Linz. Die Auseinandersetzung in der Chemieindustrie spitzt sich weiter zu. Einen Tag vor der achten Verhandlungsrunde zum Kollektivvertrag kam es erneut zu Streikmaßnahmen, unter anderem bei Aurorium, Nufarm, Thermo Fisher Scientific und Borouge International im Chemiepark Linz. Die Beschäftigten machten damit deutlich, dass sie nicht bereit sind, die Provokationen der Unternehmerseite kampflos hinzunehmen.
Die Gewerkschaft fordert weiterhin drei Prozent mehr Lohn. Die Arbeitgeber bieten hingegen entweder eine Erhöhung von lediglich 0,5 Prozent plus Einmalzahlung oder zwei Prozent erst ab Oktober 2026 an. Angesichts der Preissteigerungen und der anhaltenden Belastungen für die Beschäftigten ist dieses Angebot nichts anderes als ein Angriff auf die Reallöhne.
Dass die Unternehmerverbände gleichzeitig die Rechtmäßigkeit der Streikmaßnahmen infrage stellen, zeigt erneut, worum es in dieser Auseinandersetzung tatsächlich geht. Bereits in unserem letzten Artikel zur Situation im Chemiepark Linz haben wir darauf hingewiesen, dass hier versucht wird, einen Präzedenzfall gegen gewerkschaftliche Kampfrechte zu schaffen. Genau diese Entwicklung bestätigt sich nun weiter.
Der Fachverband der Chemischen Industrie argumentiert mit der sogenannten „Friedenspflicht“ und droht indirekt weiter mit rechtlichen Konsequenzen. Dahinter steckt der Versuch, Streiks grundsätzlich zu delegitimieren und die Arbeiterklasse einzuschüchtern. Denn ein Streik, der keinen wirtschaftlichen Schaden verursacht, wäre für die Unternehmerseite völlig ungefährlich. Genau deshalb richtet sich die Empörung der Konzerne nicht gegen „Unverhältnismäßigkeit“, sondern gegen die Tatsache, dass die Beschäftigten ihre tatsächliche Macht sichtbar machen.
Besonders entlarvend ist dabei der Verweis der Unternehmer auf Deutschland, wo in der Chemiebranche für 2026 eine Nulllohnrunde vereinbart wurde. Die Botschaft ist eindeutig: Weil anderswo bereits Verschlechterungen akzeptiert wurden, sollen nun auch die Beschäftigten in Österreich auf Einkommen verzichten und Reallohnverluste hinnehmen.
Der internationale Konkurrenzkampf des Kapitals wird damit direkt auf dem Rücken der Arbeiterklasse ausgetragen. Immer wieder wird behauptet, höhere Löhne würden die „Wettbewerbsfähigkeit“ gefährden. Gemeint ist in Wahrheit, dass Profite gesichert werden sollen, während die Beschäftigten die Krisenlasten tragen.
Die chemische Industrie umfasst in Österreich rund 230 Unternehmen und produziert unter anderem Pharmazeutika, Kunststoffe, Lacke und Düngemittel. Es handelt sich also um eine wirtschaftlich bedeutende Branche. Trotzdem sollen die Beschäftigten mit Almosen abgespeist werden, obwohl ohne ihre Arbeit kein Betrieb läuft und kein Profit erwirtschaftet wird.
Sobald Beschäftigte ihre Interessen entschlossen verteidigen, reagieren Unternehmerverbände mit Drohungen, Angriffen auf Streikrechte und Forderungen nach Disziplinierung. Die Interessen von Kapital und Arbeit sind eben nicht vereinbar. Während die Beschäftigten höhere Löhne und bessere Lebensbedingungen brauchen, versucht das Kapital, Löhne zu drücken und Kosten zu senken.
Gerade deshalb kommt den aktuellen Streiks eine Bedeutung weit über die Chemieindustrie hinaus zu. Es geht um die Verteidigung von Reallöhnen, gewerkschaftlichen Kampfrechten und letztlich um die Frage, ob die Arbeiterklasse bereit ist, weitere Angriffe hinzunehmen oder kollektiv Widerstand zu organisieren.
Die Beschäftigten im Chemiepark Linz zeigen derzeit, dass Widerstand möglich ist. Die Antwort auf die verschärften Angriffe des Kapitals kann nicht Anpassung oder Sozialpartnerschaftsillusion sein, sondern nur organisierter Klassenkampf.
Quelle: ORF



















































































