Die FIFA feiert sich. Am 16. Juni 2026 seien bei vier Spielen der Fußball-Weltmeisterschaft 281.223 Menschen in den Stadien gewesen. Damit wurde der bisherige Tagesrekord von 1994 gebrochen. Auch damals fand die WM in den USA statt. Nach sechs Turniertagen liegt der Zuschauerschnitt laut FIFA bei 65.483 pro Spiel, das Turnier sei auf dem Weg, den historischen Gesamtbesucherrekord von 3,5 Millionen aus dem Jahr 1994 zu übertreffen.
Für Gianni Infantino ist das selbstverständlich ein historischer Moment und so bedankt sich die FIFA bei den Fans, weil sie dem Turnier Leben einhauchen. Was sie nicht dazusagt: Genau dieses Leben ist die Grundlage ihres Geschäftsmodells.
Die Rekordzahlen sind daher nicht einfach Ausdruck der Liebe zum Fußball. Sie sind auch Ausdruck seiner vollständigen kapitalistischen Durchdringung. Die Stadien sind voll, die Kassen ebenso. Die FIFA verkauft das als Fest der Menschheit. Tatsächlich handelt es sich um die globale Verwertung eines Sports, der historisch aus der Arbeiterklasse stammt und heute bis ins letzte Detail nach den Interessen von Sponsoren, Medienkonzernen, Investoren und nationalen Standortpolitiken organisiert wird.
Fußball als soziale Kraft
In einem bereits erschienenen Artikel der Zeitung der Arbeit wurde gezeigt, warum Fußball gerade für Lohnabhängige eine so wichtige Rolle spielt. Er ist nicht bloß Unterhaltung, sondern Teil sozialer Reproduktion. Nach Arbeit, Stress, Schichtdienst, Prekarität und Erschöpfung bietet er Gemeinschaft, Ritual, Emotion und das Gefühl kollektiver Wirksamkeit.
Das ist real. Wer Fußball nur als „Ablenkung“ abtut, versteht weder die Arbeiterklasse noch ihre Kultur. In den Fankurven, in Vereinslokalen, in Beisln, im gemeinsamen Schauen vor dem Fernseher entstehen soziale Beziehungen. Dort wird gesungen, gestritten, gehofft, gelitten und gefeiert. In einer Gesellschaft, in der Menschen im Arbeitsalltag vereinzelt und austauschbar gemacht werden, ist diese Form von Kollektivität nicht bedeutungslos.
Gerade deshalb ist Fußball so wertvoll für das Kapital. Wo echte Bedürfnisse nach Gemeinschaft, Zugehörigkeit und kollektiver Erfahrung existieren, entstehen Märkte. Die FIFA, die Sponsoren und die Medienkonzerne erzeugen diese Leidenschaft nicht selbst. Sie eignen sie sich an.
Die FIFA verkauft, was sie nicht geschaffen hat
Die FIFA produziert keine Fankultur. Sie produziert keine Liebe zum Spiel. Sie produziert keine Nachbarschaftsvereine, keine Jugendmannschaften, keine Arbeiterkinder, die auf Asphaltplätzen kicken, keine Kurven, keine Lieder und keine kollektiven Erinnerungen. All das entsteht gesellschaftlich, historisch und massenhaft von unten.
Was die FIFA tut, ist etwas anderes: Sie verwandelt diese Kultur in ein globales Warenpaket. Tickets, TV-Rechte, Sponsoring, Hospitality, Merchandising, Streaming, Fan-Zonen, Tourismus und nationale Standortwerbung werden zu Bestandteilen einer einzigen Verwertungsmaschine.
Der neue Zuschauertagesrekord ist deshalb eine Kennzahl der erfolgreichen Kommerzialisierung. Mehr Menschen im Stadion bedeuten mehr Einnahmen, mehr Reichweite, mehr Werbewert, mehr politische Legitimation. Die Emotionen der Fans werden in Zahlen übersetzt und anschließend als Beweis verkauft, dass dieses Modell alternativlos sei.
So funktioniert kapitalistische Aneignung: Ein gesellschaftliches Bedürfnis wird nicht erfüllt, sondern verwertet.
