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Home Feuilleton Geschichte

Post-Jugoslawien: Das Gift des Nationalismus

8. Juli 2026
in Geschichte
Post-Jugoslawien: Das Gift des Nationalismus

Den nachfolgenden Gastbeitrag hat uns ein Kollege aus der österreichischen Arbeiterklasse geschickt, dessen familiäre Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien liegen. Er schildert – vor allem anhand von Bosnien-Herzegowina – wie der Alltag der Menschen von nationalistischen und rassistischen Absurditäten und Ungerechtigkeiten geprägt wird. Allgegenwärtiger Geschichtsrevisionismus macht Verbrecher zu Helden, während das antifaschistische und sozialistisch-kommunistische Erbe ausgelöscht werden sollen.

„Ich bin das Oberhaupt eines Landes mit zwei verschiedenen Schriftarten, drei Sprachen, vier Glaubensrichtungen, fünf Nationalitäten, sechs Republiken, umgeben von sieben Nachbarstaaten und acht Minderheiten im eigenen Land“ – so sprach der ehemalige Marschall der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, Josip Broz, genannt Tito. Jugoslawien als solches existiert seit dem Zerfall Anfang der 90er des letzten Jahrhunderts nicht mehr. Am Inhalt seiner Aussage hat sich aber für fast jede einzelne der ehemaligen Teilrepubliken bis in die Gegenwart wenig bis nichts geändert.

Einige Republiken des ehemaligen Staatenbundes sind Teil der EU und/oder NATO geworden, wenige andere wie Montenegro oder Bosnien und Herzegowina sind Anwärter auf eine EU-Mitgliedschaft. Der zu jedem Beitritt versprochene Fortschritt blieb und bleibt insbesondere in gesellschaftlicher Hinsicht jedoch sehr oft aus. Minderheiten sowie nicht von der Verfassung erfasste Volksgruppen wie zum Beispiel die Roma werden aktiv aus dem alltäglichen Leben ausgeblendet oder gar direkt unterdrückt. An der bosnischen Innenpolitik Interessierte wird das Rechtsurteil „Sejdic-Finci“ aus dem Jahr 2009, benannt nach dem bosnischen Roma Dervo Sejdic und dem bosnischen Juden Jakob Finci, ein Begriff sein. Die zwei genannten Herren unternahmen rechtliche Schritte gegen unterdrückende Inhalte gegenüber Minderheiten in der bosnischen Verfassung – und bekamen per Gerichtsurteil Recht. An der Implementierung in das bosnisch-herzegowinische Rechtssystem hat sich bis dato aber wenig getan, denn die politischen Anführer der drei in der Verfassung genannten Volksgruppen der Bosniaken, Kroaten und Serben, versuchen das Rechtsurteil zu Gunsten ihrer eigenen Interessen auszulegen.

Beim Thema Schriftarten, der lateinischen und kyrillischen, tun sich wiederholt nationalistische Abgründe auf. Werden in Kroatien in wieder mehrheitlich von Serben bewohnten Gebieten Ortstafeln in kyrillisch aufgestellt, so sind diese spätestens am nächsten Tag abgetragen. Im serbischen Teil Bosnien und Herzegowinas, der Republika Srpska, findet man dafür Orts- und Straßenschilder hauptsächlich nur in kyrillischer Schrift, während in der anderen Hälfte des Landes sowohl in kroatischen als auch in bosniakischen Gebieten die kyrillischen Hälften der Straßenschilder immer wieder übermalt werden.

Sprachenabsurdität: Wie ein Sketch von Monty Python

Die Sprachen selbst erfahren in Bosnien ein Level an Absurdität, das mehr an einen Sketch von Monty Python erinnert als an irgendeine Form von Staatlichkeit. Werden beispielsweise Warnhinweise auf Zigarettenpackungen in drei Sprachen verfasst, so stehen wortwörtlich drei gleiche Sätze auf einer Packung, zweimal in lateinischer, einmal in kyrillischer Schrift – wortgleich, Buchstabe für Buchstabe, ja nicht einmal ein grammatikalischer Unterschied existiert. Denn die Serben, Kroaten und Bosniaken innerhalb Bosniens sprechen – wenn es nach ihnen selbst geht – drei unterschiedliche Sprachen: Serbisch, Kroatisch und Bosnisch. Dieser Irrsinn findet in jedem einzelnen Segment des täglichen Lebens statt. Bosnische TV-Sendungen werden zum Teil für die kroatischen Zuseher mit Untertitel versehen. Man stelle sich vor, eine deutsche Nachrichtensendung auf ARD bräuchte für Österreich Untertitel, weil die Menschen behaupten würden, das Deutsch der Deutschen nicht zu verstehen.

