Linz. In Oberösterreich betrug die durchschnittliche Krankenstandsdauer im vergangenen Jahr 15,4 Tage und lag damit über dem österreichischen Durchschnitt von 14,7 Tagen. Doch diese Zahl erzählt nur einen Teil der Wirklichkeit. Denn laut Arbeiterkammer Oberösterreich gehen fast drei Viertel der unselbstständig Beschäftigten auch dann zur Arbeit, wenn sie krank sind.
Dieses Phänomen hat einen Namen: Präsentismus. Gemeint ist, dass Menschen trotz Krankheit arbeiten. Was in der Sprache der Arbeitspsychologie nüchtern klingt, ist in Wahrheit ein Ausdruck der kapitalistischen Arbeitswelt: Menschen schleppen sich krank in den Betrieb, ins Büro, in den Handel, in die Pflege, in die Logistik oder in die Verwaltung, weil sie Druck verspüren, weil Arbeit liegen bleibt, weil Kolleginnen und Kollegen ohnehin überlastet sind oder weil sie Angst vor Konsequenzen haben.
Pflichtgefühl unter falschen Bedingungen
Besonders betroffen sind Frauen und junge Beschäftigte. Von den jungen Frauen zwischen 16 und 25 Jahren haben laut AK-Studie 93 Prozent in den vergangenen sechs Monaten trotz Krankheit gearbeitet. Als Hauptgrund nennen viele das Pflichtgefühl gegenüber der Kollegenschaft. Man wolle die anderen nicht hängen lassen. Vier von zehn Befragten befürchten, dass die Arbeit sonst liegen bleibt.
Dieses Pflichtgefühl ist menschlich verständlich. Es zeigt Solidarität im unmittelbaren Arbeitsalltag. Doch genau dieses solidarische Verantwortungsgefühl wird im Kapitalismus gegen die Beschäftigten gewendet. Wenn zu wenig Personal vorhanden ist, wenn Arbeit zu dicht organisiert wird, wenn Ausfälle sofort Druck auf andere Kolleginnen und Kollegen erzeugen, dann wird Krankheit zur moralischen Belastung.
Wer krank ist, fragt sich nicht zuerst: Was brauche ich, um gesund zu werden? Sondern: Wen belaste ich, wenn ich ausfalle? Das ist keine gesunde Arbeitskultur. Das ist organisierte Erpressung durch Arbeitsverdichtung.
Angst als Disziplinierungsinstrument
Neben Pflichtgefühl spielt auch Angst eine Rolle. Beschäftigte fürchten Ermahnungen, Unmut von Vorgesetzten, Nachteile beim beruflichen Fortkommen oder sogar den Verlust des Arbeitsplatzes. Fast zehn Prozent der Befragten haben laut AK Angst vor solchen Konsequenzen. 13 Prozent befürchten ein schlechteres Klima in der Kollegenschaft.
Diese Zahlen zeigen, dass Krankheit im Kapitalismus nie nur eine medizinische Frage ist. Krankheit ist auch eine Frage von Macht. Wer seine Arbeitskraft verkaufen muss, ist abhängig vom Arbeitsplatz, vom Lohn, von Vorgesetzten, von Dienstplänen und Bewertungen. Deshalb gehen Menschen nicht nur aus Loyalität krank arbeiten, sondern auch aus Furcht.
Der Kapitalismus nennt das Eigenverantwortung. In Wahrheit ist es Klassenabhängigkeit. Wer krank ist, aber arbeiten geht, weil er oder sie sonst Nachteile befürchtet, handelt nicht frei. Er oder sie handelt unter Druck.
Krankenstand als Kostenfrage
Die Reaktion der Wirtschaftskammer Oberösterreich macht den Klassencharakter der Debatte besonders deutlich. Zwar heißt es, wer krank und arbeitsunfähig sei, solle sich auskurieren und zu Hause bleiben. Im nächsten Atemzug wird jedoch betont, jede ungerechtfertigte Inanspruchnahme eines Krankenstandes belaste Unternehmen mit hohen Kosten.
Damit ist die Stoßrichtung klar. Krankheit wird sofort durch die Brille der Unternehmenskosten betrachtet. Nicht die Frage steht im Zentrum, warum so viele Beschäftigte krank arbeiten. Nicht die Frage, welche Arbeitsbedingungen krank machen. Nicht die Frage, warum junge Frauen in so hohem Ausmaß Präsentismus erleben. Sondern die Sorge, Krankenstände könnten Unternehmen belasten.