Rekorde für die einen, Ausschluss für die anderen
Die WM 2026 findet in den USA, Kanada und Mexiko statt. Sie ist größer, teurer und logistischer aufgeblähter als frühere Turniere. 48 Mannschaften, 104 Spiele, riesige Distanzen, enorme Reisekosten, ein Turnier über mehrere Zeitzonen hinweg. Was als „inklusivste WM aller Zeiten“ vermarktet wird, ist zugleich ein Megaevent, das sich immer stärker von normalen Fans entfernt.
Die FIFA kann noch so viele Rekorde verkünden: Für viele Menschen wird die WM nicht zugänglicher, sondern unerschwinglicher. Hohe Ticketpreise, teure Reisen, Hotelkosten und die Konzentration auf zahlungskräftige internationale Kundschaft machen aus dem angeblichen Weltfest eine Veranstaltung, bei der Arbeiterinnen und Arbeiter zwar die Atmosphäre liefern sollen, aber immer häufiger aus den besten Plätzen herausgepreist werden.
Der Fan wird gebraucht, aber als Kundschaft. Er soll zahlen, konsumieren, Stimmung machen und die Bilder liefern, die der Weltverband anschließend verkauft. Mitbestimmen soll er nicht. Die alte Logik gilt auch hier: Wer die Werte schafft, hat nicht die Macht darüber.
Österreich als Teil der globalen Inszenierung
Auch das Spiel Österreich gegen Jordanien in Santa Clara war Teil des neuen Tagesrekords. 68.527 Menschen sahen die Partie im Stadion. Für österreichische Fans ist eine WM-Teilnahme selbstverständlich emotional bedeutsam. Gerade deshalb funktioniert die Inszenierung so gut. Nationale Begeisterung, sportlicher Stolz und echte Freude werden nahtlos in die Vermarktungslogik eingepasst.
Es geht nicht darum, den Menschen ihre Freude am Fußball madig zu machen. Es geht darum, zu zeigen, wer diese Freude organisiert, verkauft und politisch nutzt.
Wenn österreichische Arbeiterinnen und Arbeiter mitfiebern, wenn sie Urlaub nehmen, Geld sparen, Trikots kaufen oder nachts Spiele verfolgen, dann ist das Ausdruck einer realen sozialen Bindung an den Fußball. Doch diese Bindung wird von der FIFA nicht respektiert, sondern ökonomisch ausgeschlachtet.
Die WM bietet Gemeinschaft – aber in einer Form, die vom Kapital kontrolliert wird. Sie gibt Emotion – aber gegen Eintritt, Abo und Werbeunterbrechung. Sie erzeugt Kollektivität – aber entkoppelt von Klassenbewusstsein und politischer Gegenmacht.
Die Ersatzgemeinschaft auf Weltniveau
Im bereits erschienenen ZdA-Artikel wurde Fußball als Ersatzgemeinschaft beschrieben. Dort, wo betriebliche Organisierung, gewerkschaftliche Kampfkraft und politische Klassenbewegung geschwächt sind, übernimmt der Verein oft die Rolle emotionaler Zugehörigkeit. Nicht die Kolleginnen und Kollegen sind das „Wir“, sondern die Fans. Nicht Kapital und Arbeit stehen sich gegenüber, sondern die eigene Mannschaft und der Gegner.
Die WM treibt diese Logik auf Weltniveau. Nationale Farben ersetzen Klasseninteressen. Millionen Menschen erleben kollektive Emotion, aber nicht als Arbeiterklasse, sondern als Publikum eines globalen Spektakels. Der reale gesellschaftliche Gegensatz zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern wird überdeckt durch sportliche Rivalität, patriotische Inszenierung und kommerzielle Dauerbeschallung.
Das bedeutet nicht, dass Fußball automatisch reaktionär wäre. Im Gegenteil: Seine soziale Kraft zeigt, welches Bedürfnis nach Kollektivität vorhanden ist. Aber unter kapitalistischen Bedingungen wird dieses Bedürfnis kanalisiert, entpolitisiert und verkauft.