Und genau in solchen Kleinigkeiten zeichnet sich die Tragödie aller Republiken und Staaten gleichermaßen aus: man ist nicht gewillt, einen Staat, in dem alle Bürgerinnen und Bürger, mit denselben Rechten und Pflichten wie alle anderen auch, tatsächlich zu akzeptieren. Ein ethnisch reiner Staat wäre auch am Balkan der absolute Traum eines jeden Nationalisten. Die Verfassungen einzelner Staaten sehen dies natürlich bis zu einem gewissen Grad vor. Auf die Verfassung und das politische System Bosnien und Herzegowinas kann in einem relativ kurzen Text nicht ohne vollständige Wiedergabe tiefer eingegangen werden, denn es zählt als das komplizierteste Staatsystem weltweit. Was aber sehr wohl gesagt werden kann, ist, dass gerade in dem Staat, der als Austragungsort für den antifaschistischen Widerstand von 1941 bis 1945 am wichtigsten war, jegliche Diskriminierung und Unterdrückung, von allen Seiten, mehr als nur ein Schlag ins Gesicht der erbrachten Opfer aller Völker ist. Und an dieser Diskriminierung beteiligen sich mittlerweile sowohl Täter als auch Opfer vergangener Konflikte gleichermaßen.

Die Staatlichkeit Bosnien und Herzegowinas fand gerade während dem antifaschistischen Widerstand gegen das Deutsche Reich ihr Erwachen. Politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Institutionen wurden ins Leben gerufen und hielten sich seit Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart. Sie knüpften selbst nach dem Zerfall Jugoslawiens und während der Kriegsjahre 1992 bis 1996 nahtlos an die neue Republik Bosnien und Herzegowina an – eine Vorgabe der Badinter-Kommission, die dies für eine internationale Anerkennung der Unabhängigkeit der einzelnen Teilrepubliken als Voraussetzung hatte. Die Sozialdemokratische Partei Bosniens ignorierte diese geschichtlich gewachsene Staatlichkeit, vernachlässigte sie und überließ diese den rechtskonservativen Parteien Schritt für Schritt, die dem Projekt der Republik nichts Gutes getan haben. Der Grund dafür war recht einfach wie auch falsch: man wollte die Staatlichkeit als nationalistisches Symbol und Kriegsgrund zwischen den einzelnen Völkern nicht zu sehr betonen. Das Resultat sieht heute mehr als ernüchternd aus: das Land ist keine Republik mehr, von gleichen Rechten für alle drei Völker mitsamt den Minderheiten im Land ist man weiter entfernt als zu Kriegsbeginn 1992, und die allgemeine Haltung gegen Minderheiten sowie LGBTQ+ Menschen aus den eigenen Reihen befindet sich auf einem Niveau, das weit davon entfernt ist, auch nur ansatzweise fortschrittlich genannt zu werden.

Der Hass auf alles andere eint aber alle zerstrittenen Seiten auf tragik-komische Weise

Zum Pride-Monat tauchte ein Video eines bosniakischen Aktivisten auf, in dem er eine Regenbogenfahne mit dem bosnischen Lilienwappen darauf anzündet – bosniakischer Patriotismus ja, aber bitte nicht von Seiten der LGBTQ+ Community. Da hat man kein Problem damit, ein Symbol, für dessen Wiedereinsetzung man sich aktiv engagiert, symbolisch zu verbrennen und das Video in sozialen Netzwerken zu teilen. Die zahlreichen Likes und positiven Kommentare selbsternannter bosnischer Patrioten und Nationalisten unter dem Video sprechen für sich. Dass kroatische und serbische Nationalisten das gleiche Wappen ebenso zur Provokation wiederholt anzünden und Videos davon verbreiten, dass die Polizei der Republika Srpska entgegen nicht vorhandenen Symbol-Verboten u.a. auch Autofahrer mit diesem Wappen als Dekoration am Auto finanziell abstraft, ist lediglich ein weiterer Aspekt im schier endlosen Absurditäten-Meer. Dort wo der Nationalismus allein nicht vorankommt – es gäbe ja keinen Widerspruch zwischen sexueller Orientierung und Nationalismus – hilft eben die jeweilige Glaubensgemeinschaft aus. Muslime, Katholiken und Orthodoxe sind sich trotz ihrer Gegensätzlichkeiten jedenfalls darin einig, dass die Strafe Gottes unmittelbar auf alle gemeinsam eintreffen wird, sollte man „den Abnormalen“, wie am Westbalkan leider alle nicht-heterosexuellen Menschen in der Umgangssprache bezeichnet werden, auch nur einen Fußbreit an Freiheit übergeben. Somit wird bis in die Gegenwart klargestellt, dass die einst recht fortschrittlich gedachten Entkriminalisierungen homosexueller Partnerschaft im Sozialistischen Jugoslawien Ende der 1970er Jahre kein Revival unter neuer Führung erleben können.