Das ist die Logik des Kapitals: Gesundheit ist wünschenswert, solange sie der Produktivität dient. Krankheit ist problematisch, sobald sie Kosten verursacht.
Gleiche Interessen gibt es nicht
Die Wirtschaftskammer betont, Arbeitgeber und Arbeitnehmer würden letztlich dasselbe Ziel verfolgen: möglichst viele gesunde Menschen in Beschäftigung. Das klingt versöhnlich, verschleiert aber den grundlegenden Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit.
Beschäftigte wollen gesund bleiben, weil es um ihr Leben, ihre Familie, ihre Zukunft und ihre körperliche wie psychische Unversehrtheit geht. Unternehmen wollen gesunde Beschäftigte, weil nur arbeitsfähige Menschen verwertet werden können. Das ist nicht dasselbe Interesse. Es berührt sich nur dort, wo die Arbeitskraft funktionstüchtig bleibt.
Im Kapitalismus ist die Arbeitskraft eine Ware. Ihre Gesundheit ist für das Kapital vor allem deshalb relevant, weil sie produktiv eingesetzt werden soll. Wird sie krank, entstehen Kosten, Ausfälle und organisatorische Probleme. Für die Arbeiterinnen und Arbeiter dagegen ist Gesundheit keine betriebswirtschaftliche Kategorie, sondern eine Lebensfrage.
Wer krank arbeitet, schützt nicht seine Kolleginnen und Kollegen
Besonders hohe Krankenstandszahlen gibt es laut den Angaben bei Leiharbeitern, Lieferdiensten und Beschäftigten in der öffentlichen Verwaltung. Bei Leiharbeitern und Lieferdiensten zeigt sich ein besonders harter Teil der Arbeitswelt: unsichere Beschäftigung, hoher Druck, geringe Planbarkeit, körperliche Belastung und schwache betriebliche Absicherung.
Gerade in solchen Bereichen ist Präsentismus besonders gefährlich. Wer krank Pakete ausliefert, Maschinen bedient, in der Küche steht, ältere Menschen betreut oder im Verkauf arbeitet, gefährdet nicht nur die eigene Gesundheit, sondern oft auch andere. Doch der Kapitalismus zwingt Beschäftigte immer wieder dazu, Risiken einzugehen, weil Ausfall, Einkommensverlust oder Druck schwerer wiegen als Erholung.
Die Arbeiterklasse hält den Betrieb am Laufen. Doch sie darf sich nicht dafür verantwortlich machen lassen, dass der Betrieb ohne ihre Selbstausbeutung nicht funktioniert. Wenn Arbeit liegen bleibt, weil jemand krank ist, dann liegt das nicht an der kranken Person. Es liegt an zu wenig Personal, zu hoher Arbeitsdichte und einer Organisation, die Ausfälle nicht auffangen kann.
Gesundheit statt Verwertung
Eine klassenbewusste Antwort auf Präsentismus muss daher über Appelle hinausgehen. Es reicht nicht, Beschäftigten zu sagen, sie sollen krank zu Hause bleiben, wenn die Arbeitsrealität sie täglich in die entgegengesetzte Richtung drängt. Notwendig sind bessere Personalschlüssel, mehr Personal, kürzere Arbeitszeiten, sichere Beschäftigung, Schutz vor Druck durch Vorgesetzte, eine starke betriebliche Interessensvertretung, konsequente Kontrolle von Arbeitsbedingungen und eine Kultur, in der Krankheit nicht als Verrat an der Kollegenschaft gilt.
Vor allem aber muss die Logik umgedreht werden. Nicht der Mensch hat sich an den Betrieb anzupassen. Der Betrieb hat so organisiert zu sein, dass Menschen gesund bleiben können. Eine Gesellschaft, die ihre Beschäftigten krank zur Arbeit treibt, ist keine leistungsfähige Gesellschaft. Sie ist eine ausbeuterische.
Der Kapitalismus behandelt Krankheit als Störung im Verwertungsprozess. Eine sozialistische Perspektive stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Gesundheit, Erholung, soziale Sicherheit und würdige Arbeitsbedingungen wären dann keine Kostenfaktoren, sondern gesellschaftliche Aufgaben.
Quelle: ORF
Bildquelle: Foto von Gustavo Fring




















































