Ein gewonnener WM-Abend kann sich wie Befreiung anfühlen. Am nächsten Morgen bleiben Miete, Lohnarbeit, Teuerung, Schichtplan und Chef dennoch dieselben.
Die Weltmeisterschaft als Standortprojekt
Die WM ist längst nicht mehr nur ein Sportturnier. Sie ist ein Standortprojekt. Städte, Staaten und Konzerne konkurrieren um Sichtbarkeit, Infrastruktur, Tourismus und Investitionen. Stadien werden zu Werbeflächen, Städte zu Kulissen, Fans zu mobilen Konsumeinheiten.
Die Austragung in Nordamerika zeigt diese Entwicklung besonders deutlich. Riesige Distanzen zwischen Spielorten, Flugreisen, private Jet-Inszenierungen und ökologischer Wahnsinn werden als unvermeidlicher Preis des Spektakels behandelt. Der Weltverband spricht von Einheit, während sein Turnier auf einer Logik permanenter Mobilisierung von Kapital, Waren und Menschen beruht.
Die ökologische Belastung ist dabei Ausdruck einer Produktionsweise, die auch den Sport nach Wachstum, Expansion und Profit organisiert. Mehr Spiele, mehr Märkte, mehr Zuschauer, mehr Reisen, mehr Rechtepakete. Die FIFA nennt es Entwicklung. Der Kapitalismus nennt es Verwertung.
Fair Play für die Werbebande
Die FIFA spricht gern von Fair Play. Doch Fair Play gilt im modernen Fußball vor allem als moralische Dekoration. Die realen Regeln schreibt das Geld.
Wer Austragungsrechte bekommt, wer Zugang erhält, wer reisen darf, wer zahlen kann, wer vermarktet wird und wer unsichtbar bleibt – all das ist politisch und ökonomisch bestimmt. Internationale Sportverbände geben sich neutral, sind aber längst Teil globaler Machtverhältnisse. Sie bewegen sich nicht außerhalb des Imperialismus, sondern innerhalb seiner Institutionen, Märkte und Interessen.
Darum ist FIFA-Kritik keine Nebensache. Wer den modernen Weltfußball verstehen will, muss die FIFA als das begreifen, was sie ist: eine globale Verwaltungs- und Verwertungsinstanz eines Sports, dessen soziale Grundlage von unten kommt und dessen Profite nach oben fließen.
Love Football, hate FIFA
Die Aufgabe unserer Kritik besteht nicht darin, den Fußball zu verachten. Sie besteht darin, ihn von seiner kapitalistischen Form zu unterscheiden. Fußball als Spiel, als Kultur, als kollektive Erfahrung gehört den Menschen. Die FIFA, die Sponsoren und die Investoren gehören nicht zu dieser Kultur. Sie stehen über ihr, saugen sie aus und formen sie nach ihren Interessen.
Die Rekordkulisse der WM 2026 zeigt daher beides: die ungebrochene Kraft des Fußballs und seine vollständige Unterordnung unter die kapitalistische Verwertung. Millionen lieben das Spiel. Genau deshalb ist es so profitabel.
Die entscheidende Frage bleibt: Bleibt diese Energie im Stadion, im Public Viewing und im patriotischen Taumel stecken? Oder wird sie wieder dorthin zurückgeführt, wo sie gesellschaftliche Macht entfalten kann: in die organisierte Arbeiterklasse, in Betriebe, Gewerkschaften, Stadtteile und politische Kämpfe?
Die Antwort darauf kann nicht sein, das Spiel den Konzernen zu überlassen. Die Antwort muss sein, die gesellschaftliche Kraft, die im Fußball sichtbar wird, von der FIFA-Logik zu lösen und wieder als das zu begreifen, was sie sein kann: Ausdruck kollektiver Gegenmacht.
Quelle: ORF / Zeitung der Arbeit / Zeitung der Arbeit


















































