Geschichtsrevisionismus macht vor nichts halt

Der Geschichtsrevisionismus macht auch vor Schulen, öffentlichen Gebäuden und Straßennamen nicht Halt: im serbischen Teil Bosniens wurden so gut wie alle nach Muslimen benannten Straßen und Bauten umbenannt – selbst, wenn diese als kommunistische Helden des antifaschistischen Kampfes gegen das Dritte Reich galten. Auch die Erinnerungen an Antifaschistinnen und Antifaschisten aus den eigenen Reihen werden stückweise ausradiert. Statt bei Benennungen von Straßen, Gebäuden und dergleichen Namen tatsächlicher Antifaschisten zu nehmen, greift man vermehrt zu Persönlichkeiten aus den Reihen der Tschetniks und Monarchisten, die immer wieder offen mit den Faschisten aus Deutschland, Italien und sogar Kroatien gegen Titos Partisanen paktiert haben. 

Auch auf bosniakischer Seite benennt man Straßen, Gassen und Schulen nach umstrittenen bosnisch-muslimischen Persönlichkeiten, die sich eher auf der Seite der Invasoren oder zumindest nicht klar gegen diese positioniert haben, als auf der Seite des kommunistischen Widerstandes. Zumindest in der Landeshauptstadt Sarajevo konnte eine Umbenennung der nach Tito benannten Hauptstraße im Stadtzentrum bis dato verhindert werden. Ein Teil der Straße wurde jedoch schon 1993, mitten während der Belagerung Sarajevos, nach einem bosnisch-muslimischen Mullah aus dem frühen 18. Jahrhundert umbenannt.

Am Richtung Stadtzentrum gelegenen Ende der Marschall Tito Straße liegt das berühmteste, antifaschistische Mahnmal der Stadt, die Ewige Flamme. Auch dies ist den religiösen Muslimen ein Dorn im Auge – die Bezeichnung erinnert zu sehr an Gottes Höllenstrafe als an etwas, das man Touristen zeigen oder auf das man selbst stolz sein sollte.

Auch in den hauptsächlich von Kroaten besiedelten Landesteilen Bosniens finden revisionistische Handlungen gleicher Art statt. Im kroatischen Stadtteil von Mostar sorgt fast schon jährlich ein zerstörerischer Akt offen faschistischer Natur immer wieder für Aufsehen: in der Partisanennekropole, ein Friedhof für über 500 gefallene antifaschistische Widerstandskämpferinnen und ‑kämpfer, wurden Grabsteine mit Hämmern zerschlagen, mit Farbe beschmiert und mit Symbolen und Zitaten der kroatisch-faschistischen Ustascha verunstaltet. Lokale und regionale Antifaschistinnen und Antifaschisten richteten alles immer wieder her.

Wer vom Zerfall Jugoslawien profitierte

Antikommunistische und geschichtsrevisionistische Akte dieser Art wären einzeln für sich allein genommen wahrscheinlich keinen Beitrag wert, den man irgendwo nachlesen könnte. Das Gesamtbild und die ungeheure Menge der Taten, die ein absolut gewolltes, gut durchdachtes und makellos inszeniertes Vorgehen seitens der herrschenden Politelite abgibt, lässt aber ganz andere Schlüsse zu. Vergleicht man die geschätzten Zahlen an Menschen, die während der Existenz der SFR Jugoslawien ins Ausland auswanderten, mit jenen der Nachkriegszeit ab 1996 bzw. 1999, ergeben sich folgende Analysen:

