Die Reaktion bürgerlicher Medien auf den erstmaligen Einsatz einer mit Sprengstoff beladenen Drohne seit Inkrafttreten der Waffenruhe im Juni durch die Hisbollah gegen ein Fahrzeug der israelischen Armee im Südlibanon ließ nicht lange auf sich warten. Der ORF zitierte die israelische Armee mit der Aussage, es handle sich um einen »eklatanten Verstoß gegen die Waffenruhe«. Die israelische Regierung kündigte umgehend eine militärische Antwort an. Wer den Bericht liest gewinnt den Eindruck, die Waffenruhe zwischen Israel und der Hisbollah sei bis dahin weitgehend eingehalten worden und erst der Drohnenangriff habe die Lage erneut eskalieren lassen.
Bemerkenswert ist jedoch, dass derselbe Bericht beiläufig einräumt, Israels Armee greife „weiterhin im Südlibanon an“, um angeblichen Bedrohungen durch die Hisbollah zu begegnen. Was als Randnotiz erscheint, ist in Wahrheit der entscheidende Kontext: Die israelischen Angriffe haben seit Inkrafttreten der Waffenruhe nie aufgehört.
Während der Angriff der Hisbollah zum eigentlichen Ereignis erklärt wird, bleiben die fortgesetzten israelischen Luftangriffe, Bodenoperationen und die anhaltende militärische Präsenz auf libanesischem Staatsgebiet weitgehend Randerscheinungen der Berichterstattung. Darin zeigt sich eine Doppelmoral, die den Konflikt seit Jahren prägt.
Waffenruhe mit fortgesetzten Angriffen
Die von den USA vermittelten Vereinbarungen sollten die Kampfhandlungen beenden und den Rückzug der israelischen Truppen aus dem Südlibanon ermöglichen. Tatsächlich befinden sich jedoch weiterhin israelische Soldaten auf libanesischem Territorium. Gleichzeitig werden regelmäßig Luftangriffe, Artilleriebeschuss und Bodenoperationen durchgeführt.
Selbst während der jüngsten diplomatischen Bemühungen zwischen Washington und Beirut änderte sich daran wenig. Zwar versprach US-Präsident Donald Trump dem libanesischen Präsidenten Joseph Aoun Unterstützung, konkrete Garantien für einen vollständigen israelischen Truppenabzug blieben jedoch aus. Die von Beirut geforderte Umsetzung der Waffenruhe wurde damit erneut auf unbestimmte Zeit verschoben.
Auch aus dem Libanon selbst kommt deutliche Kritik. Parlamentspräsident Nabih Berri erklärte, entscheidend seien nicht diplomatische Erklärungen, sondern die Realität vor Ort. Die Bombardierungen von Wohngebieten und ziviler Infrastruktur dauerten ebenso an wie die Angriffe auf Zivilisten. Ministerpräsident Nawaf Salam bekräftigte, die vollständige Befreiung des Südlibanon bleibe Ziel der libanesischen Regierung.
Nach Angaben der Hisbollah wurden seit Inkrafttreten der Waffenruhe Tausende israelische Luftangriffe und Hunderte Bodenoperationen registriert. Unabhängig von den exakten Zahlen steht außer Frage, dass Israel seine militärischen Operationen im Libanon fortgesetzt hat. Auch internationale Beobachter und die libanesische Regierung berichten regelmäßig über Angriffe und militärische Aktivitäten der israelischen Armee.
Die Besatzung verschwindet aus der Berichterstattung
Besonders auffällig ist, dass viele westliche Medien kaum von einer israelischen Besatzung sprechen. Israelische Soldaten erscheinen dort lediglich als „Soldaten im Südlibanon“, ohne zu erwähnen, weshalb sie sich überhaupt auf libanesischem Staatsgebiet befinden.
Diese sprachliche Verschiebung verändert die Wahrnehmung des Konflikts grundlegend. Wird die militärische Präsenz Israels nicht als Besatzung benannt, erscheinen Angriffe auf israelische Einheiten als grundlose Aggression. Tatsächlich ist die fortgesetzte Stationierung israelischer Truppen selbst einer der zentralen Streitpunkte und wesentlicher Grund dafür, dass die Waffenruhe vor allem durch Israel politisch nie vollständig umgesetzt wurde.
