Seattle. Man muss der FIFA fast dankbar sein. Denn die FIFA entlarvt sich inzwischen selbst. Die Causa um die aufgehobene Sperre des US-Stürmers Folarin Balogun ist mehr als eine Disziplinarentscheidung. Sie ist ein Lehrstück über Macht, Geld und politische Einflussnahme im modernen Fußball. Balogun hatte im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina nach VAR-Überprüfung die Rote Karte gesehen. Normalerweise zieht eine Rote Karte eine automatische Sperre von mindestens einem Spiel nach sich. Doch wenige Stunden vor dem Achtelfinale gegen Belgien erklärte die FIFA, die Sperre werde für eine Probezeit von einem Jahr ausgesetzt. Balogun darf spielen.
Berichten zufolge soll US-Präsident Donald Trump zuvor bei FIFA-Präsident Gianni Infantino interveniert haben. FIFA und Weißes Haus haben die Berichte bislang nicht öffentlich kommentiert. Doch unabhängig davon, ob der besagte Anruf exakt so stattgefunden hat, bleibt der Kern des Skandals bestehen.
Was hier sichtbar wird, ist der Normalzustand eines Weltverbandes, der den Fußball längst aus den Händen der Menschen gerissen und in ein globales Geschäftsimperium verwandelt hat. Die FIFA liebt große Worte. Fair Play, Integrität, Respekt, Gleichheit, weltweite Fußballfamilie. Das Vokabular ist bekannt. In der Praxis gilt: Wenn es politisch oder ökonomisch ernst wird, entscheidet nicht das Regelwerk, sondern der Anruf von oben.
Die UEFA spricht von einer überschrittenen roten Linie. Belgien reagiert empört. Trainer, Funktionäre und politische Vertreter fordern Aufklärung. Selbst im bürgerlichen Fußballbetrieb, der wahrlich einiges gewohnt ist, wirkt diese Entscheidung wie ein Tabubruch.
Die FIFA als Verwaltungsstelle des Fußballkapitals
Die FIFA ist kein neutraler Sportverband, sondern eine globale Verwaltungsinstanz des Fußballkapitals. Sie organisiert Turniere, Rechtepakete, Sponsorenverträge, Übertragungen, Standortpolitik und politische Beziehungen. Der Fußball selbst – das Spiel, die Fankultur, die Leidenschaft, die soziale Bedeutung – entsteht von unten. Die FIFA eignet ihn sich an und verkauft ihn weiter.
Gerade die WM 2026 zeigt das besonders deutlich. Ein aufgeblähtes Turnier mit 48 Mannschaften, 104 Spielen, riesigen Distanzen, gewaltigen Einnahmemöglichkeiten und einem Gastgebermarkt, der für Sponsoren und Medienkonzerne von enormer Bedeutung ist. Die USA sind nicht irgendein Teilnehmer. Sie sind zentraler Bestandteil des Geschäftsmodells dieser Weltmeisterschaft.
Und genau hier liegt der politische Kern. Wenn der Gastgeber sportlich weiterkommt, steigt die Aufmerksamkeit im Markt. Wenn der beste Torschütze spielen darf, steigt die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs. Wenn die USA länger im Turnier bleiben, profitieren Sender, Sponsoren, Ticketverkäufe, Fanartikel, Plattformen und der gesamte Verwertungsapparat.
Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um zu erkennen: In einem kapitalistisch organisierten Weltsport ist sportliche Integrität immer dort gefährdet, wo sie den Geschäftsinteressen im Weg steht.
Trump und Infantino: Zwei passende Figuren
Dass ausgerechnet Donald Trump und Gianni Infantino im Zentrum dieser Causa stehen, wirkt fast zu passend. Der eine verkörpert die offene politische Arroganz imperialistischer Macht. Der andere die glatte Funktionärssprache eines Weltverbandes, der jeden Skandal überlebt, solange die Kassen stimmen.
Trump bedankt sich bei der FIFA dafür, „das Richtige“ getan zu haben. Natürlich. Aus seiner Sicht ist das Richtige offenbar, wenn der eigene Spieler spielen darf. Der Sport wird zur Verlängerung nationaler Machtpolitik.
Infantino wiederum steht für jene FIFA, die sich überall anbiedert, wo Märkte, Staaten und Profite locken. Heute Menschenrechte, morgen Fototermin, übermorgen Sonderregel. Hauptsache, das Produkt Weltmeisterschaft läuft.
F*ck FIFA
Jürgen Klopp wird mit dem Satz zitiert: „Das ist unser Spiel, nicht deren Spiel.“ In diesem Satz steckt mehr Wahrheit, als seine bürgerliche Empörung vermutlich beabsichtigt. Denn ja: Es ist unser Spiel. Es gehört nicht Trump, nicht Infantino, nicht Sponsoren, nicht Medienkonzernen, nicht Investoren und nicht Funktionärsapparaten.
Fußball wurde nicht von der FIFA erfunden. Er wurde in Stadtteilen, Betrieben, Schulen, Arbeitervierteln, Vereinen und auf Bolzplätzen groß. Seine soziale Kraft kommt nicht aus Präsidentenbüros, sondern aus den Massen. Aus Kindern, die kicken. Aus Arbeiterinnen und Arbeitern, die nach der Schicht ins Stadion gehen. Aus Fans, die ihre Vereine tragen. Aus kollektiver Erinnerung, lokaler Identität, gemeinsamer Freude und gemeinsamer Wut.
Die aktuelle Empörung ist berechtigt. Aber sie bleibt oft zu kurz. Viele tun so, als sei die FIFA grundsätzlich eine saubere Institution, die nun ausnahmsweise einen schlimmen Fehler gemacht habe. Das ist naiv. Die FIFA ist nicht durch diese Entscheidung beschädigt worden. Diese Entscheidung zeigt nur, was die FIFA ist.
Sie steht für einen Fußball, in dem Regeln, Moral und Integrität so lange gelten, wie sie dem Geschäft nicht schaden. Sie steht für eine globale Struktur, in der Verbände, Staaten, Sponsoren und Medienkonzerne um Einfluss ringen, während Fans zahlen, jubeln und schweigen sollen.
Die jüngste Causa ist Ausdruck der kapitalistischen Durchdringung des Sports. Wo ein gesellschaftliches Bedürfnis nach Spiel, Gemeinschaft und Identifikation existiert, entsteht ein Markt. Wo ein Markt entsteht, konzentriert sich Kapital. Wo Kapital sich konzentriert, entstehen Machtapparate. Und diese Machtapparate setzen ihre Interessen durch – notfalls auch gegen die Regeln des eigenen Spiels.
Fußball ist zu wichtig, um ihn der FIFA zu überlassen. Er ist zu sehr Teil der Alltagskultur der Arbeiterklasse, um ihn kampflos Konzernen, Präsidenten und Funktionärsklüngeln zu überlassen.
Quelle: ORF






















































