  1. Der Zerfall der SFRJ hat der arbeitenden Klasse allgemein weder finanziellen noch gesellschaftlichen Fortschritt gebracht, den sich so viele erhofft hatten und der von allen Antikommunisten der frühen 1990er versprochen wurde. Sie ist heute mehr denn je darauf angewiesen, ihre Arbeitskraft im Ausland zu verkaufen, sofern sie nicht einen der wenigen Arbeitsplätze ergattern konnte, die in den einzelnen Republiken halbwegs genug Geld zum Überleben versprechen.
  2. Den herrschenden Eliten, insbesondere den nationalistischen Politikern und ihren Familien, spielte der Zerfall natürlich in die Hände. Die aktuell bekanntesten politischen Anführer aller drei Volksgruppen Bosniens, Bakir Izetbegovic, Milorad Dodik und Dragan Covic, besitzen mit ihren Familien konservativen Schätzungen nach jeweils mehrstellige Millionenbeträge. Privatunternehmer wie Senad Dzambic, Gründer und Besitzer der bekanntesten Supermarktkette Bosniens – Bingo – oder Izudin Ahmetlic, Besitzer der HIFA Group, ein riesiges Konglomerat aus Öl- und Landwirtschaftsunternehmen, oder die reichste Familie Bosniens mit dem Namen Hastor, in der Automobilindustrie ansässig, sind ebenfalls Multimillionäre und zählen zu den reichsten Menschen des Landes. Wohlgemerkt haben sie Bereiche privat inne, die sich während des Sozialistischen Jugoslawiens nie in privater Hand befanden. Wie viel Geld durch diesen Privatbesitz dem Staat und somit der Bevölkerung tatsächlich entgeht, kann sich jeder selbst ausmalen.
  3. Mehrere hunderttausend Menschen haben nach Ende des Krieges Kroatien verlassen, um im Ausland ihr Leben aufzubauen. Schätzungen zufolge ist die Hälfte aller Auswanderer nach Deutschland gezogen. Die Bevölkerungsentwicklung liegt im Minusbereich. Die Bevölkerung Bosniens geht seit dem Jahr 2000 stetig zurück. Über 500.000 Menschen haben seit der Jahrtausendwende das Land verlassen. Bei einer Bevölkerung von knapp über 3,7 Millionen Einwohnern im Jahr 2000 eine mehr als beängstigende Zahl. Sprach man vor mehreren Jahren von einem Braindrain, einer massenhaften Abwanderung von Akademikern und Fachkräften, so ist heute der Begriff Drain allein genügend – nicht nur Akademiker*innen und Talentierte verlassen das Land, sondern alle, die die erstbeste Gelegenheit dazu geboten bekommen.
    Die meisten Menschen dürften Schätzungen zufolge aus Serbien ausgewandert sein – seit der Jahrtausendwende schrumpfte die Bevölkerungszahl von 7,7 Millionen auf unter 6,7 Millionen. Genauso wie in Kroatien und in Bosnien liegt auch hier die Bevölkerungsentwicklung im Minusbereich.
    Die dadurch fehlenden Plätze am Arbeitsmarkt werden immer mehr von Migrantinnen und Migranten aus finanziell schwächeren Teilen der Welt gefüllt – was wiederum der herrschenden Klasse und den reichen Privatbesitzern nützt. Nicht nur können sie jetzt ihre politische Agenda gegen die „Fremden im eigenen Land“ nutzen, sondern zusätzlich gegen tatsächliche, aus dem fernen Ausland eingewanderte Menschen. Seit Jahren mehren sich Nachrichten auf fast schon täglicher Basis über physische Angriffe auf migrantisch gelesene Menschen. Hand in Hand mit der Politik gehen jene Privatbesitzer, die Arbeitskräfte brauchen, aber das Niveau ans europäische Ausland nicht anpassen wollen. Importiertes Lohndumping par excellence!
  4. Dass die wirtschaftliche Situation in der SFR Jugoslawien nicht die beste von allen weltweit war, ist kein Geheimnis. Dass aber die Ungleichheit und horrende Entwicklung, wie sie jetzt in den Folgerepubliken stattfindet, in einem sozialistischen System jener Art praktisch unmöglich war, ist vielen Menschen leider nicht bewusst. Auch dass die Abwanderung in Friedenszeiten nach dem Millennium höher und stärker denn jemals in der gesamten Geschichte der SFR Jugoslawiens sein werde, konnten sich nur die klügsten Köpfe denken. Es erscheint daher logisch, dass antikommunistische Haltungen insbesondere seitens der Politik befeuert werden. So lange die Menschen damit beschäftigt sind, pseudogeschichtlichen und religiösen Idealen, die in der Realität so nie stattgefunden haben, nachzutrauern und diese herbeizusehnen, so lange alle damit beschäftigt sind, den anderen ihre Identität zugunsten der eigenen abzusprechen, so lange werden sie zu beschäftigt sein, um das wahre Ausmaß des Zerfalls zu erkennen und dagegen politisch und gesellschaftlich in revolutionärer Weise vorzugehen – auch wenn der tatsächliche Zerfall schon bald 40 Jahre zurückliegt.
