Bei einer Kuh aus Kärnten wurde zum ersten Mal die Nutzung von Werkzeugen wissenschaftlich dokumentiert. Die zielgerichtete Nutzung eines Besens zum Kratzen an eigenen Körperstellen wirft neue Fragen über die Tierwelt und unsere Beziehung zu ihr auf.
Nötsch/Villach. Die Beobachtung einer Braunviehkuh aus dem Gailtal in Kärnten hat in der Verhaltensforschung Aufmerksamkeit erregt. Veronika, 13 Jahre alt, nutzt Werkzeuge, um sich gezielt zu kratzen – nicht zufällig, sondern angepasst an Situation und Körperstelle. Die wissenschaftliche Bedeutung liegt weniger in der Handlung selbst als in ihrer Einordnung: Werkzeuggebrauch dieser Art war bislang nur bei sehr wenigen Tierarten dokumentiert, und noch nie bei Kühen.
Besonders auffällig ist dabei, dass das Werkzeug, in diesem Fall ein Besen, auf mehrere unterschiedliche Arten benutzt wird. So werden die Borsten des Besens von Veronika in großflächigen Schwungbewegungen zum Kratzen benutzt. Doch bei empfindlicheren Stellen, wie dem Bauch und Euter, legt Veronika den Besen ab, hebt ihn andersherum wieder auf und kratzt die entsprechende Stelle durch vorsichtige Stoßbewegungen mit dem Besenstiel. Das ein Werkzeug auf mehrere Arten benutzt wird ist im Tierreich bisher nur bei Schimpansen beobachtet worden.
Der Befund wirft grundlegende Fragen zur Einschätzung tierischer Fähigkeiten auf. Kühe gelten gemeinhin als wenig lern- oder problemlösungsfähig. Die Beobachtungen rund um Veronika legen nahe, dass diese Annahme eher kulturell geprägt ist als empirisch begründet.
Ein Blick zurück: Engels und die Entwicklung des Menschen
In seiner Schrift „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ beschreibt Friedrich Engels die Entwicklung des Menschen als historischen Prozess. Werkzeuggebrauch, Lernen und soziale Praxis markieren bei ihm keine absolute Trennlinie zwischen Mensch und Tier, sondern eine graduelle Differenz. Fähigkeiten entstehen in Wechselwirkung mit Umwelt und Erfahrung.
Vor diesem Hintergrund erscheint das Verhalten der Kuh weniger außergewöhnlich, als es zunächst wirkt. Es bestätigt die Annahme, dass kognitive Leistungen nicht strikt an Artgrenzen gebunden sind, sondern unter geeigneten Bedingungen sichtbar werden können.
Konsequenzen für die Tierethik
Die Erkenntnis hat potentiell auch eine ethische Dimension. In der Landwirtschaft werden Tiere überwiegend unter dem Gesichtspunkt ihrer Nutzleistung betrachtet. Individuelle Verhaltensweisen oder Lernprozesse bleiben dabei meist unbeachtet. Dass kognitive Fähigkeiten unter solchen Bedingungen kaum erforscht oder wahrgenommen werden, ist naheliegend. Anders sei dies bei Veronika, die von ihrem Besitzer nicht mehr zur Milch- oder Fleischproduktion gehalten werde, sondern eher wie ein Haustier behandelt würde. Unter solchen Voraussetzungen könnte sich Intelligenz besser entwickeln und auffallen.
Eine sachliche Tierethik muss daraus keine Gleichsetzung von Mensch und Tier ableiten. Sie legt jedoch nahe, Tiere nicht ausschließlich als passive Objekte zu betrachten, sondern als Lebewesen mit eigenen Handlungsspielräumen. Engels’ dialektisch-materialistischer Ansatz bietet dafür einen nüchternen Bezugsrahmen, der dabei hilft, romantisch-idealistische Überhöhungen ebenso zu vermeiden wie mechanistische Reduktionen.
Ein vorsichtiges Fazit
Der Fall Veronika sollte nicht als einfache, kontextlose Sensation interpretiert werden, sondern als ein Hinweis darauf, dass verbreitete Vorstellungen über Tierverhalten überprüft werden sollten. Er zeigt, wie stark Wahrnehmung von Gewohnheit geprägt ist, und dass wissenschaftliche Beobachtung bestehende Grenzziehungen gelegentlich korrigieren muss.


















































