Hinzu kommen fortgesetzte Angriffe auf libanesische Städte. Noch im Juni bombardierte Israel erneut den Süden Beiruts sowie die UNESCO-Welterbestadt Tyros. Wohnviertel wurden getroffen, Menschen getötet und verletzt sowie historische Kulturstätten beschädigt. Zugleich kündigte die israelische Regierung an, ihre militärischen Operationen gegen die Hisbollah unabhängig von den laufenden Verhandlungen fortzusetzen.
Unterschiedliche Maßstäbe
Die unterschiedliche Bewertung identischer Vorgänge zieht sich durch die gesamte Berichterstattung. Wenn Israel Ziele im Libanon bombardiert, übernehmen viele Medien nahezu wörtlich die offizielle israelische Darstellung, es handle sich um Maßnahmen gegen Bedrohungen oder um notwendige Selbstverteidigung. Die Rechtfertigungen der israelischen Regierung werden häufig wiedergegeben, ohne sie kritisch zu hinterfragen.
Reagiert hingegen die Hisbollah militärisch auf die fortgesetzten Angriffe oder auf die Präsenz israelischer Truppen im Südlibanon, dominiert eine Sprache, die von Terror, Eskalation oder einem Bruch der Waffenruhe spricht. Dass die Waffenruhe bereits zuvor durch anhaltende israelische Angriffe untergraben wurde, tritt in den Hintergrund oder fehlt vollständig.
Diese Darstellung erzeugt den Eindruck, Gewalt beginne erst mit der Reaktion der libanesischen Seite. Die vorausgehenden israelischen Militäraktionen werden dagegen häufig als normaler Zustand behandelt.
Besatzung und Widerstand
Der Konflikt im Südlibanon ist kein Krieg zwischen zwei gleich starken Staaten. Israel verfügt über eine der modernsten Armeen der Welt mit umfassender Luftüberlegenheit. Die Hisbollah führt demgegenüber einen asymmetrischen Krieg als nichtstaatlicher bewaffneter Akteur.
Das Selbstbestimmungsrecht der Völker sowie das humanitäre Völkerrecht erkennen an, dass Konflikte gegen fremde Besatzung einen besonderen rechtlichen Charakter besitzen. Daraus folgt jedoch nicht, dass jede Handlung einer Widerstandsorganisation rechtmäßig wäre. Auch nichtstaatliche bewaffnete Gruppen sind an das humanitäre Völkerrecht gebunden; Angriffe auf Zivilpersonen bleiben verboten.
Ebenso wenig lässt sich jedoch jede militärische Handlung gegen Besatzungstruppen pauschal als Terrorismus bezeichnen. Wer sich mit der Rechtslage auseinandersetzt, muss zwischen Angriffen auf militärische Ziele und Angriffen auf Zivilistinnen Zivilsten unterscheiden. Gerade diese Differenzierung fehlt in großen Teilen der westlichen Berichterstattung.
Der Aggressor bleibt der Aggressor
Wer auf die fortgesetzten israelischen Angriffe, die Besatzung libanesischen Territoriums oder die Verstöße gegen die Waffenruhe hinweist, verteidigt damit nicht automatisch jede Handlung der Hisbollah. Eine nüchterne Analyse verlangt vielmehr, Ursache und Wirkung auseinanderzuhalten.
Seit Monaten setzt Israel seine militärischen Operationen im Libanon fort, hält Truppen auf libanesischem Staatsgebiet und greift regelmäßig Ziele im Süden des Landes sowie in Beirut an. Die von den USA vermittelten Waffenruhebemühungen haben daran bislang nichts geändert.
Dennoch wird erst die militärische Reaktion der Hisbollah zum eigentlichen Skandal erklärt. Diese selektive Wahrnehmung prägt einen erheblichen Teil der bürgerlichen Berichterstattung. Sie übernimmt weitgehend die Perspektive der israelischen Regierung und verschleiert dadurch den grundlegenden Charakter des Konflikts.

















































