  5. Die nationalistischen Anführer aller Völker werfen den Kommunisten der Vergangenheit die Krisen der Gegenwart vor. Sie seien der ursprüngliche Grund, warum es bis heute wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch so schlecht um die jeweiligen Nachfolgestaaten steht. Sie seien der eigentliche Grund, warum es zu den Kriegen Anfang der 1990er Jahre überhaupt kommen konnte. Die Kommunisten von damals hätten zudem die nationalen Entwicklungen all jener Nachfolgestaaten durch Morde, Gefängnisstrafen und gesellschaftlicher Verbannung nationalistischer Vordenker und einflussreicher Personen mehr als nur gehindert. So ist es kein Wunder, dass heute ehemalige Verbrecher, gebrandmarkte Volks- und Staatsfeinde aus den Reihen der Tschetniks, Ustaschas und Jungmuslime fast schon als heilige Märtyrer dargestellt werden, während man den Kommunisten die unmöglichsten Dinge zur Last legt.
    Was aber von allen Seiten höchstens als Randnotiz der Geschichte des Zerfalls genannt wird, sind die ausländischen Unterstützungen für einzelne, separatistische Bewegungen. Einer der bekanntesten Tschetnik Vojvoden (Truppenanführer) und Nazi-Kollaborateure aus dem 2. Weltkrieg, Momcilo Djujic, befand sich seit 1945 in den USA, wo er ungestört in Chicago die nationalistische Organisation der serbischen Tschetniks Ravna Gora, gründen und verwalten konnte. Dieser ernannte Ende der 80er Jahre u.a. den serbischen Nationalisten und Kriegsverbrecher Vojislav Seselj zum Vojvoden, bereute seine Entscheidung aber später, da Seselj während der Kriege in Kroatien und dann in Bosnien und Herzegowina mit Milosevic zusammengearbeitet hatte, und dieser trotz seiner politischen Agenda bei serbischen Ultranationalisten weiterhin als Kommunist galt.
    Die Ustascha hatten ebenso weltweite Ableger. In Kanada bekamen sie nicht nur von der kroatischen Diaspora finanzielle und technische Unterstützung, auch paramilitärische Ausbildungen wurden finanziert und durchgeführt. Die Rolle Deutschlands bei der Unterstützung kroatischer Kampfverbände ist ein eigenes Kapitel für sich!
    Der bekannteste kroatische Nationalist Anfang der 90er Jahre war wohl der aus Australien eingereiste Blaz Kraljevic – er selbst sah sich in der Tradition der Ustascha und organisierte seine eigene Kampftruppe, der auch viele Muslime Bosniens angehörten. Kraljevic wurde später von der eigenen Seite getötet, da dem kroatischen Präsidenten Franjo Tudman die Aufteilung Bosniens realer erschien als ein wiederauferstandener kroatischer Staat in den Grenzen von 1941.
    Die Muslime nutzten ihre Moscheen in der Diaspora, um die Menschen zum Kampf zu mobilisieren. Kurz vor Kriegsausbruch war es nicht unüblich, dass selbsternannte Patrioten von Moschee zu Moschee gingen und Freiwilligenlisten anfertigten. Spendensammler für die Besorgung von Waffen und Kriegsgerät gingen sogar so weit, dass sie Sexarbeiterinnen auf ihre Reisen mitnahmen. Wer zu zögerlich war, Geld für die Landesverteidigung herzugeben, konnte vielleicht durch sexuelle Handlungen an seine patriotische Pflicht erinnert werden – Zuhälterei im Namen der nationalen Unabhängigkeit.
    Dass zu Kriegsbeginn dubiose Gestalten in Form von Freiwilligen zu allen drei Kriegsseiten fanden, ist ebenso kein Geheimnis. Die Medienplattform YouTube ist voll von Videos internationaler Faschisten, die auf kroatischer Seite kämpften, russischer und griechischer „Kreuzritter des orthodoxen Christentums“ und panislamischer Mudschaheddin, die den heiligen Krieg gegen die Ungläubigen auf europäischem Boden fochten. Einige der Attentäter auf das WTC am 11. September 2001 waren ehemalige Soldaten im Bosnienkrieg.

Nicht der historische Revisionismus und das kindisch-trotzig wirkende Ablehnen der eigenen, kommunistischen Vergangenheit werden die Zukunft verbessern können, das haben die Jahre und Jahrzehnte nach 1991 mehr als eindeutig gezeigt. Es scheint mehr als offensichtlich, dass der Weg vorwärts eine Besinnung an die tatsächliche Vergangenheit, insbesondere der prägenden Jahre nach 1945, als Leitmotiv beinhalten muss.

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Bildquelle: Bicanski/Pixnio
Schlagworte: Bosnien-HerzegonwinaElitenJugoslawienKriegKroatienNationalismusSerbienSprachenVerbrechen

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