Hölderlin betreffend und vielleicht auch den großen Naturdichter, der von allem Blut und Boden weit entfernt ist.“

[5] Über den linken Flügel der schleswig-holsteinischen Bauernbewegung und die kommunistische Bündnispolitik vgl. Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 4. Von 1924 bis Januar 1933, hrg. vom Institut für Marxismus-Leninismus, Berlin 1966, 295f., 315.

[6] U.a.m. stellte auch Bertolt Brecht 1944/45 die Frage, wo die klassenbewusste deutsche Arbeiterklasse bleibt. Im Wissen um ein vom NS-Terror „geschwächtes Proletariat“ trug Brecht im Herbst 1944 in sein Arbeitsjournal ein: „Die Ungeduld der Linken mit den deutschen Arbeitern ist begreiflich!“ Am 28. Jänner 1945 notiert Brecht im amerikanischen Exil: „Immer noch nichts aus Oberschlesien über die Haltung der Arbeiter.“ (Bertolt Brecht: Journale 2. (Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe 27), Berlin 1991, 203, 219)

[7] Vgl. Erhard Lucas: Die Märzrevolution 1920, 3 Bände, Verlag Roter Stern, Frankfurt 1970–1978.

[8] Vgl. die beiden Kommune-Briefe von Karl Marx an Ludwig Kugelmann vom 12. und (hier!) 17. April 1871, in: Marx-Engels-Werke (MEW) 33, Berlin 1976, 205 und 209 – sowie W.I. Lenin: Vorwort zur russischen Übersetzung der Briefe von Karl Marx an L. Kugelmann (1907), in W.I. Lenin, Werke 12, Berlin 1959, 95–104: Erst hat Georg Plechanow im November 1905 gefordert, die Arbeiter mögen sich bewaffnen, dann nach der Niederlage des Dezemberaufstands gab er den „bußfertigen Intellektuellen“: „Man hätte nicht zu den Waffen greifen sollen!“ Marx hat sich gegenüber der Kommune genau umgekehrt verhalten!

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Bildquelle: Bundesarchiv, Bild 183-26715-0002 / Quaschinsky, Hans-Günter / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en, via Wikimedia Commons
Schlagworte: ArbeiterbewegungBodo UhsesDie PatriotenExilFaschismusGeschichteGoetheHeineHeinrich MannHölderlinKaiserreichKPDKriegLeutnant BertramLiteraturPeter GollerRevolutionSchillerSoldat und SöldnerUhsesWeimarer RepublikWir Söhne

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